Club of Rome Wie wir eine lebenswerte Zukunft gestalten können

Von: Katrin Klaus

Stand: 07.09.2022

Wie stellt ihr euch eine lebenswerte Zukunft vor? 50 Jahre ist es her, dass der Club of Rome mit seinem Buch "Die Grenzen des Wachstums" den Fortschritt der Menschheit in Frage stellte. Darin forderten Fachleute aus verschiedenen Disziplinen und Ländern mehr Nachhaltigkeit für eine lebenswerte Zukunft, um den Kollaps der Erde zu verhindern. In ihrem neuen Bericht von September 2022 mahnen die Forschenden ausdrücklich, dass wir jetzt handeln müssen - vor allem bezogen auf fünf Handlungsfelder. Denn noch können wir es schaffen.

Solarpanäle im ländlichen Gebiet von Neu Delhi in Indien erzeugen Sonnenergie. Im Hintergrund einfache Hütten als Übergangslösung, da weite Teile überflutet wurden. Die Ungleichheit wird weiter wachsen und die Armen noch ärmer werden, wenn wir nicht bald etwas tun - so der Club of Rome in seinem Bericht von September 2022. | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Pradeep Gaur

Gründung: Think Tank gegen Ressourcenverschwendung

1968 gründete sich der Club of Rome - wie der Name schon sagt - in Rom als gemeinnützige Organisation von Industriellen, Diplomaten und Wissenschaftlern, die sich für eine nachhaltige Zukunft einsetzen wollten. Das Netzwerk kam in einer Zeit, als noch niemand glauben wollte, dass unsere Ressourcen auf der Erde endlich sind, dass wir dabei sind, sie zu zerstören und damit auch uns selbst. Anfänglich als Think Tank mit sechs Mitgliedern gestartet, wuchs er schnell an.

Mittlerweile arbeiten Expertinnen und Experten aus über 30 Ländern daran mit. Maximal 100 Vollmitglieder gibt es, die sich gemeinsam mit dem Präsidenten und Vizepräsidenten sowie Ehrenmitgliedern einmal jährlich treffen. Sie stammen aus den unterschiedlichsten Disziplinen wie Entwicklungsökonomie, Klimafolgenforschung, Erdsystemwissenschaft, Umweltpsychologie, Wirtschaftswissenschaft, Bauphysik, Nachhaltigkeitsanalyse, Klimastrategie, Chemie oder Energiepolitik.

Ziel: Drohende Überlastung der Welt abwenden

Ein Stiefel steht auf einem Globus. Der Club of Rome möchte nicht, dass die Erde mit Füßen getreten wird. Er setzt sich für die Zukunft des Planeten ein. Experten rufen zu Nachhaltigkeit auf. | Bild: picture-alliance/dpa/blickwinkel

Der Club of Rome möchte nicht, dass die Erde mit Füßen getreten wird. Er setzt sich für die Zukunft des Planeten ein.

Alle Fachleute haben ein Ziel: Die Welt vor der drohenden Überlastung zu bewahren. Das wiederum kann aber nur gelingen, wenn Maßnahmen identifiziert und Lösungsvorschläge umgesetzt werden. Daher prangert der Club of Rome nicht nur an, was alles falsch läuft, sondern bietet konkrete Arbeitsschritte für Politik und Wirtschaft. Dabei werden aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse mit innovativen Ideen gepaart, um eine lebenswerte Zukunft für uns Menschen auf diesem Planeten zu ermöglichen. Den Mitgliedern geht es dabei vor allem um drei Themenfelder, die zwingend angegangen werden müssen: die Veränderung unserer Wirtschaftssysteme, die Entkopplung von Wohlstand und Ressourcenverbrauch und die Sicherung der Lebensgrundlagen, Arbeitsplätze und Einkommen.

1972: Ein Buch verändert die Welt?

Bericht "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome zur Zukunft der Menschheit. Experten rufen darin zur Nachhaltigkeit auf. | Bild: picture-alliance/dpa/Sebastian Kahnert

Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit: Experten rufen zu Nachhaltigkeit auf.

