40 Jahre künstliche Befruchtung Unerfüllter Kinderwunsch: So kann Reproduktionsmedizin helfen

Von: Bernd Thomas

Stand: 13.04.2022

Am 16. April 1982 kam Oliver W. in der Erlanger Frauenklinik zur Welt, Deutschlands erstes Baby, das durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas gezeugt wurde. Seither wurden mehr als 340.000 Kinder mithilfe assisierter Reproduktionstechniken bei uns gezeugt und geboren. Kinder zu bekommen ist ein existenzielles, menschliches Bedürfnis. Wann und wie kann Reproduktionsmedizin helfen, wo sind ihre Grenzen?

Kinderwunsch: Künstliche Befruchtung kann helfen  | Bild: colourbox.com

Der Durchbruch gelang schon 1978 in Großbritannien mit der Geburt von Louise Brown. Sie war das erste Kind der Welt, das außerhalb des Mutterleibs durch künstliche Befruchtung gezeugt wurde. Robert G. Edwards erhielt dafür 2010 den Nobelpreis. Mehr als zehn Millionen Kinder kamen durch assistierte Reproduktionstechniken, kurz ART, bisher zur Welt. Statistisch sitzt auch in Deutschland in jeder Schulklasse ein solches Kind. Jedes Jahr kommen mehr dazu.

Eltern-Glück mit Unterstützung

"Keiner will so recht darüber sprechen, wenn es bei der scheinbar einfachsten Sache der Welt kompliziert wird und ohne Hilfe nicht geht. Bei uns hat es beim zweiten Versuch geklappt, wir sind sehr glücklich darüber."

Nicoletta und Fabian mit Tochter Clara

Ungewollte Kinderlosigkeit und Kinderwunschbehandlungen

Ungewollt kinderlos gelten laut WHO Paare, wenn sich auch nach einem Jahr ungeschütztem Verkehr keine Schwangerschaft ergibt. Weltweit ist das fast bei jedem siebten Paar so. Ungewollte Kinderlosigkeit ist auch in Deutschland in den letzten Jahren gestiegen, rund 32 Prozent der Frauen und Männer zwischen 20 und 50 Jahren ohne Kinder waren ungewollt kinderlos.
Gesellschaftliche Rollen- und Familienbilder ändern sich. Frauen bekommen mit durchschnittlich 30 Jahren ihr erstes Kind, mehr als die Hälfte waren 2020 zwischen 30 und 39 Jahren, fast vier Prozent älter. Auch gleichgeschlechtliche Lebenspartner oder alleinstehende Frauen wünschen sich Kinder. Die Reproduktionsmedizin kann helfen. Allein 2020 gab es in Deutschland über 111.000 Behandlungszyklen künstlicher Befruchtung. Die meisten Frauen, die Kinderwunschbehandlungen in Anspruch nehmen, sind zwischen 35 und 39 Jahre alt.

Schwangerschaft: auch natürlich oft ein Glücksfall

"Selbst bei ungeschütztem Verkehr gesunder junger Menschen zum richtigen Zeitpunkt liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft bei nur rund 23 Prozent."

Prof. Dr. med. Jan-Steffen Krüssel, Universitäres Interdisziplinäres Kinderwunschzentrum Düsseldorf UniKiD, Mitglied des Vorstandes des Deutschen IVF-Registers

Fruchtbarkeit: Wir werden älter, aber nicht länger fortpflanzungsfähig

Sexualität: die fruchtbarsten Jahre  | Bild: colourbox.com

Sex, Kinderwunsch und künstliche Befruchtung: Wann lässt die Fruchtbarkeit nach?

Sexuelle Aufklärung hat oft das Ziel, Schwangerschaften zu vermeiden. Ab welchem, für heutige Verhältnisse frühen Alter die Fruchtbarkeit bereits wieder sinkt, wissen viele nicht. Denn im Gegensatz zur Lebenserwartung hat sich die Fertilität nicht verändert. Bei Männern ist sie vor dem 40., bei Frauen zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr am größten. Kinderwunschpaare sollten sich frühzeitig informieren. Denn für Therapien der künstlichen Befruchtung gilt grundsätzlich: Je jünger Frauen und Männer sind, desto wahrscheinlicher sind die Erfolge.

