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Musikforschung Musik ist universell

Musik macht evolutionär keinen Sinn, trotzdem wird sie überall auf der Welt verstanden. Wiegenlieder klingen in allen Kulturen ähnlich: Sie zeichnen sich durch langsame, absteigende Tonfolgen aus. Doch das ist noch nicht alles.

Stand: 01.03.2021

Musik ist schon so alt wie unsere Menschheitsgeschichte. Neugeborenen wurde schon immer vorgesummt und vorgesungen. Menschen haben sich seit jeher im Rhythmus von Melodien bewegt und getanzt. Das liegt uns sozusagen im Blut und stärkt gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl.

Ältestes Musikinstrument der Welt: Flöte aus einem Schwanenflügelknochen

Das älteste uns bekannte Musikinstrument ist eine Flöte aus der Steinzeit. Sie ist 35.000 Jahre alt und aus dem Knochen eines Schwanenflügels geschliffen. Gemeinsames Singen und Tanzen war schon immer ein Mittel der Zerstreuung und gleichzeitig gesellschaftliches Ereignis. Und auch zur letzten Ruhe werden wir häufig mit einem Requiem verabschiedet.

Musik macht uns glücklich

Es gibt wohl nur wenige Menschen, die Musik einfach kalt lässt. Musik inspiriert, sie berührt uns, wird universell verstanden, löst Wohlgefühle, Gänsehaut oder Tränen aus. Musik ist reines Gefühl, ihre Wirkung lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Dass wir bestimmte Musik als "schön" empfinden, ist auch eine Frage der Gewöhnung.

Traditionelle Gamelan-Musik aus Indonesien klingt fremd für unsere Ohren.

Europäern kommt die indonesische Gamelan-Musik fremd vor, weil diese Musik mit westlichen Tonleitern wenig zu tun hat. Ähnliches gilt für den modernen Jazz, arabische Musik oder die Zwölftonmusik von Arnold Schönberg.


Doch abgesehen davon spielt die Art von Musik, die wir als angenehm empfinden, nur eine untergeordnete Rolle. Ob Verdi oder The Velvet Underground – wichtig ist nur, dass sie uns glücklich macht.

Musik-Studien am Amazonas

Josh McDermott untersucht, wie das Tsimane-Volk in Bolivien Musik empfindet.

Ein Forscherteam um JoshMcDermott vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge wollte wissen, ob Menschen, die nie westlicher Musik ausgesetzt waren, ästhetische Unterschiede zwischen harmonischen oder dissonanten Klängen empfinden. Dazu testeten sie die musikalischen Vorlieben von 64 Mitgliedern des abgeschieden im bolivianischen Regenwald lebenden Tsimane-Volkes. Ihnen wurden über Kopfhörer diverse Akkorde und Gesangsharmonien westlicher Musik vorgespielt. Dabei zeigte sich, dass die Tsimane Dissonanzen ebenso angenehm empfanden wie harmonisch übereinstimmende Klänge.

Die Vorliebe für Musikharmonien ist nicht angeboren, fand Josh McDermott heraus.

Eine Vergleichsgruppe aus 50 bolivianischen Stadtbewohnern, die schon gewisse Hörerfahrungen mit westlicher Musik hatten, bewerteten die Dissonanzen schon als unangenehmer. Eine dritte Testgruppe, die aus 48 US-Amerikanern - die Hälfte davon Musiker - bestand, bevorzugte harmonische Klänge am stärksten. Die Studie von Juli 2016 legt nahe, dass die Kultur eine bestimmte Rolle dabei spielt, wie wir ästhetisch auf Musik reagieren, folgert McDermotts Team. Man könnte auch sagen: Wir lieben, was wir kennen - auch in der Musik. Eine Vorliebe für bestimmte Harmonien ist daher nicht angeboren.

Musik wird weltweit verstanden

Der musikalische Ausdruck von Gefühlen wird universell verstanden.

Neben allen kulturellen Unterschieden gibt es weltweit viele Gemeinsamkeiten in der Musik. Das hat Thomas Fritz und sein Team vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig zeigen können. Der afrikanische Volksstamm der Mafa aus Nordkamerun kommt selten in Kontakt mit westlicher Musik. Die Forscher spielten den Mafa verschiedene Musikstile vor, darunter Tango, Rock 'n' Roll oder Bach-Konzerte. Dabei sollte das Volk den unterschiedlichen Klängen die drei Grundstimmungen fröhlich, traurig oder bedrohlich zuordnen - was ihnen problemlos gelang. Sie bewerteten die Musik nach Tempo und Tonhöhe und Klangfarbe. Demnach dürfte die beruhigende oder anregende Wirkung von Musik wohl universell sein.

"Die emotionalen Ausdrücke der Musik sind universell, so wie Gesichtsausdrücke."

Thomas Fritz, MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig


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