Mimikry Große Schauspieler in der Tier- und Pflanzenwelt

Von: Jenny von Sperber, Iska Schreglmann, Sylvaine von Liebe

Stand: 19.04.2022

Tiere und Pflanzen sind zum Teil große Schauspieler. Auch sie können ihr Umfeld täuschen, um einen Vorteil für sich herauszuschlagen. Forscher nennen das Mimikry. Wie sie funktioniert und warum sie für die Natur so wichtig ist.

Auch eine Form der Mimikry: Der Tagpfauenauge, ein Schmetterling (hier auf einer rosa Blüte) sieht mit seiner Zeichnung gefährlicher aus als er ist. | Bild: picture-alliance/dpa/Foto: Wolfram Steinberg
Sieht aus wie ein Blatt, ist aber eine Riesenheuschrecke. Im Fachjargon heißt das Mimese, nicht Mimikry, weil hier nicht ein "Vorbild" nachgeahmt wird, sondern die Umgebung | Bild: picture-alliance/dpa/blickwinkel/R. Koenig

Keine Mimikry, sondern Mimese: Diese Riesenheuschrecke ahmt ihre Umgebung nach. Sie sieht aus wie ein Blatt.

Tarnen, tricksen, täuschen – auch bei Tieren und Pflanzen gibt es das. Mimikry – abgeleitet von dem englischen Wort "mimikry" (= Nachahmung) - nennen das die Forscher. Gemeint ist damit die Fähigkeit von Tieren und Pflanzen, das Aussehen, den Geruch oder die Geräusche von anderen Tieren und Pflanzen derart verblüffend gut nachzuahmen, dass "Mitstreiter" darauf "reinfallen" und die sogenannten Mimeten dadurch einen echten Überlebensvorteil erlangen. Von Mimese sprechen Biologen hingegen, wenn Pflanzen und Tiere nicht ihre Konkurrenten, sondern ihre Umgebung imitieren.

Mimikry: Die verschiedenen Formen der Täuschung

Jedes Mimikry-System hat drei Protagonisten: ein Vorbild, einen Nachahmer und einen sogenannten "Signalempfänger", das heißt, derjenige der getäuscht werden soll. Vor allem drei Wissenschaftler haben die Mimikry-Forschung geprägt: der Brite Henry Walter Bates, der deutsche Biologe Johann Friedrich Theodor Müller und das US-amerikanische Ehepaar George und Elizabeth Peckham. Wissenschaftler unterscheiden bei der Mimikry daher insbesondere zwischen der Bates‘schen Mimikry, der Müller’schen Mimikry und der Peckham‘schen Mimikry.

Lockt Aasfliegen nicht nur mit ihrem Geruch zum Bestäuben an: die Rafflesia, eine Pflanze. Neben dem Duft wird der Fliege durch eine leicht erhöhte Temperatur im Pflanzeninneren zusätzlich vorgegaukelt, dass sie es tatsächlich mit verwesendem Fleisch zu tun hat. | Bild: picture-alliance/dpa/Xinhua News Agency/Putra Tanhar

Auch die Rafflesia täuscht nach einem Vorbild aus der Natur zu ihrem Nutzen: Ihr Aasgeruch soll Fliegen zum Bestäuben anlocken.

Bates‘sche Mimikry: Die Schutzmimikry

Von der Bates'schen Mimikry spricht man, wenn Tiere oder Pflanzen zu ihrem Schutz andere Arten nachahmen. Weil diese Form der Mimikry der Naturforscher Henry Walter Bates 1862 als erster beschrieb, wurde sie nach ihm benannt. Er hatte in den Wäldern Brasiliens Mitte des 19. Jahrhunderts beobachtet, dass an sich harmlose Tiere ungenießbaren oder aggressiven Tieren zum Verwechseln ähnlich sehen. Und dass diese optische Ähnlichkeit mit gefährlicheren Tieren sie vor ihren Feinden schützt.

Zum Verwechseln ähnlich: Die Gemeine Wespe (links) und die Wespenschwelbfliege (rechts) - ein Beispiel für Bates'sche Mimikry. | Bild: picture-alliance/dpa/Montage: BR

Zum Verwechseln ähnlich: Die Gemeine Wespe (links) und die Wespenschwebfliege (rechts) - ein Beispiel für Bates'sche Mimikry.

