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Wenn Wörter verschwinden Kein Kokolores und kein Mumpitz

Haben Sie einen Luftikus, Tausendsassa oder Graf Koks im Bekanntenkreis? Oder eher Taugenichtse, Rabauken und Thusnelden? Sapperlot! Falls Ihnen jetzt ganz blümerant wird: Diese Wörter sind kein Mumpitz - sondern vom Aussterben bedroht.

Published at: 4-7-2018

Wörter verschwinden aus unserer Alltagssprache - zum Beispiel das Wort "Kokolores" für "Unsinn". | Bild: BR

Was für ein Kokolores, mögen Sie jetzt vielleicht denken. Wenn Sie Wörter wie Luftikus, Rabauke und Thusnelda überhaupt noch kennen, sie benutzt schließlich fast niemand mehr. Während die einen jetzt verständnislos den Kopf schütteln, wird es den anderen gerade warm ums Herz: Dufte, wenn wir an solche Wörter erinnert werden! Denn über die Jahre sind viele Wörter aus unserem aktiven Sprachgebrauch verschwunden.

Wörter werden modernisiert

"Der Grund dafür ist eigentlich ganz einfach", erklärt Claudia Wich-Reif, Professorin für Geschichte der Deutschen Sprache an der Universität Bonn. "Wir brauchen diese Wörter nicht mehr." Manchmal gibt es modernere, kürzere Bezeichnungen, deshalb wurde auch die Thusnelda zur Tussi. Viele Wörter haben wir aus dem Englischen übernommen: Statt Stöckelschuhen finden wir jetzt High Heels cool und nicht mehr phänomenal. Andere Wörter waren nicht mehr politisch korrekt und wurden abgelöst, weil sie als diskriminierend galten: Im Supermarktregal sind die Negerküsse und Mohrenköpfe den Schaumküssen gewichen.

Wenn der Fortschritt ein Wort ausmerzt

Manchmal verschwinden Wörter auch, weil es die Sache, die sie bezeichnen, kaum noch oder gar nicht mehr gibt: Kaum einer leidet mehr an Schwindsucht oder ist gezwungen, aufs Potschamperl zu gehen. Vom Aussterben sind aber nicht nur solche alten Wörter bedroht, sondern auch relativ junge Begriffe, die der technische Fortschritt überholt hat: Keiner muss mehr auf Diskette speichern oder im Walkman die Kassette umdrehen.

Unsere Sprache entwickelt sich weiter

Wer sich Sorgen macht, dass unsere Wörter dezimiert werden, den kann Claudia Wich-Reif beruhigen: "Durch das Wegfallen von Wörtern verarmt die Sprache nicht. Wir bekommen ja auch ständig neue Wörter dazu." Allein in die mittlerweile 27. Auflage des Duden, die im August 2017 erschien, wurden wieder rund 5.000 neue Wörter aufgenommen. Jetzt kann man den Veggie-Burger auf Instagram ohne großes Rumeiern liken - und könnte das auch schreiben. 145.000 Stichwörter umfasst der Duden derzeit - fünfmal so viele wie der Urduden von 1880. Viele der neuen Wörter spiegeln Entwicklungen in den Bereichen Politik, Technik, Sport und Mode wider. Oft sind es Wortschöpfungen, die aus vorhandenen Wörtern neu zusammengesetzt wurden, Begriffe, die aus Fremdsprachen übernommen oder von Jugendlichen kreiert wurden. "Sprache unterliegt dem Wandel und ist immer auch ein Kennzeichen für eine bestimmte Zeit", sagt Wich-Reif. Und die "alten" Wörter seien ja auch nicht wirklich weg: "Sie existieren in alten Texten durchaus weiter."

Hier finden Sie die vergessenen Wörter

Wer sich an die mittlerweile fast vergessenen Wörter erinnern möchte, kann sich Filme vergangener Jahrzehnte anschauen oder sich den Klassikern der deutschen Literatur widmen. Mittlerweile gibt es auch einige Bücher, die sich ganz speziell den verschwindenden Wörtern widmen und ihre Herkunft beleuchten. Kein Kokolores, dass es den "Kokolores" schon seit dem 16. Jahrhundert gibt und das Wort einen Hahnenschrei nachahmt. Und kein Mumpitz, dass "hanebüchen" dafür gar nichts mit einem Hahn, sondern einer Hainbuche, dem Baum mit dem unerhört knorrigen Holz, zu tun hat. Wer die verdrängten Wörter vor dem Aussterben retten möchte, kann auch einfach mal bei den Eltern oder Großeltern nachfragen, welche Wörter sie noch kannten, die heute fast niemand mehr benutzt.

Die verschwundenen Wörter machen Freude

Weil man sich an die eigene Kindheit erinnert und nostalgisch wird oder weil man es einfach bedauert, dass ein bestimmtes Wort nicht mehr zu hören ist, das seien die Gründe, warum jemand ein inzwischen ungebräuchliches Wort weiterbenutzt, sagt Claudia Wich-Reif.
Steigen Sie also nicht herum wie Graf Koks, beschäftigen Sie sich mit Firlefanz, treiben Sie Schabernack und sagen Sie so unverblümt "Sapperlot!", bis Ihnen ganz blümerant wird. Potzblitz, die alten, charmanten und verspielten Wörter sorgen schon beim Aussprechen für gute Laune - besonders auch beim Gegenüber.


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