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Das Vogelsterben und seine Ursachen Unsere Vögel sind in Schwierigkeiten

Wann habt ihr zuletzt ein Braunkehlchen gesehen? Oder einen Stieglitz? Unsere heimischen Vogelarten verschwinden. Den Vögeln fehlt bei uns der Platz und die Nahrung. Auf das Insektensterben folgt inzwischen längst das Vogelsterben.

Stand: 18.10.2022

Braunkehlchenmännchen im Landeanflug auf einen gelbblühenden Ginsterzweig. | Bild: picture alliance/WILDLIFE

Kennt ihr noch das Braunkehlchen mit seiner orangefarbenen Brust und dem weißen Bauch? Einst ein Allerweltsvogel, doch heute haben bei uns die meisten den hübschen Singvogel noch nie gesehen. Denn das Braunkehlchen steckt in Schwierigkeiten - wie viele der heimischen Vogelarten.

Auch heimische Vogelarten sind vom Vogelsterben betroffen

2021 wurden 43 Prozent der 259 regelmäßig in Deutschland brütenden Vogelarten auf die Rote Liste der Brutvögel Deutschlands gesetzt, also fast jede zweite. Braunkehlchen stehen als "stark gefährdet" auf der Roten Liste.

Intensive Landwirtschaft als Hauptursache

Agrarvögeln wie Braunkehlchen, Kiebitz, Rebhuhn und anderen macht die intensive Landwirtschaft schwer zu schaffen. Sie sind vom Vogelsterben am stärksten betroffen, meint NABU-Vogelexperte Lars Lachmann. Der Bestandseinbruch sowohl bei seltenen wie häufigeren Vogelarten werde von der Entwicklung der landwirtschaftlich genutzten Flächen verursacht: Denn der Anteil an artenreichen Wiesen und Weiden oder Brachflächen hat drastisch abgenommen, dagegen gibt es immer mehr intensiven Anbau von Mais und Raps.

Braunkehlchen zum Beispiel sind Wiesenbrüter und bauen ihre Nester wie viele andere Vogelarten am Boden. Deren allergrößte Bedrohung sind die Mähwerke. Wenn die kommen, bevor der Nachwuchs ausgeflogen ist, ist die Brut verloren. Doch viele Landwirte mähen, so früh sie können, um möglichst mehrere Mahden im Jahr einzufahren.

Insektensterben lässt die Vögel hungrig zurück

Gebänderte Prachtlibelle - Calopteryx splendens | Bild: colourbox.com zum Video mit Informationen Insektensterben Drastischer Insektenschwund in Deutschland

Monokulturen, Pestizide und andere Giftstoffe, Versiegelung der Böden und fehlende Blumenwiesen - all das macht den Insekten den Garaus. Seit langer Zeit ist ein massives Insektensterben im Gange. Und wenn die Insekten sterben, leiden andere Arten. [mehr]

Doch es fehlen nicht nur Brutplätze für die Vögel. Inmitten von Maisfeldern verhungern sie. Denn auch der drastische Insektenschwund der letzten Jahre wird nicht zuletzt von der intensiven Landwirtschaft verursacht: Pestizide und Herbizide vernichten die pflanzliche Artenvielfalt. Immer weniger Wildblumen stehen am Feldesrand - und immer weniger Insekten sind die Folge. Selbst in Naturschutzgebieten ist die Masse der Insekten um 75 Prozent seit den 1990er-Jahren zurückgegangen. Doch viele Vögel sind Insektenfresser.

"Die Lerche - einen Vogel, der früher so häufig war, haben wir regelrecht aus unserer Lebensgemeinschaft herausgewirtschaftet."

Prof. Peter Berthold, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell

Mehr Artenvielfalt für den Vogelschutz

Kaum noch zu finden: Feldlerche

In der auf- und ausgeräumten Landschaft findet sich kaum mehr ein passender Lebensraum für wilde Tiere. Monotonie statt Vielfalt, es gibt kaum noch Hecken zwischen den Feldern, selten noch Brachland. Der Landesbund für Vogelschutz appelliert daher an die Politik, die kleinteilige, extensive, biologische Landwirtschaft mehr zu fördern.

Vogelschutz fängt im Garten an

Seit alles geteert ist, die Dörfer "schöner", die Böden versiegelt sind, die Misthaufen nicht mehr offen stehen dürfen und es nirgends mehr Verhau in der Landschaft gibt, verschwinden sie immer mehr: die Insekten und all die Vögel wie Spatzen, Schwalben und Mauersegler, Drosseln, Stelzen, Rotschwänze und nicht zuletzt das Braunkehlchen. "Die Schwalbe braucht Batz," drückt es der LbV-Vogelexperte Hans-Joachim Fünfstück aus. Und fordert "ein bisschen mehr Mut zur Wildnis, mehr Mut zum Schlampigsein." Damit sind nicht nur die Gemeinden gemeint. Auch in unseren Gärten ist es zu ordentlich. Jeder von uns kann selbst in seinem Garten etwas für die Vögel tun, nämlich: "am besten nichts".

