48

Waldrapp Der Ibisvogel soll wieder heimisch werden

Mit seinem langen gebogenen Schnabel, seiner Halskrause und seiner punkigen Frisur ist er einer der skurrilsten Vögel: der Waldrapp. Doch der Zugvogel ist laut der Roten Liste der IUCN stark gefährdet. Ein Projekt will ihn retten.

Published at: 11-10-2022

Begegnen sich Waldrappe (Geronticus eremita), legen sie den Kopf mit aufgestelltem Schopf in den Nacken und begrüßen sich mit einem heiseren "ChruuChruu". Auffällig ist jedoch nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Aussehen: Aufgrund der wilden Frisur wird der Waldrapp auch Schopfibis genannt. Seine Kehle ist unbefiedert und rot. Der Schnabel bis zu 15 Zentimeter lang und hochsensibel: In ihm stecken Tastorgane, mit deren Hilfe der Vogel im Erdboden Würmer, Insektenlarven und andere wirbellose Tiere aufspürt.

Früher landete der Waldrapp im Kochtopf

Früher war der Vogel mit dem schwarz-grünlich glänzenden Gefieder in Europa weit verbreitet. Schriften aus dem 16. Jahrhundert zufolge galten die Waldrappe als "Schleck mit lieblich Fleisch und zart Gebein". Deshalb landeten viele Exemplare des noch bis ins 17. Jahrhundert auch in Bayern und Österreich heimischen Ibisvogels im Kochtopf. Heute ist der Waldrapp in der Roten Liste der IUCN als stark gefährdete Zugvogelart gelistet.

Besonders und bedroht: 5 Fakten über Waldrappe

Der Waldrapp kehrt zurück

Dass es den Waldrapp heute überhaupt noch bei uns gibt, hat er zunächst Zoos zu verdanken. Die EU entschied dann, nach einer Machbarkeitsstudie Anfang der 2000er-Jahre, den Waldrapp wieder anzusiedeln und startete ein Schutzprojekt für die Vogelart: Das Projekt LIFE+.

Nach rund 20 Jahren Bemühungen um die Wiederansiedlung der Waldrappe, lebten Anfang 2022 wieder rund 200 Tiere im europäischen Alpenraum. Damit wurden die Projektziele zwar erreicht, doch die Population in dieser Größe ist noch nicht selbstständig überlebensfähig. Deshalb wurde ein Folgeprojekt von der EU-Kommission bewilligt. Seit 2022 läuft das Projekt "LIFE20 Northern Bald Ibis" zum Erhalt des Waldrapps in Europa bis zum Jahr 2028. "Danach müssten Waldrappe nach unserer Berechnung selbstständig überlebensfähig sein", sagt Johannes Fritz, Leiter des Projekts.

Das Projekt LIFE20 wird von zehn Partnern aus vier Ländern umgesetzt, unter Leitung des Tiergarten Schönbrunn in Wien und mit Beteiligung des Fördervereins Waldrappteam. An den Maßnahmen sind Österreich, Deutschland, Italien und die Schweiz beteiligt. Die Projektstandorte sind bisher: das Brutgebiet im bayerischen Burghausen, die Brutgebiete in Kuchl und Rosegg in Österreich, das Trainingscamp für die menschengeführte Migration in Hödingen/Überlingen am Bodensee und das italienische Wintergebiet WWF Oasi Laguna di Orbetello in der Toskana. Weitere Koloniegründungen in der Schweiz und Italien sind geplant.

Ein Schutzprojekt für den Waldrapp

"Ziehmütter" zeigen Waldrapp-Jungen in Leichtflugzeugen die Route

Die beiden Ziehmütter führen in Leichtflugzeugen die jungen Waldrappe über die Alpen (hier im Jahr 2017)

Eine der größten Herausforderungen für die Biologen: Die Waldrappküken haben das Zugverhalten und die Zugroute nicht von ihren Eltern geerbt. Beides muss ihnen wieder antrainiert werden. Deshalb ziehen die Wissenschaftler die Waldrapp-Küken per Hand auf, um sie auf ihre Person zu prägen. Dadurch folgen die Jungvögel ihren "Ziehmüttern" Mitte August über die Alpen in die Toskana. Die Biologen reisen in Ultraleichtfliegern und zeigen den Jungtieren den Weg. Auf diese Weise sollen sich die Waldrappe ihre Vogelzugstrecke einprägen und sie an ihre Nachkommen weitergeben.

"Damit der Waldrapp sich als wilder Kulturfolger bei uns zu Hause fühlt, muss er sein altes Verhalten, nämlich das Wegziehen im Winter, erst wieder erlernen. Findet der junge Waldrapp nicht im ersten Lebensjahr die Zugroute zu seinem Winterquartier in der Toskana, fällt das Lern-Zeitfenster zu und er wird es nie schaffen, auf eigenen Beinen zu stehen."

Klaus Hackländer, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Wildtier Stiftung

Erfolg des Projekts: Waldrapp-Kolonien wachsen

Waldrapp-Vogelzug über der Toskana

Trotz der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie wuchs der Bestand der Vögel bis Anfang 2022 auf 200 Waldrappe an. Und auch der letzte Waldrappzug 2021 war ein Erfolg: Im April 2021 wurden 32 Küken von ihren beiden Ziehmüttern per Hand im Tiergarten Schönbrunn aufzogen. Die Jungvögel wurden anschließend in die Kolonien Burghausen und Kuchl integriert. Dann begann das Trainingsprogramm für die jungen Waldrappe im Trainingscamp in Seekirchen, im Salzburger Land: Innerhalb von zwei Monaten absolvierten sie mit ihren Flugtrainern 22 Trainingsflüge mit Flugstrecken von bis zu 76 Kilometern.

Am 19. August 2021 war es dann so weit: Der 14. menschengeführte Waldrappzug startete mit einem Team aus 13 Personen und 28 Jungvögeln, ausgestattet mit zwei Fluggeräten. Die Flugroute führte von Seekirchen am Wallersee über 750 km bis in die Toskana. Nach fünf Flugetappen und nach 14 Tagen, landete das Waldrappteam am 1. September 2021 mit allen 28 Vögeln im Winterquartier Oasi Laguna di Orbetello in der südlichen Toskana. Dort blieben die Jungvögel zunächst zur Gewöhnung in einer Voliere. Im November 2021 konnten sie ausgewildert werden.

Im Frühjahr 2021 gab es noch einen weiteren Erfolg: 25 Waldrappe flogen aus dem Überwinterungsgebiet in der Toskana in die Brutgebiete Burghausen und Kuchl zurück, 27 nach Überlingen und 8 nach Rosegg - insgesamt waren es 60 Tiere.

Gefährliche Reise für Waldrappe

Flugtraining für Waldrappe: Die beiden Ziehmütter sitzen mit ihren Jungvögeln auf der Landewiese.

Immer noch werden Waldrappe – obwohl sie streng geschützt sind – vor allem in Italien gejagt. Die Zahl der illegalen Abschüsse der Tiere lag, laut dem Jahresbericht des EU-Projekts, im Jahr 2021 bei 19 Prozent. Die Abschussquote ist damit vergleichbar mit der des LIFE+ Projekts im Zeitraum von 2014 bis 2019. Sie lag bei 18 Prozent.

Neben der Wilderei sind auch Strommasten eine große tödliche Gefahr für die Ibisvögel. Immer wieder sterben Waldrappe, weil sie auf ungesicherten Masten rasten wollen, durch einen Stromschlag.

Sendungen zum Waldrapp


48