Klimakrise Wie sich Vögel am Amazonas verändern

Von: Tanja Fieber

Stand: 16.11.2021

Vögel im zentralen Amazonas-Gebiet sind in den vergangenen 40 Jahren kleiner geworden und haben längere Flügel bekommen. Mit gängigen Klimaregeln ist diese Veränderung nicht zu erklären. Forscher machen den Klimawandel dafür verantwortlich.

Der Pompadour-Schmuckvogel (Xipholena punicea) sitzt auf einem Ast im brasilianischen Amazonas-Gebiet. Symbolbild. | Bild: picture alliance / All Canada Photos | Glenn Bartley

Vögel am Amazonas: Geschrumpft und längere Flügel

Forscher Vitek Jirinec war an der Science-Studie über Amazonas-Vögel beteiligt und zeigt hier einen Amazonasmotmot (Momotus momota). | Bild: Vitek_Jirinec

Forscher Vitek Jirinec war an der Studie über Amazonas-Vögel beteiligt und zeigt hier einen Amazonasmotmot (Momotus momota).


Forscher der Louisiana State University (LSU) haben seit 1979 im Amazonas-Gebiet rund 70 Kilometer nördlich von Manaus mehr als 15.000 Vögel beobachtet, 77 ortsansässige Vogelarten von 22 Vogel-Familien in einem Radius von 43 Kilometern. Dabei ist ihnen aufgefallen, dass sich der Körper von Amazonas-Vögeln verändert hat. Die Forscher stellten fest, dass innerhalb von 40 Jahren nicht nur die Zahl der Vögel zurückgegangen ist, sondern auch, dass alle beobachteten Vögel kleiner geworden sind sowie ein Drittel der Vögel längere Flügel bekommen haben. Laut der Forscher sind die Veränderungen der Vögel nicht mit den gängigen Klimaregeln wie der Allenschen Regel oder der Bergmannschen Regel zu erklären.

Grosse Tiere, kleine Tiere: Die Bergmannsche Regel

Der Wüsten-Uhu ist deutlich kleiner als heimische Uhus. | Bild: picture alliance / blickwinkel/AGAMI/D. Forsman

Der Wüsten-Uhu ist deutlich kleiner als Uhus hierzulande.

Eine der bekanntesten Klimaregeln ist die Bergmannsche Regel. Sie besagt, dass gleichwarme Tiere - also Vögel und Säugetiere - innerhalb einer Art in nördlichen Regionen größer sind als ihre Artgenossen in südlichen Regionen. Das liegt daran, dass gleichwarme Tiere ständig ihre Körpertemperatur ausgleichen müssen. Entscheidend ist dabei das Verhältnis von Körpergröße und Körpervolumen. Große Tiere brauchen aufgrund dieses Verhältnisses weniger Energie, um einen Wärme-Verlust auszugleichen. Die Klimaregel geht auf den deutschen Anatom und Physiologen Carl Bergmann (1814-1865) zurück.

Grosse Ohren, kleine Ohren: Die Allensche Regel

Der Wüstenfuchs oder Fennek hat deutlich größere Ohren als unser heimischer Rotfuchs. | Bild: picture alliance / blickwinkel / David & Micha Sheldon

Der Wüstenfuchs oder Fennek hat deutlich größere Ohren als unser heimischer Rotfuchs.

Eine andere wichtige Klimaregel ist die Allensche Regel. Sie besagt, dass bei gleichwarmen Tieren einer Art die Größe von Körperanhängen wie Ohren und Schwänzen je nach Region variiert. Tiere in kalten Regionen haben kleine Körperanhänge, Tiere in warmen Regionen haben große Körperanhänge. Das Prinzip dahinter: Warmblüter geben Wärme über die Körperoberfläche ab. Je größer die Körperanhänge sind, desto größer ist die Körperoberfläche und desto mehr Wärme geben Tiere ab. Die Allensche Regel basiert auf den Erkenntnissen des US-amerikanischen Zoologen Joel Asaph Allen (1838–1921).

Regenwald im Wandel: Warum sich die Amazonas-Vögel verändern

Fragment des Amazonas-Regenwaldes neben einem Feld mit Soja-Anbau (Cipoal in Santarem, Para, Brasilien).
| Bild: picture alliance/AP Images | Leo Correa

Landwirtschaft und Brandrodung verändern den Amazonas-Regenwald - und auch die klimatischen Verhältnisse in der Region.

Bei den beobachten Vögeln im Amazonas sind nur die Federn länger geworden, nicht aber die Flügelknochen. Für einen Wärmeausgleich bringt das nichts. Und auch nicht für einen Vogelzug, denn die beobachteten Vögel migrieren nicht. Die Veränderung widerspricht der Allenschen Regel. Und auch die Bergmannsche Regel greift nur umgekehrt: Es geht nicht um die Anpassung von Tieren an kalte Regionen, sondern um Tiere in Äquatornähe, die durch zunehmend heiße und trockene Wetterbedingungen von Juni bis November innerhalb von vier Jahrzehnten kleiner geworden sind. Pro Dekade verloren sie rund zwei Prozent ihres Körpergewichts.

Relevant sind die Forschungsergebnisse, weil diese Veränderungen erstmals bei sesshaften, ortstreuen Vögeln in noch unberührten Amazonas-Bereichen entdeckt wurden. Die Tiere leben in der sogenannten Unterschicht, der Waldebene zwischen Boden- und Kronenbereich, und bewegen sich nicht weit weg. Nach Auswertung von langfristigen Klimamustern, also jahreszeitlichen und jährlichen Schwankungen von Temperatur und Niederschlägen in der Region, machen die Forscher den Klimawandel für den Vogel-Schwund und die körperlichen Veränderungen der Amazonas-Vögel verantwortlich.

Rekord: Der lauteste Vogel kreischt am Amazonas

Im nördlichen Amazonas-Gebiet lebt auch der White Bellbird (Procnias albus; deutsch: Einlappenkotinga / Weißglöckner / Zapfenglöckner). Das Tier erstaunte Forscher mit seinem ohrenbetäubend lauten Paarungsruf. Der Schrei des Einlappenkotingas ist lauter als eine Kettensäge oder ein Rockkonzert und mit bis zu 125 Dezibel schlecht fürs Gehör. Rekordverdächtig! Der White Bellbird ist damit der lauteste bisher bekannte Vogel der Welt. Warum so ein Lärm Weibchen bei der Paarung anlockt statt sie zu vertreiben, ist noch nicht bekannt. Forscher haben in der Vergangenheit schon Besonderheiten am Körper des Vogels bemerkt: Der Einlappenkotinga hat auffällig dicke und starke Bauchmuskeln und Bauchrippen. Vermutlich ermöglicht ihm diese Anatomie, so laut zu schreien.

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