Hilfe gegen Verschwörungsmythen Verschworene Gesellschaft?

Von: Julia Wieland und Christine Hellmuth

Stand: 13.04.2022

Elvis lebt! Nicht mehr – leider. Auch, wenn sich das ein Teil seiner eingeschworenen Fans wünscht und einen entsprechenden Mythos in die Welt gesetzt hat, der sich bis heute hartnäckig hält. Verrückt? Irgendwie schon ‐ tut aber auch niemandem weh. Andere Verschwörungsmythen dagegen können verheerende Folgen haben: schüren Hass, spielen mit Ängsten, bringen Familien und Freunde auseinander; spalten ganze Gesellschaften. Die gute Nachricht: Wir können etwas dagegen tun!

Symbolbild: Macht - Zwei Hände mit Fäden um die Finger lenken die Welt wie eine Marionette. | Bild: stock.adobe.com/sp3n

Schauen wir uns dafür an, wie so ein Verschwörungsmythos überhaupt aufgebaut ist und welche Bestandteile ganz bewusst in eine Erzählung eingebaut werden, um Menschen zu manipulieren. RESPEKT-Moderator Rainer Maria Jilg hat das für uns ausprobiert.

Experiment: Wir entlarven einen Verschwörungsmythos

Zusammengefasst: Wie baut sich ein Verschwörungsmythos auf?

  • Ein unerklärliches Ereignis wirft Fragen auf.
  • Angebliche Drahtzieher wollen andere manipulieren,
  • um ihren geheimen Plan zu verwirklichen, z.B.: Weltherrschaft übernehmen, Geld scheffeln.
  • Der scheinbare Beweis dafür ist oft so "geheim", dass darüber nicht gesprochen werden darf
  • und besteht aus Teilinformationen, die die Verschwörung belegen sollen
  • Die Quelle darf unseriös sein (weil Wissenschaft und Mainstream-Medien gekauft sein könnten).
  • Wichtig: Säen von Zweifeln an der offiziellen Version.
  • Und vor allem muss die Verschwörung geglaubt und verbreitet werden.


Grüne Schnürsenkel lösen Migräne aus und dahinter steckt die Ingwerbauern-Lobby vom Wendelstein? Absurd? Auf jeden Fall! Denn natürlich lösen grüne Schnürsenkel keine Migräne aus. Trotzdem könnte diese Geschichte von Migränegeplagten geglaubt werden, weil die Lösung des Problems (grüne Schnürsenkel boykottieren) so einfach wäre. Wenn man sich ansieht, was gegenwärtig so alles an Verschwörungsmythen kursiert, scheint keine Behauptung zu abwegig, solange es Menschen gibt, die daran glauben und das Ganze weitertragen. Dank Internet und Social Media ist das Verbreiten von allerlei falschen Informationen besonders leicht.

Damit eine Behauptung zum Verschwörungsmythos wird, braucht es doch aber sicherlich noch etwas mehr, oder? Fragen wir bei einer Expertin für digitale Kommunikation nach. Die Journalistin Ingrid Brodnig beschäftigt sich schon seit Jahren mit Lügengeschichten, Hass und Mobbing im Internet. RESPEKT-Moderatorin Christina Wolf hat mit ihr gesprochen.

Wir können noch so aufgeklärt sein, in bestimmten Situationen reagieren wir ganz offenbar eher emotional statt rational: suchen nach einfachen Antworten, womöglich nach einem Sündenbock. Und zwar vor allem dann, wenn wir uns bedroht und eingeschränkt fühlen.

Doch was bringt uns dazu, absurden Verschwörungsmythen wie zum Beispiel der "Corona-Verschwörung" Glauben zu schenken, obwohl es keinerlei fundierte Beweise gibt? Es ist vor allem Angst. Angst davor, die Kontrolle zu verlieren und fremdgesteuert zu werden.

Bei wem und inwiefern solche Angstmechanismen funktionieren, haben wir in der Tabelle noch einmal übersichtlich zusammengefasst:

Auf einen Blick: Verschwörungsmythen

Wer glaubt daran?

  • Im Frühjahr 2020 glauben über 14% an eine "Corona-Verschwörung"
  • Alle Einkommens- und Bildungsschichten sind vertreten. Knapp 19% haben einen Hauptschulabschluss, gut 10% einen Hochschulabschluss.
  • Ebenso sind alle Altersgruppen vertreten, vor allem die 35- bis 44-Jährigen mit 18%, die über 65-Jährigen seltener.
  • Geschlecht, Familienstand und auch die Frage, ob die Verschwörungsgläubigen Kinder haben oder nicht – all das spielt keine Rolle.
  • Ein Hauptgrund für den Glauben an die große Verschwörung: Angst vor Kontrollverlust in Bezug auf das eigene Leben.
  • Menschen, die an eine Corona-Verschwörung glauben, halten zu 43% soziale Medien für glaubwürdiger als traditionelle Medien, denen nur 6% vertrauen.
  • Nach einer zweiten Befragung ein Jahr später (2021) war der Anteil derer, die an Corona-Verschwörungsmythen glauben, auf zuletzt rund 9% gesunken. Fazit: Nicht felsenfest überzeugte Verschwörungsgläubige können erreicht werden, vor allem mit fundierter Information.
  • (Quellenangaben am Ende des Artikels)

Was ist ein Verschwörungsmythos?

