Klimawandel Warum Berge Schutz brauchen

Von: Constanze Álvarez

Stand: 22.08.2022

Seit jeher üben Berge eine magische Anziehungskraft auf den Menschen aus. Sie versorgen die Welt mit Wasser, bieten Tieren und Pflanzen eine Heimat. Der Klimawandel bedroht jedoch die Bergwelt und alle, die von ihr abhängig sind.

Sonnenuntergang - die Abendsonne beleuchtet das Dachstein-Gebirge. Im Bild von links das Dachstein-Dreigestirn Torstein, Mitterspitz und Hoher Dachstein sowie Nachbargipfel. | Bild: picture alliance / Martin Huber / picturedesk.com | Martin Huber

Weltweit stammen 60 bis 80 Prozent der Wasserressourcen aus den Bergen, deswegen werden sie häufig auch "Wassertürme" genannt. In Europa gehören die Alpen zu den wertvollsten Trinkwasserspeichern. Gletscher und Quellen speisen unzählige Bäche und große Flüsse, wie den Rhein, die Donau und die Rhone. Das ganze Jahr über versorgt das Gebirge nicht nur die unmittelbare Umgebung, sondern auch weiter entfernte Regionen, bis hin nach Wien, mit Trinkwasser. Doch das Ökosystem im Hochgebirge ist besonders sensibel, hier zeigen sich die Veränderungen des Klimas besonders deutlich. Die Durchschnittstemperatur in den Alpen etwa steigt doppelt so schnell wie im globalen Durchschnitt. Welche Folgen hat das für uns?

Ökosystem Berg: Ein Mosaik an Lebensräumen

Alpenschneehuhn-Männchen sitzt im Schnee und ruft, Suedtirol, Italien. | Bild: picture alliance / blickwinkel/McPHOTO/A. Volz

Alpenschneehühner haben im Winter ein weißes Federkleid zur Tarnung. Geht der Schnee zurück, ist es für Raubtiere sichtbar und damit schutzlos.

Alles, was über 1.500 Meter hoch ist, gilt in Europa als Hochgebirge. Auf dieser Höhe koexistieren auf engem Raum - ähnlich wie bei einem bunten Flickenteppich - ganz unterschiedliche Lebensräume, an die sich wiederum ganz unterschiedliche Pflanzen und Tiere angepasst haben. So kann es innerhalb von wenigen Metern zu großen Temperaturunterschieden kommen. Im Schatten eines Felsblocks beispielsweise mag es zwei Grad kalt sein, ein paar Meter weiter, auf der Südseite, 48 Grad heiß. Je nachdem, wo der Wind den Schnee hinweht oder wegfegt, entstehen blanke Stellen oder tiefe Schneewehen. Wie sich die Gebirgsvegetation verteilt und wo sich welche Tiere ansiedeln, hängt vom Mikroklima ab.

Fest steht: Viele Pflanzen und Tiere sind nur an geringe Temperaturschwankungen angepasst. Ein Temperaturunterschied von nur einem Grad im Jahresdurchschnitt entspricht in den Bergen einem Höhenunterschied von 200 Metern. Die Klimaerwärmung bedeutet also für Flora und Fauna, dass sie mitklettern müssen, in immer weitere Höhen. Doch nicht alle Lebewesen schaffen es, ihren Organismus schnell genug auf die neuen Lebensbedingungen einzustellen.

Zu den Tieren, die immer weiter nach oben ziehen müssen, gehört das Alpenschneehuhn. In Deutschland kommen diese vom Aussterben bedrohten Tiere ausschließlich in den Hochlagen der Alpen vor, so wie am Nebelhorn im Allgäu. Um ihre Brut aufzuziehen, brauchen Alpenschneehühner Insekten. Ein großer Teil der Insekten schlüpft wegen des Klimawandels aber immer früher, statt zu der Zeit, wo die Schneehühner ihre Küken füttern. Ein weiteres Problem: Um im Winter perfekt getarnt zu sein, wechseln die Schneehühner ihr Federkleid von braun gesprenkelt zu schneeweiß. Wenn dann kein Schnee liegt, ist ihr leuchtend weißes Gewand für Raubvögel leicht auszumachen. Das bringt die Tiere zusätzlich in Bedrängnis.

