Pandemien der Zukunft Wie können wir die Ausbreitung von Viren eindämmen?

Von: Leander Beil

Stand: 03.01.2023 16:51 Uhr

Eine Pandemie entsteht nicht aus heiterem Himmel, sie muss im Zusammenhang gesehen werden: Der Klimawandel und unser Umgang mit Natur und Tier spielen eine wichtige Rolle. Was können wir tun gegen die Ausbreitung von Viren?

Coronavirus - SARS-Virus | Bild: picture alliance / Zoonar / Waldemar Thaut

Die Corona-Pandemie gilt nach drei Jahren als einer der tödlichsten Virusausbrüche, den die Menschheit seit mehr als einem Jahrhundert erlebt hat. Über sechseinhalb Millionen Tote weltweit zählt die Johns Hopkins Universität im Dezember 2022. In Deutschland gilt eine Infektion mit dem Coronavirus mittlerweile als endemisch. Das heißt: Corona-Infektionen treten als saisonale und regionale oder nationale Erkrankungswellen fortwährend auf, ähnlich wie Grippe-Infektionen.

Doch wie schnell könnte sich ein ähnliches Pandemie-Szenario in Zukunft wiederholen? Jährlich gesehen liegt die Wahrscheinlichkeit etwa bei zwei Prozent, das geht aus einer Studie der Universität Padua von 2021 hervor. Für diese Schätzung zog das Team um den Umweltingenieur Marco Marani einen Datensatz historischer Epidemien von 1600 bis heute heran.

Nach der Pandemie ist vor der Pandemie: Kommt die nächste innerhalb von 59 Jahren?

Epidemien vor Corona: Die Spanische Grippe, im Bild: Zelte für Infizierte in den USA. | Bild: picture-alliance/dpa

Spanische Grippe: Sie forderte in den Jahren 1918/1919 allein in Europa mindestens 20 Millionen Menschenleben.

Die schlechte Nachricht: Die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis steigt, so die Forscher. Das Team geht davon aus, dass sich die jährliche Wahrscheinlichkeit für das Auftreten ähnlicher Krankheitsausbrüche in den kommenden Jahrzehnten sogar verdreifachen könnte. Dies errechneten die Wissenschaftler basierend auf der zunehmenden Geschwindigkeit, mit der neuartige Erreger in den letzten 50 Jahren in menschlichen Populationen ausbrachen.

Unter Berücksichtigung dieses erhöhten Risikos zeigt sich: Schon innerhalb der nächsten 59 Jahre könnte es zu einer weiteren Pandemie kommen, die ein ähnliches Ausmaß wie die Corona-Pandemie hat. Solche Prognosen sind mit Vorsicht zu betrachten, jedoch unterstreichen sie die Notwendigkeit, die Ursachen für mögliche Pandemien frühzeitig zu identifizieren und unser Verhalten entsprechend anzupassen.

Spanische Grippe, MERS, Corona: Wie Seuchen entstehen

Pangoline in Sumatra | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Ivan Damanik

Nur ein Risikofaktor für Pandemien: Tierhandel. Immer wieder werden illegal gehandelte Schuppentiere und andere Wildtiere beschlagnahmt.

Einerseits wird das Risiko für Pandemien erhöht durch den internationalen, oft illegalen Handel mit exotischen Wildtieren. Denn Viren können von Tieren auf Menschen übergehen. Das nennt sich Zoonose. Andererseits kann auch die klassische Viehzucht zu Krankheitsausbrüchen führen. Herrschen zum Beispiel bei der Massentierhaltung Mängel bei Platz und Hygiene, ist das schädlich für die Gesundheit der Tiere. Solche Umstände begünstigen die Entstehung von Krankheiten, die dann auch auf den Menschen übertragen werden können.

Auch der massive Einsatz von Antibiotika in der konventionellen Massentierhaltung ist eine Gefahr für Mensch und Tier. Denn in den Tieren können sich resistente Bakterien entwickeln, die wir dann mit dem Fleisch aufnehmen. Darüber hinaus ist das Eindringen des Menschen in bislang unberührte Ökosysteme von großer Bedeutung. Dadurch kommt es zu mehr Kontakten zwischen Mensch und Tier und das Risiko der Übertragung von Krankheiten steigt. Das ergab eine Studie der University of Cambridge. Nicht zuletzt trägt auch der Klimawandel zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Zoonosen bei. Dieser macht sich gerade in tropischen Regionen jetzt schon bemerkbar. Durch die Verschiebung der Lebensräume bestimmter Wildtierarten in andere Gebiete wird sich die Gefahr eines sogenannten spillover um ein Vielfaches erhöhen, so ein Bericht im Wissenschaftsmagazin Nature.

