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Bartgeier in den bayerischen Alpen Zwei neue Bartgeier ausgewildert

Nach 100 Jahren soll der Bartgeier wieder in den bayerischen Alpen heimisch werden. Von den beiden 2021 ausgewilderten Bartgeier-Weibchen hat Wally nicht überlebt, doch Bavaria hat jetzt Verstärkung: Zwei neue Bartgeier wurden ausgewildert.

Stand: 09.06.2022

Mit fast drei Metern Spannweite gehört der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. 1913 wurde der letzte Bartgeier in den Alpen getötet, die mächtigsten Flieger in den Bergen waren ausgerottet. Und nicht nur hier: Da es die Aasfresser nur in alpiner Umgebung gibt, waren Bartgeier damit in ganz Deutschland ausgestorben.

Bartgeier sind für Menschen und Tiere ungefährlich

Der Bartgeier wurde ausgerottet, weil man ihm nachsagte, Lämmer oder sogar kleine Kinder zu stehlen. Für Menschen, Haus-, Nutz- und Wildtiere besteht jedoch keine Gefahr. Der Vogel gehört nicht zu den aktiven Beutegreifern, er ernährt sich von Aas und Knochen.

Fünf faszinierende Fakten über Bartgeier

Der Bartgeier kehrt in die Alpen zurück

In einem internationalen Projekt zur Wiederansiedlung haben der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogelschutz) und der Nationalpark Berchtesgaden erstmals am 10. Juni 2021 zwei junge Bartgeier in den Alpen in die Freiheit entlassen, als Beginn eines großen Auswilderungsprojektes. Die beiden Weibchen "Wally" und "Bavaria", die aus spanischer Nachzucht stammen und zu diesem Zeitpunkt rund 100 Tage alt waren, bezogen ihre neue Heimat: eine Felsnische in 1.300 Metern Höhe am Knittelhorn im Klausbachtal.

Bartgeier Wally tot aufgefunden

Fund der toten Wally

Einer der ersten ausgewilderten Bartgeier hat es leider nicht geschafft: Im Mai 2022 wurden von Wally nur noch ein paar Federn und Knochen gefunden, nachdem sie schon einen Monat lang verschwunden war. Die genaue Ursache ihres Todes wird wohl nicht mehr herauszufinden sein, doch die Experten vermuten ein natürliches Ereignis, etwa ein Unwetter oder den verlorenen Kampf mit einem Steinadler.

Zwei neue Bartgeier-Weibchen im Anflug

Bavaria, die 2021 zusammen mit Wally ausgewildert wurde, bekam jedoch wieder Verstärkung: Am 9. Juni 2022 wurden die beiden jungen Bartgeier-Weibchen Dagmar und Recka in den Berchtesgadener Alpen freigelassen. Die beiden stammen aus dem gleichen Nachzuchtprojekt in Spanien und werden, bis sie flügge sind, im Nationalpark in derselben Nische wohnen wie zuvor Wally und Bavaria.

Neue Bartgeier beobachten

Wer aktuell wissen will, wie es den Bartgeiern in Berchtesgaden ergeht, kann sie in ihrer Auswilderungsnische über die Webcam live beobachten, ihre Flugrouten verfolgen und auf dem Bartgeier-Blog vom LBV mitlesen.

In den kommenden Jahren sollen weitere Bartgeier-Auswilderungen folgen. Als Aas- und Knochenverwerter sind Bartgeier ein wichtiges Endglied in der Nahrungskette in den Alpen.

Bartgeier: Gesundheitspolizei und Müllabfuhr

Magensäure löst Knochen auf

Bartgeier gelten als die "Gesundheitspolizei" und "Müllabfuhr" der Natur: Sie besitzen die stärkste Magensäure im Tierreich, sie ist vergleichbar mit Batteriesäure. Der Bartgeier ernährt sich von Aas und hauptsächlich von Knochen, die davon fast vollständig aufgelöst werden. "Das kennt man sonst nur von Hyänen", sagt Markus Erlwein.

Knochen werden verschluckt oder zertrümmert

Röhrenknochen von bis zu 30 Zentimetern Länge und einem Durchmesser von fünf Zentimetern kann ein Bartgeier am Stück verschlucken. Größere Skelettteile wirft der Bartgeier auf Felsen, um sie zu zertrümmern. Um aktiv große Beute zu schlagen sind weder sein Schnabel noch seine Krallen ausgelegt.

Weil seine Nahrung relativ trocken ist, muss ein Bartgeier im Gegensatz zu fleischfressenden Greifvögeln regelmäßig trinken. Er braucht also auch Quellen und Bäche in seinem Territorium.

"Mit dem Bartgeier-Projekt geht es uns darum, eine stabile Bartgeier-Population in Zentraleuropa zu schaffen, die sich natürlich und zuverlässig vermehrt. Und natürlich darum, die biologische Vielfalt zu erhalten. Der Bartgeier schließt außerdem eine ökologische Nische: Aasfresser gibt’s viele, aber Knochenaufräumer nicht."