Niederschlag: Warum Berge besonders viel Wasser speichern

Herbstlandschaft im Rißtal mit Rißbach beim Großen Ahornboden, Karwendelgebirge, Tirol, Österreich. | Bild: picture alliance / imageBROKER | Günter Gräfenhain

Wildfluss: Der Rißbach speist sich aus mehreren Quellen im Karwendelgebirge, fließt durch Tirol und Oberbayern und mündet in die Isar.

In den Hochgebirgen kommt es generell zu häufigeren und stärkeren Niederschlägen als im Tiefland. Die feuchten Luftmassen werden von der Gebirgswand aufgehalten und durch Klima und Luftströme zum Aufsteigen gezwungen. In der Höhe kühlen die Regenwolken ab, der enthaltene Wasserdampf kondensiert und fällt als Regen oder Schnee auf die Erde. Einen Großteil der Wassermassen speichern die Berge als Schnee oder in Gletschern. Doch immer mehr Niederschläge fallen als Regen statt als Schnee und fließen ab. Jedes Jahrzehnt wird das Ausmaß der Schneedecke auf der Nordhalbkugel im Zeitraum März bis April um ein bis zwei Prozent kleiner, alle zehn Jahre wird die Schneesaison um mehr als fünf Tage kürzer, stellt der Bericht des Weltklimarates zur Eisschmelze im September 2019 fest.

Steigende Temperaturen: Wie sie der Bergwelt schaden

Berge leiden empfindlich unter dem Anstieg der Temperaturen. Diese Grafik veranschaulicht, wie: Die Gletscher schmelzen, die Gefahr für Lawinen und Überschwemmungen steigt, Waldbrände kommen häufiger vor, Fauna und Flora müssen sich neue Lebensräume suchen.  | Bild: Flickr/GRID Arendal (2018)

Durch den Klimawandel taut der Gebirgspermafrost auf. Fels und Schutthänge werden zum Teil instabil, Lawinen- und Erdrutschgefahr steigen.

Schweizer Alpen: Klimawandel erzeugt jährlich 18 neue Gletscherseen

Touristen besuchen die mit Planen abgedeckte Eisgrotte am Gletscherende des Rhonegletscher oberhalb von Gletsch am Furkapass.  | Bild: picture-alliance/KEYSTONE | URS FLUEELER

Der Ausläufer des Rhonegletschers wird mit Plastikplanen abgedeckt, damit er nicht so schnell schmilzt.

Wie schnell die Gletscherschmelze voranschreitet, zeigt eine Studie des Wasserforschungsinstituts Eawag von Juli 2021. Demnach sind in der Schweiz allein innerhalb von zehn Jahren 180 neue Gletscherseen entstanden. "Wir waren überrascht von der schieren Anzahl einerseits und der deutlich beschleunigten Bildung andererseits", sagt der Geograf Daniel Odermatt. Das sei ein sichtbarer Beweis für den Klimawandel in den Alpen.

Video: Die Gletscher und das Trinkwasser

Weckruf: Der Internationale Tag der Berge

Am 11. Dezember wird weltweit der Internationale Tag der Berge (International Mountain Day) begangen. Nach dem erfolgreichen Internationalen Jahr der Berge 2002 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, diesen Tag dauerhaft einzurichten. Der 11. Dezember soll ein Bewusstsein für die Probleme der Berglandschaft schaffen und dabei aufzeigen, welchen Nutzen der Mensch aus der Bergwelt ziehen kann.

Dieses Jahr läuft der Welttag der Berge unter dem Motto "Nachhaltiger Tourismus in den Bergen": Wie lässt sich Bergtourismus so steuern, dass er der Bevölkerung nutzt, aber nicht dem Ökosystem schadet?

Im deutschsprachigen Raum engagiert sich die Alpenkonvention seit etwa drei Jahrzehnten für einen schonenden Umgang mit den Ressourcen in den Bergen. Ihr liegt ein völkerrechtlicher Vertrag zugrunde, abgeschlossen zwischen acht Alpenstaaten und der Europäischen Union, zur nachhaltigen Entwicklung und zum Schutz der Alpen. So unterstützt die Alpenkonvention beispielsweise die "Bergsteigerdörfer", einen Verband alpiner Dörfer, die einem strengen Kriterienkatalog folgen, um den ursprünglichen Charakter der Ortschaften zu bewahren.