Gendermedizin Warum das Geschlecht bei Krankheiten eine Rolle spielt

Von: Marisa Gierlinger

Stand: 30.05.2022

Menschen geschlechtsneutral behandeln? In der Medizin kann das fatal sein. Frauen haben bei manchen Krankheiten andere Symptome als Männer. Fehldiagnosen können die Folgen sein. Beim Herzinfarkt ist das lebensgefährlich.

Eine Frau fasst sich im Schmerz an Brust und Rücken.  | Bild: picture alliance/dpa Themendienst | Christin Klose

(Fehl)diagnose Herzinfarkt: Welche Symptome Frauen haben

Ein Stechen in der Brust. Schmerzen, die in den linken Arm ausstrahlen. Kalter Schweiß. Das sind bekannte Anzeichen für einen Herzinfarkt. Betroffene oder Angehörige reagieren meist sofort und rufen den Notarzt. Aber würdet ihr das auch bei Übelkeit, Schulter- und Kieferschmerzen tun? Ein Blick in die Statistik sagt nein. Doch genau das sind bei Frauen typische Symptome für einen Herzinfarkt.

Frauen werden im Schnitt erst zwei Stunden später in eine Klinik eingewiesen als männliche Herzinfarktpatienten. Und selbst dort werden ihre Symptome oft nicht erkannt. Die Information, dass es beim Herzinfarkt geschlechtsspezifische Symptome gibt, verbeitet sich nur langsam.

Frauen haben bei einem Herzinfarkt oft andere Symptome als Männer. Über diese Alarmsignale sollten Frauen informiert sein. | Bild: BR, colourbox.com/82048/301242; Montage: BR

Bekannte Krankheitssymptome betreffen meist Männer. Die von Frauen sind weniger bekannt. Ein Beispiel: der weibliche Herzinfarkt.

Unterrepräsentiert: Frauen in der Medizin

Zwei Drittel der Studienanfängerinnen im Studienfach Medizin sind inzwischen weiblich. Trotzdem dominieren bis heute Männer in Forschung und Spitzenmedizin. Nur etwa jede dritte Oberarzt- und jede zehnte Chefarztposition ist in Deutschland mit einer Frau besetzt. Das hat Auswirkungen auf die medizinische Praxis und die Forschung. So wird an Frauen-Krankheiten auch weniger geforscht als an Männerkrankheiten. Endometriose ist ein Beispiel dafür.

Zusätzlich wurden medizinische Studien lange Zeit fast ausschließlich an männlichen Testpersonen durchgeführt. Anfangs waren Medizinstudenten die Versuchsteilnehmer, weil sie männlich waren. Mit der Zeit kamen andere Begründungen hinzu: Frauen würden mit ihrem schwankenden Hormonzyklus die Testgenauigkeit gefährden. Außerdem bestünde die Gefahr, bei schwangeren Frauen ein ungeborenes Kind zu gefährden. Der Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren schien das zu bestätigen.

Eine Chirurgin mit ihren Kollegen im OP-Saal | Bild: picture alliance/Bildagentur-online/Blend Images | Blend Images/John Fedele

Noch sind weibliche Ärztinnen in der Minderheit. Im angesehenen Fachbereich Chirurgie besetzen sie nur jede sechste Stelle.

"Bikini-Medizin": Warum die Gynäkologie nicht ausreicht

"Lange wurde nur separat untersucht, was unter einem Bikini steckt. Weil das so offensichtlich unterschiedlich war. Alles andere wurde als unspezifischer menschlicher Körper gesehen."

Sabine Oertelt-Prigione, Professorin für Geschlechterspezifische Medizin an der Universität Bielefeld

Fakten statt Mythen: Hättet ihr's gewusst?

  • Brustkrebs tritt zu 99 Prozent bei Frauen auf - aber auch bei Männern.
  • Frauen leiden bis zu viermal so oft an Osteoporose. Bei Männern bleibt die Krankheit oft unentdeckt.
  • Alzheimer kommt vermehrt bei Frauen vor.
  • Frauen haben ein aktiveres Immunsystem. Das macht sie aber anfälliger für Autoimmunerkrankungen
  • Auch Allergien wie Heuschnupfen sind bei Frauen häufiger.
  • Die meisten Krebsarten haben eine höhere Todesrate bei Männern.
  • Zwei von drei Herzinfarktpatienten sind Männer - aber Frauen sterben häufiger daran.
  • Männer haben ein doppelt so hohes Risiko, an Parkinson zu erkranken.
  • Männer leiden häufiger an Infektionskrankheiten.
  • Diabetes kommt bei Männern deutlich häufiger vor.