Markus Erlwein, LBV-Pressesprecher

Bartgeier-Projekt in Berchtesgaden über zehn Jahre

Für das Gesamtprojekt der Bartgeier-Auswilderung ist ein Zeitraum von zehn Jahren vorgesehen. Jedes Jahr sollen im Nationalpark Berchtesgaden zwei bis drei junge Bartgeier ausgewildert werden. Wie viele Bartgeier es letztlich tatsächlich werden, hängt nicht nur davon ab, wie viele von ihnen in freier Wildbahn überleben, sondern auch davon, wie viele in den Zuchtstationen tatsächlich geboren werden. Der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer erklärt: "Bei Projekten dieser Art muss man in langen Zeiträumen denken, um dauerhaft Erfolg zu haben. Das ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon."

Bartgeier in den Alpen

Seit den 1980er-Jahren versucht man, Europas seltenste Geierart wieder in den Alpen anzusiedeln. Im Rahmen des alpenweiten Wiederansiedlungsprogramms wurden seit 1986 bereits rund 230 Bartgeier ausgewildert. Experten schätzen den Gesamtbestand in den Alpen auf gut 300 Tiere. Noch ist die genetische Vielfalt der Population aber sehr gering: "Die 300 Bartgeier, die es jetzt im Alpenraum gibt, haben alle die gleichen circa 15 Vorfahren", erläutert Bartgeier-Experte Toni Wegscheider. Ohne weitere Stützung der Population aus gezielten Nachzuchten wäre mit einem hohen Grad an Inzucht zu rechnen. Zielgröße für eine selbsterhaltende Population sind rund 1.000 Tiere.

Während sich die Greifvögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, sind es in den Ostalpen immer noch zu wenige Tiere. "Daher möchten wir dem Geier hier ganz besonders unter die Flügel greifen mit dem Ziel, die Brücke von den Pyrenäen über die Alpen und den Balkan bis zu den Vorkommen in der Türkei zu schlagen", erklärt Roland Baier, Leiter der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden.

Zukunft der Bartgeier in Bayern ungewiss

Die Überlebensquote ausgewilderter Bartgeier beträgt erfahrungsgemäß im ersten Jahr 88 Prozent, im zweiten sogar 96 Prozent. Für in der Wildnis geschlüpfte Vögel sind das unerreichbare Werte. Doch später geht es rapide abwärts: "Wir nehmen an, dass im Alpenraum 30 Prozent aller Bartgeier elendig an Bleivergiftung sterben", berichtet Bartgeier-Experte Wegscheider. In Österreich treffe es sogar rund die Hälfte. "Die ersticken bei lebendigem Leib, die verhungern bei lebendigem Leib", je nachdem, welches Organ das Nervengift, das die Bartgeier beim Aasfressen aufnehmen, beeinträchtigt.

Blei-Vergiftung: Gefahr für Greifvögel

Die jährlich rund 100.000 Tonnen Blei gelangen in der EU zu einem Siebtel durch bleihaltige Munition in die Umwelt. Forschende haben errechnet, dass es ohne Blei in der Munition viel mehr Greifvögel gäbe. Die Greifvögel fressen mit dem toxischen Schwermetall verseuchte Tiere, die beispielsweise zuvor angeschossen oder erlegt wurden. Das Forschungsteam berichtet im Fachjournal "Science of the Total Environment", dass rund 55.000 erwachsene Vögel aus dem Luftraum verschwanden - aufgrund von Vergiftungen.

Nationalpark Berchtesgaden gut für Bartgeier geeignet

Dass der Nationalpark Berchtesgaden hingegen ein geeignetes Zuhause ist, zeigte eine Machbarkeitsstudie, die der LBV 2019 durchgeführt hat: Laut Studie könnte sich der Bartgeier im Nationalpark Berchtesgaden wohlfühlen, weil er in der Region auch früher schon zu Hause war. Die verkarsteten Bergregionen mit ihrer starken Thermikbildung, vielen Gämsen und Steinböcken und wenig Infrastruktur wie Seilbahnen kommen dem Bartgeier zugute. Die Jäger dort verzichten auf bleihaltige Munition, andernorts sterben viele Bartgeier an einer Bleivergiftung, weil sie damit erlegtes Wild fressen. Generell eignet sich die Lage auch gut dafür, einen ostalpinen Bestand aufzubauen. Und die Berchtesgadener Bevölkerung ist durch die Salzburger Gänsegeier-Kolonie schon vertraut mit Geiern.

Bartgeier Bavaria in der Steiermark

Noch bis zum Herbst 2021 hielten sich Wally und Baravia häufig im Klausbachtal auf. Dann ging für Bavaria die große Erkundungstour los: Sie flog in die nördlichen Kalkalpen und hielt sich dort in der Hochschwabgruppe in Österreich auf, genauer in der Steiermark. Wally hingegen blieb den bayerischen Alpen treu. Ihre Überreste wurden im Zugspitzgebiet gefunden.