Fast erschüttert wurde die Welt 1972, als der erste Bericht des Club of Rome des Ökonomen Dennis Meadows und seiner Frau Donella und den Mitautoren Erich Zahn und Peter Milling veröffentlicht wurde: "Die Grenzen des Wachstums". Es ist eine Studie zur Weltwirtschaft mit einem düsteren Szenario für die Zukunft. Noch heute gilt es als die einflussreichste Publikation zur drohenden Überlastung unseres Planeten. Wenn sich die globale Wirtschaftsweise nicht ändere, brächen Ökonomie, Umwelt und Lebensqualität zusammen, warnte die Forschergruppe. Das passte damals weder der Politik noch der Wirtschaft. Erstmals wurde klar gemacht, dass nicht die Natur eine Gefahr für uns Menschen darstellt, sondern andersrum - ein Paradigmenwechsel. Der Gründungsstein der Umweltbewegung wurde damit gelegt.

Bis heute wurde das Buch über 30 Millionen Mal verkauft und in 30 Sprachen übersetzt. Und noch immer wird es viel diskutiert und auch kritisiert. Zwar wurden die damals prognostizierten sieben Milliarden Menschen bis zum Jahr 2000 nicht erreicht, doch reichen 6,13 Milliarden wohl auch - davon abgesehen, dass es eben nicht um exakte Vorgaben, sondern um Tendenzen geht.

Zitat: Düsteres Fazit

Dennis L. Meadows: US-amerikanischer Ökonom, Autor der Studie "Grenzen des Wachstums", 1972 | Bild: picture alliance /Tagesspiegel

"Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht."

Schlussfolgerung von Dennis Meadows aus  'Die Grenzen des Wachstums'

Methode: Computersimulation mit Prognosen

An dem 1972 veröffentlichten Werk war vor allem die Technik anders: Erstmals wurde die System-Dynamics-Methodik angewandt, um in verschiedenen Szenarien Prognosen für die zukünftige Weiterentwicklung der Welt vorherzusagen. Die Methode bietet sich für die Simulation und Erklärung des komplexen Verhaltens von Menschen in sozialen Systemen an. Die Studie basiert auf einer Computersimulation des MIT (Massachusetts Institute of Technology), in der Systemanalysen zu verschiedenen Szenarien durchgeführt wurden. Je nach Themenfeld (Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum) konnten so verschiedene Prognosen erstellt werden - je nachdem, wie sich die fünf Trends über die Zeit beeinflussen würden.

Bericht: "Earth for All" von 2022

Der Club of Rome, vertreten durch Jorgen Randers (l-r), Ko-Autor "Grenzen des Wachstums", Johan Rockström, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung, Sandrine Dixson-Declève, Ko-Präsidentin des Club of Rome, und Per Espen Stoknes, Norwegian Business School, stellt vor der Bundespressekonferenz den neuen Bericht "Earth For All" zu konkreten Wegen aus der Klimakrise vor. | Bild: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm

Jorgen Randers, Johan Rockström, Sandrine Dixson-Declève und Per Espen Stoknes stellen "Earth For All" zu konkreten Wegen aus der Klimakrise vor.

Im September 2022 - 50 Jahre nach der Veröffentlichung von "Die Grenzen des Wachstums" - wurde ein neuer Bericht des Club of Rome mit dem Titel "Earth for All" veröffentlicht. Darin geht es um die wichtigsten Maßnahmen, mit denen eine lebenswerte Zukunft der Menschheit noch möglich wäre. Und kleiner Spoiler vorab: Das können wir noch schaffen. Zwei Jahre lang arbeiteten Fachleute gemeinsam an dem Bericht. Er ist eindringlich und fordernd, aber auch optimistisch und mit klaren Vorschlägen und Lösungen versehen.

"Dies ist ein Buch über unsere Zukunft - die kollektive Zukunft der Menschheit in diesem Jahrhundert, um genau zu sein", erklären die mehr als 30 Autorinnen und Autoren. Es geht um den Zustand der Erde, aber vor allem auch um uns Menschen. Konkret fordern die Forschenden die Arbeit an fünf zentralen und wichtigen Punkten, die in den nächsten Jahrzehnten angegangen werden müssen. Hier bräuchte es eine Kehrtwende:

  • Beendigung der Armut
  • Beseitigung der eklatanten Ungleichheit
  • Ermächtigung (Empowerment) der Frauen
  • Aufbau eines für Menschen und Ökosysteme gesunden Nahrungsmittelsystems
  • Übergang zum Einsatz sauberer Energie

