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Pilze immer noch radioaktiv belastet Tschernobyl ist nicht passé

Auch Jahrzehnte nach Tschernobyl sind Wildpilze immer noch radioaktiv belastet - zum Teil sogar erheblich. Die Höhe der Belastung variiert nach Sorte und Standort. Vor allem Kinder und Schwangere sollten vorsichtig sein.

Stand: 27.09.2022

Korb mit Pilzen, Gefahrenzeichen "radioaktiv" | Bild: colourbox.com, Creativ Collection; Montage: BR

Pilze in Bayern sind auch Jahrzehnte nach der Tschernobyl-Katastrophe zum Teil noch mit radioaktivem Cäsium belastet. Darauf wies das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nach der Veröffentlichung des neuen Pilzberichtes hin. Die Pilze seien vor allem mit Cäsium-137-Isotopen kontaminiert, die hauptsächlich vom Reaktorunfall in Tschernobyl im April 1986 stammen. Cäsium-137 kann sich laut Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) im Knochengewebe einlagern und dort das Erbgut schädigen. Langfristig kann das zu Knochenkrebs und Leukämie führen. Aber auch Restprodukte aus Industrie und Haushalt finden sich in den Pilzfruchtkörpern: Einige Pilze bunkern Schwermetalle wie Cadmium oder Quecksilber. Und dann gibt es auch noch ganz andere, unerwünschte Pilz-Bewohner ...

Regional deutlich über dem Grenzwert

Tschernobyl

Am 26. April 1986 explodierte der Block 4 des ukrainischen Atomkraftwerks "W. I. Lenin" in Tschernobyl - der weltweit erste Super-GAU, nach Fukushima allerdings nicht mehr der einzige. Am 30. April 1986 erreichte die radioaktive Wolke auch Bayern.

Das BfS untersucht jährlich wildwachsende Speisepilze an acht Standorten in Bayern auf eine Belastung mit dem Isotop. Demnach sind vor allem der Bayerische Wald, Mittenwald an der Grenze zu Österreich und das Donaumoos südwestlich von Ingolstadt betroffen. Teilweise wurden laut dem Bundesamt über 4.000 Becquerel Cäsium-137 pro Kilogramm Pilze gemessen. An der hohen Belastung dieser Gebiete wird sich nach Meinung von Fachleuten auch in den kommenden Jahren kaum etwas ändern, denn das radioaktive Cäsium-137 (Cs-137) zerfällt erst nach rund dreißig Jahren zur Hälfte - und nach weiteren dreißig Jahren wiederum zur Hälfte.

Wie hoch die Belastung mit Cäsium-137 ist, schwankt sehr stark je nach Pilzart und Standort. Wie stark Pilze radioaktiv belastet sind, hängt auch von der Bodenbeschaffenheit ab. Während Cs-137 auf landwirtschaftlichen Nutzflächen kaum eine Rolle spielt, weil es dort fest an die Bodenpartikel gebunden wird, ist es in Waldböden für die Wurzeln frei verfügbar.

Manche Pilzsorten besonders stark radioaktiv belastet

Besonders belastet sind laut dem Bundesamt unter anderem Semmelstoppelpilze, Rotbraune Semmelstoppelpilze, Maronenröhrlinge und Trompetenpfifferlinge. Eher unbedenklich seien Blutende Waldchampignons, Safran-Riesenschirmlinge, Braunschuppige Riesenchampignons und Sternschuppige Riesenschirmlinge. Auch Zuchtpilze wie Champignons und Austernseitlinge seien kaum belastet.

Entwarnung für Pilze aus dem Handel

Pilze, die im Handel verkauft werden, dürfen den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm Frischmasse nicht überschreiten. Dieser Grenzwert wurde nach dem Reaktorunfall eingeführt. Seine Einhaltung wird von der amtlichen Lebensmittelüberwachung stichprobenartig kontrolliert.

Aktuelle Messwerte

Beim Bayerischen Landesamt für Umwelt können Sie aktuelle Strahlenmesswerte abfragen. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt immer im Oktober einen Bericht über die radioaktive Belastung von Speisepilzen im Vorjahr heraus.

