Erfolgreich scheitern Wie wir Niederlagen als Chance sehen

Author: Sylvaine von Liebe

Published at: 21-12-2022

Wenn jemand ein anvisiertes Ziel endgültig nicht erreicht, bezeichnen wir das als Scheitern. Doch ist das wirklich schlimm? Nein, würden wohl viele sagen, die erst einmal vermeintlich gescheitert sind. Doch warum tun wir uns so schwer, Scheitern als Chance zu sehen?

Für viele ist Scheitern ein No-Go. In Deutschland ist die Fehlertoleranz niedrig. Doch gemachte Fehler können auch eine Chance sein, sagen Wissenschaftler. Im Bild: Zwei Bergsteiger beim Erklimmen eines Gipfels. | Bild: colourbox.com

Bill Gates ist so einer. Sein erstes Unternehmen "Traf-O-Data" scheiterte: Die Idee, mit dem von ihm und einem Freund entwickelten Gerät Verkehrsströme zu messen und damit Geld zu verdienen, ging nicht auf. Auch Walt Disney scheiterte in seinen Anfängen als Cartoon- und Comiczeichner unter anderem bei einer Zeitung, weil er dort nicht als kreativ genug erachtet wurde. Und Harry-Potter-Erfinderin J.K. Rowling war ebenfalls mehrfach gescheitert: kaputte Ehe, keinen Job, kein Geld. Diese berühmt gewordenen Scheiterer haben aber eines gemeinsam: Sie alle sind trotz gemachter Fehler später voll durchgestartet, haben nicht aufgegeben.

Auch viele Wissenschaftler sehen Fehler, Rückschläge und persönliche Niederlagen als Chance. Und sie haben viele Ideen und Tipps, wie wir erfolgreich scheitern können.

Vom Scheitern und Fehlermachen: Warum wir uns damit so schwer tun

Klar ist: Keiner macht gerne Fehler. Entsprechend tun wir uns schwer, mit ihnen umzugehen. Das haben auch die beiden US-Wissenschaftlerinnen Lauren Eskreis-Winkler und Ayelet Fishbach herausgefunden. Um aus eigenen Fehlern zu lernen, stehen uns unsere Emotionen und unser Denken im Weg, heißt es in ihrer im Mai 2022 veröffentlichten Studie. Fehler empfinden wir als Bedrohung des eigenen Egos. Und kognitiv tun wir uns schwer, Fehler als solche zu identifizieren. Beides hindere uns, aus Fehlern zu lernen, so das Fazit der Untersuchung.

Viele belasten Fehler sehr. Sie sehen ihre Fehler nicht als Chance. Im Bild: Verzweifelte Frau mit Hand vor dem Gesicht. | Bild: colourbox.com

Viele belasten Fehler sehr. Sie sehen sie nicht als Chance. Das sei ein Fehler, sagen die Fehlerforscher Michael Frese und Christoph Seckler.

Bei Fehlern beschleiche uns das Gefühl, dass man es doch eigentlich hätte besser machen können, bringt Christoph Seckler das Problem auf den Punkt. Seckler leitet den Lehrstuhl für Entrepreneurial Strategy an der ESCP Business School in Berlin und forscht dort speziell zum Lernen aus Fehlern. Zudem bestehe die Gefahr, dass Fehler von anderen ausgenutzt würden, ergänzt er. "Das behindert die Fehlerkommunikation, die Fehlerkorrektur und auch die Bereitschaft, Fehlerrisiken zukünftig überhaupt einzugehen", erklärt der Wissenschaftler.

Scheitern als Chance: Warum Scheitern wichtig ist

Fehler machen und Scheitern sei menschlich, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Christoph Seckler. Der Wirtschaftspsychologe Michael Frese drückt es so aus: "Wir müssen scheitern, weil Scheitern eine natürliche Begleiterscheinung menschlichen Handelns ist. Weil die Komplexität unserer Umwelt immer größer ist als unser Verständnis davon."

Fehler machen und scheitern ist beides menschlich. Es ist nicht nur negativ, weil wir aus Fehlern lernen, wenn wir gut mit ihnen umgehen. Im Bild: Verzweifelter Junge mit einer gemalten Fünf mit der Bemerkung "nicht genügend" auf einer Schultafel. | Bild: picture alliance/Bildagentur-online/Begsteiger

Fehler machen und Scheitern sind menschlich. Scheitern führt sogar oft zu Innovationen, wie ein Blick in die Geschichte zeigt.

Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Scheitern in Unternehmen positiv sein kann, weil es Lernprozesse in Gang setzt. Das betont auch der Wissenschaftler von der Berliner ESCP Business School. Viele Entdeckungen wie das Penicillin oder die leicht klebenden Post-its hätte es ohne ein vorheriges Scheitern nicht gegeben. Wichtig sei es, durch einen guten Umgang mit dem Scheitern und gemachten Fehlern die positiven Konsequenzen zu erhöhen und die negativen Konsequenzen zu minimieren, rät der Wirtschaftswissenschaftler.

Fehlerkultur: Vom Umgang mit Fehlern in Staaten

In Deutschland tun wir uns mit der Akzeptanz von Fehlern offenbar besonders schwer. Michael Frese, Wirtschaftspsychologe und Fehlerforscher an der Leuphana Universität Lüneburg und an der Asia School of Management in Malaysia, hat gemeinsam mit vielen anderen Wissenschaftlern bereits Ende der 1990er-Jahre die Fehlerkultur von 61 Ländern in Bezug auf die Fehlertoleranz verglichen. Das Ergebnis des Ländervergleichs: Deutschland landete auf dem vorletzten Platz, nur Singapur war noch weniger fehlertolerant. Woran das liegt, könne man nicht genau sagen, sagt Frese. "Wie Kulturen mit Fehlern umgehen, hängt auch mit der Entstehungsgeschichte eines Landes zusammen. Die USA haben in ihrer kurzen Geschichte weitgehend positive Erfahrungen gemacht. Wir hingegen hatten in unserer langen Geschichte viele Konflikte und Kriege zu bewältigen. Deshalb gehen wir in Deutschland anders, strenger mit Fehlern um als die Menschen in den USA", erklärt der Wirtschaftspsychologe.

Staaten gehen unterschiedlich mit Fehlern um. Eine hohe Fehlertoleranz ist aber nicht nur gut. Ist sie hoch, ist auch die Toleranz gegenüber Korruption hoch. Im Bild: Polizist bei einer Kontrolle von Autofahrern. | Bild: picture alliance / Ostalb Network | Christian Wiediger

Staaten gehen unterschiedlich mit Fehlern um. Bei einer hohen Fehlertoleranz ist auch die Toleranz gegenüber Korruption hoch.

Eine geringe Fehlertoleranz zu haben, ist nach Erkenntnissen der Wissenschaft aber nicht nur schlecht. In Ländern mit einer geringeren Fehlertoleranz ist zum Beispiel die medizinische Versorgung besser, gibt es weniger Verkehrstote und das Bruttosozialprodukt, die Wirtschaftsleistung, ist höher, ergaben Freses Untersuchungen. In Ländern mit einer höheren Fehlertoleranz sei hingegen auch die Toleranz gegenüber Korruption höher, sagt der Lüneburger Fehlerforscher. Auf der von ihm und seinen Kollegen erstellten Fehlertoleranz-Liste zeigen Russland, Venezuela und Sambia eher hohe Werte.

Fehlerkultur vs. Fehlermanagement: Vom Umgang mit Fehlern in Unternehmen

Fehler sind menschlich. Im Berufsleben ist es aber nicht immer einfach, gemachte Fehler zuzuzgeben. Für ein gutes Fehlermanagemnt braucht es eine Fehlermanagemntkultur, sagt Fehlerforscher Christoph Seckler von der ESCP Business School in Berlin. Im Bild: Gestellte Szene, in der ein Mann seine Kollegin kritisiert. | Bild: picture alliance/dpa Themendienst/Christin Klose

Unternehmen benötigen für einen guten Umgang mit Fehlern laut Wirtschaftswissenschaftler C. Seckler eine Fehlermanagementkultur.