Details: Maßnahmen für eine lebenswerte Zukunft

  • Wie schon in vergangenen Arbeiten nutzten die Fachleute aus Bereichen wie Klimafolgenforschung, Entwicklungsökonomie oder Umweltpsychologie eine Computersimulation, die die Zukunft der Erde berechnet: das sogenannte "Earth4All"-Modell. Von vielen Szenarien wurden zwei für das aktuelle Buch ausgewählt, die genauer vorgestellt werden: "Too Little Too Late" (Zu wenig zu spät) und "Giant Leap" (Riesensprung). Letzteres meint, "was passierte, wenn das Wirtschaftssystem durch mutige, außerordentliche Bemühungen zum Aufbau einer resilienteren Zivilisation umgestaltet würde."
  • Beim ersten Szenario würde das derzeitige Wirtschaftssystem mehr oder weniger weiter laufen wie in den letzten 50 Jahren. Die Folge: weiter wachsende Ungleichheit, soziale Spannungen, erschwertes Vertrauen in die Demokratie. Und klimatisch? Die globale Durchschnittstemperatur würde weit über zwei Grad Celsius ansteigen, die Grenze aus dem Pariser Klimaabkommen überschritten werden. Das würde klimatische und ökologische Folgen für die nächsten Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende mit sich bringen.
  • Daher fordern die Expertinnen und Experten mehr Gleichheit und Gerechtigkeit – wenn wir eine lebenswerte Zukunft haben wollen. So würde derzeit die reichste Milliarde Menschen 72 Prozent der globalen Ressourcen verbrauchen. Im Gegensatz dazu bleibt für die ärmsten 1,2 Milliarden Menschen gerade mal ein Prozent der Ressourcen. Ungerecht sei die Situation vor allem auch deshalb, weil die reichsten Gesellschaften, die die meisten Ressourcen verbrauchen, nur einen Bruchteil der Konsequenzen tragen würden.
  • Mehr Gleichheit solle es beispielsweise auch beim Einkommen geben: So sollten die reichsten zehn Prozent eines Landes über weniger als 40 Prozent des Nationaleinkommens verfügen: "Das heißt, dass vier arme Personen gemeinsam das gleiche Jahreseinkommen haben wie eine Person aus der Gruppe der reichsten 10 Prozent."
  • Neben dem Klimawandel, dem Verlust von Biodiversität und Pandemien hat unsere Gesellschaft laut dem Bericht mit noch einem großen Problem zu kämpfen: Fehl- und Falschinformationen. Zwar konnten die Massenmedien gut eindämmen und helfen, zwischen Fakten und Fiktion zu unterscheiden, doch haben die sozialen Medien im Gegenzug eine ganze Industrie an Fake News entstehen lassen. Das führe zur Polarisierung von Gesellschaften, zum Vertrauensverlust und verhindere kollektives Zusammenarbeiten. Dafür braucht es bessere Bildung, die kritisches Denken und komplexes Systemdenken vermittelt.
  • Ein weiteres Kapitel im Buch beschäftigt sich mit dem Wandel des Ernährungs- und Agrarsystems. Auch hier besteht große Ungleichheit. Beispielsweise seien derzeit 821 Millionen Menschen weltweit unterernährt – dem gegenüber stünden aber zwei Milliarden übergewichtige oder adipöse Menschen.
  • Große Herausforderungen sehen die Autorinnen und Autoren von "Earth for All" auch in der Transformation des globalen Energiesystems: Es bräuchte weniger und kleinere Autos. Steigende Energiepreise werden vor allem für ärmere Menschen zur Gefahr. Ausreden, dass große Veränderungen viel Zeit brauchen, lassen die Fachleute nicht gelten: Wie schnell sich das Verhalten der Menschen ändern kann, hat die Corona-Pandemie gezeigt: Weniger Emissionen und Staus durch Home Office, bessere Vereinbarung von Familie und Beruf.
  • Ja, den Autorinnen und Autoren ist bewusst, dass die Menschheit vor vielen Herausforderungen steht. Aufgaben, Hindernisse, Gefahren – und sehr wenig Zeit. Denn die schwersten Aufgaben der Transformation müssten direkt im ersten Jahrzehnt angegangen werden, damit eine lebenswerte Zukunft der Menschen möglich ist. Also jetzt.