Kinderlosigkeit: Ursachenforschung

Reproduktionsmedizin - Gründe für Kinderwunschbehandlung | Bild: BR

Bei Kinderwunschpaaren in Behandlung lassen sich nur bei einem kleinen Teil keine Gründe feststellen. Veränderungen der Eileiter, sogenannte Tubenpathologien, und Endometriose sind die häufigsten medizinischen Ursachen bei Frauen. Bei Männern liegt es vor allem an einem unzureichenden Spermiogramm: Zahl und Beweglichkeit der Spermien sind eingeschränkt.  

Künstliche Befruchtung: Diese Therapien gibt es

Künstliche Befruchtung: Ein Monitor zeigt eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Bei der Behandlung wird einer Eizelle ein Spermium injiziert. | Bild: picture alliance/Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB

Künstliche Befruchtung: eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). In eine Eizelle wird ein Spermium injiziert.

  • Hormonelle Stimulation: Frauen nehmen dazu Hormonpräparate ein, die Eizellen zur Reifung bringen. Anschließend wird gezielt ein Eisprung ausgelöst, um eine Schwangerschaft durch ungeschützten Verkehr zu ermöglichen.
  • Insemination: Spermien des Mannes werden aufbereitet und gezielt in die Gebärmutter gebracht, um eine Befruchtung zu erreichen. Können keine geeigneten Spermien gewonnen werden, gibt es die Möglichkeit einer "donogenen" oder "heterologen" Insemination mit den Spermien eines Samenspenders.
  • In vitro Fertilisation, IVF: Eizellen und Samenzellen des Paares werden gewonnen, aufbereitet und in einer Nährlösung zusammengebracht. Ist die künstliche Befruchtung erfolgreich, reifen die Eizellen mehrere Tage im Brutschrank. Maximal drei sogenannte Blastozysten dürfen bei einer Behandlung in die Gebärmutter übertragen werden. 
  • Intracytoplasmatische Spermieninjektion, ICSI: Die Methode ist eine Weiterentwicklung der IVF. Ein einzelnes Spermium wird ausgewählt und unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle injiziert. Anschließend reifen auch diese Zellen, bevor sie in die Gebärmutter übertragen werden.
  • Kryokonservierung: Männliche oder weibliche Keimzellen werden bei rund Minus 190 Grad Celsius eingefroren und sind auch Jahre später noch befruchtungsfähig. Die Methode wird eingesetzt, um Frauen und Männern mit schwerwiegenden Erkrankungen später einen Kinderwunsch erfüllen zu können. Auch überzählige Eizellen, die für Behandlungen gewonnen wurden, werden oft eingefroren. Zuvor werden sie üblicherweise imprägniert: Ein Spermium ist bereits in der Zelle, männliches und weibliches Erbgut sind aber noch nicht miteinder verschmolzen. Ohne Imprägnierung werden Keimzellen beim Social Freezing für spätere künstliche Befruchtungen gewonnen und eingefroren.
  • Testikuläre Spermienextraktion, TESE: Bei Männern, bei denen sich zu wenig intakte, fortpflanzungsfähige Spermien in der Samenflüssigkeit befinden, können durch eine Operation Spermien direkt aus dem Hoden gewonnen werden.
  • Embryonenadoption: Schon heute kommt es vor, dass überzählige Embryonen entstehen. Diese dürfen von Paaren mit Kinderwunsch adoptiert werden. Die genetischen Eltern bleiben bisher anonym.

Quelle: BZgA/Familienplanung

Künstliche Befruchtung: Das ist verboten

  • der Handel mit menschlichen Keimzellen.
  • die Eizellspende. Das schließt auch die nicht kommerzielle, so genannte altruistische Eizellspende ein. In europäischen Ländern wie beispielsweise Großbritannien oder Österreich ist sie erlaubt.
  • die Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. Damit können genetische Merkmale wie das Geschlecht bestimmt werden. Nur bei wenigen seltenen Erkrankungen ist die Methode zugelassen.