Während sich Länder und Gesellschaften in der Art und Weise, wie sie mit Fehlern umgehen laut dem Forscher Michael Frese kaum oder nur sehr langsam verändern, habe sich der Umgang mit Fehlern in Firmen in den vergangenen Jahrzehnten sehr wohl geändert. "Als wir in den 1980er-Jahren angefangen haben, in die Unternehmen zu gehen, hieß es: 'Fehler machen wir nicht und deshalb brauchen wir auch keine Untersuchungen.' Im Gegensatz dazu gibt es heute ganz viele Consulting-Firmen, die sich ausschließlich mit dem besseren Umgang mit Fehlern beschäftigen", berichtet der Wirtschaftspsychologe. Warum dieser Wandel? Besser mit Fehlern umzugehen, rechnet sich insbesondere für kleinere Unternehmen. Sie sind profitabler und innovativer, weiß auch Christoph Seckler, Experte für richtiges Fehlermanagement in Unternehmen. "Wenn man Angst vor Fehlern hat, dann probiert man nichts Neues aus. Und wenn man nichts Neues ausprobiert, dann kann man auch nichts Innovatives entwickeln", sagt er. Wichtig sei es deshalb, in Unternehmen eine Fehlermanagementkultur zu entwickeln. In erster Linie heißt das laut Fehlerforscher Seckler: Fehler kommunizieren, richtig einordnen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Angst nehmen, über eigene Fehler zu sprechen.

In seinen Studien über das richtige Fehlermanagement hat der Wissenschaftler von der ESCP Business School in Berlin außerdem herausgefunden: Nicht die resoluten, sondern die demütigen Menschen sind sehr gute Fehlermanager. Demut bedeute in diesem Zusammenhang: Menschen sind bereit, sich selbst richtig einzuschätzen "Die fragen auch mal in kritischen Situationen nach einem Feedback", erklärt Seckler. Außerdem seien demütige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wertschätzend anderen gegenüber und bereit, von anderen zu lernen. "Wenn man diese Verhaltensweisen zeigt, hat das einen sehr positiven Effekt auf die Fehlerkultur in Unternehmen", betont der Wirtschaftswissenschaftler von der ESCP Business School.

Audio: Hurra, falsch! Fehler als Innovationsquelle

Fuckup Nights: Wie Gespräche übers Scheitern helfen

Erste Fuckup-Night in Cottbus: Unternehmer Andreas Brandt erzählt vor Zuhörern über seine gescheiterte Unternehmensgründung. | Bild: picture alliance / Bernd Settnik/dpa-Zentralbild/dpa | Bernd Settnik

Reden übers Scheitern hilft, sagen ehemalige Teilnehmer von Fuckup Nights, im Bild: Teilnehmer und Vortragender bei einer Fuckup Night.

Ein Instrument, um künftig besser mit dem Scheitern und Fehlern umgehen zu können, sind die sogenannten "Fuckup Nights". Bei den meist als lustige Happenings veranstalteten Treffen erzählen Vortragende vor Zuschauern von ihrem Scheitern. "Das Gute an den Fuckup Nights ist, dass sie zum einen dem Scheitern das Stigma nehmen. Außerdem hilft es den Leuten, das Gelernte aus den negativen Erfahrungen zu teilen. Und: Die Gespräche verbinden, sodass Netzwerke entstehen", erklärt Seckler den Erfolg des Konzepts. Christoph Magnussen, Gründer und CEO einer New-Work-Beratungsfirma, bestätigt diese Erfahrungen: "Ob als Zuhörer, Teilnehmer oder Gastgeber: Fuckup Nights helfen mir dabei, eigene Erlebnisse als Unternehmer zu verarbeiten oder aus den Lehren anderer zu lernen", erklärt der Firmengründer. "So hat mir die Fuck-up-Story eines anderen Unternehmers dabei geholfen, eine Strategie für schwierige Gespräche am Telefon zu finden. Neben dem Problem hat er nämlich auch eine Lösung präsentiert: Eine Liste schreiben und dann von oben nach unten abtelefonieren. Also: Das Unangenehme sofort angehen, nicht infrage stellen", erzählt Magnussen. Solche Events böten einen "Raum psychologischer Sicherheit", innerhalb dessen so frei über Fehler gesprochen werden könne, wie sonst nur selten. "Dadurch steigt immer mehr auch die Bereitschaft, gegenüber Kolleginnen und Kollegen für Transparenz bei Fehlern zu sorgen", fasst er die Vorteile des Fuckup-Konzepts zusammen.

