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Weißstorch in Bayern Jahr für Jahr mehr Störche

In Bayern sieht man wieder mehr Störche lässig in den Wiesen stehen. Manche werden richtig faul: Statt in Afrika oder Spanien zu überwintern, bleiben sie einfach hier. Das wirkt sich auf den Weißstorch-Bestand aus, die Zahl der Brutpaar wächst jedes Jahr.

Stand: 28.02.2022

Vielleicht haben Sie es selbst bemerkt: Es gibt immer mehr Weißstörche. Was vor zwei Jahrzehnten noch selten war, ist jetzt wieder häufig zu bemerken: Ein Klappern über uns, große Nester auf alten Schornsteinen und schwarz-weiße Gestalten, die durch die Wiesen staksen.

Jetzt kommen die Zugvögel wieder aus ihren Winterquartieren - und die liegen nicht mehr unbedingt in Afrika. Vor allem die westdeutschen Weißstörche, auch die aus Bayern, sparen sich inzwischen häufig den weiten und gefährlichen Weg über die Meeresenge bei Gibraltar und bleiben einfach in Spanien, wo sie auf Müllhalden und in Reisfeldern genug Nahrung finden.

Storchen-Paradies Müllhalde

Dadurch überleben viel mehr Störche: Im vergangenen Jahrzehnt ist die Zahl an Weißstörchen in Deutschland gewaltig gewachsen - um 63 Prozent: 7.500 Brutpaare gibt es inzwischen landesweit; 2010 waren es nur 4.600 Storchen-Paare.

"Wir haben in den letzten Jahren einen steigenden Bestand in Bayern. Und wir haben jedes Jahr einen neuen Rekord an Storchenpaaren."

Oda Wieding, Weißstorchexpertin des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern (LBV), 2020

750 Storchenpaare in Bayern im vergangenen Jahr

Wieder häufiger zu sehen: Storchennester auf dem Dach

Wie viele Paare in diesem Jahr in Bayern brüten, kann man jetzt noch nicht sagen. Doch 2021 wurde ein neuer Rekord aufgestellt: Mehr als 800 Storchenpaare zählte der LBV in Bayern, rund fünfzig Paare mehr als im Jahr davor. Vor allem in Schwaben und Franken wurden viele Neuansiedlungen von Störchen festgestellt. Und trotz schwerer Regenfälle im späten Frühjahr war der Bruterfolg 2021 durchschnittlich gut.

Für dieses Jahr beginnt die Brutphase der Weißstörche erst gerade. Ob sie erfolgreich wird, hängt auch vom Wetter ab: Regenphasen im Frühjahr können Jungtieren gefährlich werden, weil sie dann nass werden und auskühlen. Und weil die Altstörche in ihrem Nest bleiben, um den Nachwuchs zu schützen, bekommt der auch noch weniger Futter. "Bei zwei Tagen Dauerregen kann das dann kritisch werden", erklärt Wieding. Bis zu 60 Prozent der Jungvögel sterben im ersten Jahr, viele von ihnen verhungern.

Manche Weißstörche sparen sich den Flug gen Süden ganz

Etwa 300 Störche pro Jahr verzichten laut LBV sogar ganz auf die beschwerliche Reise gen Süden und bleiben den ganzen Winter in Bayern. Besonders Tiere aus Aufzucht- oder Ansiedlungsprogrammen würden nach ihrer Auswilderung oft auch in der kalten Jahreszeit hier bleiben. Die bequemen Zuchtvögel würden dann ihre Partner dazu verleiten, auch hier zu bleiben. Kalt wird ihnen im Winter in Bayern dank ihres Federkleids nicht: "Die haben ihre Daunenjacke schon an", sagt Oda Wieding. Und Nahrung würden sie notfalls auch im Goldfischteich finden.

Im folgenden Frühjahr haben diese winterfesten Storchen-Paare einen gewaltigen Vorteil: Sie können sich die besten Nester aussuchen, lange bevor die Storchen-Konkurrenz aus Spanien oder gar Afrika anreist.

Störche brüten gern in Kolonien

Jungstörche siedeln sich gern in Gesellschaft an, dadurch kommt es inzwischen immer häufiger vor, dass sich in einzelnen Dörfern zwanzig und mehr Storchennester finden. Manchmal wird es eng, da kann es passieren, dass ein verspäteter Weißstorch auf einen Baukran oder eine Solaranlage ausweicht.

Kein Artenhilfsprogramm für den Weißstorch mehr nötig

Weil sich der Storch bei uns wieder derart wohl fühlt, gab der LBV bereits 2017 bekannt, dass das Artenhilfsprogramm zur Rettung des Weißstorchs in Bayern eingestellt wird. Von der Roten Liste Bayerns wurde er "entlassen", er gilt seit 2016 nicht mehr als gefährdet. Initiiert wurden die Schutzmaßnahmen vom LBV, dem Bayerischen Umweltministerium und dem Bayerischen Landesamt für Umwelt im Jahr 1984. In den 1980er-Jahren konnten nämlich nur noch knapp 60 Brutpaare in ganz Bayern gezählt werden. 2017 waren es dann wieder rund 480. Damit galt der Bestand in Bayern als gesichert.