"Wenn Sie einen lebendigen Garten haben wollen, dann fangen Sie bitte nicht an, Ordnung zu machen. Haben Sie Mut zur Wildnis! Lassen Sie die Brennnesseln einfach stehen, pflanzen Sie einheimische Beerensträucher, setzten Sie sich auf einen Stuhl und schauen zu!"

Hans-Joachim Fünfstück, Landesbund für Vogelschutz

Vögel schützen: Mut zur Wildnis

Auf die Politik zu warten, bringe nichts, so die Ansicht von Prof. Peter Berthold, dem ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell: "Das muss von unten her kommen, von der Bevölkerung!" Er plädiert dazu, aus jedem Hausgarten, jedem Balkon, jedem verfügbaren Fleckchen eine kleine ökologische Herberge für Vögel zu machen. Es brauche dazu nicht viel, einfach nur einen etwas "schlampigen" Garten. Ohne jede Hilfe, jedes Umdenken, ist es dagegen nach Ansicht des Ornithologen mit vielen Vogelarten bei uns bald vorbei. Zu unserem eigenen Schaden.

Das Artensterben der Vögel betrifft auch uns Menschen. Das Vogelsterben ist nicht nur ein Indikator für den bedrohten Zustand der Insekten, es zeigt uns auch falsche Entwicklungen in der Landwirtschaft oder im Städtebau. Mit jeder Art, die verschwindet, wird auch unser eigenes Überleben langfristig gefährdet:

"Je weniger Arten wir haben, umso instabiler wird das Ökosystem, von dem auch wir leben."

Prof. Peter Berthold, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell

Auch Zugvögel sind gefährdet

Kuckuck | Bild: picture-alliance/dpa zur Bildergalerie mit Informationen Zugvögel bedroht Viele Vögel überleben ihre Reise nicht

Millionen Zugvögel sind zweimal pro Jahr auf dem Weg in ihr Sommer- oder Winterquartier. Doch ihr langer Weg ist gefährlich. Zugvögel sind gefährdet. Die größte Gefahr auf ihren Routen sind wir Menschen. [mehr]

Vogelarten, die zu den Zugvögeln zählen, sind besonders gefährdet. Und wieder ist der größte Feind der Vögel der Mensch, das macht eine Studie von 2022 der University of East Anglia in Großbritannien deutlich. Das Zusammenspiel folgender Faktoren bedroht Zugvögel besonders: Der Verlust oder die Zerstörung ihres Lebensraums, Windräder, Hochspannungsleitungen, Kollisionen mit Glasscheiben, Lichtverschmutzung, der Klimawandel und die Jagd sind die Todesursachen vieler Zugvögel.

Diese Vögel fliegen im Winter in Richtung Süden

Der Kuckuck leidet unter dem Klimawandel

Auch der Kuckuck ist ein Zugvogel. Und er gehört zu den Sorgenkindern, die besonders weit wegfliegen und erst im April aus Afrika nach Deutschland zurückkehren. Zu spät, dann hat er kaum noch Chancen, den Zieheltern in spe ein fremdes Ei unterzujubeln. Deren Vogeljungen sind dann meist schon geschlüpft, weil viele Vogelarten inzwischen deutlich früher zurückkehren, bedingt durch den Klimawandel.

Zugvögel und ihr Zugverhalten

Routenplaner

Das Zugverhalten ist von Art zu Art unterschiedlich. Während Breitfrontzieher, wie zum Beispiel Baumfalken, ohne erkennbare Routenbildung in die Überwinterungsquartiere fliegen, haben andere Arten klar abgegrenzte Zugrouten. Ihr Flug folgt geografischen Landmarken, Fluss- oder Bergtälern und Meerengen. Hier treten die Tiere in Schwärmen mit sehr vielen Vögeln auf.

Langstrecken-Flieger

Einige in Deutschland heimische Kleinvogelarten legen auf ihrem Weg nach Afrika 3.000 Kilometer und mehr zurück. Mauersegler bringen es auf bis zu 1.000 Kilometer am Tag, ohne eine Trink- oder Fresspause einzulegen. Den Langstreckenrekord halten allerdings die Küstenseeschwalben, die zwischen ihren arktischen Brutgebieten und den Winterfutterplätzen in der Antarktis bis zu 20.000 Kilometer unterwegs sind. Und diese Strecke legen die Vögel zweimal im Jahr zurück.

Zugvogelarten

Typische Vertreter der Zugvögel in unseren Breiten sind Weißstorch und Schwarzstorch, Kranich, Wespenbussard, Kuckuck, Mauersegler, Rauchschwalbe, Brachvogel, Kiebitz, Singdrossel, Sumpfrohrsänger, Feldlerche, Fitis, Nachtigall und Hausrotschwanz.
Zu den Zugvögeln zählen zudem seltene Arten wie Schreiadler oder Rotmilane. Die Adler überwintern zum Beispiel in Afrika, die Rotmilane zieht es nach Spanien.

