Telekolleg - Deutsch


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Nachgefragt Hörfunk und Fernsehen

Gibt es heute noch einen Bildungsnotstand? Im Zeitalter der Wissens- und Informationsgesellschaft scheint der Zugang zur Bildung ungebrochen. Was kann ein kritischer Umgang mit Medien dafür leisten?

Published at: 1-2-2012 | Archiv

Die Dritten Programme wurden von der ARD zu Beginn der sechziger Jahre gegründet. Damit besann sich die ARD auf ihren gesetzlich verankerten Bildungsauftrag, der neben den beiden anderen Aufgaben, zu informieren und zu unterhalten, etwas zu kurz gekommen war. "Pantoffelkino" wird das Fernsehen der 50er Jahre bezeichnenderweise genannt: Das Fernsehen bot den in ihre Privatsphäre zurückgezogenen Menschen ein Fenster zur Welt. Es "förderte die unbeteiligte Teilnahme (Niklas Luhmann) des politischen Pantoffelhelden’ an der Welt." (Zitiert nach Mediengeschichte S.722f.).

Hintergrund der Rückbesinnung der ARD auf ihren Bildungsauftrag war, wie der ehemalige Kulturchef des Bayerischen Rundfunks Dr. Walter Flemmer in der dritten Folge erinnert, die damalige bildungspolitische Situation. Der Pädagoge Georg Picht hat sie in seiner Artikelserie Die deutsche Bildungskatastrophe auf den Punkt gebracht: "In der modernen Leistungsgesellschaft heißt soziale Gerechtigkeit nichts anderes als gerechte Verteilung der Bildungschancen (...). Der gesamte soziale Status, vor allem aber der Spielraum an persönlicher Freiheit, ist wesentlich durch die Bildungsqualifikationen definiert, die von dem Schulwesen vermittelt werden." (G. Picht, Bildungskatastrophe S.31, Artikel zur gegenwärtigen Bildungssituation von Gabriele Hooffacker im Freitag vom 18.12.1998.)

Mit seiner Beschwörung der Bildungskatastrophe hat Georg Picht damals viel öffentlichen Wirbel erzeugt und großen Erfolg gehabt; nicht zuletzt, weil er unverhofft große Zustimmung bei der Wirtschaft fand. Unser gesamtes Bildungssystem wurde grundlegend reformiert – kaum eine Rede zur Bildungssituation, die nicht an die großen Verdienste Pichts erinnert.

Auch heute diagnostizieren amerikanische Soziologen wieder einen Bildungsnotstand: die immer größer werdende Schere zwischen Informationselite und Informationsarmen, information rich – information poor. Allein mit der Forderung, Schülern möglichst früh einen Zugang zum weltweiten Netz zu verschaffen, ist es vermutlich nicht getan. „Information poor“, arm an Information, bleibt nämlich auch jeder, der sich durch seine Computerspiele hindurchklickt oder wahl- und haltlos im Netz herumsurft, ohne recht zu wissen, welche Information er wofür braucht und wo finden kann. Er bedient in beiden Fällen nur die Benutzeroberfläche und das, was ihm die Informationselite bereitstellt. Der durch das stete Herumklicken geförderte Anschein, aktiv zu sein, solange man am PC surft, täuscht. Der Verein Schulen ans Netz e.V. hingegen will Schülern zu einer kritischen Medienkompetenz verhelfen. Es ist heute wie damals, als die "Pantoffelhelden" aus ihren Pantoffeln heraus und hinein in die umstrukturierten öffentlichen Bildungsanstalten traten: Nur Bildung kann die Informationsarmen aus ihrer passiven konsumierenden Haltung herausreißen. Nur dass Bildung heute, in unserem so genannten Medien-, Informations- oder Kommunikationszeitalter auch heißt: die Erlangung all der Kenntnisse und Fähigkeiten, die zum emanzipierten Umgang mit den neuen Medien nötig sind.

Was folgt daraus für das Fernsehen? Wenn das Fernsehen seinem juristisch festgeschriebenen Bildungsauftrag nachkommen will, dann muss es nicht allein sein Kulturprogramm ausbauen oder zu besseren Sendezeiten zeigen. Genauso wichtig ist es, das (immer noch) als Leitmedium fungierende Fernsehen zur Bildung im heutigen Sinne zu nutzen, als Medium, das den kritischen und emanzipierten Umgang mit den modernen Medien lehrt. Vorbildhaft trägt der vom BR ins Leben gerufene Bildungskanal BR-alpha diesem gewandelten Bildungsbedarf Rechnung - nicht zuletzt mit seinem reichen Begleitprogramm online, mit dem z.B. jeder einen Grundkurs Multimedia absolvieren kann.

Literatur:

  • Von Picht zu PISA: Die Diskussion um Bildungsdisparitäten im deutschen Bildungssystem von Christina Menzinger
  • Jürgen Wilke (Hg). Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung. Schriftenreihe Band 361, Bonn 1999.

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