Blackout Wie wahrscheinlich ist ein Stromausfall in Deutschland?

Von: Leander Beil

Stand: 27.09.2022

Angst im Dunkeln? Die Angst vor einem Blackout in Deutschland jedenfalls hat zugenommen. Ursachen dafür sind unter anderem die Umstellung auf erneuerbare Energien oder der russische Angriffskrieg in der Ukraine. Doch, wie wahrscheinlich ist der große Stromausfall überhaupt? Und: So könnt ihr für den Fall der Fälle vorsorgen.

Wie wahrscheinlich ist der Blackout? Im Fall der Fälle bleibt meist nur Kerzenlicht.  | Bild: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com | GEORG HOCHMUTH

Netz-Kollaps: Wie kommt es zu einem Blackout?

Indien, 2012: Ein indischer Gemüsehändler wartet während eines massiven Stromausfalls auf einem lokalen Markt in Kalkutta, Indien, am 31. Juli 2012 auf Kunden. Hunderte von Millionen Indern hatten in mehr als der Hälfte des Landes kein Strom. | Bild: picture alliance / dpa | Piyal Adhikary

Indischer Gemüsehändler während eines massiven Stromausfalls auf einem lokalen Markt in Kalkutta, Indien, 31. Juli 2012.

Keine Ampeln, keine Geldautomaten, kein Computer, kein Telefon, kein fließend Wasser: So würde ein Blackout für uns aussehen. Bei einem Blackout kommt es zu einem großflächigen mehrere Stunden oder gar Tage andauernden Stromausfall. Kleinere Ausfälle kommen auch in Deutschland vor. Erst Anfang 2022 blieb in Regensburg der Strom weg: Bei circa 5.000 Haushalten waren die Leitungen dicht - für 19 Stunden. Der bisher größte Stromausfall traf Indien im Jahr 2012: Dabei waren über 600 Millionen Menschen in Nord- und Ostindien vom Netz abgeschnitten.

In Europa fließt Strom üblicherweise mit 50 Hertz durch die Leitungen. Schwankungen zwischen 49,8 und 50,2 Hertz sind normal. Aus dem Gleichgewicht gerät das Netz, wenn beispielsweise mehr Strom entzogen wird als ankommt. Dies führt zu einer Frequenzstörung. Bei kleineren Abweichungen greifen Sicherheitsmechanismen, die das Netz stabilisieren. Kommt es aber zu einer unerwartet massiven Schwankung, kann das zu einem Zusammenbruch führen: Der Strom fällt aus. Für den Ernstfall gibt es einen Notfall-Stufenplan des Verbands der Netzbetreiber. Bei einem Abfall der Frequenz auf 47,5 Hertz sieht dieser in letzter Konsequenz vor, dass alle stromerzeugenden Anlagen vom Netz getrennt werden. Dadurch werden unter anderem Schäden an den Kraftwerksanlagen vermieden.

Krieg in der Ukraine: Gefährden Hacker unser Stromnetz?

Hacker greifen Unternehmen, aber auch staatliche Behörden an. Die Energiesicherheit ganzer Staaten kann dadurch gefährdet sein. | Bild: picture alliance/dpa | Silas Stein

Hacker greifen Unternehmen, aber auch Behörden an. Die Energiesicherheit ganzer Staaten kann dadurch gefährdet sein.

Ukraine, Dezember 2015: Damals legten vermutlich russische Hacker das Stromnetz Hunderttausender ukrainischer Haushalte lahm. Auch auf das deutsche Stromnetz gab es schon Cyberattacken. Das hatte aber keine Konsequenzen für dessen Stabilität. Im Zusammenhang mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine könnten deutsche Unternehmen, aber auch Behörden zunehmend ins Visier russischer Cyber-Kriegsführung geraten. Das Ziel ist hier unter anderem, sich an deutschen Behörden mit Vergeltungsschlägen für Waffenlieferungen an die Ukraine zu rächen oder die deutsche Energie-Infrastruktur zu schwächen. Dass es zu erfolgreichen Hacker-Anschlägen auf unser Stromnetz kommt, ist durchaus möglich.

In Deutschland gelten jedoch besondere Vorgaben für die IT-Sicherheit: Stromnetzbetreiber sind unter anderem verpflichtet, Systeme zur Erkennung von Angriffen einzusetzen. Darüber hinaus gilt: Je dezentraler das Stromnetz, desto abgesicherter ist es gegen einen Hacker-Angriff. Die Server der mehr als 800 Verteilnetzbetreiber sind über ganz Deutschland verteilt. Bei einem Angriff würden somit immer nur einzelne Bereiche ausfallen. Das gesamte deutschlandweite Netz wäre nicht betroffen, da dies nicht von einem einzigen Server aus gesteuert wird.

Risiko oder Chance: Umstellung auf erneuerbare Energien

Windenergieanlagen und Strommasten vor dunklem Hintergrund. | Bild: picture alliance / Klaus Ohlenschläger | Klaus Ohlenschläger

Wind- und Solarenergie: Wie gleicht man es aus, wenn weder Sonne scheint, noch Wind weht?