Zum Brüten zurück in die eigene Kinderstube

Bartgeier ziehen weite Wege. Doch wenn alles gut geht, erinnern sich Bartgeier-Weibchen mit Eintritt der Geschlechtsreife - etwa im Alter von fünf bis sieben Jahren - an ihre gute Kinderstube und kehren zum Brüten in die Berchtesgadener Alpen zurück. Deshalb werden die Bartgeier ausgewildert, wenn sie noch möglichst jung sind. "In diesem Alter speichern sie die Landschaft, die Umgebung als ihre Heimat," erklärt Toni Wegscheider. "Das ist eine Prägung, sodass wir hoffen können, dass sie Jahre später, wenn sie sesshaft werden, wieder in dieses Revier zurückkommen." Ihr Revier werden sie jedoch auch dann jenseits des Nationalparks haben: 300 Quadratkilometer umfasst der Lebensraum eines Bartgeier-Paares. Der komplette Nationalpark Berchtesgaden ist etwa 210 Quadratkilometer groß. "Es ist Lebensraum ohne Ende da, es gibt ja noch keine Bartgeier bei uns", meint Bartgeier-Experte Toni Wegscheider.

An diesen Merkmalen erkennen Sie Bartgeier

  • Bartgeier gehören mit einer Flügelspannweite von 2,90 Metern zu den größten flugfähigen Vögeln.
  • Bartgeier fliegen oft sehr langsam in nur wenigen Metern Höhe.
  • Ihre Flügel laufen spitz zu, die Steuerfedern keilförmig.
  • Ihren Namen haben sie wohl von den dunklen Federn im Gesicht, die an einen Bart erinnern.
  • Das Federkleid junger Bartgeier ist noch dunkelbraun, der Kopf dunkel.
  • Auf dem Rücken befindet sich eine V-förmige Zeichnung, die ab dem dritten Jahr verschwindet.
  • Nach der Mauser werden Brust, Bauch und Kopf weiß.
  • Ältere Bartgeier färben sich die Federn: Die hellen Gefiederbereiche werden durch das Baden in eisenoxidhaltigem Schlamm orange. Warum der Bartgeier das macht, ist unklar. Experten vermuten, es könnte dabei helfen, die Federn vor Abnützung zu bewahren, die Körpertemperatur zu regeln, vor Parasiten zu schützen, oder ein Statussignal sein.

Bartgeier profitieren vom Schnee

Während die meisten Vögel im Frühling Eier legen, brütet der Bartgeier mitten im Winter, egal, wie kalt es ist und wie viel Schnee liegt. Rund 50 Tage werden die Eier bebrütet - und wenn die bis zu zwei Küken dann gegen Ende des Winters schlüpfen, gibt es in den Bergen ein reichhaltiges Aas-Angebot an verunglückten Wildtieren, die der Schnee freilegt. Gämsen und Steinböcke zum Beispiel, die in Lawinen verendet sind und dann im tauenden Schnee zum Vorschein kommen.

Schwächeres Bartgeier-Küken wird getötet

"Dank einer Synchronisierung des Schlupfzeitraums mit der Schneeschmelze ist sichergestellt, dass genügend Tierkadaver vorhanden sind, mit denen die Eltern ihre Küken füttern können", erklärt Wegscheider. Schlüpfen tatsächlich zwei Jungvögel, überlebt immer nur das stärkere Küken, das schwächere wird getötet. "Das ist nachvollziehbar, da bei insgesamt fast vier Monaten Nestlingszeit in der Natur und Unmengen von Futter, die solch ein heranwachsender Geier fressen muss, die Eltern niemals zwei Junge aufziehen könnten", erklärt LBV-Bartgeierexperte Wegscheider.

Bartgeier-Bestände wachsen nur langsam

Dass die Vögel erst so spät geschlechtsreif werden und in freier Wildbahn pro Brut nur ein Küken großgezogen wird, sind auch die Gründe, warum sich die Bestände nur so langsam ausbreiten. Auch in der Aufzuchtstation müssen zwei Küken sofort nach dem Schlüpfen voneinander getrennt werden. Bartgeier werden in Zoos bis zu fünfzig Jahre alt, in freier Wildbahn mehr als dreißig. Mit bayerischem Nachwuchs muss man sich noch einige Jahre gedulden. Der LBV hofft jedoch, dass die ausgewilderten Bartgeier-Weibchen andere Bartgeier animieren, Bayern für sich zu entdecken.

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Die internationale Stiftung koordiniert die europaweiten Zuchtstationen und legt die Vergabe der Jungvögel auf die Auswilderungsorte seit 2013 fest. Mehr als 40 spezialisierte Zoos, darunter auch der Nürnberger Tiergarten, und Zuchtstationen haben sich zu einem internationalen Netzwerk, dem Erhaltungszuchtprogramm des Europäischen Zooverbands (EEP), zusammengeschlossen.
Von Berlin über Wien bis Nowosibirsk und Helsinki werden Bartgeier von erfahrenen Pflegern und anderen Spezialisten gezüchtet. Der Bartgeierbestand im Erhaltungszuchtprogramm liegt derzeit bei etwa 180 Vögeln, unter denen rund 40 Paare 2021 erfolgreich gebrütet haben.


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