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Ernährungstrends Glutenfrei essen, Low Carb, Kokosöl - ist das gesund?

In der Ernährung scheint ein Hype den nächsten zu jagen. Doch was stimmt denn nun von all den Ernährungstipps, die im Umlauf sind? Ernährungswissenschaftler klären auf.

Published at: 5-3-2024

Geöffnete Kokosnuss | Bild: picture alliance/dpa Themendienst

Glutenfreie Produkte

Frage

Sind glutenfreie Produkte gesünder als glutenhaltige?

Antwort

Nur Menschen mit einer Unverträglichkeit, Allergie oder Sensitivität gegen Gluten sollten sich glutenfrei ernähren. Wer nicht auf Gluten reagiert, hat nach Angaben der Havard Medical School keinen Vorteil, wenn er glutenfrei isst. Lässt man Lebensmittel weg ohne die Diagnose einer Unverträglichkeit zu haben, riskiert man laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sogar, Nährstoffdefizite zu erhöhen. Das kann langfristig zu gesundheitlichen Einschränkungen führen.

Superfood Kokosöl?

Frage

Mal wird Kokosöl als total ungesund abgewertet und dann wieder als Superfood hochgelobt. Was stimmt denn nun?

Antworten

  • Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler, Universität Jena sagt: "Kokosöl ist in den letzten Jahren sehr gehyped und teilweise als Superfood angepriesen worden. Aber wenn man sich das Ganze nüchtern ansieht, muss man sagen, dass Kokosöl uns weder etwas nützt noch bringt."
  • Silke Restemeyer, Ökotrophologin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn sagt: "Kokosöl enthält, wie auch Palmfett und tierische Schmalze, große Mengen an gesättigten Fettsäuren. Die gesättigten Fettsäuren haben eine ungünstige Wirkung auf die Blutfettwerte."

Fazit

Professor Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler an der Universität Jena:

"Das Problem ist, dass jene Studien, die zur Vermarktung von Kokosöl gedient und in denen behauptet wurde, es sei gesund - diese Studien sind gar nicht mit Kokosöl gemacht worden, sondern nur mit ganz ausgesuchten Bestandteilen des Kokosöls. Diese wurden auch nur mit ganz bestimmten Erkrankungsformen in Zusammenhang gebracht, die sehr selten sind. Aber der gesunde Mensch braucht Kokosöl nicht und Kokosöl hat auch keinen Mehrwert."

Low Carb - Kohlenhydrate reduzieren?

Frage

Sind Kohlenhydrate ungesund und sollte man sie auf ein Minimum reduzieren?

Es gibt viele Kohlenhydrate

  • Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler, Universität Jena: "Es gibt nicht 'die' Kohlenhydrate. Wenn wir von Kohlenhydraten sprechen, dann reden wir von einer Nährstoffgruppe die sehr kompliziert ist, weil es so viele verschiedene Arten von Kohlenhydraten gibt."
  • Silke Restemeyer, Ökotrophologin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn sagt: "Kohlenhydrate sind neben Fett die wichtigste Energiequelle für den Menschen. Vor allen Dingen Getreideprodukte aus Vollkorn sättigen gut und haben auch aufgrund der enthaltenen Ballaststoffe einen hohen gesundheitlichen Nutzen. Wir empfehlen als Deutsche Gesellschaft für Ernährung beispielsweise mindestens 30 Gramm Ballaststoffe aus Vollkornprodukten, Gemüse, Hülsenfrüchten und Obst täglich aufzunehmen."

Chips, Pommes, Süßigkeiten

Der Körper braucht Kohlenhydrate als Energiequelle. Sie bestehen aus Zuckermolekülen, schmecken aber nicht alle süß. Etwa die Hälfte unserer täglichen Nahrung sollte aus diesen Energielieferanten bestehen, sagen Forscher. Chips, Süßigkeiten und Pommes gehören allerdings nicht dazu. Sie enthalten vor allem sogenannte einfache Kohlenhydrate. Einfache Kohlenhydrate werden, im Gegensatz zu komplexen Kohlenhydraten, vom Körper sofort verarbeitet, gelangen ins Blut und liefern so schnell verfügbare Energie. Der Nachteil: Einfache Kohlenhydrate machen weder dauerhaft satt noch liefern sie lange anhaltend Energie. So schnell wie der Blutzucker in die Höhe schießt, so schnell fällt er auch wieder ab. Der Verbrauch einfacher Kohlehydrate sollte deshalb reduziert werden. So gilt bei Kohlenhydraten, was für alle Lebensmittel gilt: Die Qualität ist entscheidend!

