Pubertät So können Eltern ihre Kinder unterstützen

Author: Constanze Alvarez

Published at: 10-6-2024

Plötzliche Wutanfälle, die erste Liebe, ein Körper, der sich verändert - die Pubertät ist eine turbulente Zeit. Für Eltern heißt das: Loslassen und trotzdem da sein für ihre Kinder. Hier geben wir euch ein paar Tipps, wie das gelingen kann.

Ein Jugendlicher im Kapuzenpulli sitzt zwischen Freunden und schaut in die Kamera. Die Pubertät ist eine schwierige Übergangsphase. Wir geben Tipps, wie Eltern ihre Kinder in den schwierigen Phasen der Pubertät unterstützen und begleiten können. | Bild: colourbox.com

Pubertät: In welchem Alter beginnt sie?

Es gibt unterschiedliche Phasen der Pubertät. Die Vorpubertät kann manchmal schon im Alter von neun oder zehn Jahren beginnen. Die Kinder machen einen Sprung, werden immer selbstständiger, interessieren sich immer mehr für andere Gleichaltrige als für die eigenen Eltern. Bei Mädchen zeigt sich die Pubertät durch die Veränderung des Körpers: durch erste Rundungen, wenn sich ein Brustansatz bemerkbar macht, die erste Periode einsetzt. Bei Jungs zeigen sich körperliche Veränderungen etwa zwei Jahre später als bei Mädchen.

Die "Hochphase" der Pubertät findet zwischen 14 und 16 Jahren statt. Eltern sprechen dabei häufig von der "schlimmsten Phase" der Pubertät. Die Jugendlichen sind komplett mit sich selbst und der Suche nach der eigenen Identität beschäftigt. Interessieren sich für alles Mögliche, außer der Schule. Oft leiden darunter auch die Noten, typisch sind Leistungseinbrüche in der 9. Klasse.

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Von trotzig bis provokant: Warum sind Pubertierende manchmal so schwierig?

Während der Pubertät durchleben Jugendliche eine tiefgreifende körperliche und geistige Wandlung. Nicht nur der Hormonhaushalt steht Kopf, auch das Gehirn wird umgebaut: "Selten verändern sich neuronale Strukturen im Hirn so sehr wie in der Pubertät", erklärt Psychologin Elisabeth Raffauf im Gespräch mit Planet Wissen. Dabei reifen nicht alle Regionen des Hirns gleichzeitig schnell heran. Während das Vorderhirn, das für rationale Entscheidungen zuständig ist, noch in der Umbauphase steckt, ist das limbische System, welches unter anderem die Gefühle steuert, schon weiter. Das erklärt unter anderem, warum Jugendliche Entscheidungen oft impulsiv, aus dem Gefühl heraus treffen. Und warum sie manchmal so unberechenbar sind.

Diese ganzen Veränderungsprozesse stiften viel Verwirrung und Unruhe in den Jugendlichen, sie fühlen sich oft seltsam, können nicht erklären warum, durchleben täglich ein Wechselbad der Gefühle von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Das alles ist anstrengend. Wachsen ist anstrengend. "Deswegen sind Jugendliche auch oft müde und fühlen sich schlapp", erklärt Gestalt- und Familientherapeut Ulrich Wiltschko. "Sie brauchen immer wieder Ruhephasen und, ganz wichtig, genügend Schlaf."

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Tipps für Eltern: Wie kann ich mein Kind in der Pubertät unterstützen?

Heranwachsende brauchen Freiräume. Eltern sind gut beraten, ihnen wenig Vorschriften zu machen. Das heißt aber nicht, dass man die Jugendlichen sich selbst überlässt. Ganz im Gegenteil. Eltern sollten präsent sein, sich regelmäßig Zeit für Gespräche nehmen, ihnen zuhören, sich für ihre Sorgen, ihr Selbstbild oder für ihre Träume interessieren. Das gibt den Jugendlichen Halt.