  • Ein Ereignis wird dadurch erklärt, dass böse Menschen zielgerichtet und im Geheimen daran arbeiten und sich dafür verschworen haben.
  • Wer einen Vorteil von dem Ereignis hat, muss Schuld sein.
  • Der oft verwendete Begriff Verschwörungstheorie ist irreführend, weil er den falschen Eindruck erweckt, es gebe eine ernsthafte Grundlage für die Behauptung.
  • Die Beweisführung erfolgt umgekehrt als vor Gericht: Erst kommt das Urteil, dann die dazu passenden Beweise. Zufälle werden ausgeblendet, komplexe Zusammenhänge stark vereinfacht, die Welt in Gute und Böse unterteilt.
  • Viele Menschen glauben an Verschwörungsmythen, vor allem in Krisenzeiten, denn Verschwörungsmythen liefern klare, einfache und vermeintlich logische Erklärungen und schließen den Zufall aus.
  • Es ist schwierig, mit Menschen, die an Verschwörungsmythen glauben, zu diskutieren. Fakten oder Gegenbeweise ignorieren sie oder nehmen sie sogar als Beleg dafür, dass auch das Gegenüber Teil der vermeintlichen Verschwörung ist.

Angenommen, jemand aus der Familie oder dem Freundeskreis glaubt felsenfest daran, dass es keinen Corona-Virus gibt und die Beziehung ist darüber zerbrochen oder zumindest gestört. Wie kann man helfen? Gerald B. war froh, dass es in seinem Umfeld zu jeder Zeit Menschen gab, die mit ihm im Dialog geblieben sind.

Gerald B. hat früher selbst an Verschwörungsmythen geglaubt und macht sich heute auf seinem YouTube-Kanal dafür stark, Betroffene aufzuklären. Mit ihm haben wir für die Sendung "RESPEKT: Alles Verschwörung - was tun, wenn Menschen abdriften?" gesprochen.

Rat eines Insiders:

Gerald B. | Bild: BR

"Wenn ich so zurückdenke: Von 100 Leuten, die mit mir über meine Verschwörungstheorien geredet haben, sind vielleicht fünf partiell zu mir durchgedrungen und haben einen Treffer erzielt, der mich zum Nachdenken brachte. Und das nicht mit Fakten, sondern mit ehrlichem Interesse und Fragen wie: Warum glaubst du das? Oder: Warum ist das wichtig für Dich? Es sind diese kleinen Nadelstiche, die etwas bewirken, wo ich gemerkt habe, das stimmt so nicht, wie ich das geglaubt hatte."

Gerald B. (ehemaliger Verschwörungsanhänger)

Wer den anderen erreichen will, muss sein Gegenüber vor allem da abholen, wo er oder sie gerade steht ‐ ihn ernst nehmen, empathisch sein, zuhören. Was dann die nächsten Schritte sein können, fragen wir die Expertin Ingrid Brodnig:

Tipps von Ingrid Brodnig

  • Fakten und Quellen prüfen: Niemand ist völlig vor attraktiven Falschmeldungen gefeit, vor allem, wenn einen das Leben aus der Bahn wirft und die üblichen Schutzmechanismen nicht mehr greifen.
  • Einfühlsam auf Fakten hinweisen, denn welcher Mensch ändert schon gerne oder so ganz einfach seine Meinung?
  • Niemals beleidigend werden: Jemanden in einer Diskussion "Covidiot" zu nennen, führt allenfalls dazu, dass sich der andere erst recht in die Gegenrichtung gedrängt fühlt, obwohl ich ihn vorher vielleicht hätte erreichen können, weil er oder sie noch unschlüssig war.
  • Wenn ich auf jemanden reagieren möchte, der Verschwörungsmythen verbreitet: Überlegen, mit wem ich eigentlich diskutieren möchte. Selten ist es der Verschwörungsgläubige selbst, sondern die Mithörenden, die Anwesenden, (im Internet) die Mitlesenden. Auch hier gilt: Einfühlsam auf Fakten hinweisen, gegebenenfalls den direkten, persönlichen Dialog mit dem Einzelnen wählen.
  • Wenn gar nichts mehr geht: trotzdem wertschätzend bleiben. Gegebenenfalls ein Safeword vereinbaren, das ausgesprochen wird, wenn die Diskussion zu hitzig wird und das das Gespräch beendet. Das ist keine Lösung für das Problem, aber ein Weg, überhaupt noch mit dem anderen zu sprechen.
  • Und schließlich sich fragen: Wie wichtig ist mir mein Gegenüber? Wie viel Energie will und kann ich persönlich aufbringen, um das Problem zu lösen oder, im schlimmsten Fall, die Beziehung zu meiner Familie oder meinem Freundeskreis zu retten.