Orientierung

Wie die Zugvögel sich genau orientieren, ist noch nicht vollkommen erforscht. Bekannt ist, dass sich die Tiere im Flug anhand des Erdmagnetfeldes orientieren. Veränderungen am Magnetfeld können die Vögel in ihrem Auge wahrnehmen. Zudem haben sie eine Art erlernter Landkarte im Kopf, die ihnen als grobe Orientierung dient. Einige Zugvögel orientieren sich auch am Sternenhimmel oder dem Sonnenstand.

Elektrosmog

Elektrosmog kann die Tiere durcheinanderbringen. Das haben Wissenschaftler der Universität Oldenburg in einer Studie vom Mai 2014 festgestellt. Selbst schwache elektromagnetische Felder, die von einfachen Elektrogeräten herrühren und nicht von Hochspannungsmasten oder Mobilfunknetzen, störten kurzfristig die Orientierung der untersuchten Rotkehlchen während der Zeit des Vogelzugs.

Zugvögel werden gejagt

Braunkehlchen in einer Falle

Eine weitere Gefahr für viele Zugvögel ist die Jagd. Zwar ist die Vogeljagd in vielen Ländern illegal, doch fast im gesamten Mittelmeerraum und auch in den Regionen des Kaukasus, des Kaspischen Meeres und des Schwarzen Meeres werden Vögel gejagt. Viele von ihnen, wie zum Beispiel die Braunkehlchen, die im Süden überwintern, schaffen den Heimflug aus Afrika nicht, weil sie in den Netzen und Fallen von Vogelfängern landen. Braunkehlchen gelten in Italien noch immer als Delikatesse.

"Es gibt eine Studie, die 10.000 Braunkehlchen im Netz gezählt hat. In einem Jahr!"

Laura Tschernek, Landesbund für Vogelschutz

Diese Zugvögel sind in deutschland stark gefährdet

Zahl der Vögel nimmt auf der ganzen Welt rapide ab

Weltweit geht es den Vögeln nicht besser: Global ist eine von acht Vogelarten gefährdet, wie die Organisation "BirdLife International" berichtet. Die Zahlen aus dem Bericht: "State of the World's Birds 2022" sind alarmierend: Bei fast der Hälfte aller weltweiten Vogelarten schrumpft die Zahl der Tiere, nur sechs Prozent aller Vogelarten haben noch wachsende Populationen. Die industrielle Landwirtschaft und deren Ausbreitung ist laut dem Bericht, der alle vier Jahre aktualisiert wird, die größte Gefahr für die Vögel auf unserem Planeten. Auch der Einsatz von Maschinen und Chemikalien sind eine große Bedrohung. Dass hat dazu geführt, dass die Zahl der Agrarland-Vögel in Europa seit 1980 um 57 Prozent zurückgegangen ist.

Hoffnung für den Vogelschutz

Überlebenswichtige Lebensräume zu erhalten oder zu renaturieren - für die Autoren des Berichts "State of the World's Birds 2022" sind das die wichtigsten Lösungsansätze, um Vögel zu schützen. Außerdem seien Projekte notwendig, mit denen gefährdete Arten gezielt geschützt werden, sowie eine schnelle Bekämpfung der Klimakrise und der Wilderei, so die Forschenden.
Der Erfolg einiger Artenschutzprojekte der vergangenen Jahre gebe auch Anlass zur Hoffnung. Ohne diese Projekte wären in den vergangenen knapp 30 Jahren bis zu 32 Vogelarten bereits ausgestorben, schreiben die Forscher. Von den Artenschutzbemühungen hat zum Beispiel auch der Waldrapp profitiert.

Der Waldrapp kehrt zurück

Waldrapp mit seinem glänzenden schwarz-grünlichen Gefieder im Profil | Bild: picture alliance/chromorange/Claudia Otte zum Audio mit Informationen Waldrapp Der Ibisvogel soll wieder heimisch werden

Mit seinem langen gebogenen Schnabel, seiner Halskrause und seiner punkigen Frisur ist er einer der skurrilsten Vögel: der Waldrapp. Doch der Zugvogel ist laut der Roten Liste der IUCN stark gefährdet. Ein Projekt will ihn retten. [mehr]

Im 16. Jahrhundert war der Waldrapp in Europa weit verbreitet. Schriften aus dieser Zeit zufolge galten die Vögel als "Schleck mit lieblich Fleisch und zart Gebein". Deshalb landeten viele Ibisvögel im Kochtopf. Heute ist der Waldrapp in der Roten Liste der IUCN als stark gefährdete Zugvogelart gelistet. Dass es den Waldrapp heute überhaupt noch bei uns gibt, hat er zunächst Zoos zu verdanken. Die EU entschied dann, den Waldrapp wieder anzusiedeln und startete das Schutzprojekt LIFE+. Nach rund 20 Jahren Bemühungen um die Wiederansiedlung der Waldrappe, lebten Anfang 2022 wieder rund 200 Tiere im europäischen Alpenraum. Damit wurden die Projektziele zwar erreicht, doch die Population in dieser Größe ist noch nicht selbstständig überlebensfähig. Deshalb wurde das Folgeprojekt "LIFE20 Northern Bald Ibis" zum Erhalt des Waldrapps in Europa von der EU-Kommission bis zum Jahr 2028 bewilligt.


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