Männergesundheit Darum sterben Männer früher als Frauen

Von: Marisa Gierlinger

Stand: 30.06.2022

Männer leben im Schnitt fünf Jahre kürzer als Frauen. Biologische Gründe dafür gibt es kaum. Aber oft unterscheidet unser Geschlecht mit, wie wir uns verhalten, leben und arbeiten. Das hat Folgen für unsere Gesundheit.

Zwei Männer stehen im Qualm vor einem Grill, einer spielt dahinter Fußball. | Bild: colourbox.com

Ernährung: Lebensgefahr Übergewicht

Zu viel Essen, zu wenig Bewegung - eine fatale Kombination, die viele Krankheiten begünstigen kann. Laut RKI sind 67 Prozent der deutschen Männer übergewichtig, bei den Frauen sind es 53 Prozent. Das macht sich gesundheitlich bemerkbar: Der Blutfettgehalt ist unter anderem ein wichtiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Krankheiten. Jeder vierte Mann leidet unter Bluthochdruck, das Herzinfarktrisiko für Männer ist dreimal so hoch wie für Frauen. Auch an Diabetes Typ 2 erkranken Männer deutlich häufiger. Der Zusammenhang zu Übergewicht und Adipositas ist hier besonders auffällig.

Ein Mann beißt in einen Burger  | Bild: picture-alliance/dpa/Ulrich Baumgartner

Mehr als die Hälfte der Jungen zwischen 11 und 17 essen mindestens zweimal die Woche Fast Food.

Schon Jungen nehmen mehr Salz, Fett und Zucker zu sich als Mädchen. Diese wiederum essen schon in jungen Jahren mehr Obst und Gemüse. Das setzt sich im Erwachsenenalter fort. Die Frauenrate unter den Vegetariern ist in Deutschland wesentlich höher als die der Männer. Umgekehrt verzehren diese fast doppelt so viel Fleisch. Auch deshalb sind Männer wohl häufiger von Darmkrebs betroffen: Kalorienreiche und fleischhaltige Kost gelten als Risikofaktoren für die Krankheit. Aber warum ernähren wir uns so unterschiedlich? Das liegt nicht an unserer Natur, sondern Kultur: Bestimmte Speisen und Essverhalten werden mit "Männlichkeit“ oder "Weiblichkeit“ assoziiert, und dadurch jeweils umso mehr verstärkt. Männer fühlen sich stark und männlich, wenn sie Fleisch essen. Das bestätigt eine Studie der University of California. Frauen beschäftigen sich allgemein mehr mit dem Thema Ernährung. Auch, weil Gewichtskontrolle für sie gesellschaftlich eine größere Rolle spielt.

Risikoverhalten: Mann lebt gefährlich

Ein Freerider springt mit seinen Skiern über eine Klippe | Bild: picture-alliance/blickwinkel/McPHOTO/viennaslide

"Vor der Pubertät haben Mädchen und Jungen das gleiche Risikoverhalten. Danach ist es bei Jungen um ein Vielfaches höher. Da springen sie von Brücken, legen sich mit 240 Stundenkilometern in die Kurve […] Nicht ohne Grund gibt es wesentlich mehr männliche Unfalltote."

Prof. Dr. Frank Sommer, Urologe und weltweit erster Professor für Männergesundheit

Suchtgefahr: Männer suchen den riskanten Genuss

Ein Mann raucht eine Zigarette und trinkt ein Bier. | Bild: picture-alliance/blickwinkel/McPHOTO/M. Begsteige

Rauchen war lange stark männlich besetzt. Das zeigte auch die deutlich höhere Lungenkrebsrate von Männern.

Männer gelten im Gegensatz zu Frauen als suchtgefährdeter, weil sie dazu neigen, Probleme eher mit Substanzen zu bewältigen, als Hilfsangebote anzunehmen. Zusätzlich ist der Genuss von Rauschmittel bei Männern gesellschaftlich akzeptierter. Obwohl Männer statistisch gesehen eindeutig mehr trinken als Frauen. schätzt das weibliche Geschlecht den eigenen Alkoholkonsum schneller als problematisch ein. Dabei sind Alkohol-Missbrauch und-Abhängigkeit bei Männern knapp dreimal so häufig wie bei Frauen. Mehr als doppelt so viele Männer sterben an den Folgen ihres Alkoholkonsums.