Fachbegriffe aus dem Interview

  • Confirmation-Bias: Das ist ein Bestätigungsfehler: Eine Behauptung, die meiner Wunschhaltung entspricht und die ich deshalb eher für wahr halte.
  • Self-sealing arguments: Das sind sich selbst abdichtende Argumente. Zum Beispiel: "Ja, die Wissenschaftler, die sind gekauft." Und wenn dann ein Gegenargument, ein Faktencheck kommt, dann heißt es: "Ja, das müssen die wohl behaupten!"
  • Nasty-Effekt: Das ist so eine Art Auseinanderdriften des Diskussions-Feldes, wo Leute, die in die eine Richtung neigen, dann noch mehr dorthin gehen und die anderen in die andere Richtung.
  • Covidioten: Schimpfwort für Menschen, die den wissenschaftlichen Fakten rund um das Corona-Virus abwehrend gegenüberstehen.
  • QAnon: So nennt sich eine Gruppe, die seit 2017 von den USA aus rechtsextreme Verschwörungsmythen im Internet verbreitet. Gründer ist ein Mann mit dem Pseudonym "Q", der "Anon"ym bleiben will, daher kommt das Kürzel.
  • Safeword: Ein Signalwort, das man vereinbart, um hitzige Diskussionen stoppen zu können, bevor man sich gegenseitig verbal verletzt. Das kann helfen, damit etwa Gespräche zu Corona-Themen nicht eskalieren.
  • Third-person-effect: Das bezeichnet den Effekt, dass man das Problem des Reinfallens auf Falschmeldungen eher bei anderen verortet. "Die fallen auf so was rein - ich nicht."

Ja. Das Leben kann oft rätselhaft sein ...

Voller Fragen, auf die es keine Antworten gibt. Zumindest keine einfachen. Es gibt auch den einen oder anderen Zufall. Bestimmt gibt es auch Menschen, die einem Böses wollen und einen ungerecht behandeln. Sicher fühlt man sich auch mal ohnmächtig, ausgeliefert und wie ein Spielball ‐ ohne, dass eine Verschwörung dahinter steckt. Wenn wir rational darüber nachdenken, wissen wir das auch. Aber manchmal gibt es Situationen, da sind wir empfänglich für die eine oder andere Stimme, die uns scheinbar eine einfache Antwort liefert. Wenn man sich unsicher ist, ob der Absender vertrauenswürdig ist oder nicht, gibt es Anlaufstellen, an die man sich anonym wenden kann. Eines dieser Angebote ist die Veritas – Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen.


SOS: Wo finden Betroffene Hilfe?

Veritas – Beratungsstelle für Betroffene von Verschwörungserzählungen

Im Januar 2021 gegründet, wird die Beratungsstelle unter der Trägerschaft des Vereins zur interkulturellen Bildung und Gewaltprävention, cultures interactive e.V., von der Landeskommission Berlin gefördert.

Die Beratung ist kostenlos, erfolgt vertraulich über Telefon, E-Mail, online oder in den Räumen der Beratungsstelle.

Kontakt: +49 157 39 29 69 66, kontakt@veritas-beratung.de

Wie und wem hilft Veritas?

  • Beratung von Familien und deren Umfeld
  • Unterstützung für Fachkräfte
  • Beratung zum Kindeswohl
  • Selbsthilfegruppe für Betroffene
  • Distanzierungsbegleitung
  • Telefonberatung CALLSPIRACY


Tipps von Veritas Wie spreche ich mit Verschwörungsgläubigen?

  • Absolutes No-Go: sich über Verschwörungsgläubige lustig machen, vor den Kopf stoßen, zynisch oder überheblich reagieren.
  • Besser: nicht zu sehr mit Fakten argumentieren. Denn dadurch fühlen sich Verschwörungsgläubige in ihrem Weltbild angegriffen. Das wird nur zur Eskalation führen, weil es als ein Angriff auf die eigene Person erfahren wird.
  • Beste Strategie: auf der emotionalen Ebene ins Gespräch kommen. Nachfragen, wo Angst und Ohnmachtsgefühle dahinter stecken. Anstatt zu diskutieren, was richtig ist und was falsch, aufrichtig interessiert sein und zuhören.

Quellen zu "RESPEKT: Zahlen & Fakten"

Studie zu Verschwörungsmythen (Konrad Adenauer Stiftung) S. 3, 4 und 11
(auf Basis einer Befragung im Zeitraum zwischen Oktober 2019 und Februar 2020 "in den Monaten vor Ausbruch der Corona-Pandemie", ebd. S. 6).
Bericht d|part: Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen? S. 4, 5, 7, 8 f., 11 f., 12 f. und 16 ff.
(Einkommens- und Bildungsschichten, Altersgruppen, Bildungsabschlüsse, Politisches Spektrum, eigene Wertehaltungen, Vertrauen in die Medien/Mediennutzung)
BZgA: Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen?
Bericht d|part: Wer glaubt (nicht mehr) an Corona-Verschwörungsmythen? S. 4, 8, 24
(Mediennutzung, Harter Kern, Neue Befragung 2021)
statista: Jüngere sind anfälliger für Verschwörungsmythen
NDR: Studie zu Verschwörungsmythen: Angst spielt eine große Rolle
IW-Report 2/2021: Politisches Informationsverhalten (Mediennutzung)