Fazit

Silke Restemeyer, Ökotrophologin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn sagt:

"Die DGE empfiehlt nach wie vor, dass in einer vollwertigen Mischkost mindestens 50 Prozent des Energiebedarfs aus Kohlenhydraten stammen sollten. Das ist im Hinblick auf die Prävention von ernährungsbedingten Erkrankungen vorteilhaft. Aber es ist eben wichtig, dass die Zusammenstellung beziehungsweise die Qualität stimmt. [...] Was wir in den 10 Regeln für eine vollwertige Ernährung empfehlen, das ist vielleicht vielen Menschen schon zu brav und zu bekannt, das ist nichts wirklich Drastisches oder eine massive Änderung der Ernährung, die man vornehmen muss. Sondern das ist eben eine ausgewogene Mischkost."

Zucker und alternative Süßstoffe

Frage

Macht Zucker krank und sind alternative Süßstoffe wie brauner Zucker, Honig, Stevia, Melasse oder Agavendicksaft besser?

Antwort

Silke Restemeyer, Ökotrophologin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn sagt:

"Alternative Süßungsmittel wie beispielsweise Honig, Agavendicksaft oder brauner Zucker enthalten zwar vielleicht noch Spuren an Mineralstoffen, aber sie sind nicht wirklich als besser zu bewerten als der normale Haushaltszucker. Auch diese Süßungsmittel erzeugen Karies und gesüßte Lebensmittel liefern zwar viel Energie, aber oftmals wenig Nährstoffe."

Fazit

Statt auf alternative Süßstoffe auszuweichen, ist es gesünder, ganz auf Süßes zu verzichten. Der Körper braucht keinen extra Zucker, da er ihn aus mit der Nahrung aufgenommenen Kohlenhydraten gewinnt. Gerade am Beispiel Zucker sei aber erkennbar, wie industrienahe Forschung die Meinung in der Öffentlichkeit mitbestimmt, sagt der Ernährungswissenschaftler Professor Helmut Heseker. Schon das Studiendesign kann nämlich das Ergebnis einer Untersuchung mit entscheiden:

Erfrischungsgetränke wie Cola sind mit ihrem hohen Zucker- und geringen Nährstoffgehalt kein empfehlenswerter Durstlöscher.

Professor Helmut Heseker, ehemaliger Leiter Ernährungswissenschaft an der Universität Paderborn:

"Wenn wir Versuchspersonen nehmen, die am Rande der Überernährung sind, und wir geben denen zusätzlich ein oder zwei Liter eines zuckerreichen Erfrischungsgetränkes, dann wird sich bei vielen dieser Probanden nach einiger Zeit eine stärkere Leberfettbildung einstellen. Das ist eine Sache, die die Zuckerindustrie gar nicht gerne hört. Deshalb werden in den USA Studien gemacht, die ein etwas anderes Studiendesign haben, indem man zum Beispiel Versuchspersonen nimmt, die leicht unterernährt sind. In so einer Situation ist es ganz egal, ob ich mehr Zucker oder mehr Fett zu mir nehme - ohne, dass das einen Effekt hat. Das heißt, die Studien kann man auch so anlegen, dass nichts rauskommt."

So isst Deutschland

Frage

Was kommt bei den Menschen in Deutschland auf den Tisch?

Antwort

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland legt Wert auf eine gesunde und nachhaltige Ernährung. Und fast alle Menschen in Deutschland sagen: "Hauptsache es schmeckt." Das ist das Ergebnis der TK- Ernährungsstudie 2023, einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK).

Zu den am häufigsten verzehrten Lebensmitteln gehören demnach Brot und Brötchen (91 Prozent), dicht gefolgt von frischem Obst und Gemüse (88 Prozent) sowie Milchprodukten (82 Prozent). Grüner Salat kommt bei gut der Hälfte (55 Prozent) mehrmals pro Woche oder sogar täglich auf den Tisch.

