Klimawandel Warum uns steigende Temperaturen krank machen

Von: Constanze Álvarez

Stand: 12.11.2021

Extreme Hitze geht auf die Lunge, auf das Herz, auf die Nieren, auf die Psyche. Auch in Deutschland bekommen immer Menschen das zu spüren. Doch nur wenige Kommunen haben Strategien dagegen entwickelt.

Verbrannter Berghang in der Nähe von Athen, Griechenland, 23.08.2021. | Bild: picture-alliance/dpa / Maria Chourdari

Temperaturen um die 48 Grad, Waldbrände, wie sie diesen Sommer in Italien und Griechenland gewütet haben - das passiert im Süden, aber hier im Norden? Noch fällt es schwer, sich das vorzustellen. Tatsache ist: Deutschland gehört weltweit zu den Ländern, die besonders stark vom Klimawandel betroffen sind. "Auch in Deutschland könnten so extreme Situationen wie diesen Sommer in Kanada und Südeuropa auftreten", so Dr. Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München. Bei der Präsentation des Lancet Countdown on Health and Climate Change 2021, einer international angelegten Studie, bei der Wissenschaftler aus 38 Forschungsinstituten teilnehmen, erklärte Schneider, was der Klimawandel speziell für das Gesundheitswesen in Deutschland bedeutet.

Laut dem jüngsten Bericht der renommierten medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" hat sich in Deutschland seit den 1950er-Jahren bis heute die Zahl der Tage mit Temperaturen über 30 Grad im Durchschnitt fast verdreifacht. Das heißt, dass Hitzewellen auch in Zukunft nicht nur häufiger vorkommen, sondern auch intensiver sein und länger andauern werden. Gerade in den Städten, wo sich die Hitze staut, kann das massive Folgen für die Gesundheit haben.

Klimabedingte Gesundheitsrisiken: Von A wie Allergie bis Z wie Zecken

Ein Mann sitzt in einer Wiese mit hohen Gräsern und niest in ein Taschentuch.  | Bild: picture-alliance/dpa / Zacharie Scheurer

Das veränderte Klima könnte die Saison für Allergien und Heuschnupfen verlängern, da Bäume und Büsche früher anfangen zu blühen.

Für die Organe bedeutet extreme Hitze eine starke Belastung, so Alexandra Schneider, beispielsweise für die Lunge. Erhöhte Ozonkonzentrationen verschlimmern Atemwegserkrankungen. Auch Allergiker werden zunehmend durch den Klimawandel leiden. Durch das mildere Klima blühen Bäume und Sträucher früher, also setzt auch der Pollenflug früher ein, teilweise fliegen die winzigen Partikel in höheren Konzentrationen durch die Luft. Menschen, die an Heuschnupfen leiden, haben dadurch länger und intensiver damit zu kämpfen. Die Verbreitung eingeschleppter Pflanzen, wie beispielsweise die aus Nordamerika stammende Ambrosia, stellt ebenfalls eine wachsende Bedrohung für Allergiker dar.

Darüber hinaus belastet langanhaltende Hitze das Herz-Kreislauf-System, das Risiko für Herzinfarkte und cardiovaskuläre Erkrankungen steigt. Auch für Schwangere ist sie eine Gefahr, während einer Hitzewelle steigt die Zahl der Frühgeburten signifikant, so Alexandra Schneider vom Helmholtz Zentrum München. Und auch die Psyche ist nicht vor dem Klimawandel gefeit: Wenn über eine längere Periode die Hitze auch nachts nicht nachlässt, kann das zu Erschöpfung und Gereiztheit führen.

Risikogruppen: Nicht nur ältere Menschen sind gefährdet

Mit seiner Jacke wischt sich dieser Strassenarbeiter in Frankfurt am Main den Schweiß aus dem Gesicht. Bei Temperaturen von 38 Grad muß er gemeinsam mit Kollegen 170 Grad heissen Teer für einen neuen Straßenbelag ausbringen.  | Bild: picture alliance / dpa | Boris Roessler

Dieser Straßenarbeiter muss bei Temperaturen von 38 Grad 170 Grad heißen Teer für einen neuen Straßenbelag ausbringen.

Die Auswirklungen des Klimawandels auf die Gesundheit machen sich schon jetzt weltweit an vielen Orten bemerkbar. Gerade in ärmeren Regionen, in denen Nahrung und Wasser knapp sind und sich Infektionskrankheiten schnell ausbreiten, sind die Menschen stark betroffen. Zu den sogenannten "vulnerablen Gruppen" in Deutschland zählen unter anderem Kleinkinder, weil ihre Thermoregulation noch nicht so gut funktioniert wie bei Erwachsenen, Menschen über 65 Jahre, und solche, die draussen arbeiten, wie beispielsweise Bau- und Straßenarbeiter.

Experten: Hitzeschutzpläne müssen gesetzlich verankert werden

Die Sonne geht bei Schmitten in Hessen vom Großen Feldberg aus gesehen hinter den Hügeln am Horizont unter. Für die nächsten Tage ist eine Hitzewelle mit Temperaturen deutlich über 30 Grad vorhergesagt. | Bild: picture-alliance/dpa | Jan Eifert

Seit einiger Zeit spricht der Deutsche Wetterdienst Warnungen vor Hitzewellen aus. Besonders schutzbedürftig sind ältere Menschen und Kinder.

Anders als Frankreich und Großbritannien hat Deutschland bisher wenig unternommen, um das Gesundheitswesen langfristig auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Das geht aus dem Policy Brief für Deutschland hervor, einem Begleitbericht der Lancet-Studie, mit Empfehlungen für die Bundesregierung. Zwar sei die medizinische Branche stärker sensibilisiert für das Thema, doch in der Praxis seien die Expertenempfehlungen der letzten Jahre kaum bis gar nicht umgesetzt worden.

Dazu gehöre die Entwicklung und Umsetzung von umfassenden Hitzeschutzmaßnahmen, bei denen Gesundheitswesen und Katastrophenschutz Hand in Hand zusammenarbeiten sollten, so die Wissenschaftler. Das fordert auch die Bundesärztekammer: "Kliniken, Katastrophenschutz, Rettungsdienste sowie Pflegeeinrichtungen sollten dazu verpflichtet werden, konkrete Maßnahmenpläne zur Vorbereitung auf Katastrophen wie Hitzeereignisse oder Überschwemmungen zu erstellen", so Präsident Dr. Gerald Quitterer.

Außerdem fordern die Experten einen Umbau der Kliniken zu klimaneutralen Krankenhäusern. Derzeit macht der CO2-Ausstoß im Gesundheitswesen fünf Prozent der gesamten nationalen Treibhausgasemissionen aus. Ein weiterer wichtiger Schritt wäre auch eine Erweiterung der Aus- und Fortbildung von Ärzten und Pflegepersonal um das Fach "Planetary Health". Ein interdisziplinärer Ansatz, der sich damit befasst, welche Folgen menschliches Handeln auf Umwelt und Gesundheit hat.

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