Ein Beispiel für die Bates'sche Mimikry ist die Wespenschwebfliege. Mit ihren schwarz-gelben Streifen sieht sie aus wie eine Gemeine Wespe, hat aber im Gegensatz zur Wespe keine Giftstoffe, sondern ist eine harmlose Fliege. "[...] die Amsel, die einmal eine Wespe gefressen hat, die macht einen weiten Bogen um die Schwebfliege, weil sie gar nicht erst ausprobieren will, ob die nicht auch stechen kann. Das ist einfacher, dann eben weiterzufliegen und sich eine schwarze Fliege zu schnappen", beschreibt Thassilo Franke, Biologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIOTOPIA Naturkundemuseums Bayern, in der BR-Sendung "Alles Natur" diese Form der Mimikry und wie sie in der Praxis funktioniert.

Müller'sche Mimikry: Die Signalnormierung

Im Gegensatz zur Bates'schen Mimikry ahmen bei der Müller'schen Mimikry Tiere oder Pflanzen das Aussehen anderer Arten nicht nach, um für Feinde gefährlicher zu wirken. Müller, nach dem diese Form der Mimikry benannt ist, "hat festgestellt, dass es auch verschiedenste, nicht näher miteinander verwandte, giftige Schmetterlinge gibt, die mit der gleichen Warntracht werben", wie Biologe Franke diese Mimikry-Form definiert. Der Zweck der Mimikry ist aber der gleiche wie bei der Bates'schen Mimikry: Fressfeinde sollen abgeschreckt werden. Denn hat der Feind erst einmal bei einer Art schlechte Erfahrungen gemacht, wird er künftig alle gleich aussehenden Arten meiden.

Tragen dieselbe Warntracht, um Fressfeinde fernzuhalten: der Monarchfalter (links) und der Vizekönigsfalter (rechts). | Bild: picture-alliance/dpa/Montage: BR

Tragen dieselbe Warntracht, um Fressfeinde fernzuhalten: der Monarchfalter (links) und der Vizekönigsfalter (rechts).

"Das nennen wir heute Signalnormierung. Es ist eigentlich in der Technik weit verbreitet. Aber, dass es so etwas auch im Tierreich gibt, dass ist zum ersten Mal Fritz Müller aufgefallen", sagt dazu Biologe Franke. Ein Beispiel für Tiere, die von dieser Signalnormierung profitieren, sind die Monarchfalter und die Vizekönigsfalter.

Peckham'sche Mimikry: Die Lockmimikry

Mit der vom Ehepaar Elizabeth und George Peckham 1889 erstmals beschriebenen Lockmimikry oder auch aggressiven Mimikry wollen Tiere oder Pflanzen hingegen keine Feinde fernhalten. Ganz im Gegenteil. Mit dieser Nachahmung sollen andere Arten angelockt werden.

Der Spiegelragwurz (links) ähnelt dem Dolchwespenweibchen (links), um Dolchwespenmännchen zur Bestäubung anzulocken. | Bild: picture-alliance/dpa/Montage: BR

Der Spiegelragwurz (links), eine Pflanze, ähnelt dem Dolchwespenweibchen (links), um Dolchwespenmännchen zur Bestäubung anzulocken.

Forscher: Mimikry zeigt, wie Evolution funktioniert

"Mimikry zeigt auf den Punkt gebracht, wie Evolution funktioniert, dass hier nicht die weise Natur irgendetwas plant oder lenkt, sondern dass das passive Prozesse sind, die hier passieren, die uns dann trotzdem Staunen abnötigen." Thassilo Franke, Biologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIOTOPIA Naturkundemuseums Bayern

Mimikry beim Menschen: Unsere Täuschungsmanöver

Nicht nur Tiere und Pflanzen tricksen, um besser durchs Leben zu kommen, auch wir Menschen tun das. Viele Angler verwenden zum Beispiel künstliche Fliegen als Köder mit nur einem Ziel: Die Fische sollen auf die Attrappe reinfallen und anbeißen.

Mimikry im Alltag: Künstliche Köcherfliegenpuppen - beliebtes Utensil für Angler. | Bild: picture-alliance/dpa/imageBROKER/Nigel Dennis

Künstliche Köcherfliegen-Puppen sind bei Anglern beliebt und eine aggressive Mimikry, um Fische anzulocken.

Doch nicht nur Tiere ködern wir. Wir ködern uns auch gegenseitig. Mit täuschend echt aussehenden Phishing-Mails wollen wir an Passwörter und andere hochsensible Daten herankommen, um daraus später Profit zu schlagen. Auch Fake-Accounts, Fake-News und Kopien von Markenprodukten sind eine Form von Mimikry.