Kinderwunsch-Behandlung: Alter weiblicher Eizellen entscheidend

"Mit entscheidend für den Erfolg von Kinderwunschbehandlungen ist das Alter weiblicher Eizellen. Denn die entstehen bereits vor der Geburt. Je älter die Frauen und damit ihre Eizellen sind, desto geringer werden die Chancen für eine Schwangerschaft und Geburt. Frauen, die sich für das Social Freezing entscheiden, sollten das vor dem 33. Lebensjahr tun."

Prof. Dr. med. Jan-Steffen Krüssel, Universitäres Interdisziplinäres Kinderwunschzentrum Düsseldorf UniKiD, Mitglied des Vorstandes des Deutschen IVF-Registers

Erfolgschancen pro Behandlung

Reproduktionsmedizin - Von der Behandlung bis zur Geburt | Bild: BR

Der Transfer nach einer künstlichen Befruchtung von Embryonen zurück in die Gebärmutter gelingt zu 93 Prozent. Mit 33 Prozent Wahrscheinlichkeit kommt es zu einer Schwangerschaft. Die Wahrscheinlichkeit einer Geburt liegt pro einzelnem Behandlungszyklus bei rund 23 Prozent.

Endlich schwanger: kumulative Erfolge künstlicher Befruchtung

40 Jahre Reproduktionsmedizin | Bild: colourbox.com

Künstliche Befruchtung und Schwangerschaft: Oft braucht es mehrere Behandlungen.

Kinderwunschpaare brauchen Geduld. Die Aussichten auf eine Schwangerschaft verbessern sich statistisch bei mehreren Versuchen. Die Reproduktionsmedizin bezeichnet das als kumulative Schwangerschaftsrate. Sie ist je nach Altersgruppe unterschiedlich hoch. Bei mehr als vier Behandlunsgzyklen liegt sie bei Frauen bis 34 Jahren bei rund 81 Prozent, bis 39 Jahren noch bei 67 Prozent und sinkt dann auf rund 35 Prozent ab. Insgesamt werden durch künstliche Befruchtung rund die Hälfte der Paare und Frauen nach vier Behandlungszyklen Eltern.

Kosten und Zuschüsse bei Kinderwunschbehandlungen

Inseminationen kosten etwa 200 Euro. Ist eine hormonelle Stimulation der Frau erforderlich, vervierfacht sich die Summe schnell. Zwischen 3.000 und 10.000 Euro kann eine ICSI Behandlung für Privatversicherte und Selbstzahler kosten. Dazu kommen eventuelle Kryokonservierungen und spätere Transfers. Auch die erste Behandlung mit Spendersamen kann schnell eintausend Euro übersteigen, Folgebehandlungen sind günstiger.

Die Krankenkassen bezahlen Untersuchungen, um die Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit festzustellen. Vorausgesetzt Diagnose und Alter der Paare entsprechen den Vorgaben, beteiligen sie sich zur Hälfte an einer festgelegten Anzahl von Behandlungen. Es lohnt sich nachzufragen, denn manche Kassen haben mehr Leistungen für Kinderwunschbehandlungen im Programm. Allerdings gilt das nur für heterosexuelle Paare. Gleichgeschlechtliche Paare sind davon bisher ausgeschlossen.

Zusätzliche Zuschüsse gibt es für Paare durch Bund und Länder. Die müssen aber jeweils gesondert beantragt werden.

Risiken bei künstlicher Befruchtung

Babiefüße von Drillingen | Bild: colourbox.com

Nach künstlicher Befruchtung sind Mehrlingsgeburten deutlich häufiger als bei natürlicher Zeugung und Geburt.

Die Risiken von Kinderwunschbehandlungen durch mögliche Überstimulation liegen bei rund einem Prozent und sind heute medizinisch gut beherrschbar, ebenso wie der Eingriff, um die Eizellen zu gewinnen. Allerdings kommt es, anders als bei natürlicher Zeugung und Geburt, bei künstlicher Befruchtung nach Transfers rund siebzehnmal häufiger zu Mehrlingsschwangerschaften und -geburten, meist von Zwillingen. Mehrlingsschwangerschaften bedeuten immer ein höheres Risiko für Kinder und Mütter. Durch den elective Single Embryo Transfer, kurz eSET, konnte die Zahl von Mehrlingsgeburten in Großbritannien und Schweden deutlich gesenkt werden. Dabei wird einer aus mehreren Embryonen gezielt zum Transfer ausgesucht. Das Verfahren ist in Deutschland aber verboten.

