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Kanarienvogel Haustier, Sänger, Lebensretter

Auf den Kanaren sieht man seinen wilden Verwandten fliegen. Bei uns sitzt der Kanarienvogel als Haustier im Käfig. Völlig unterschätzt, schließlich ist er nicht nur ausgebildeter Sänger, sondern kann auch Leben retten.

Published at: 19-12-2017

Kanarienvögel sitzen auf einem Ast. Der Kanarienvogel ist ein beliebtes Haustier. Es gibt ihn in vielen verschiedenen Formen. Man findet die wilde Urform noch auf den Kanaren, den Azoren, den Kapverden und Madeira. | Bild: picture alliance / Arco Images GmbH

Wer genau hinhört und den Wald nach grün-gelblichen Tupfern absucht, kann zum Beispiel auf El Hierro, der kleinsten Insel der Kanaren, den Kanarengirlitz erspähen. Er ist das Natursymbol der Kanarischen Inseln und die Urform des Kanarienvogels, den wir alle kennen. Der Kanarengirlitz zeichnet sich nicht nur durch seine auffällige Farbe aus, sondern auch durch seine sich wiederholenden Gesangsmelodien. "Deshalb wurden die Menschen schon immer auf diese Vögel aufmerksam und haben sie gefangen", erzählt der Ornithologe Juan José Ramos Melo aus Teneriffa.

Der Kanarienvogel, ein Makaronesier

Ein Kanarengirlitz, der wilde Kanarienvogel, auf einem Ast in La Palma.

"Serinus canaria" ist der wissenschaftliche Name des wilden Kanarienvogels. Auf Spanisch heißt er schlicht "canario". Er gehört zur Familie der Finken und flattert nicht nur über die Kanarischen Inseln. Er ist in ganz Makaronesien zuhause, dem Inselgebiet, das neben den Kanaren auch aus den Azoren, den Kapverden und Madeira besteht. Aus den wilden Kanarengirlitzen wurden nach und nach die verschiedensten Kanarienvögel gezüchtet.

Züchter sorgten über Jahrhunderte für Kanarienvogel-Vielfalt

Kanarienvögel sind nicht immer gelb. Es gibt sie in vielen verschiedenen Farben - zum Beispiel in Rot, Weiß und sogar Schwarz.

In rund 500 Jahren wurden dem Kanarienvogel verschiedene Farben, Gesänge und Körperformen verpasst: Es gibt bunte, laute und komplex trällernde sowie speziell krumm geformte Vögel. Mehr als 5.000 Kanarienzüchter gibt es in Deutschland. Pro Jahr ziehen sie mehr als 50.000 Vögel auf. Der Deutsche Kanarien- und Vogelzüchterbund schätzt, dass es rund zwei Millionen Kanarien in Deutschland gibt.

Kanarienvogel-Krimi

Weil anfangs nur Kanarienvogel-Männchen weiterverkauft wurden, war bald jedes Mittel recht, um an Weibchen - und damit Nachwuchs - zu kommen.

Angeblich hielten bereits kanarische Ureinwohner Vögel in Holzkäfigen, weil ihnen ihr Gesang und ihre Farbe gefielen. 1485 begannen spanische Mönche, den Kanarienvogel auf Gran Canaria zu züchten. Um ihr Monopol nicht zu verlieren, verkauften sie aber nur Männchen und keine Weibchen. Europäische Fürstenhöfe setzten zum Teil hohe Belohnungen aus, um an einen weiblichen Vogel zu gelangen. Die Klöster wurden umlagert, in der Hoffnung, ein entflogenes Weibchen zu ergattern. Der Abt eines österreichischen Kapuzinerklosters in Imst griff schließlich zu etwas rabiateren Methoden: Er schickte fünf Burschen los, die Kanarienvögel aus einem spanischen Kloster entführten und nach Imst brachten. Auch den Engländern gelang es, Kanarienvögel mithilfe ihrer Handelsschiffe aus Spanien in die Heimat zu transportieren. Elisabeth I. verschenkte Nachkommen dieser Tiere an ihre Untertanen.

Gekidnappte Kanarienvögel als Grundlage für ein gutes Geschäft

In Imst in Österreich begann mit den entführten Vögeln eine bis ins 18. Jahrhundert florierende Kanarienvogelzucht. Bergleute, die dort Silber förderten, besserten mit der Vogelzucht ihr Einkommen auf. Vogelhändler brachten die gezüchteten Kanarienvögel von Imst aus in die Welt. Schwer bepackt wanderten sie mit Tragegestellen durch Europa, in die bis zu 200 Vögel passten.
Die Vogelhändler wurden überall sehnsüchtig erwartet und gefeiert. In Carl Zellers Operette "Der Vogelhändler", die 1891 uraufgeführt wurde, wird mit dem Vogelhändler Adam aus Tirol aus der Zeit der Kanarienvogelzucht erzählt. Schon im 18. Jahrhundert hatte der Komponist Georg Philipp Telemann eine Kantate für einen verstorbenen Kanarienvogel geschrieben.