Selbst gesuchte Schwammerl in Maßen genießen

Wer selbst gesammelte Pilze in üblichen Mengen verzehrt, muss nicht mit negativen gesundheitlichen Folgen wegen des Radioaktivitätsgehalts rechnen. Die Strahlenbelastung sei vergleichsweise gering, wenn wildwachsende Speisepilze in üblichen Mengen konsumiert werden, so das BfS. Die BfS-Präsidentin Inge Paulini rät dennoch, in Bayern selbst gesammelte Pilze nur in Maßen zu verzehren, "um eine unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden".

Cäsium-137 verlagert sich in die Tiefe - und nimmt über die Jahre ab

Myzel eines Pilzes

Weil sich das Cäsium-137 über die Jahre immer weiter in tiefere Bodenschichten verlagerte, nahm die Kontamination bei Pilzen, die ein oberflächennahes Pilzgeflecht ausbilden, mit der Zeit ab. Sie stieg dagegen bei Arten mit einem tief liegenden Myzel. Aufgrund der langsamen Verlagerung in die Tiefe und des radioaktiven Zerfalls werden die Werte in den nächsten Jahren in der Regel allmählich zurückgehen - außer bei solchen Pilzen, deren Pilzgeflecht besonders tief in den Boden reicht. Das BfS untersucht die radioaktive Belastung wildwachsender Speisepilze im Süden Deutschlands seit 2005 und veröffentlicht die Ergebnisse jährlich. Radioaktiv belastet sind übrigens auch einige Wildarten, besonders zum Beispiel Wildschweine.

Pilze sind auch oft mit giftigen Schwermetallen belastet

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung rät auch aus anderen Gründen, den Verzehr von Wildpilzen auf 250 Gramm pro Woche zu beschränken. Sie können sich auch mit giftigen Schwermetallen wie Blei, Quecksilber und Cadmium anreichern. In zu hoher Konzentration können diese Stoffe zum Beispiel Schäden an den Nieren verursachen.

Pilze erhitzen schützt vor dem Fuchsbandwurm

Auf Wildpilzen können Eier des Fuchsbandwurms haften. Der Parasit kann sich zum Beispiel in unserer Leber einnisten und sie zerstören. Die Ansteckungsgefahr ist zwar gering, zudem seien Pilze als Infektionsquelle laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sowie der Deutschen Gesellschaft für Mykologie eher fraglich. Trotzdem sollten selbst gesammelte Pilze immer gründlich gewaschen und nicht roh verzehrt, sondern über 60 Grad Celsius erhitzt werden. Laut dem LGL helfen Einfrieren und das Einlegen in Alkohol nicht, den Erreger abzutöten. Er könne erst bei einer Temperatur von minus 80 Grad Celsius über mehrere Tage hinweg unschädlich gemacht werden. Roh sollte man Wildpilze laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung schon deshalb nicht essen, weil dies zu Unverträglichkeitsreaktionen führen könnte.

Nichts für Schwangere und Kleinkinder

Zellteilung wird gestört

Durch radioaktive Strahlung entstehen unter anderem freie Radikale, die sich zu giftigen Verbindungen zusammenschließen und damit Zellschäden verursachen. Kleinkinder sind besonders betroffen, weil sich die Zellen bei ihnen häufig teilen und die Zellschäden so in großem Maß weitergegeben werden.

Niemand müsse mit gesundheitlichen Folgen durch Strahlenbelastung rechnen, wenn Pilze normal zubereitet und in üblichen Mengen verzehrt werden, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Auch das Umweltinstitut München warnt nicht generell vor Waldpilzen: "Unsere Empfehlung bleibt nach wie vor, dass besonders die so genannten Risikogruppen wie Kinder und Schwangere Waldpilze und andere Waldfrüchte aus ihrem Speiseplan streichen und stattdessen auf unbelastete Zuchtpilze zurückgreifen sollten."

Web-Tipp

Mehr Informationen erhalten Sie beim Umweltinstitut München. Fragen zu Radioaktivitätsmessungen kann die Arbeitsgruppe Radioaktivität beantworten.


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