Potenz: "Sensibles Antennensystem"

"Tatsächlich sind Erektionsstörungen ein guter Indikator für die männliche Gesundheit. Sind sie arteriell bedingt, können sie ein Vorbote für kardiovaskuläre Krankheiten wie einen Herzinfarkt sein. Sind sie stoffwechselbedingt, können sie eine Diabetes mellitus oder ein metabolisches Syndrom ankündigen."

Prof. Dr. Frank Sommer, Urologe und weltweit erster Professor für Männergesundheit

Berufsrisiko: Wenn Arbeit Männer krank macht

Ein Arbeiter in der chinesischen Harbin Turbine Company beim Schweißen. | Bild: picture-alliance/Xinhua News Agency/Wang Jianwei

Viele vorrangig männlich besetzte Tätigkeiten können die Gesundheit schädigen.

Schmutz, Lärm, Hitze, Rauch, Gase: Solchen Belastungen sind Männer in ihrem Job häufiger ausgesetzt als Frauen. Hier werden auch sozioökonomische Unterschiede deutlich, denn vor allem betrifft das Berufe im unteren Lohnsegment. Dazu kommen bei vielen körperlichen Arbeiten auch körperliche Abnutzungserscheinungen. Die Folge sind nicht selten gesundheitlichen Langzeitschäden.

Auch in anderen, besser bezahlten Berufsgruppen gibt es schwere Arbeitsbelastungen. Sie sind oft psychosozialer Natur und können Frauen genauso treffen. Aber: Traditionell definieren sich Männer mehr über ihre Arbeit. Status, Verdienst und Leistung spielen für sie weiterhin eine große Rolle. Viele Männer verstehen sich immer noch als Familienernährer. Das macht sie anfällig für Stress. Ein wichtiger Gesundheitsfaktor, vor allem für Herz-Kreislauferkrankungen, von denen Männer auch deshalb besonders häufig betroffen sind.

Lebensstil statt Gene: Warum Männer im Kloster länger leben

In westlichen Industrienationen leben Frauen im Schnitt fünf Jahre länger als Männer. Experten gehen inzwischen davon aus, dass das nur geringfügig an biologischen Faktoren liegt. Entscheidend für diese Erkenntnis war die Klosterstudie des Bevölkerungswissenschaftlers Marc Luy. Er hat die Lebensdauer von Mönchen und Nonnen miteinander verglichen. Die Lebensbedingungen der Geistlichen sind nahezu identisch und unterschieden sich zwischen den Geschlechtern wesentlich weniger, als das im Rest der Gesellschaft der Fall ist. Die Studie hat gezeigt, dass Mönche und Nonnen in etwa gleich lang leben.

Ein Mönch steht im Kreuzgang des Würzburger Franziskanerklosters. | Bild: picture-alliance/Karl-Josef Hildenbrand

Die Klosterstudie legt nahe: die männliche Übersterblichkeit hat andere Gründe als biologische.

Trotzdem kratze die Unterscheidung zwischen Männern und Frauen nur an der Oberfläche, sagt Anne Starker vom Gesundheitsmonitoring des RKI. "Die Gruppe der Männer oder die Gruppe der Frauen gibt es einfach nicht. Sie unterscheiden sich nach Alter, nach sozialer Lage, nach sexueller Orientierung und so weiter." Mittlerweile müsse man für solche Betrachtungen nicht nur Geschlechtersensibilität, sondern auch Geschlechterdiversität berücksichtigen.

Depressionen: Hohe Dunkelziffer unter Männern

Ein Geschäftsmann sitzt frustriert über seinem Schreibtisch und hält den Kopf in seinen Händen. | Bild: picture-alliance/Zoonar|Max

Nicht nur ein Klischee: Viele Männer kompensieren Depressionen mit mehr Arbeit.

