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Schmetterlinge Darum gibt es immer weniger Falter

Schmetterlinge sind filigran - und sensibel: Viele Arten sind vom Aussterben bedroht, weil ihr Lebensraum schwindet. Doch es gibt Hoffnung: Dank Naturschutzmaßnahmen nehmen wenige Falterarten wieder zu. Und auch ihr könnt den Faltern helfen.

Stand: 26.09.2022

In Deutschland umfasst die Rote Liste der Tagfalter 189 Arten.184 von ihnen wurden bewertet - mit dem Ergebnis: 42 Prozent der Schmetterlinge gelten als ausgestorben oder bestandsgefährdet, elf Prozent stehen auf der Vorwarnliste, 12 Prozent gelten als extrem selten. Lediglich 31 Prozent sind derzeit noch ungefährdet(Stand: 2022).

Je anspruchsvoller der Schmetterling, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass seine Art ausstirbt, so lässt sich der Artenschwund unter den Schmetterlingen erklären. Warum so viele Schmetterlinge nicht mehr mit ihrer Umgebung zurecht kommen und auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten stehen, hat im Wesentlichen zwei Gründe: den Klimawandel und die Intensivierung der Land- und Forstwirtschaft. Denn dies sind die Hauptursachen für die schwindende Biodiversität der Pflanzen.

Artenschwund bei den Pflanzen bedeutet weniger Schmetterlinge

Ist ein Falter auf eine Pflanzenart als Wirt spezialisiert und diese Pflanze wird aufgrund von Klimaveränderungen oder Überdüngung auf unseren Wiesen immer seltener, so steht es auch um diese Schmetterlingspopulation schlecht. Ein Beispiel dafür: der Aurorafalter. Seine Raupen ernähren sich am liebsten von Wiesenschaumkraut und der Knoblauchsrauke. Zu finden ist das Wiesenschaumkraut vor allem auf Feuchtwiesen - doch die gibt es immer seltener.

Aufgrund der intensiven Landwirtschaft, dem Anbau von Monokulturen und dem Einsatz von Pestiziden nimmt der Artenreichtum unter den Pflanzen immer mehr ab und damit auch die Vielfalt unter den Falterarten. Umso wichtiger ist es, in den Gärten und auch in Städten und Gemeinden darauf zu achten, dass die unterschiedlichsten heimischen Blumen, Sträucher und Kräuter angepflanzt werden, die den Schmetterlingen als Nahrung dienen können.

Zahlreiche Studien belegen Artenschwund bei Schmetterlingen

Dass immer mehr Schmetterlingsarten für immer verschwinden, konnten in den vergangenen Jahren viele Wissenschaftler anhand von Studien nachweisen. So ging zum Beispiel die Zahl der kälteliebenden Arten zurück, die wärmeliebenden Arten nahmen zu. Die Lebensräume der Tagfalter, aber auch der Vögel und vieler anderer Arten verschieben sich nach Norden - die Tiere kommen dem Klimawandel so schnell gar nicht hinterher.

Ein Forscherteam aus Österreich, Deutschland und Polen kam in ihrer nun 2022 im Fachmagazin "Science of Total Environement" erschienene Studie zu dem Schluss, dass es das erste Schmetterlingssterben bereits vor rund 100 Jahren gab. Für ihre Untersuchung nahmen die Wissenschaftler ein Gebiet nahe Salzburg unter die Lupe und werteten Daten von insgesamt 68 Tagfalterarten und tagaktiven Nachtfalterarten, sogenannten Widderchenarten aus, die an 60.000 Beobachtungspunkten auf einer Fläche von 7.000 Quadratkilometern vorkamen.

Schmetterlingssterben: neue Studie mit Daten aus 100 Jahren

Esparsetten-Widderchen sind in manchen Gebieten Deutschlands sehr selten und damit eine gefährdete Schmetterlingsart.

Grund für diese erstaunliche Erkenntnis der Forscher war: Das Team um den Österreicher Forscher Jan Christian Habel von der Universität Salzburg konnte für ihre Untersuchung auf Aufzeichnungen ab 1919 bis 2020 zurückgreifen. Demnach nahmen die Schmetterlingsarten in zwei großen Wellen ab: Einmal schon Anfang des 20. Jahrhunderts und schließlich in den 1960er-Jahren. Als Ursache sehen die Wissenschaftler die Zerstörung der Lebensräume der Schmetterlinge. So gingen Anfang des vergangenen Jahrhunderts viele Schmetterlingsarten vor allem aufgrund der Trockenlegung zahlreicher Moore zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg und insbesondere in den 1960er-Jahren folgte die zweite Aussterbe-Welle zahlreicher Falter. Hierfür war die Intensivierung der Landwirtschaft und der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln Ursache, so die Studienautoren.