In der Hochphase der Pubertät, zwischen 14 und 16 Jahren, werden die Kinder häufig von tiefen Zweifeln, Ängsten und Unsicherheiten geplagt. Wie sehe ich aus? Bin ich seltsam? Wie muss ich sein, um dazuzugehören? Ist mit meinem Körper alles in Ordnung? Jugendliche brauchen in dieser Phase besonders viel Lob und Zuneigung, das beruhigt die nervösen Teenager. "Hey, das ist dir gut gelungen!" oder: "Du schaust gut aus!" Auch wenn die Kinder plötzlich eine für Eltern wenig nachvollziehbare Leidenschaft für Markenklamotten, grüne Haare oder teure Luxusschlitten an den Tag legen, sollten sich Erwachsene nicht darüber lustig machen oder sie abkanzeln. Sie können trotzdem wohlwollend ihre Meinung dazu äußern.

Wenn die Kinder älter werden, sollten Eltern sich nicht mehr primär als Erzieher verstehen, rät Linde Leschinski vom Evangelischen Beratungszentrum München. Sondern eher als Sparringpartner. "Gelegentlich muss man mit seinen Kindern auch mal in den Ring steigen, wie ein Trainer", sagt die Psychologin. "Ein Trainer weicht auch mal einem Hieb aus, aber er verlässt nie den Ring, sondern zeigt seinem Trainee, wie man fair kämpft." Besser als Ermahnungen und Strenge sei die Haltung: "Ich interessiere mich für dich, ich stehe auf deiner Seite."

Heranwachsende brauchen dennoch ein paar klare Regeln, deren Einhaltung auch von den Eltern eingefordert wird. Beispielsweise feste Uhrzeiten, sich zu melden oder um abends nach Hause zu kommen. Auch was die Kommunikation untereinander betrifft, sollten bestimmte Regeln eingehalten werden. "Mein Kind ist respektlos!", lautet eine häufige Elternklage. Auch hier gilt: Aufmerksam zuhören und Grenzen setzen, wenn es beleidigend wird. In etwa so: "Halt! Stopp! Da werde ich sauer, so will ich nicht, dass du mit mir sprichst!" Auch nonverbale, subtile Provokationen wie Augenrollen oder herabsetzendes Abwinken sollte man ansprechen, sagt Familientherapeut Ulrich Wiltschko: "Hey, du hast die Augen verdreht, was willst Du mir sagen?"

Konflikte in der Pubertät: Wie rede ich mit meinem Kind?

Die Pubertät ist die Zeit der ersten Male. Der erste Kuss, das erste Bier, die erste Zigarette. Alles, was den Nimbus des Verbotenen hat, übt einen unwiderstehlichen Reiz aus. Neugierig strecken Jugendliche ihre Fühler aus, wollen herausfinden, wo die Grenzen liegen, wer sie sind, oder wer sie sein wollen. Und gehen dabei Risiken ein oder treffen Entscheidungen, die ihren Eltern oft haarsträubend erscheinen.

Zum Beispiel bei der Wahl der Freunde. Jugendliche wollen cool sein, gerade Jungen stehen im ständigen Konkurrenzkampf. Wer ist der beste Basketballspieler? Der beste im Schachspielen? Wer ist der Stärkste? Manchmal lassen sie sich zu Mutproben verleiten, die böse Folgen haben können. Und suchen sich Freunde, die die Eltern für einen schlechten Einfluss halten. Eltern können ihren Kindern den Umgang mit den "falschen Freunden" nicht verbieten. Aber sie sollten mit ihren Kindern im Gespräch bleiben und ihnen eine Rückmeldung geben, nicht im Ton der Vorhaltung, sondern möglichst auf Augenhöhe, rät Gestalt- und Familientherapeut Ulrich Wiltschko: "Jugendliche brauchen die Einschätzung der Eltern, auch wenn sie nach außen so tun, als wäre sie ihnen egal." Sie brauchen sie als Orientierung, um die eigene Haltung abzugleichen. Wichtig sei es, die Freunde nicht abzuwerten oder zu beleidigen. Sondern eher Interesse zeigen: "Ich finde den oder die etwas komisch. Was findest du an ihr oder ihm cool? Warum hängst du gerne mit denen ab?"

Eltern: Wie kommen sie unbeschadet durch die Pubertät ihrer Kinder?

Eine Familie sitzt lächelnd auf einer hölzernen Brücke in der Natur. Nicht nur für die Jugendlichen ist die Pubertät anstrengend. Wir geben Tipps, wie Eltern ihre Kinder in den schwierigen Phasen der Pubertät unterstützen und begleiten können. | Bild: colourbox.com

Eltern sollten mit ihren pubertierenden Kindern immer in Kontakt bleiben, sich Zeit für gemeinsame Unternehmungen nehmen, Interesse zeigen.

