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Anthropozän Zeitalter des Menschen

Klimaerwärmung, Plastik im Meer, Atomtests - der Einfluss des Menschen auf den Planeten ist groß. Warum also nicht das gegenwärtige Erdzeitalter nach dem Menschen benennen? Anthropozän - menschgemachtes Zeitalter.

Stand: 18.10.2022

Anthropozän: Der Mensch hat die Erde in der Hand | Bild: picture-alliance/dpa

Eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler rief am 29. August 2016 das Erdzeitalter Anthropozän aus. Der Begriff Anthropozän ist zusammengesetzt aus dem altgriechischen "Ánthropos" für "Mensch" und der Endung "-zän", die von "kainós" abgeleitet ist und "neu" bedeutet.

Der Mensch in der Erdgeschichte

Anthropozän bezeichnet damit ein neues geologisches Zeitalter, das vom Menschen bestimmt ist. Denn der Mensch greift seit Beginn der Industriellen Revolution vor rund 200 Jahren so massiv in die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde ein, dass die Auswirkungen noch in 100.000 bis 300.000 Jahren zu spüren sein werden. Mindestens so lange dauern die einzelnen Abschnitte in der Erdgeschichte, auch Epochen genannt.

Erdzeitalter, Periode, Epoche

Die Erdgeschichte wird unterteilt in vier Erdzeitalter: Erdfrühtum, Erdaltertum, Erdmittelalter, Erdneuzeit. Kürzere Abschnitte werden Perioden genannt, noch kürzere Epochen. Aktuell leben wir in der Erdneuzeit, in der Periode "Quartiär" und der Epoche "Holozän" (auch Nacheiszeitalter genannt), die vor etwa 11.700 Jahren begann.

Das Anthropozän würde das Holozän ablösen und erstmals den Menschen bei der Erdgeschichte ins Spiel bringen. Denn der Mensch ist erst rund 200.000 Jahre alt, Erdzeitalter dauern aber Jahrmillionen.

Wann ein neues Erdzeitalter beginnt, lässt sich an den Gesteinsschichten ablesen. Ständig entstehen neue Gesteinsschichten und jedes Erdzeitalter hinterlässt darin eine Art Fingerabdruck. Im Labor lässt sich nicht nur feststellen, wie alt ein Gestein ist, sondern auch, wie das Klima zu der Zeit auf der Erde war. Fossilien von Tieren und deren Abdrücke liefern die Spuren, die es zu entschlüsseln gilt.

Der Mensch als geologischer Faktor

Spuren der Dinosaurier beispielsweise lassen sich bis heute im Gestein feststellen. An ihnen lässt sich auch ablesen, wann die Tiere ausgestorben sind. Der Mensch prägt das neue Erdzeitalter über die Umwelt: Durch Umweltschädigungen hinterlassen die Menschen einen Fingerabdruck in den Gesteinsschichten. Auch neue Stoffe wie Beton, Aluminium oder Kunststoffe finden sich in den Sedimenten. Letztere haben seit den 1950er-Jahren einen rasanten Zuwachs erfahren. Heute produzieren wir Hunderte Millionen Tonnen Plastik pro Jahr. Und das spiegelt sich auch in unseren Böden wieder. Deshalb werden Sedimente, die eines dieser Materialien enthalten, von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern als ein deutliches Zeichen für das Anthropozän gedeutet.

Anthropozän, das Erdzeitalter des Menschen

Paul Josef Crutzen

Der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen († 2021) brachte im Jahr 2000 den Begriff Anthropozän ins Spiel. Auf einem Kongress in Mexiko sprach er von einem neuen Zeitalter des Menschen. Während im Holozän die Natur allmächtig ist, hat im Anthropozän der Mensch den Einfluss auf die Erde übernommen.
Crutzen erhielt 1995 den Chemie-Nobelpreis für die Erforschung des Ozonlochs.

Der Einfluss des Menschen auf die Erde sei global nachweisbar und teils unumkehrbar, betonte die internationale Arbeitsgruppe aus 35 Forschern, die empfahl, das Anthropozän in die geologische Zeitskala aufzunehmen. Am 29. August 2016 plädierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf dem Internationalen Geologischen Kongress im südafrikanischen Kapstadt mit 34 Stimmen und einer Enthaltung dafür, den Begriff einzuführen. 28 Forscher schlugen als Beginn des Anthropozäns die Mitte des 20. Jahrhunderts vor. Ein wichtiges Datum wäre der erste Atombombentest am 16. Juli 1945. Die Folgen lassen sich weltweit auf der Erdoberfläche nachweisen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen seither zu klären, welche in den Erdschichten abgelagerten Stoffe als Referenz für das neue Erdzeitalter dienen sollen. Dies könne etwa eine Kombination von Kunststoff, Rückständen aus Atomwaffen-Tests oder Flugasche aus der industriellen Produktion sein, so Geobiologe und Paläontologe Reinhold Leinfelder von der Freien Universität Berlin, der der Arbeitsgruppe angehört.

