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Nachgefragt Diskussion

Eine interessante Diskussion ist abhängig von den passenden Fragen. Nur so kann sich ein Gespräch entwickeln. Doch was sind die richtigen Fragen in einer Diskussion? Welche Unterscheidungen gibt es?

Published at: 18-4-2012 | Archiv

Politiker diskutieren im Landtag | Bild: picture-alliance/dpa

Wer dumm fragt, kriegt 'ne dumme Antwort. Wie wahr dieses alte Sprichwort ist, zeigt jedes ermattende Gespräch, jede lahme Diskussion. Dumme Fragen sind Fragen, die zeigen, dass der Fragende nicht mit-, oder gar überhaupt nicht nachgedacht hat, dass er bestenfalls irgendetwas nachplappert, aber nicht interessiert, nicht bei der Sache ist. Das Gegenteil von "dummen Fragen" sind Verständnisfragen, sind alle Fragen, bei denen der Fragende tatsächlich etwas wissen, erfahren will und/oder durch die er etwas (ihm selbst bereits, aber der Öffentlichkeit noch nicht Bekanntes) ans Licht bringt.

Wie eine Antwort ausfällt, das hängt ebenso von dem Fragenden ab wie von dem, der antwortet. Das sollte sich jeder klarmachen, der ein Interview machen oder eine Diskussion leiten will. Die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt und u.U. an die richtige Person stellen – das allein gibt einer Diskussion den nötigen Zündstoff und hält sie in Gang. Was jeweils richtige Fragen sind, ist natürlich vom Thema und der Situation abhängig. Dennoch ist es wichtig, sich über die unterschiedlichen Arten zu fragen bewusst zu werden und ein Gespür dafür zu entwickeln, wann welche Art zu fragen am ehesten angebracht ist.

Unterschiedliche Fragetypen

1. Offene Fragen: Fragen, die meist mit einem der üblichen Frageworte (was, welche, wie, warum ...) anheben, einen mehr oder weniger weiten Diskussionsraum eröffnen und dabei offen lassen und es den anderen überlassen, was sie sagen. Als zündende Startfrage für eine Diskussion sind offene Fragen besonders geeignet, mitten in einer konkreten Diskussion stören sie eher. Bei den offenen Fragen, lassen sich nochmals unterscheiden:

• die völlig offene Frage, die den Teilnehmern die Gelegenheit gibt, sich ganz so zu präsentieren, wie sie wollen. Das kann u.U. auch eine provozierende Frage sein, z.B. als Startfrage bei einer Diskussion über die umstrittene Einrichtung eines neuen Jugendzentrums in Potsdam: Wie steht es um den Rechtsradikalismus in Brandenburg. Entscheidend ist bei der völlig offenen Frage, dass sich alle Teilnehmer (für das Gespräch und das Thema) auf ihre eigene Art öffnen können, mit einer Meinungsäußerung, einer begründeten These, einer sachlichen Erörterung, einer korrigierenden/empörten Rückfrage etc.

• die allgemeine Sach- oder Informationsfrage: Was sind die Pläne des Stadtjugendrings, welche Ziele verfolgt er mit der Einrichtung eines neuen Jugendzentrums? Die Sach- und Informationsfrage ist angebracht, wenn ein größeres bislang nicht unterrichtetes Publikum erst einmal erfahren muss, worum es bei der Diskussion überhaupt geht.

• die Meinungsfrage, die die Teilnehmer nach und nach zu ihrer spezifischen Meinung über etwas befragt: Was halten Sie von der Einrichtung eines neuen Jugendzentrums in Potsdam? Die Meinungsfrage eignet sich, um erst einmal klar die unterschiedlichen Positionen hervorzulocken, die in der Folge kontrovers diskutiert werden sollen.

• die Begründungsfrage, die alle Teilnehmer entschieden dazu auffordert, Gründe für ihre Ansicht zu liefern: Warum sollten wir die Einrichtung eines weiteren Jugendzentrums forcieren/verhindern?

2. Kanalisierende Fragen, auch Tunnelfragen genannt: konkrete Sach- und Verständnisfragen, die sich an bestimmte Teilnehmer zur Aufklärung eines Sachverhalts oder einer Haltung richten und ins Detail oder die Tiefe gehen. Sie sind im Zuge einer informativen/klärenden Diskussion immer wieder nötig, aber am Anfang meist nicht angebracht.

• fokussierende Fragen: Wann erschien die letzte Untersuchung zur Jugendarbeitslosigkeit?

• klärende Nachfragen: Habe ich Sie richtig verstanden, dass die Jugendlichen unter Leitung eines Sozialpädagogen und eines Architekten die meisten Bauarbeiten selbst in die Hand nehmen sollen?

• bohrende oder hartnäckig insistierende Fragen, wenn ein Diskussionsteilnehmer ausweicht: Könnten Sie noch einmal konkret sagen, was sie dazu bewogen hat, gegen das Verbot der NPD zu protestieren?

3. Alternative Fragen, die den Befragten nur die Wahl/Entscheidung zwischen zwei bereits vorgegebenen Antworten lassen. Sollen wir das Thema Rechtsradikalismus jetzt aus der Diskussion um das neue Jugendzentrum streichen oder weiterhin berücksichtigen? Alternative Fragen sind geeignet, um innerhalb der Diskussion das allgemeine Verfahren miteinander abzustimmen; sie können aber auch – wenn sie intelligent und zur rechten Zeit gestellt werden – brisant Diskussionen/Positionen zuspitzen. Wenn sie schlapp sind wie unsere Beispielfrage, geben sie indes den Teilnehmern Gelegenheit, beliebig (auf Meinungsäußerungen/Begründungen/ins Allgemeine) auszuweichen.

4. Geschlossene Fragen, die dem Duktus nach ein klares Ja oder Nein vom Befragten verlangen. Haben Sie schon einmal ein Jugendzentrum geleitet? Unter dem Mantel der geschlossenen Frage verbergen sich gern unfaire bis fiese, aber u.U. (nämlich wenn lückenlos recherchiert und bestens begründet) provozierende Fragen.

• Suggestivfragen, die im Grunde schon das Ja oder Nein, also die Entscheidung des Befragten vorwegnehmen. Sie sind doch wohl auch der Ansicht, dass wir alles nur Mögliche gegen den steigenden Rechtsradikalismus unternehmen müssen?

• Fangfragen, die nur dem Schein nach auf ein Ja oder Nein zielen, in Wahrheit den Befragten bloßstellen oder ihm etwas Übles unterstellen: Stimmt es, dass Sie aufgehört haben, Ihre Frau zu schlagen? Oder um bei unserem Beispiel zu bleiben: Stimmt es, dass Sie seit drei Monaten keine ausländischen Kinder mehr verprügeln?

5. Rhetorische Fragen, die in Wirklichkeit nicht auf eine Antwort aus sind, sondern einen Konsens aller Teilnehmer herstellen und ins Licht rücken wollen. Sollen wir unsere Jugendlichen weiter auf der Straße herumlungern/irren lassen?


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