Gesetze in der Reproduktionsmedizin

Das Embryonenschutzgesetz von 1990 ist das wichtigste Gesetz zur Reproduktionsmedizin. Das letzte Mal wurde es 2011 reformiert. Es setzt bis heute strafrechtliche Grenzen. Weitere wichtige Gesetze für die Therapien sind das Transplantationsgesetz und das Samenspenderregistergesetz. Ärzte, aber auch Berater und Politiker fordern Reformen und ein Fortpflanzungsmedizingesetz. Das soll neue Entwicklungen künstlicher Befruchtung regeln und, im Gegensatz zum Embryonenschutzgesetz, nicht ausschließlich am Strafrecht ausgerichtet sein.

Spenderkinder: Ihr Recht auf Wissen

Anne Meier-Credner, Verein Spenderkinder | Bild: BR

"Der offene Umgang und die frühe Aufklärung über die Entstehungsweise sind wichtig, um Spenderkindern eine kontinuierliche Identitätsentwicklung zu ermöglichen. Spenderkinder haben außerdem das Recht zu erfahren, wer ihr genetischer Vater ist. Dennoch sind vermutlich die meisten Spenderkinder nicht über ihre Entstehungsweise aufgeklärt. Studien zeigen, dass über 80 Prozent der aufgeklärten Spenderkinder wissen wollen, wer ihr genetischer Vater und mögliche Halbgeschwister sind. Sie möchten nicht nur ihren Namen erfahren, sondern sie kennenlernen, mit ihnen sprechen. Sie nehmen sie als Personen wahr. Und sie wollen auch selbst als Person wahrgenommen werden."

Anne Meier-Credner, Verein Spenderkinder

Komplexe Familienverhältnisse

Auch die Legalisierung der Eizellspende und Leihmutterschaft sehen die Spenderkinder kritisch, nicht nur wegen möglicher finanzieller Abhängigkeiten der Eizellspenderinnen und Leihmütter. Im Extremfall könnten bis zu fünf Personen an einer Familiengründung beteiligt sein: die genetische Mutter, der genetische Vater, eine mögliche Leihmutter und die eigentlichen Eltern. Hinzu kommt, dass in vielen Ländern Eizellspenderinnen bisher anonym bleiben.

Kinderwunsch: Wenn Medizin nicht helfen kann

Familienberatung | Bild: colourbox.com

Bleiben Kinderwunschbehandlungen erfolglos, hilft es, über mögliche Alternativen oder Perspektiven nachzudenken.

Genaue Zahlen, wie viele Paare trotz Behandlung ungewollt kinderlos bleiben, gibt es nicht. Beratungen können helfen, sich mit möglichen Alternativen auseinanderzusetzen. Über das bundesweite Netzwerk BKid lassen sich kostenfreie Familienberatungsstellen dazu finden.
Für manche bleibt am Ende nur der endgültige Abschied vom Kinderwunsch. Nach Trauer und Enttäuschungen eine neue Perspektive aufzubauen, braucht Jahre. Inzwischen gibt es eine Reihe Beratungsangebote auch von Frauen, die diese Erfahrung selbst durchlebt haben - eine wertvolle Unterstützung.     

Trauer und eine neue Perspektive: Den Kinderwunsch überwinden

Iris Enchelmaier, Beraterin und Autorin | Bild: BR

"Mein Partner und ich haben fünf Jahre versucht, ein Kind zu bekommen. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich die Trauer überwinden und endlich Abschied davon nehmen konnte. Ich lebe jetzt ein glückliches Leben. Und trotzdem ist das ein Thema, was mich ein Leben lang begleiten wird."

Iris Enchelmaier, Beraterin, Autorin des Buches Abschied vom Kinderwunsch