Entscheidung über das neue Zeitalter

Doch bis heute ist der Begriff des Menschen-Zeitalters noch nicht offiziell übernommen worden. Am 21. Mai 2019 fand in der Anthropocene Working Group (AWG) unter den 34 Mitgliedern eine Abstimmung statt. Die AWG ist eine von der Subcommission on Quaternary Stratigraphy (SQS) eingesetzte Arbeitsgruppe, die untersuchen soll, ob es genügend wissenschaftliche Belege für das Anthropozän gibt. 29 Mitglieder stimmten für den Vorschlag, dem Anthropozän einen offiziellen Status zu verleihen. Jetzt soll die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS) entscheiden. Im letzten Schritt muss das Exekutivkomitee der International Union of Geological Sciences (IUGS) den Vorschlag ratifizieren.

Golden Spike: An diesen Orten wird das Anthropozän besonders gut sichtbar

Bei einem Treffen in Berlin im Mai 2022 widmete sich die AWG nun einer weiteren Frage: An welchem Ort weltweit sind menschengemachte Veränderungen besonders gut im Gestein ablesbar? Dieser sogenannte "Golden Spike" soll dann als wissenschaftlicher Referenzpunkt dienen. Die aufgestellte Kandidatenliste umfasst unter anderem das Sniezka-Moor in Polen, den Palmer-Bohrkern der Antarktischen Halbinsel, den Wiener Stadtboden oder den Crawford Lake in Ontario, Kanada. Im Schlamm des Crawford Lake lassen sich beispielsweise erhebliche Spuren von Radionukliden und eine deutliche Zunahme von Ruß aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe nachweisen. Die Vorschläge für ein weltweit gültiges "Golden Spike"- Profil werden derzeit noch innerhalb der Arbeitsgruppe diskutiert. Ziel ist, Mitte Dezember 2022 einen finalen Vorschlag zu präsentieren, so Michael Wagreich, Professor für Geologie an der Universität Wien und Mitglied der AWG.

Kritik: Anthropozän hilft Geologie nicht weiter

Es gibt auch Geologen, die das Anthropozän als Zeitalter für unnötig erachten, wie Manfred Menning vom Deutschen Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ):

"Der Begriff [bringt] für geologische Arbeiten rein gar nichts, [ist] deshalb in der Geologie entbehrlich und wir [brauchen] auch keine Epoche oder [...] Kategorie mit dem Namen Anthropozän."

Manfred Menning, Deutsches Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ)

Geisteswissenschaften: Schuld an Klimawandel nicht gleich verteilt

Auch aus den Geisteswissenschaften kommen kritische Stimmen: Mit dem Begriff des Anthropozäns gehe einerseits eine Überschätzung menschlicher Gestaltungsmacht einher. Andererseits gebe er allen Menschen gleichermaßen die Schuld an der Zerstörung der Erde, während in Wirklichkeit unterschiedliche Gruppen in ganz unterschiedlichem Maß an der Verschmutzung des Planeten beteiligt seien. Anstatt neuer Begrifflichkeiten seien vielmehr neue Methoden nötig, um die Herausforderungen der Zukunft anzugehen. Ein 2022 erschienener Aufsatz macht darüber hinaus klar, dass es auch im Journalismus, sowohl online als auch im Printbereich, an einer kohärenten Diskussion über das Anthropozän mangelt.

Vordenker für die Zukunft der Erde

Nobelpreisträger Paul Josef Crutzen (1933 - 2021)

Bei der Überlegung, das Anthropozän einzuführen, geht es weniger um eine geowissenschaftliche Notwendigkeit zur Benennung des menschgemachten Zeitalters, sondern eher um ein grundlegendes Selbstverständnis: Das Umweltbewusstsein ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen, ebenso das Verständnis von globalen Wirtschaftsmechanismen oder Stoffströmen. Die Klimadebatte und die internationalen Klimakonferenzen sorgen gleichermaßen dafür, dass die Menschen sich ihrer globalen Verantwortung für die Zukunft der Erde bewusster werden. Doch noch folgen auf Einsichten noch wenig Taten. Paul Crutzen († 2021), der die Anthropozän-Debatte angestoßen hat, gab uns einen Ratschlag mit auf den Weg:

"Das heißt nicht, dass jeder versteht, was Anthropozän wirklich bedeutet. Aber ich denke, Wissenschaftler kennen den Begriff und verwenden ihn häufig. Dafür muss es ja einen Grund geben: Wir Menschen sitzen jetzt am Steuer, was man früher so nicht gedacht hat. Wir sind uns jetzt bewusst, was wir da machen."

Paul Crutzen († 2021), niederländischer Atmosphärenchemiker

Anthropozän-Debatte: Wertschätzung für unterschiedliche Standpunkte

Die Debatten über das Anthropozän müssen also viele verschiedene Perspektiven berücksichtigen. Auf einem Planeten mit reicher, aber gefährdeter kultureller und biologischer Vielfalt reicht es nicht, wenn sich die Forschung bei der Thematik nur auf eine einzige universale Sichtweise fokussiert. Gleichzeitig sind rein lokale Antworten ebenso wenig überzeugend in einer Welt, die in ihrer Gesamtheit vom menschengemachten Klimawandel betroffen ist. Erforderlich ist daher ein Ansatz, bei dem unterschiedliche Sichtarten miteinbezogen werden - vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Zukunft aller Menschen auf der Erde.


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