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Bernhard Grzimek Mit viel Platz für Tiere im Herzen

Tiere im Herzen und auf dem Arm: Bei Bernhard Grzimeks Dokuserie "Ein Platz für Tiere" war stets ein tierischer Gast dabei, damit erlangte er Kultstatus. Der Zoologe war nicht nur ein Pionier des Naturschutzes, sondern auch Oscar-Gewinner, PR-Profi - und ein großer Scherzbold.

Stand: 28.04.2021

Bernhard Grzimek mit Orang Utan | Bild: picture-alliance/dpa

"Guten Abend, meine lieben Freunde" - mit diesen immer gleichen Worten begrüßte Bernhard Grzimek von 1956 an Fernsehzuschauer zur Live-Sendung der ARD "Ein Platz für Tiere". Immer mit dabei: ein tierischer Gast. Mal machte es sich ein Affe auf dem Moderationstisch gemütlich, mal ringelte sich eine Schlange um seinen Hals, mal verhätschelte er einen Geparden auf seinem Arm. Grzimek moderierte die Sendung 175 Mal, drei Jahrzehnte lang, bis zu seinem Tod am 13. März 1987.

Schock durch den Fernsehonkel

Die seinerzeit erfolgreichste Dokumentarserie der Welt hatte traumhafte Einschaltquoten von bis zu 70 Prozent. Doch der freundliche Fernsehonkel Grzimek wusste über 30 Jahre lang nicht nur zu unterhalten, er konnte auch schockieren:

In den 1960er-Jahren prangerte er als einer der ersten das Abschlachten kanadischer Robbenbabys an. Er wetterte gegen die Pelzindustrie und machte den Gourmets Schildkrötensuppe und Froschschenkel madig. "Damit hat er sich nicht immer Freunde gemacht, es gab auch Lokalverbote", erzählte sein Enkel Christian Grzimek.

Enthüllungsjournalist in der Legehennenbatterie

Nachhören

Bernhard Grzimek Urteil im sogenannten KZ-Eier-Prozess (26.05.1976)

1974 machte der Medienstar, Filmemacher und Herausgeber der Zeitschrift "Das Tier" und der Fach-Enzyklopädie "Grzimeks Tierleben" die Tierquälerei bei der Massentierhaltung öffentlich: Grzimek schlich sich in den Hühnerstall seines Eierlieferanten und filmte ohne Dreherlaubnis all die "Gräulichkeiten" (Grzimek) einer Legehennenbatterie, die bis dahin noch niemand gesehen hatte.

Die ersten Schritte in Richtung Naturschutz machte Grzimek zwei Jahrezehnte zuvor in Afrika.

Zoodirektor als Retter der Wildnis

Grzimek konnte nicht nur gut mit Tieren, sondern auch mit seinen Zuschauern.

Anfang der 1950er-Jahre reiste der Zoodirektor nach Afrika, um den Bestand seines Tierparks aufzustocken und das Verhalten wilder Tiere zu studieren. Doch schon bald wandelte er sich auch zum Natur- und Umweltschützer, dessen größte Leidenschaft es war, die Wildnis zu erhalten. So wurde er zu einem der wichtigsten Wegbereiter des weltweiten Naturschutzes: Viele große Schutzgebiete - zum Beispiel die Serengeti in Ostafrika, aber auch der Naturpark Bayerischer Wald - sind seinem Engagement zu verdanken. Grzimek habe den Naturschutz in die Moderne geführt, sagt Manfred Niekisch, der von 2008 bis 2017 der Direktor des Frankfurter Zoos war. "Insbesondere hat er es verstanden, die damals ganz neuen Massenmedien Film und Fernsehen für seine Zwecke und Ziele zu nutzen."

Grzimek, der doch nicht so ganz perfekte Tierschützer

Bernhard (l) und Michael (r) Grzimek sind 1954 mit einer Pygmäenfamilie unterwegs.