Kritik: Studien aktualisiert, aber wissenschaftlich bestätigt

Vor allem mit den "Grenzen des Wachstums" 1972 kam auch viel Kritik auf - schließlich war der Bericht nicht das, was man in der damaligen Zeit hören wollte. Und das, obwohl es nach dem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit bereits die erste Rezension gab, sich Umweltprobleme bemerkbar machten.

Zwar wies der Bericht selbst auf seine Lückenhaftigkeit in den Berechnungen hin, doch nahmen das viele zum Anlass, die Methoden zu hinterfragen. Wie viel Aussagekraft haben diese Hochrechnungen? Ob das menschliche Verhalten selbst zu wenig einbezogen wurde? Kritikerinnen und Kritiker sahen darin den Beginn der Apokalypse, andere einen Weckruf an unsere Gesellschaft. Sicherlich gibt es auch Prognosen, die so nicht eintrafen - wie die über das begrenzte Erdölvorkommen. Und vielleicht mag der Club auch zu elitär sein, wie teilweise angemerkt. Fakt ist aber, dass er wachgerüttelt hat.

Aufgrund der Kritik wurde der Report mehrmals aktualisiert, fortgeschrieben und in Studien wissenschaftlich bestätigt. So wurden immer wieder einzelne Aspekte aus "Grenzen des Wachstums" aufgegriffen, die dann in eigenen Studien analysiert wurden. Aber auch mit den Neuauflagen wurden die früheren Prognosen eigentlich nur mit neuen Daten gestützt. Die Stoßrichtung ist weiterhin dieselbe. 

Mit der Veröffentlichung des Buchs entstanden die ersten Umwelt- und Klimakonferenzen, es wurden Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und der Bund für Umwelt und Naturschutz gegründet. Die Partei "Die Grünen" entstand 1980 in Deutschland. Und irgendwann führte das zu den Millenniums-Entwicklungszielen der UN oder auch zum Pariser Klimaabkommen 2015.

Deutschland: Club-of-Rome-Schulen für die Jüngsten

Künstler Michel Bazy interpretiert Umweltzerstörung auf einer Ausstellung des Kunstvereins in Hannover. Die Experten des Club of Rome setzen sich seit 1968 für Nachhaltigkeit ein.  | Bild: picture-alliance/dpa/Caroline Seidel

Künstler Michel Bazy interpretiert Umweltzerstörung auf einer Ausstellung des Kunstvereins in Hannover - Einsatz für die Nachhaltigkeit.

2004 wurde von der Deutschen Gesellschaft Club of Rome in ganz Deutschland ein Netzwerk von Club-of-Rome-Schulen gegründet. Denn die Bildung soll bereits in der jüngsten Generation beginnen. Hier wird Kindern vermittelt, dass ihr individuelles Handeln globale Auswirkungen haben kann. Die Bildungsarbeit steht unter dem Motto: "global denken, lokal handeln". Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler, über Grenzen hinweg zu denken, globale Perspektiven einzunehmen und in ihrem lokalen Umfeld aktiv zu werden. Bisher gibt es 16 solcher Schulen.

Seit 2017 ist der deutsche Klimaforscher Mojib Latif Präsident des deutschen Club of Rome, der 1978 gegründet wurde. "Vom Wissen und Denken zum Handeln" - unter diesem Slogan soll gemeinsam die Zukunft gestaltet werden. Dafür möchte der deutsche Club of Rome die Räume schaffen, um nicht nur Lösungswege aufzuzeigen, sondern sie auch umzusetzen.

Zitat: Weckruf an die Politik

Mojib Latif: Klima-, Zukunfts-, Nachhaltigkeitsforscher, Club of Rome Präsident in Deutschland. Der Club of Rome setzt sich für Umweltschutz und Nachhaltigkeit ein.  | Bild: picture-alliance/dpa/Christina Sabrowsky

"Wenn man sich weltweit anschaut, was passiert, dann ist das herzlich wenig, auch bei uns in Deutschland. So kann es einfach nicht weitergehen, und ich hoffe, dass alles, was wir im Moment erleben, auch ein Weckruf an die Politik ist."

Mojib Latif, Klimaforscher, 2017 in der BR-radioWelt

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