Anders als Frauen kommunizieren Männer ihre Beschwerden deutlich weniger. Oft scheitert es schon an der eigenen Wahrnehmung. Das bestätigt der Urologe Frank Sommer: "Ich bin stark, ich bin groß, ich bin unbesiegbar. Das schwirrt so in den Köpfen rum. Mich trifft es nicht“. Besonders zeigt sich das bei psychischen Erkrankungen. Sie scheinen immer noch in erster Linie Frauen zugeschrieben zu werden. So werden männliche Depressionen häufig übersehen oder tabuisiert. Sogar von Ärzten, die bei Männern seltener ein Seelenleiden diagnostizieren oder entsprechende Medikamente verschreiben. Dazu kommt, dass Männer bei Depressionen ganz andere Symptome haben. Auch sie stehen im Einklang mit einem maskulinen Rollenbild: Aggression statt Trauer, ertränkt in Alkohol und manischer Arbeit. Erschreckend hoch ist die Suizidrate unter Männern - vor allem im jungen Alter. Mittlerweile gibt es daher Hilfsangebote, die sich speziell an Männer richten.

Früherkennung: Unterschätzen Männer Vorsorge?

Ein Arzt misst bei einem männlichen Patienten den Blutdruck mit einem Messgerät. | Bild: picture-alliance/Zoonar|Robert Kneschke

Männer nehmen Vorsorgeangebote und Routine-Checks auffällig wenig wahr.

Männer leiden zwar öfter an chronischen Beschwerden, Stress und Suchtkrankheiten. Überraschenderweise nehmen sie sich selbst aber als gesünder wahr als Frauen. Der Urologe Frank Sommer glaubt, dass es auch daran liegt, dass sie Präventionsangebote weniger in Anspruch nehmen.

Gesundheitseinrichtungen versuchen seit Jahren, in ihren Angeboten auf männliche Ansprache zu achten. Trotz aller Bemühungen: Gerade einmal 40 Prozent der Männer gaben im Jahr 2020 an, regelmäßig Krebsfrüherkennungsuntersuchungen zu machen. Bei den Frauen sind es 67 Prozent. Fatal ist das beim Prostatakrebs, dem am stärksten verbreiteten Karzinom bei Männern. Jeder sechste erkrankt in seinem Leben daran. Knapp 15.000 Männer starben allein im Jahr 2018 daran. Das Bewusstsein für Prostatakrebs ist bei Männern deutlich geringer als das von Brustkrebs unter Frauen, obwohl dieser seltener tödlich verläuft. Ein Grund dafür ist, dass Frauen sich schon ab der Pubertät regelmäßig untersuchen lassen.

Sozialisierung: "Schuld sind nicht die Männer"

"Wichtig wäre es, Jungen das gleiche Körperbewusstsein mitzugeben wie Mädchen. Frauen sind es ab der Menstruation gewöhnt, sich regelmäßig untersuchen zu lassen - und nicht erst bei Problemen."

Anne Starker, Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring beim RKI

Prävention: Vorsorgeuntersuchungen für Männer

  • 18-35: Ein einmaliger allgemeiner Check-Up (Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin)
  • Ab 35: Alle drei Jahre ein allgemeiner Gesundheits-Check-Up, einmaliges Screening auf Hepatitis B und C
  • Alle zwei Jahre eine vollständige Hautuntersuchung zur Krebsführerkennung
  • Ab 45: jährliche Prostatavorsorgeuntersuchung
  • ab 50: Jährliche Stuhluntersuchung zur Früherkennung von Darmkrebs, wahlweise zwei Darmspiegelungen im Mindestabstand von 10 Jahren
  • ab 65: einmalige Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung von Aneurysmen der Bauchschlagader

Mit dem richtigen Verhalten sind viele der "typisch männlichen“ Krankheiten vermeidbar. Und: Früh erkannt lassen sie sich meist gut behandeln. Die wichtigsten Vorsorgeuntersuchungen werden von allen Kassen übernommen. Die linksstehenden Angebote richten sich sowohl an Männer als auch an Frauen, wobei rein männerspezifisch nur die Prostata- und Bauchaneurysmenuntersuchung ist. Frauen stehen darüber hinaus noch weitere Leistungen zu.