Auch Mozart war ein Kanarienvogel-Fan

Jedes europäische Adelshaus musste damals Kanarien haben. Die Reichen, die sich ihr Vögelchen in goldenen Käfigen hielten, und die Armen, die sie fingen oder züchteten: Dieser Standesunterschied hatte bereits Mozart zu seiner Oper "Die Zauberflöte" inspiriert, die er 1791 mit der schillernden Figur des Vogelfängers Papageno inszenierte. Mozart war in der Salzburger Getreidegasse mit Vögeln aufgewachsen. Die Kanarien kaufte man beim Vogelhändler, die heimischen Singvögel beim Vogelfänger. Als Erwachsener hielt sich Mozart selbst Kanarienvögel.

Von Imst in Österreich nach Sankt Andreasberg im Harz

In Deutschland profitierte eine Region ganz besonders von der goldenen Zeit des Kanarienvogels: Sankt Andreasberg im Harz. Die Vögel stammten von Imst in Tirol. Jochen Klähn, der Direktor des Kanarienvogel-Museums in Sankt Andreasberg, weiß, wie sie hierher kamen: Imst sei bei einem Brand 1730 nahezu abgebrannt. "Die Bergleute sind abgewandert und haben ähnliche Orte gesucht - das war Andreasberg", erzählt er. Im Gepäck hatten sie einen besonderen, grünen Vogel - an dem die Bergleute in Andreasberg Gefallen fanden. Durch Kreuzungen haben sie daraus einen gelben Vogel gezüchtet. "Dann haben wir einen Züchter gehabt, das war Wilhelm Trute, der hat dem Vogel einen neuen, rollenden Gesang beigebracht. Deshalb heißt der Vogel 'Harzer Roller'", berichtet Jochen Klähn.

Kanarienvögel, die gefiederten Opernstars

Kanarienvögel sind aufgrund ihrer Farben und ihres Gesangs beliebt.

Kanarienvögel beherrschen unterschiedlichste Gesangsarten, "die Hohlrolle, die Knorre, die Wasserrolle, die Schocke, die Hohlklingel, die Glucke, Pfeife und die Klingeltouren", sagt Kanarienvogel-Experte Jochen Klähn. Kanarienvogel-Züchter Manuel Suárez Jaimez aus Gran Canaria bestätigt, dass man wilde und gezüchtete Kanarienvögel ganz leicht am unterschiedlichen Gesang erkenne: Der Gesang der wilden Kanarienvögel klänge viel monotoner. Kein Wunder, schließlich bekommen speziell gezüchtete Gesangskanarienvögel von klein auf Gesangsunterricht - von Artgenossen oder CD.

Kanarienvögel waren von Beruf Lebensretter

Im Kanarienvogel-Museum in Sankt Andreasberg sind die Käfige zu sehen, in denen die Bergleute die Kanarienvögel unter Tage mitgenommen haben.

Jochen Klähn, der Direktor des Kanarienvogel-Museums, weiß auch, dass die Kanarienvögel in Andreasberg früher selbst im Bergwerk arbeiteten: als Lebensretter. Die Bergleute nahmen sie mit in 800 Meter Tiefe, weil sie auch im Dunkeln sangen. Doch wenn sie damit aufhörten und unruhig wurden, wussten die Arbeiter, dass der Sauerstoff knapp wurde und sie raus mussten. Die Vögel warnten aber nicht nur vor Sauerstoffmangel, sondern auch vor Kohlenmonoxid-Vergiftungen: Im Ruhrgebiet wurden Kanarienvögel eingesetzt, um giftige Grubengase auszumachen. Die Vögel reagieren 16 Mal empfindlicher als Menschen.

Erster Weltkrieg beendet Hochzeit der Kanarienvogel-Zucht

Über 350 Familien lebten zur Blütezeit in Sankt Andreasberg von der Kanarienzucht. Großhändler exportierten sogar in die USA: Allein 1896 schickten sie rund 120.000 Vögel über den Atlantik. Ende des 19. Jahrhunderts beschreibt der Komponist und Schriftsteller Richard Metzdorf die Blütezeit der Zucht des Harzer Rollers: "Es gibt wohl keinen Platz der Erde, wo auf so kleinem Raum so viele und so verschiedene Kanarienvögel gezüchtet werden als in Sankt Andreasberg. Dieser liebliche Sänger, dessen züchterische Entwicklung sich unwiderruflich an das Harzer Bergstädtchen knüpft." Doch der Erste Weltkrieg macht auch die Zucht des Harzer Rollers in Sankt Andreasberg zunichte.

Kanarienvögel leisten Älteren Gesellschaft

Kanarienvögel sind vor allem bei älteren Menschen beliebt: Ihr Gesang lässt sie die Einsamkeit ein Stück weit vergessen.

Heute gibt es in Sankt Andreasberg noch zwei Züchter, erzählt Jochen Klähn. Es sei schwer, den Kanarienvogel noch als Haustier zu verkaufen. Erst vertrieb der Wellensittich den Kanarienvogel aus den Wohnungen. Jetzt haben die Jugendlichen nahezu gar kein Interesse mehr an Vögeln als Haustier. Vereinzelt wird Klähn von älteren Menschen nach Kanarienvögeln angesprochen. Manuel Suárez Jaimez wird auf Gran Canaria oft von älteren Damen nach einem Kanarienvogel gefragt: Sie wünschen sich einen singenden Vogel gegen die Einsamkeit.


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