Viel hängt von der eigenen Haltung der Eltern ab. Hilfreich ist es, die Veränderungen der Kinder wollwollend und mit einem Augenzwinkern zu betrachten, sie "freudig zu unterstützen", wie Familientherapeut Ulrich Wiltschko das nennt. Also: Sich daran erfreuen, dass die Kinder wachsen, sich weiterentwickeln und entfalten. Das trägt zu einer vertrauensvollen, entspannten Stimmung bei und erleichtert die Kommunikation.

"Eltern sollten im Kopf behalten, dass die Stimmungsschwankungen nicht gegen sie gerichtet sind, sondern Teil des Prozesses sind", sagt Ulrich Wiltschko. "Je mehr Eltern in sich gefestigt sind, desto besser ertragen sie diese turbulente Zeit." Das heißt: Desto einfacher fällt es ihnen, Provokationen auszuhalten, bei plötzlichen Wutausbrüchen gelassen zu bleiben und Beleidigungen nicht persönlich zu nehmen. Sie lassen sich seltener auf Diskussionen ein, die auf unnötig nervenaufreibende Machtkämpfe hinausführen.

Eltern sollten sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass sie ihre Kinder nicht vor Schmerz oder Ärger bewahren können. Etwa wenn diese Stress mit Freunden oder Ärger in der Schule haben. Vielmehr gilt es, den Jugendlichen dabei zu helfen, ihre Gefühle zu verstehen. Und sie dann selbst nach einer Lösung suchen zu lassen. "Eigene Lernerfahrungen lassen sich nicht übertragen", sagt Linde Leschinski. Und: "Eltern müssen es aushalten, wenn es ihrem Kind auch mal schlecht geht."

Wichtig ist auch, dass Eltern diese Zeit als Chance zur eigenen Weiterentwicklung sehen. Häufig zeigen Kinder ihren Eltern, wo deren Schwachpunkte liegen. Das kann schmerzhaft sein, zumindest ärgerlich. "Kinder wissen genau, welchen Knopf sie drücken müssen, um ihre Eltern aus der Fassung zu bringen", erklärt Linde Leschinski vom Evangelischen Beratungszentrum München. Die Familientherapeutin rät Eltern deswegen dazu, Zeit und Energie aufzuwenden, um auch auf die eigenen Gefühle zu achten. Warum ärgert mich ein bestimmtes Verhalten meines Kindes? Was steckt dahinter?

Wenn der Nachwuchs in die Pubertät kommt, ändert sich auch das Leben der Eltern. Sie werden nicht mehr so viel gebraucht wie früher, Freunde sind plötzlich wichtiger. Hilfreich ist, sich zu fragen: Was brauche ich? Wie geht es mir? Es gilt, die neuen Freiräume zu erkennen und zu nutzen. Eltern, die sich nicht nur um die Kinder kümmern, sondern auch um sich selbst, sind ein gutes Vorbild für den Nachwuchs.

Gleichzeitig sind die Jugendlichen jetzt in einem Alter, "in dem man ihnen auch mal eine Frustration zutrauen kann", erklärt Linde Leschinski. Wenn die Emotionen hochkochen, kann man ein Gespräch auch mal verschieben und dafür eine Runde um den Block drehen. Wenn die erste Wut verraucht ist, lässt sich auch besser miteinander reden.

Es hilft auch, an die Zukunft zu denken: Die Auseinandersetzung mit pubertierenden Kindern kann viel Energie kosten, ist aber enorm wichtig und wertvoll. Erwachsene sollten auch in schwierigen Momenten auf die liebenswerten Seiten ihrer Kinder schauen, Verständnis für ihre Nöte aufbringen, ihnen Sicherheit und Wertschätzung geben. "Auch die besondere Zeit der Pubertät kommt nie mehr wieder und ist eine wichtige und wertvolle Zeit in der Weichenstellung des Lebensweges", erklärt Ulrich Wiltschko. "Sie hat einen wesentlichen Einfluss auf die spätere Beziehung zwischen Eltern und den dann erwachsenen Kindern."

Pubertät: Infos, Tipps, Quellen und Sendungen für Eltern und Kinder