Für Niekisch war Grzimek in vielem ein Vorreiter für moderne Zoos: Die Zooschule in Frankfurt sei damals bundesweit einmalig gewesen. Grzimek habe sich auch für Türklappen eingesetzt, damit die Tiere selbst jederzeit ins Außengehege und wieder zurück gelangen konnten. Mit dem "Sammeltrieb" vieler Kollegen, die auf begrenztem Raum möglichst viele Tiere zeigen wollten, habe Grzimek nichts anfangen können. Kritisch bewertete Manfred Niekisch dagegen, dass Grzimek Tiere im Fernsehstudio vorführte: "Wenn wir den Artenschutz ernst nehmen und Tiere vernünftig präsentieren wollen, dann nicht im Studio, sondern in ihrer natürlichen Umgebung." Auch Grzimeks Liebe zum Zirkus mit Tierdressuren kann Niekisch nicht teilen: "Ich bin der Meinung, dass Wildtiere nicht in den Zirkus gehören."

Nationalpark Serengeti

Michael Grzimek stirbt in der Serengeti

Am Ngorongoro-Krater in Tansania steht ein Denkmal für Vater und Sohn Grzimek. Hier sind sie auch begraben.

Mit seinem Dokumentationsfilm "Serengeti darf nicht sterben" schrieb Grzimek Filmgeschichte - als erster Deutscher nach dem Krieg erhielt er dafür 1960 einen Oscar. Bei den Dreharbeiten starb jedoch sein Sohn Michael: Sein Flugzeug stürzte ab, nachdem es mit einem Gänsegeier zusammengestoßen war. Aus der Luft hatte er die Herden der ostafrikanischen Steppentiere gezählt.

Bernhard Grzimek macht die Serengeti unsterblich

Grzimek 1960 mit Oscar

Der Film sollte den einzigartigen Nationalpark retten. Das ist immerhin gelungen: Die Serengeti wurde weltberühmt und gilt nach wie vor als eines der erfolgreichsten Naturschutzprojekte weltweit. Mit dem Forschungszentrum in der Serengeti und dem Nationalpark, für dessen Gründung sich Grzimek eingesetzt hatte, sind seine Spuren bis heute gegenwärtig. "Ich denke, wenn Grzimek heute die Serengeti sehen könnte, wäre er froh, dass sie noch immer besteht und gut geschützt wird", sagte Masegeri Rurai von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt in der Serengeti.

"Die alten Leute reden immer noch von dem weißen Mann mit dem kleinen Flugzeug mit den Zebrastreifen, der die Tiere so sehr liebte."

Masegeri Rurai, Mitarbeiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt in der Serengeti

Bernhard Grzimek

Grzimek wurde am 24. April 1909 im oberschlesischen Neiße geboren. Dass sein Großvater Hühner im Garten hielt, faszinierte ihn als Kind: Über die Hühnerhaltung schrieb er als Schüler die ersten Bücher. Später wurde er Tierarzt und beschäftigte sich mit Verhaltensforschung. 1945 übernahm er in Frankfurt die Leitung des zerstörten Zoos, baute ihn wieder auf und machte ihn berühmt. Dass sein Sohn Michael bei Dreharbeiten in der Serengeti ums Leben kam, hat Grzimek nie verwunden. Daran zerbrach auch seine Ehe mit Hildegard, die er 1930 geheiratet hatte. 19 Jahre nach dem Tod seines Sohnes heiratete Grzimek Michaels Witwe Erika, seine Schwiegertochter. Am 13. März 1987 brach Grzimek bei einem Zirkusbesuch in Frankfurt tot zusammen. Er wurde 77 Jahre alt. Seine Urne wurde neben dem Grab seinens Sohnes am Ngorongoro-Krater in Tansania beigesetzt.

Der beliebte Scherzbold

Bernhard Grzimek wird als ungeheuer fleißig, streitbar und eitel beschrieben, immer seriös und korrekt gekleidet - doch er hatte auch eine andere Seite: Er war auch gerne richtig albern, legte Furzkissen und künstliche Hundehaufen aus und freute sich wie ein Kind, wenn er jemanden damit erschreckte. Unvergessen auch, wie er während eines offiziellen Banketts in Simbabwe plötzlich in seine Jackentasche griff und seiner Tischnachbarin eine lebendige Gottesanbeterin in den Ausschnitt steckte. Die Dame fiel in Ohnmacht. Verziehen wurde ihm jedoch immer. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod gehört Bernhard Grzimek zu den bekanntesten und beliebtesten Deutschen.


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