Kein europäisches Phänomen - Schmetterlingssterben auch in den USA

Aber nicht nur in Europa gibt es immer weniger Schmetterlinge und viele Arten sterben aus. So ergab eine Untersuchung über das Schmetterlingssterben in den USA, die im Juli 2019 im Fachmagazin "Plos One" veröffentlicht wurde, dass die Schmetterlingsbestände der USA in den vergangenen 21 Jahren um 33 Prozent zurückgegangen sind. Grundlage der Studie bildeten Informationen zur Zahl verschiedener Schmetterlingsarten, die freiwillige Forscher in Ohio zwischen 1996 und 2016 an 104 Orten gesammelt hatten.

Schmetterlinge sind sensible Indikatoren für den Zustand der Natur

Schachbrettfalter, ein Tagfalter. Die Schmetterlingsart ist in Deutschland laut Roter Liste in ihrem Bestand ungefährdet.

Das Aussterben der Schmetterlingsarten wird auch deshalb mit großer Sorge gesehen, weil die Falter als frühe und gute Indikatoren für Veränderungen der Natur und Lebensumstände gelten. Da sie schnell auf neue Verhältnisse reagieren, kann anhand ihrer Populationsdynamik der ökologische Zustand der Lebensräume bewertet werden.

Volkszählung der Schmetterlinge - macht mit!

Schmetterling namens C-Falter

Im Frühjahr 2005 startete in Deutschland auf Initiative des Helmholtz-Instituts das Tagfalter-Monitoring. Entlang festgelegter Strecken erfassen Jahr für Jahr 500 Freiwillige vom 1. April bis 30. September einmal wöchentlich alle Tagfalter, die ihnen entgegenflattern.

Das Tagfalter-Monitoring wird nach dem gleichen Verfahren auch in 16 weiteren europäischen Ländern durchgeführt. Die Daten der teilnehmenden Bürger, die in zahlreiche Studien eingeflossen sind, lassen folgenden Trend erkennen: Einige Arten sind stark zurückgegangen, ein paar andere haben in ihrem Bestand zugenommen. Fakt ist: Mehr als die Hälfte der Schmetterlinge steht auf der Roten Liste der bedrohten Arten.

Falls ihr euch für das Tagfalter-Monitoring interessieren, klickt auf folgenden Link:

Atlas der Schmetterlinge in Deutschland

Die Daten des Tagfalter-Monitorings sind ein wichtiger Bestandteil des "Verbreitungsatlas der Tagfalter und Widderchen Deutschlands", der im Mai 2020 vorgestellt wurde. Über zehn Jahre lang wurde dieser Atlas vorbereitet. Er gibt erstmals einen gesamtdeutschen Überblick über das Vorkommen der Tagfalter, unter anderem mit ausführlichen Porträts, Schutz- und Gefährdungsstatus und detaillierten Verbreitungskarten. Die Daten stammen von Landesämtern, Vereinen, Museen, Arbeitsgemeinschaften, aus wissenschaftlichen Projekten, von interessierten Privatleuten und aus dem "Tagfalter-Monitoring Deutschland". Mehr als sechs Millionen Datensätze wurden aufbereitet. Der Atlas stellt neben den 184 in Deutschland heimischen Tagfalter-Arten auch 24 verschiedene Widderchen vor, die tagsüber aktiv sind, obwohl sie eigentlich zu den Nachtfaltern gehören.

Positiver Trend: Einige Schmetterlingsarten erholen sich

Naturschutzmaßnahmen, um wieder mehr Lebensraum für bedrohte Schmetterlingsarten zu schaffen, sind wichtig - und zeigen offenbar auch Wirkung. Wie die Studienautoren um Jan Christian Habel in ihrer 2022 veröffentlichten Studie berichten, konnten sich einige bedrohte Falterarten seit Mitte der 1990er-Jahre in ihrem Bestand stabilisieren. Die Wissenschaftler führen das auf entsprechende Schutzmaßnahmen zurück. Dazu könne auch jeder Gartenbesitzer beitragen, sagen Forscher wie Corey T. Callaghan vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung
Halle-Jena-Leipzig, "indem er heimische Pflanzen auswählt". Der Wissenschaftler hatte in einer Studie herausgefunden, dass Schmetterlingsarten, die sich an die neuen klimatischen und ökologischen Veränderungen anpassen können, die besten Überlebenschancen haben. Zu den Schmetterlingsarten aus der Gruppe der Tagfalterarten, die sich in den vergangenen Jahren in Deutschland erholen beziehungsweise ausbreiten konnten, gehören: der Kurzschwänzige Bläuling und der Karstweißling.


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