Erfolgreiche Schutzmaßnahmen für den Storch

In den 1980er-Jahren machten dem Storch Flurbereinigung und Flächentrockenlegung fast den Garaus. Es wurde sogar befürchtet, der Weißstorch könnte aussterben. Lange stand er als "gefährdet" auf der Roten Liste Bayerns und der Roten Liste Deutschlands. "Dieser schwarzen Zukunft für den weißen Storch wollten wir und unsere Partner Schutzmaßnahmen entgegensetzen", erklärte Norbert Schäffer, Vorsitzender des LBV, 2017. Zusammen mit rund 350 ehrenamtlichen Storchenbetreuern wurden Tümpel und feuchte Grünlandbereiche geschaffen, Nisthilfen renoviert und neu gebaut. Mit der Unterstützung von Hauseigentümern, Bürgermeistern und Feuerwehren wurden Horstplattformen auf Gebäuden aufgestellt. Landwirte und Gemeinden wurden beraten, wie Talwiesen bewirtschaftet und Siedlungen und Straßen storchfreundlich angelegt werden können. Ein Großteil der Strommasten in Bayern ist mittlerweile so gesichert, dass Störche von ihnen keinen Stromschlag mehr abbekommen.

"Den Weißstorchbestand wird der LBV aber über ein Monitoring weiter im Auge behalten, da sich Faktoren, wie zum Beispiel der Zustand der Winterquartiere der Zugvögel, durch mögliche neue EU-Regelungen und Anreize jederzeit ändern können."

Norbert Schäffer, LBV-Vorsitzender

200 Hektar pro Storchenpaar

Weißstörche sind anmutige Großvögel und gelten als Frühlingsboten und Glücksbringer. Weil der Weißstorch hohe Ansprüche an seinen Lebensraum und seine Nahrung stellt, hat er es aber nicht einfach. Für sein Nest sucht er sich bevorzugt Haus- und Stalldächer aus. Ein Storchenpaar braucht rund 200 Hektar feuchtes, nicht landwirtschaftlich genutztes Grünland in der Nähe seines Horstes, um ausreichend Nahrung zu bekommen. Allein ein Jungstorch vertilgt pro Tag etwa ein Pfund Lebendfutter. Der Weißstorch liebt offene Landschaften, feuchtes Grünland und Flussauen, die regelmäßig überschwemmt werden. Hier findet er Frösche und Fische. In Wiesen und Weiden pickt er vor allem nach Insekten, Eidechsen, Schlangen und Regenwürmern.

Störche im bayerischen Winter

Eigentlich überwintern sie in wärmern Gefilden, immer öfter sieht man Störche aber auch im Winter bei uns. Aufgrund des Klimawandels und der milden Winter kam es in den vergangenen Jahren gelegentlich vor, dass Störche entweder gar nicht oder zumindest nicht mehr so weit ziehen - und dann auch früher wieder hier sind. Vor wenigen Jahrzehnten wurden Anfang März eintreffende Tiere als Frühankömmlinge bezeichnet. Seit einigen Jahren kehren die Störche bereits Mitte Februar, einzelne sogar noch früher, aus Spanien zurück. Die frühen Vögel sichern sich die besten Nester.

Im Zweifel ziehen sie weiter

Auch wenn Störche durch Schnee stapfen, sollte man sie nicht füttern, damit sie sich nicht daran gewöhnen. Bei milderen Temperaturen finden die Störche auch hier genügend Nahrung. Und sollte der Winter doch strenger ausfallen, ziehen die Daheimgebliebenen in das etwas wärmere Klima am Bodensee oder Neusiedler See um oder weichen doch noch nach Spanien aus. Erfrieren müssten die Tiere nicht: "Dem Storch als großem Vogel macht die Kälte kaum etwas aus. Er kann die Wärme wesentlich besser speichern als kleine Singvögel wie Meise oder Spatz, die immer bei uns überwintern", erklärt LBV-Storchenbeauftragte Oda Wieding. Wer überwinternde Störche beobachtet, kann sie dem LBV melden. Dann überwacht die jeweilige Kreisgruppe die Einzeltiere.

Hintergrund Storchenzug

Weißstörche (Ciconia ciconia) leben im Sommer auf der Iberischen Halbinsel, in Mittel- und Osteuropa bis zum Ural. Außerdem gibt es Populationen in der Türkei, dem Kaukasus sowie in Zentralasien.

Die sogenannten Oststörche Europas fliegen im Herbst über den Bosporus, das Jordan-Tal und die Sinai-Halbinsel nach Afrika. Ihre Überwinterungsgebiete liegen in Ost- oder Südafrika. Für die 10.000 Kilometer lange Strecke benötigen sie ein bis anderthalb Monate.

Die Weststörche fliegen bei Gibraltar über das Mittelmeer und verbringen den Winter in Westafrika zwischen dem Senegal und dem Tschadsee. Diese Vögel kehren im Frühjahr eher in ihre Brutgebiete zurück als die Oststörche. Die Grenze zwischen Ost- und Westziehern verläuft grob von der Elbe bis Oberbayern. Nur wenig Vögel wählen die mittlere Route über Italien nach Tunesien.
(Infos vom Max-Planck-Institut für Ornithologie)