Patient X: Der Mann als Norm

Die Hälfte der Gesellschaft ist weiblich. Kaum zu glauben, dass der weibliche Körper in der Medizin immer noch als die Ausnahme von der Regel gilt. Die Norm ist: männlich, jung, fit, 178 Zentimeter groß und etwa 75 Kilogramm schwer. Nach diesem Maßstab werden künstliche Herzen und Hüftgelenke gefertigt und Medikamentendosierungen gemessen. Der männliche Normkörper schließt aber nicht nur Frauen aus, sondern auch viele Männer.

Kursteilnehmer trainieren an einem medizinischen Dummy das Inturbieren von Patienten. | Bild: picture alliance/Zoonar | Matej Kastelic

Der Normmensch für Crashtests sowie in der Medizin ist männlich, 178 Zentimeter groß, 75 Kilogramm schwer und entspricht einem Dummy.

Erbgut: Geschlechter sind bis in die Zellen verschieden

Vieles im menschlichen Körper hat Einfluss darauf, warum Krankheiten Frauen und Männer so unterschiedlich treffen: Die Anatomie, die Körpergröße, das Gewicht, die Muskelmasse und der Fettgehalt unterscheiden sich je nach Geschlecht. Auch die Organgröße ist von Bedeutung. Frauen haben kleinere Herzen. Ein weibliches Spenderorgan in einem Männerkörper könnte zu Versorgungsproblemen führen. Das Herz pumpt nicht stark genug. Künstliche Gelenke sind Männerkörpern nachempfunden, obwohl Frauen häufiger künstliche Knie- und Hüftgelenke benötigen als Männer.

Eine noch größere Rolle spielt die Genetik. Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Das zieht sich durch jede einzelne Zelle und hat weitreichende Folgen. Zum Beispiel leiden Männer häufiger an Erbkrankheiten. Die jeweiligen Zellrezeptoren sprechen zudem unterschiedlich stark auf Medikamente an. Frauen brauchen im Schnitt doppelt so lang, um Medikamente abzubauen.

Auch die Geschlechtshormone, die männliche und weibliche Körper erzeugen, beeinflussen wie wir krank und wieder gesund werden. Vor allem das weibliche Östrogen. Es könnte auch der Schlüssel dafür sein, warum Frauen insgesamt besser durch die Corona-Pandemie gekommen sind als Männer. Das Hormon stärkt das Immunsystem und schützt die Gefäße. Deshalb haben Frauen ein geringeres Risiko für Infektionskrankheiten und erleiden seltener einen Herzinfarkt. Aber der Zauber wirkt nur begrenzt: In den Wechseljahren fährt der Körper die Östrogen-Produktion herunter und Frauen verlieren den vorteilhaften Schutz ihres Immunsystems.

(Fehl)diagnose Depression: Welche Symptome Männer haben

Depressionen bleiben bei Männern oft unentdeckt. Sie äußern sich meist anders als bei Frauen. | Bild: BR, colourbox.com/82048/Amin; Montage: BR

Wut statt Trauer, Arbeitssucht statt Lethargie. Wie wir uns bei einer Depression verhalten, beeinflussen auch gesellschafltiche Rollenklischees.

Gesagt: "Gendermedizin ist keine Frauenmedizin"

Gendermedizin: Wie Fauen und Männer profitieren

  • Die Gendermedizin ist auch ein Gewinn für Männer. Denn: Auch sie sind von medizinischen und gesellschaftlichen Vorurteilen betroffen, die zum Gesundheitsrisiko werden können. Und auch Männern erkranken zum Beispiel an Osteoporose und Brustkrebs oder leiden unter Depressionen.
  • Als Patientin kann man sich an neueren Medikamenten und Entwicklungen in der Medizintechnik orientieren: Seit einigen Jahren müssen medizinische Studien Frauen anteilig einbinden.
  • Immer mehr Kliniken greifen den Bereich der Gendermedizin auf. Und: Die aktuelle Regierungskoalition hat sie in das Medizinstudium integriert.
  • Bis sich die Disziplin vollständig durchsetzen kann, empfiehlt sich vor allem für Frauen, ihre Hausärzte auf geschlechtsspezifische Unterschiede anzusprechen.