56

Moore Feuchtgebiete als Klimaschützer

In Deutschland finden sich Moore vor allem ganz im Norden und ganz im Süden. Moore bieten nicht nur seltenen Pflanzen und Tieren einen geschützten Lebensraum, die Feuchtgebiete sind auch wichtige CO2-Speicher - wenn sie denn feucht sind.

Published at: 16-1-2023

Wiedervernässung eines Niedermoors im Schwäbischen Donaumoos | Bild: Bayerisches Landesamt für Umwelt

Seit 1970 wurden weltweit rund 35 Prozent der Feuchtgebiete zerstört. Hauptverursacher sind dabei die Landwirtschaft, Überfischung und generell Umweltverschmutzung. Nach Angaben des Greifswald Moor Centrum sind Feuchtgebiete dabei stärker bedroht als Wälder, sie verschwinden mittlerweile dreimal schneller.

UNESCO-Gedenktag: Welttag der Feuchtgebiete

Der Welttag der Feuchtgebiete wird seit 1997 alljährlich am 2. Februar begangen. Er beruht auf der sogenannten Ramsar-Vereinbarung, dem "Übereinkommen über Feuchtgebiete, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Wattvögel, von internationaler Bedeutung". Der völkerrechtliche Vertrag wurde am 2. Februar 1971 im iranischen Ramsar unterzeichnet und bisher zweimal modifiziert. Derzeit haben 172 Länder die Konvention unterzeichnet. Deutschland trat dem Abkommen 1976 bei und verpflichtete sich damit, die nach der Ramsar-Konvention geschützten 35 Gebiete in Deutschland vor allem als Lebensraum für die Vogelwelt zu erhalten.

Moore: Klimaschützer, aber auch Klimakiller

Moore gehören zu den am stärksten zerstörten Ökosystemen in Deutschland. 1,8 Millionen Hektar sind Moorböden. Zwar machen sie damit nur fünf Prozent der Landfläche aus, binden aber genauso viel Kohlenstoffdioxid (CO2) wie alle deutschen Wälder zusammen. Wenn sie denn intakt sind: Mittlerweile sind weit über 90 Prozent entwässert, abgetorft, bebaut oder werden landwirtschaftlich genutzt - mit 92 Prozent bilden die entwässerten Moorböden den größten Anteil. Und sind sie zerstört, setzen sie in kurzer Zeit große Mengen CO2 und andere Treibhausgase frei. Damit tragen sie sogar zur Klimakrise bei. Für sieben Prozent aller Treibhausgasemissionen in Deutschland sind laut "Mooratlas 2023" der Heinrich-Böll-Stiftung, des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Greifswalder Michael Succow Stiftung entwässerte Moore verantwortlich. Jährlich sind das etwa 53 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente, die in die Atmosphäre freigesetzt werden: "Entwässerte Moore stellen deshalb eines der großen Aktionsfelder für den Klimaschutz in der Landwirtschaft dar", heißt es im "Mooratlas 2023".

"Moore sind für mich die faszinierendsten Lebensräume, weil sie ihre Geschichte mit festhalten: Es sind akkumulierende Ökosysteme, die selbstwachsend sind, und damit Informationen speichern. Moore sind Extremstandorte mit Extremlebensbedingungen."

Michael Succow, Moorökologe und Agrarwissenschaftler

Natürliche Kohlenstoffspeicher: Deshalb sind sie so wichtig

Video

Als natürliche Kohlenstoffsenken speichern Moore Kohlenstoff. Im sauren Moorwasser werden Pflanzenreste unter Ausschluss von Sauerstoff konserviert. Torf entsteht. Sinkt jedoch der Wasserspiegel auf Grund von Entwässerung beispielsweise und Torf kommt an die Luft, beginnt er zu oxidieren. Das sei ähnlich wie bei Spreewaldgurken oder sauren Heringen, die man in saurem Wasser aufbewahre, sagt der Paläoökologe Hans Joosten. "Wenn man einen sauren Hering aus einem Topf holt und ihn einige Wochen an der Luft liegen lässt, dann gibt es keinen sauren Hering mehr. Der ist einfach weggerottet", erklärt der Professor der Universität Greifswald. "Genau das tun Moore auch, wenn man sie entwässert. Und all das organische Material wird dann umgesetzt in CO2." Jedes entwässerte Moor trägt so zur globalen Erwärmung bei.

Ohne Moore und Wälder geht es nicht

Um bis 2045 klimanteutral zu werden, müssen die Wälder und Moore in Deutschland als Kohlenstoffspeicher funktionieren. Das ist so im Bundesklimaschutzgesetz verankert, denn ohne diese natürlichen Ökosysteme geht es nicht. Bis 2030 sollen sie jährlich 25 Millionen Tonnen Treibhausgase binden.

Moorschutzstrategie der Regierung als Klimabooster

Damit aus den derzeitigen Klimakillern wieder Klimaschützer werden, hat die Bundesregierung im November 2022 die nationale Moorschutzstrategie beschlossen. Sie soll dazu dienen, durch Wiedernässung der Moore die jährlichen Emissionen bis 2030 um mindestens fünf Millionen Tonnen Treibhausgase zu senken. Das betrifft hauptsächlich Landwirte, die laut Bauernverband derzeit rund eine Million Hektar Moorfläche bewirtschaften - vor allem als Grünland für Milchkühe. Finanzielle Anreize sollen den Landwirten alternative Bewirtschaftsformen schmackhaft machen, wie beispielsweise Paludikulturen. Das meint die landwirtschaftliche Nutzung nasser Moore für Weidehaltung, den Anbau von Futtergräsern oder Schilf für Dachreet oder die energetische Verwertung von Biomasse aus wiedervernässten Niedermooren. Denkbar seien auf Moorflächen auch Photovoltaik-Anlagen.

