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LSD und Halluzinogene Wie sie als Therapiemittel eingesetzt werden sollen

Es klingt sonderbar: Rauschmittel wie LSD legal als Therapiemittel einnehmen? Tatsächlich können sogenannte Halluzinogene bei Depressionen helfen, wie Studien belegen. Trotzdem ist Vorsicht geboten.

Published at: 17-8-2022

LSD als Therapie? Bald könnten Psychiater LSD tatsächlich als Therapeutikum einsetzen. Im Bild: Ein in Folie eingeschweißter LSD-Trip mit dem Gesicht von Marylin Monroe.  | Bild: picture alliance /Foto: Markus C. Hurek

LSD steht für Lysergsäurediethylamid und stammt aus einem giftigen Pilz, der Getreide befällt. Auf der Suche nach einem Kreislaufmittel hatte der Basler Chemiker Albert Hofmann die Substanz 1938 entdeckt. Das Mittel, das unser Gehirn beeinflusst und uns in einen traumartigen Zustand versetzt, fand schnell den Weg vom Labor auf die Straße. Die zunächst noch legale Einnahme von LSD prägte vor allem die Hippie-Ära in den 1960er-Jahren. 1966 wurde LSD schließlich in den USA und 1971 auch in Deutschland verboten.

Nun soll das Rauschmittel doch wieder ganz legal eingenommen werden dürfen, als Therapiemittel. Wenn Forscher eine positive Wirkung beweisen können, sollen LSD und andere Halluzinogene - also die Wahrnehmung und das Bewusstsein verändernde Mittel - bei Patienten mit psychischen Erkrankungen eingesetzt werden können. Das ist eigentlich nicht neu: Schon in den 1950er und 1960er-Jahren versuchten Psychotherapeuten und Psychiater Depressionen, Angststörungen und Alkoholismus mit sogenannten psychedelischen Trips, also mit halluzinogenen Drogen, zu behandeln. Wie weit ist die Forschung dazu heute?

Wie wirkt LSD auf das Gehirn?

LSD ähnelt unserem körpereigenen Neurotransmitter Serotonin – ein Botenstoff, über den Nervenzellen - unter anderem im Gehirn - Signale austauschen. Die LSD-Einnahme bewirkt daher, dass Hirnregionen miteinander kommunizieren, die normalerweise wenig miteinander zu tun haben. Wie das genau passiert, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis heute nur teilweise erklären.

Wahrnehmungen, Gefühle und Gedanken werden durch die Einnahme von LSD intensiver. Auch Sinneseindrücke, die das Bewusstsein sonst stärker trennt, werden unter LSD-Einfluss vom Gehirn miteinander verknüpft. Musik kann man dann zum Beispiel riechen. Auch kommt es zu optischen Halluzinationen, weil bei der Verarbeitung visueller Reize eben nicht nur, wie normalerweise üblich, das Sehzentrum beteiligt ist, sondern weitere Hirnregionen.

Generell bindet LSD passgenau an bestimmte Andockstellen im Gehirn, an Rezeptoren, und löst dadurch bestimmte Reaktionen aus. Für das Tripgefühl scheint dabei vor allem der Serotonin-2A-Rezeptor entscheidend zu sein. Schon die Einnahme von 150 bis 200 Mikrogramm des Lysergsäurediethylamids-25, kurz LSD, kann starke Illusionen hervorrufen.

Andere Halluzinogene mit ähnlicher Wirkung

Halluzinogene

Halluzinogene erster Ordnung sind Halluzinogene, die in der Natur vorkommende Substanzen aus der chemischen Gruppe der Indolamine und künstlich hergestellte Phenyläthylamine enthalten.
Zu den Halluzinogenen zweiter Ordnung zählen bestimmte Narkosemittel. Sie zeigen nur bei niedriger Dosierung eine halluzinogene Wirkung, bei höherer Dosierung kommt es zu einer Bewusstseinseintrübung, welche die LSD-ähnliche Wirkung dann überdeckt.

Eine ähnliche Wirkung wie LSD haben auch Psilocybin, Meskalin und DMT. Sie gehören, wie LSD, zu den Halluzinogenen erster Ordnung. Psilocybin wird aus psychoaktiven, auch als "Magic Mushrooms" bezeichneten Pilzen gewonnen, Meskalin aus Kakteen wie dem Peyote Kaktus und DMT stammt von tropischen Pflanzen.

Dauer der Wirkung von LSD und anderen Hallozinogenen

Ein LSD-Trip dauert bis zu 12 Stunden. Bei Psilocybin, dem Halluzinogen, das aus psychoaktiven Pilzen gewonnen wird, ist der Effekt wesentlich kürzer. Hier dauert der Trip nur sechs Stunden, weshalb Forscher diese Substanz häufig in Studien verwenden.

Studie mit LSD: Vielversprechend für Patienten mit Depressionen

Eine Studie zu sogenannten Psychedelika, wie halluzinogen auf die Psyche wirkende Substanzen auch genannt werden, macht derzeit unter anderem Katrin Preller, Neuropsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie ist von der postiven Wirkung der berauschenden Substanzen für bestimmte Krankheitsbilder überzeugt.