2021 kam der in Deutschland erzeugte Strom mehrheitlich aus konventionellen Energieträgern. Spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine wurde aber die Diskussion um den Ausbau erneuerbarer Energien neu entfacht. Mehr Solarenergie und Windkraft, weniger fossile Brennstoffe - das ist das Ziel. Eine der großen Herausforderung der Energiewende besteht darin, die Stromversorgung von wenigen Hundert auf mehrere Millionen dezentrale Anlagen, also unter anderem die Solaranlage auf dem Dach, umzustellen und dabei das Gleichgewicht im Stromnetz zu halten. Dafür müssen auch neue Leitungen gelegt werden, sodass der Strom die teils längeren Strecken zurücklegen kann.

Erneuerbare Energien bedeuten auch: größere Unabhängigkeit von Energieimporten. So sollen die EU-Staaten bis spätestens 2030 für ihre Energieversorgung keine Rohstoffe mehr aus Russland brauchen. Die Frage ist, auf welche Weise mögliche Dunkelflauten - wenn weder Sonne scheint, noch Wind weht - ausgeglichen werden können. Neben Gas, dessen Import aus Russland besonders aufgrund des Angriffskriegs auf die Ukraine fragwürdig geworden ist, gebe es im Moment kaum Alternativen, sagt Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft an der TU Dresden: "Langfristig sehe ich hier die Vision eines grünen Wasserstoffs. Heute ist das aber lange noch nicht wirtschaftlich." (Zur Erklärung: Verwendet man für die Herstellung von Wasserstoff Strom von Solaranlagen oder Windrädern, wird er als Grüner Wasserstoff bezeichnet.) Somit bleibt nur zusätzliche Kohle- oder Kernenergie. Ob der geplante Atomaustieg Ende 2022 aufgeschoben wird, ist noch offen. Bereits beschlossen ist, dass zusätzliche Kohlekraftwerke bereitstehen sollen, befristet bis 31. März 2024. Das ist möglich, weil einige Kapazitäten mit dem Kohleausstieg in den letzten Jahren in die Netzreserve überführt wurden und somit grundsätzlich einsatzbereit sind. Der Gasverbrauch in der Stromerzeugung könnte so weiter reduziert und eventuelle Notstände kompensiert werden - auf Kosten der CO2-Bilanz.

Experten bewerten: Wie wahrscheinlich ist ein Blackout?

Ein Sprecher der Bundesnetzagentur äußert auf Nachfrage von ARD alpha keine größere Besorgnis: "Dass der Umbau des Stromversorgungssystems auf Erneuerbare eine Herausforderung ist, ist klar. Wir sehen aber deutlich, dass der Ausbau der Erneuerbaren keine Beeinträchtigung der sicheren Stromversorgung nach sich zieht. Dafür gibt es sehr viele Schutzmechanismen, um großflächige Ausfälle zu vermeiden. Und dann gibt es auch Mechanismen, um eine schnelle Wiederherstellung der Stromversorgung gewährleisten zu können."

Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft an der TU Dresden, bestätigt diese Einschätzung weitestgehend: "Das Risiko für einen Blackout schätze ich weiterhin als gering ein. Die Unternehmen in Deutschland sind sehr professionell. Dennoch kann man sich immer Szenarien ausmalen, die zu einem Blackout führen. Dies gilt natürlich auch unabhängig von den aktuellen Entwicklungen."

Gesicherte Stromversorgung: Drei Mechanismen und ihre Grenzen

1. Reserve: In Deutschland gibt es die sogenannte Momentanreserve: Generatoren, die in konventionellen Kohle- und Atomkraftwerken laufen. Sie können bei einem Frequenzabfall schnell aktiviert werden. Mit dem zunehmenden Rückbau konventioneller Energieträger nimmt ihre Anzahl ab. Batterien könnten sie ersetzen. Um einen Engpass von mehreren Tage auszugleichen, bräuchte man jedoch immense Batteriespeicher. Und das werde schnell sehr teuer, so Dominik Möst.

2. Ersatz: Das sogenannte "n-1-Kriterium" besagt, dass zum Beispiel beim Ausfall einer Stromleitung immer Ersatz zur Verfügung stehen muss. So entsteht laut den großen Übertragungsnetzbetreibern ein deutschlandweiter Sicherheitspuffer, der im Fall der Fälle einsatzbereit ist.

3. Import: Wird in Deutschland nicht genug Strom erzeugt, muss am europäischen Strommarkt zugekauft werden. Das Potenzial für zusätzliche Kapazitäten ist hier aber beschränkt - erst recht in der aktuellen Energiekrise.

Vorbereitet für den Fall der Fälle: Blackout-Tipps

Wie wahrscheinlich ist der Blackout? Im Fall der Fälle bleibt meist nur Kerzenlicht.  | Bild: BR

Gesagt: Mit Selbstwirksamkeit gegen die Angst vorm Blackout

"Wir haben erkannt, dass sich durch den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine positive Zustimmungswerte zur Energiewende ergeben. Menschen fühlen sich immer dann besonders hilflos, wenn sie das Gefühl haben, sie hätten selbst keinerlei Einflussmöglichkeiten. Strom kommt an oder er kommt nicht an. Das ist für die Menschen ein Problem, weil sie das Gefühl haben, das schlecht steuern zu können. Wenn Menschen aber das Gefühl bekommen, Einfluss zu haben, also das Solarmodul auf dem eigenen Dach, dann sagen sie: Es kann kommen, was wolle, mein Solarmodul läuft. Selbstwirksamkeit ist hier das Schlagwort."

Dr. Jörg Radtke, Politikwissenschaftler, Universität Siegen.

Frage Neugierig geworden? Sollten wir zu diesem Thema öfter berichten?