Der NABU wertet die Ziele als längst überfällig und zu gering: Jährlich lediglich fünf Millionen Tonnen CO2-Äquivalente zu sparen entspreche gerade einmal zehn Prozent dessen, was entwässerte Moore derzeit jährlich ausstoßen.

Feuchtgebiete: Von Moor und Wiese bis zum Wattenmeer

Nach Artikel 1 der Ramsar-Vereinbarung sind Feuchtgebiete Feuchtwiesen, Moor- und Sumpfgebiete oder Gewässer, die natürlich, künstlich, dauernd oder zeitweilig, stehend oder fließend, Süß-, Brack- oder Salzwasser sind. Auch Meeresgebiete gehören dazu, wenn sie eine Tiefe von sechs Metern bei Niedrigwasser nicht übersteigen. So zählen Auwälder genauso dazu wie Korallenriffe, Moorgebiete und das Wattenmeer.

Ausgetrocknete Moore treiben Klimawandel an

Um die Pariser Klimaziele einzuhalten, müssen daher auch im Bereich der Feuchtgebiete große Anstrengungen unternommen werden: Jährlich müssten hierzulande mindestens 50.000 Hektar Moorböden wieder vernässt werden - eine Fläche fast so groß wie der Bodensee. Aktuell seien es nur knapp 2.000 Hektar, sagt Moorökologe Michael Succow.

Dabei helfen soll unter anderem das von der EU geförderte Projekt "Life Peat Restore" des NABU. Es soll helfen, das EU-Ziel, Treibhausgasemissionen um 40 Prozent bis 2030 gegenüber 1990 zu reduzieren, zu erreichen. Das Life Projekt Peat Restore hat sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit neun Partner­Innen aus den Ländern Polen, Lettland, Litauen, Estland und Deutschland durch Restaurierungs-maßnahmen Moore auf einer Fläche von rund 5.300 Hektar in naturnahe Lebensräume zu entwickeln und somit die natürliche Funktion des Kohlenstoffspeichers wiederherzustellen.

"In manchen Ländern Europas emittieren Moore mehr CO2 als die gesamte Industrie und der gesamte Verkehr zusammen."

NABU-Direktor Internationales, Thomas Tennhardt

Moore als Lebensraum seltener Arten

Hochmoorgelbling auf Kuckuckslichtnelke

Wichtig sind Moore nicht nur für den Klimawandel, sondern auch als Lebensraum für seltene Tier- und Pflanzenarten. Denn Hochmoore zeichnen sich durch eine extreme Nährstoffarmut aus. Der niedrige pH-Wert und die permanente Wassersättigung bedingen hochspezialisierte Pflanzen und Tiere. Viele der moortypischen Bewohner sind aber mittlerweile vom Aussterben bedroht. So zum Beispiel der Lungen-Enzian oder der Hochmoorgelbling. Der Bestand dieses Schmetterlings, der bei uns nur in Bayern und Baden-Württemberg anzutreffen ist, ist stark rückläufig.

"Pro Hektar binden Moore im Mittel 700 Tonnen Kohlenstoff. Moore sind damit die größten terrestrischen Kohlenstoffspeicher."

Claus Kumutat, früherer Präsident Bayerisches Landesamt für Umwelt

Moore in Deutschland

Deutschland hat als Mitglied der Ramsar-Konvention 35 Moor-Gebiete mit einer Gesamtfläche von rund 869.000 Hektar gemeldet. Die meisten Moore liegen in den nördlichen Bundesländern Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern sowie in Bayern.

Zur Erprobung neuer Bewirtschaftungsformen auf landwirtschaftlich genutzten wiedervernässten Moorböden fördert das Bundesumweltministerium für zehn Jahre seit 2021 vier Pilotvorhaben zum Moorbodenschutz in unterschiedlichen Bundesländern. Die Projekte werden miteinander vernetzt und von einer langfristig angelegten Treibhausgasüberwachung begleitet.

Kritik vom Bauernverband

Landwirte sehen die Wiedervernässung von Mooren zwar generell, aber nicht durchweg positiv. Der Deutsche Bauernverband verweist dabei auf die wirtschaftliche Dimension des Themas. Auch bei einem umfassenden Moorschutz müsse es für die Bewohner der betroffenen Regionen eine Einkommens- und Lebensperspektive geben. So sollte auch die Moorschutzstrategie des Bundeskabinetts ohne Verdrängung der Landwirtschaft stattfinden. Die Politik will hier alternative Bewirtschaftsformen wie die Paludikulturen fördern.

Der Deutsche Umweltpreis 2021 geht an einen Moorforscher

Deutschland hat durchaus Pioniere der Moorforschung in den eigenen Reihen. So ging der Deutsche Umweltpreis 2021 unter anderem an Hans Joosten vom Institut für Botanik und Landschaftsökologie Universität Greifswald. Bundespräsident Steinmeier betonte bei der Verleihung des Preises, Joosten habe als einer der Ersten erkannt, wie wichtig gesunde, nasse Moore für den Klimaschutz seien. Joosten engagiert sich darüber hinaus für eine andere Art von Landwirtschaft, die Feuchtgebiete nicht zerstört.

Amphibien in Deutschland und ihre Lebensräume


56