Mensch und Natur: Der Umgang mit Tieren muss sich ändern

Mensch hält Laborfleisch in Petrischale | Bild: picture alliance / AP Photo | David Parry

Eine mögliche Alternative zu übermäßigem Fleischkonsum: Labor-Fleisch aus Rinderstammzellen.

Die Studie aus Cambridge macht deutlich, dass wir unser Verhalten im Umgang mit Tieren grundlegend ändern müssen. Wichtig dabei ist, die Sicherheit bei der Wildtierhaltung zu garantieren, Berührungspunkte zwischen Wildtieren, Nutztieren und Menschen zu reduzieren und die Standards für Tierhygiene und -gesundheit in der Nutztier- und Wildtierhaltung anzuheben. Aber damit nicht genug, denn auch der Konsument sollte sein Essens- oder Kaufverhalten überdenken. Fleisch aus dem Labor oder synthetisches Leder sind hier nur zwei mögliche Alternativen, mit denen wir auf lange Sicht wegkommen können von der Massentierhaltung.

Gesagt: Welche Rolle Umweltzerstörung bei Pandemien spielt

"Zum einen gibt es schlicht mehr Austausch zwischen menschlichen und tierischen Populationen und so für Viren die Gelegenheit zum Wechsel ihres Wirtes. Dieser vermehrte Austausch hat mit spezifischen Voraussetzungen zu tun, die der Mensch geschaffen hat. Das kann die landwirtschaftliche Produktion, Haltung und der Transport von Tieren sein, aber das kann auch die Zerstörung von ökologischen Nischen sein, die die Tiere veranlasst, sich in ihren Habitaten neuorientieren zu müssen. So entstehen neue Kontakte, die es vorher nicht gegeben hat."

Hartmut Hengel, Professor am Institut für Virologie des Universitätsklinikums Freiburg

Krankheiten und der Klimawandel: Tropische Mücken wandern zu uns

Auch der menschengemachten Klimawandel treibt die Verbreitung von Krankheiten an. Denn - je nach Region - verändert sich mit den steigenden Temperaturen auch die Verbreitung bestimmter Tierarten. Manche können Krankheit übertragen und beim Menschen Zoonosen verursachen. So könnten Mücken, die zum Bespiel das Dengue- oder Zika-Virus übertragen können, ihren Lebensraum auf bislang kühlere Gebiete ausdehnen.

Tropische Mücken-Arten wie die Asiatische Tigermücke und die Asiatische Buschmücke sind auch schon vereinzelt bis in unsere Breiten vorgedrungen, nur die krankheitsauslösenden Viren fehlen noch. Den meisten ist es hierzulande noch zu kalt. Doch laut Hartmut Hengel ist es nicht unrealistisch, dass wir es in Mitteleuropa künftig mit hier unbekannten Erregern zu tun bekommen. Aus dem veterinärmedizinischen Bereich seien schon einige solcher Fälle bekannt.

Anschauen: Mensch gegen Virus - von der Spanischen Grippe bis Corona

Pandemien der Zukunft: Wie vermeiden wir sie?

Pandemiefrühwarnungszentrum | Bild: dpa-Bildfunk/Michael Sohn

01.09.2021: Eröffnung des internationalen Pandemie-Frühwarnzentrums in Berlin. Es soll den Kampf gegen Pandemien erleichtern.

Blickt man auf die weltweiten pandemischen Gefährdungen für den Menschen, so zeigt sich: Von Zoonosen, also Krankheiten, die zwischen Tier und Mensch übertragen werden können, geht für uns wohl die größte Gefahr aus, sagt Hartmut Hengel. Aber was können wir dagegen tun? Den Schutz von Ökosystemen sicherstellen und den Klimawandel bremsen, so gut es noch geht. Das werde aber die Zoonosen nicht generell ausrotten, so Hengel. Die habe es immer gegeben und werde es auch immer geben.

Das Ziel sei es, präventiv vorzugehen. So kann das Krankheitsgeschehen möglichst früh entdeckt und die weltweite Kommunikation über die WHO erleichtert und beschleunigt werden. Dazu soll auch das internationale Frühwarnzentrum in Berlin beitragen, das am 1. September 2021 von der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel und Tedros Adhanom Ghebreyesus, dem Generaldirektor der WHO, eingeweiht wurde.