"[...] gerade im Bereich von Angst und Depression sowie Suchterkrankungen haben wir erste Ergebnisse, die tatsächlich darauf hinweisen, dass die Substanzen diesen Patienten helfen könnten."

Katrin Preller, Neuropsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Depression: Negative Reize bei Patienten durch LSD schwächer

Für ihre Forschung hat Preller gesunden Probanden LSD gegeben und dann deren Gehirne in einem Magnetresonanztomographen (MRT) gescannt. Dabei konnte sie feststellen, dass die Einnahme von LSD bei depressiven Patienten tatsächlich einen positiven Effekt hat.

"[...] Patienten haben häufig einen negativen Bias, sodass sie negative Reize viel stärker wahrnehmen. Und wir wollten untersuchen, wie das denn unter dem Einfluss von Psychedelika ist und haben im Scanneunseren Patienten erst die Substanz gegeben und sie dann negativen Reizen ausgesetzt. Und da haben wir gesehen, dass das emotionale Zentrum im Gehirn weniger stark auf diese negativen Reize reagiert."

Katrin Preller, Neuropsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Therapie mit LSD: Wie die Therapie abläuft

Depressive oder zum Beispiel an einer Alkoholsucht Erkrankte werden in einer psychedelisch unterstützten Therapie-Studie meist in drei Schritten behandelt:

In ein bis zwei betreuten Sitzungen erhält der Patient eine mittlere oder hohe Dosis einer psychedelischen Substanz. Anschließend folgen noch weitere Sitzungen, in denen der Patient das Erlebte gemeinsam mit einem Therapeuten aufarbeitet.

LSD & Halluzinogene: Wer an einer Studie dazu teilnehmen darf

Wer an einer Studie teilnehmen darf, für die eine LSD-Einnahme Voraussetzung ist, unterliegt strengen Kriterien.

Wer an einer Studie mit Psychedelika teilnehmen darf, dafür haben Katrin Preller, Neuropsychologin aus Zürich, und ihre Kollegen allerdings strikte Ein- und Ausschlusskriterien: Es dürfen nur Menschen mitmachen, die keine Anzeichen für psychotische Erkrankungen zeigen und auch keine Verwandten ersten Grades haben, die eine "Erkrankung im psychotischen Spektrum haben", wie Preller sagt. Der Grund: Beim Umgang mit Psychedelika ist Vorsicht geboten: Laut Preller besteht die Befürchtung, dass die Substanzen bei einer erblichen Vorbelastung psychotische Erkrankungen auslösen können.

Psychedelika können vermutlich psychotische Erkrankungen auslösen

Eine Erfahrung, die auch Tomislav Majic, an der Charité Berlin Leiter der AG für psychotrope Substanzen, macht. Der Psychiater führt derzeit eine Studie zu den Langzeitfolgen von Psychedelika durch.

"Ich sehe eben auch viele Menschen denen es damit wirklich nicht gut geht. [...] – die sagen: Ich habe das gemacht und seitdem ist mein Leben völlig anders – ich komm' nicht mehr klar. Man kann natürlich darüber streiten:, Ist das jetzt nur wegen diesen Substanzen oder hätten die auch irgendwas bekommen, wenn sie diese Substanzen nicht genommen hätten. Der starke Eindruck ist aber, dass [...] die Symptome und Probleme, die auftreten, eng mit dem Konsum [der Substanzen] in Zusammenhang stehen."

Tomislav Majic, Psychiater an der Charité Berlin

Erfahrungen mit LSD: Was Drogen im Körper bewirken

Dass die Einnahme von LSD oder ähnlichen Substanzen Schäden hervorrufen kann, musste auch Moritz leidvoll erfahren. “Wenn man nüchtern ist", sagt er, "dann will man einfach nur, dass es aufhört und das hat's halt nicht, bis heute nicht”.

Mit 16 hatte er angefangen, Cannabis, Partydrogen und LSD zu nehmen, ohne zu wissen, was sie in seinem Körper auslösen. Als er sich freiwillig in psychiatrische Behandlung begibt, bekommt er starke Medikamente und die Diagnose "Hallucinogen Persisting Perception Disorder” - kurz HPPD, auf Deutsch: eine fortbestehende Wahrnehmungsstörung, verursacht durch die Einnahme von Halluzinogenen. "[...] man hat mich hier angefasst und ich hab's da gefühlt", beschreibt Moritz seinen damaligen Zustand.

Was sich die Forscher von Psychedelika erhoffen

Trotzdem setzen Forscherinnen und Forscher wie Katrin Preller große Hoffnungen auf die halluzinogenen Mittel als Therapeutikum in der Psychiatrie:

"Wenn sich in den Studien, die im Moment durchgeführt werden, zeigt, dass die Wirksamkeit von Psychedelika bestätigt wird, dann kann ich mir gut vorstellen, dass Psychedelika als weiteres Werkzeug in der Psychiatrie etabliert werden können."

Katrin Preller, Neuropsychologin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich


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