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125 Jahre Aspirin Wie ASS zum Schmerzstiller der Welt wurde

Mit der Entdeckung der Acetylsalicylsäure, kurz ASS, begann die Erfolgsgeschichte von Aspirin. Der schmerzstillende Wirkstoff wird dem Chemiker Felix Hoffmann zugeschrieben. Doch es gibt auch eine andere Version.

Stand: 04.08.2022

Die Geschichte der Aspirin | Bild: Bayer AG

Wer nun eigentlich der Entdecker des Wirkstoffs für das meist verwendete Arzneimittel der Geschichte ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Die Version, die der Pharmakonzern Bayer auf seiner Webseite präsentiert und selbst als "Legende" bezeichnet, geht so: Der Vater des jungen Bayer-Chemikers Hoffmann litt an Arthritis. Er wurde mit Salicylsäure behandelt, das als Naturheilmittel altbekannt war und aus Weidenrinde gewonnen wurde. Sie hat eine schmerzstillende und fiebersenkende Wirkung, allerdings auch starke Nebenwirkungen.

Aspirin-Vorarbeit aus Frankreich

Die Säure verursachte bei Hoffmanns Vater Brechreiz und verätzte die Schleimhäute in Magen und Mund. Um seinen Vater von diesen Nebenwirkungen zu befreien, soll Hoffmann versucht haben, ein verträglicheres Schmerzmittel zu entwickeln. Dabei stieß er auf die Arbeit des französischen Chemielehrers Charles Frederic Gerhardt. Gerhardt hat schon 1853 in Paris Acetylsalicylsäure (ASS) synthetisiert, indem er Natriumsalicylat mit Acetylchlorid mischte. Allerdings reinigte er die Substanz nicht.

Erfolgsrezept ASS

Aspirin-Werbeauto in den Niederlanden, um 1929

Das tat Hoffmann und entdeckte am 10. August 1897 die ideale Formel: Salicylsäure in Verbindung mit Essigsäure: Acetylsalicylsäure - ein Wirkstoff, der haltbar und verträglich ist, der Schmerzen lindert, Entzündungen hemmt und Fieber senkt - und das alles ohne die Nebenwirkungen der Salicylsäure.

Wer hatte die Idee für ASS?

Laut eines Artikels von Nikolai Kuhnert in "Pharmazie in unserer Zeit" (Nr. 1, 29. Jahrgang, 2000) gab es aber jemanden, der dieser Version widersprach: Arthur Eichengrün, der die Idee für die Herstellung des Wirkstoffs für sich beanspruchte. Eichengrün war Laborleiter von Hoffmann und gab - so schrieb er auf - Hoffmann den Auftrag, Ester der Salicylsäure herzustellen. Ein Ester ist eine chemische Verbindung, die entsteht, wenn eine Säure mit einem Alkohol reagiert - Acetylsalicylsäure ist also ein Ester. Eichengrün wurde als Jude von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt. Dort soll er die Geschichte notiert haben. 1949 veröffentlichte er sie dann in der Zeitschrift "Pharmazie".

Druck von oben

Technologiezentrum in Bitterfeld

Wer der beiden nun die entscheidende Idee hatte, bleibt im Dunkeln. Sicher ist: Während beide die Wirksamkeit und die Nebenwirkungen von ASS testeten und begeistert von ihren Ergebnissen waren, wollte der damalige Leiter des Pharmakologischen Instituts von Bayer, Heinrich Dreser, nichts von ASS wissen. Um die Wirksamkeit zu beweisen, machte Eichengrün sogar Selbstversuche und ließ Ärzte, ohne Wissen seines Vorgesetzten, das Medikament testen. Auch bei ihren Patienten bestätigte sich die Wirksamkeit des Mittels und sie bestellten es sofort nach. Aber Dreser war noch immer nicht zu überzeugen. Erst als sich der damalige Generaldirektor einschaltete, wurde der Wirkstoff nochmals von Bayer pharmakologisch geprüft - und für sehr gut befunden.

Aspirin-Entwickler gehen leer aus

Handelsname "Aspirin™" von Bayer hat Nummer 36.433.

Schließlich gab auch Dreser sein Einverständnis für die Vermarktung des Produkts. Obwohl der Leiter des Pharmakologischen Instituts zunächst strikt gegen den ASS-Wirkstoff war, erntete er schließlich die Lorbeeren dafür und verdiente viel Geld damit, weil er bei neuen Produkten am Gewinn beteiligt war.

Was bedeutet der Name Aspirin?

ASPIRIN ist der Markenname von Bayer. Er leitet sich von der chemischen Acetylspirsäure - ASS - ab. Das "A" kommt von der Acetylierung, das "SPIR" von der Spirsäure (Salicylsäure) von der Pflanze Spirea ulmaria und das "IN" ist die typische Endung eines Medikamentennamens.

Leer gingen dagegen Eichengrün und Hoffmann aus. Beide wären finanziell nur beteiligt worden, wenn sie für den Wirkstoff auch ein Patent bekommen hätten. Doch das verweigerte das Patentamt, weil es Acetylsalicylsäure als bereits bekannte Verbindung ansah. Bayer dagegen konnte den Handelsnamen "Aspirin™" am 6. März 1899 unter der Nummer 36.433 beim Kaiserlichen Patentamt in Berlin eintragen und damit das mittlerweile meist verkaufte Arzneimittel der Welt für sich sichern.

Nebenwirkungen von ASS

Aspirin oder andere Präparate mit dem Wirkstoff ASS sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Vielleicht werden die Nebenwirkungen deswegen unterschätzt und es wird zu leichtfertig eingenommen, um das Hämmern im Kopf, Zahnschmerzen oder Gliederschmerzen zu lindern. Übertreibt man es damit, können diese - und andere - Schmerzmittel erhebliche Nebenwirkungen haben.

Acetylsalicylsäure zum Beispiel kann bei längerer und regelmäßiger Einnahme auf den Magen schlagen und so Blutungen und Geschwüre auslösen. Täglich werden deshalb Menschen mit blutenden Magengeschwüren oder sogar -durchbrüchen in Krankenhäuser eingeliefert.

ASS hat eine blutverdünnende Wirkung. Das sollte man bei einer Einnahme berücksichtigen. Will man zum Beispiel seine Zahnschmerzen dadurch in den Griff bekommen, kann eine Zahn-OP - die unter Umständen nötig ist - zum Problem werden. Denn ASS führt zu einer erhöhten Blutungsneigung, die bis zu drei Tagen nach Einnahme anhalten kann.


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