In Sachen Fleischverzicht hat Deutschland noch Nachholbedarf. Fleisch und Wurst stehen bei einer Mehrheit mindestens mehrmals in der Woche auf dem Speiseplan (73 Prozent). 17 Prozent geben an, möglichst wenig Fleisch zu essen. Streng vegan, also rein pflanzlich, ernährt sich ein Prozent der Befragten.

Als häufigste Ursache für ungesunde Ernähung sehen die Befragten vor allem fehlende Zeit (43 Prozent) und mangelndes Durchhaltevermögen (37 Prozent). Weitere Gründe sind die schwierige Vereinbarkeit von gesunder Ernährung mit den Anforderungen des Jobs (27 Prozent) sowie geringe Kochkenntnisse (25 Prozent). Immerhin jeder bzw. jede Fünfte (21 Prozent) sieht keinen Bedarf, sich gesünder zu ernähren.

Dennoch: Sich selbst eine Mahlzeit zuzubereiten, ist beliebt. Im Ernährungsreport 2023 des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gaben 45 Prozent der Befragten an, dass sie so gut wie jeden Tag eigene Gerichte mit frischen Zutaten kochen. 55 Prozent der Frauen kochen jeden Tag selbst – häufiger als Männer (34 Prozent). Zwei- bis dreimal pro Woche selbst kochen 36 Prozent. Acht Prozent der Befragten kochen normalerweise gar nicht selbst.

Fazit

Vorlieben beim Essen und Einkaufen können sich je nach Lebensphase unterscheiden. Jüngere oder Ältere bevorzugen mitunter unterschiedliche Ernährungstrends. Während bei den jungen Menschen zwischen 14- und 29-Jahren laut Ernährungsreport 2023 des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 93 Prozent schon mindestens einmal pflanzliche Alternativen zu Milch, zum Beispiel Soja- oder Haferdrink, gekauft haben, haben bei den 30- bis 44-Jährigen 81 Prozent aus Neugier vegetarische oder vegane Alternativen zu tierischen Produkten gekauft. Den Über-60-Jährigen ist es zu 94 Prozent beim Essen sehr wichtig oder wichtig, dass es gesund ist. 94 Prozent der 45- bis 59-Jährigen sind der Meinung, dass sich die Politik für mehr artgerechte Tierhaltung einsetzen soll.

Ernährung und Gesundheit

Frage

Welche Rolle spielt die Ernährung für unsere Gesundheit? Warum finden radikale Ernährungstheorien so viele Anhänger?

Antwort

  • Prof. Helmut Heseker, Ehemaliger Leiter Ernährungswissenschaft, Universität Paderborn: "Es ist offenbar so, dass sich Ernährungsfehler bei der heute weit verbreiteten Überernährung, verbunden mit körperlicher Inaktivität, viel früher und stärker bemerkbar machen. Früher haben die Menschen noch körperlich hart gearbeitet, da hat wahrscheinlich der Körper so manche Fehler eher verziehen. Denn für eine körperlich hart arbeitende Person, mit entsprechend hohem Energiebedarf und normalem Körpergewicht, ist es wahrscheinlich egal, wie hoch seine Fett- oder Kohlenhydrat-Zufuhr ist.
  • Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler an der Universität Jena: "20 Prozent der Todesfälle weltweit sind durch eine falsche Ernährung bedingt. Das heißt, es ist unser größter und häufigster Risikofaktor. Das kommt auch nach und nach in das Bewusstsein der Menschen. Und deswegen interessieren sie sich auch mehr und mehr dafür. Aber es ist unheimlich schwer geworden, valide Daten zu bekommen, weil es so viele Experten gibt, die irgendetwas im Internet oder in Fachmedien veröffentlichen. Für den Verbraucher ist es schwer herauszufinden, was denn jetzt richtig ist."

Fazit

Prof. Stefan Lorkowski, Ernährungswissenschaftler an der Universität Jena:

"Es ist halt einfach für den Verbraucher, zu hören: 'Mensch, das ist toll für deine Gesundheit, iss es jeden Tag und dann ist alles prima!'"

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