An den Gesprächen, die es seit etwa Anfang der 2010er-Jahre in Deutschland gibt und die ursprünglich von Mexiko und den USA und dort aus der Start-up-Szene kommen, kann jeder, der will, teilnehmen. Vortragende müssen bestimmte Kriterien erfüllen und können sich entweder bei einer schon existierenden Gruppe in ihrer Stadt anmelden oder über den Dachverband eine eigene Gruppe gründen.

Doch nicht für alles und jeden ist das Konzept der Fuckup Nights gleich gut geeignet, so die Erfahrungen des in Berlin tätigen Fehlerforschers: "Wenn Fuckup Nights in Konzernen ohne Einbettung in eine Gesamtstrategie zum Umgang mit Fehlern veranstaltet werden, dann scheinen sie mir nicht so hilfreich", sagt er. Dann wirke es oft unnatürlich bzw. aufgesetzt, wenn der Abteilungsleiter, die Abteilungsleiterin plötzlich lustig über eigenes Scheitern berichten solle. Insbesondere dann, wenn im Alltag versucht werde, möglichst alle Fehler tunlichst zu vermeiden, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Er rät deshalb Unternehmen, die das Format anwenden wollen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorher beispielsweise durch Trainings zum Umgang mit Fehlern für das Thema zu sensibilisieren.

Aus Misserfolgen lernen: Tipps zum Umgang mit Niederlagen

Fünf Tipps von Michael Frese, wie ihr mit Fehlern – ob beruflich oder privat – umgehen solltet:

  1. Denkt über den Fehler nach und überlegt auch selbstkritisch: Woran hat es gelegen, dass etwas schief gegangen ist.
  2. Versucht, die negative Emotionalität, die eine Niederlage mit sich bringt, in den Griff zu bekommen. Das heißt: Konzentriert euch nach gemachten Fehlern auf eure Aufgabe anstatt euch selbst zu bemitleiden, zu bestrafen oder Vorwürfe zu machen. Denn: Wir alle machen Fehler!
  3. Betrachtet das Scheitern als Lernmöglichkeit
  4. Experimentiert, das heißt, wenn es zum Beispiel in eurer Beziehung richtig gekracht hat: Versucht herauszufinden, wie ihr euch anders verhalten könnt - experimentiert mit eurem eigenen Verhalten. Oder wenn ihr beruflich nicht weiterkommt: Versucht einen anderen Bereich in der Arbeit zu finden, in dem ihr etwas ausprobieren könnt. Und findet dann heraus, warum es dieses Mal besser geklappt hat oder nicht.
  5. Das Wichtigste: Nicht aufgeben!

Wie Unternehmen mit Fehlern umgehen sollten - die fünf Verhaltensweisen, die laut Christoph Seckler eine Fehlermanagementkultur ausmachen:

  1. Mit Fehlern rechnen und im Vorfeld einplanen, was schiefgehen kann.
  2. Fehler schnell korrigieren, nicht verschleppen.
  3. Eine Fehlerkommunikation schaffen. Das gelingt zum Beispiel, indem Hierarchien abgebaut werden und oft über gemachte Fehler gesprochen wird.
  4. Aus Fehlern lernen, das heißt: Gemeinsam darüber nachdenken, was zu dem Fehler geführt hat und was man hätte besser machen können.
  5. Fehlerrisiken eingehen. Denn: Um das ganz Große zu erreichen, muss man kleinere Fehler akzeptieren.

Wenn Kinder Fehler machen: Was Eltern dann nicht tun sollten

Vater tröstet sein verzweifeltes Kind auf der Couch. | Bild: picture alliance/Zoonar/Channel Partners

Eltern sollten auf Fehler und Scheitern ihrer Kinder verständnisvoll reagieren, rät die Psychologin Johanna Graf.

Zu viel Lob tut Kindern nicht gut, ergab eine von mehreren Wissenschaftlern um den Niederländer Eddie Brummelman durchgeführte Langzeitstudie. Wenn Eltern ihre Kinder nach gemachten Fehlern oder einem Scheitern allerdings schimpfen, statt liebevoll und verständnisvoll zu reagieren, "hauen sie damit natürlich in die Kerbe, die ja eh schon da ist, weil das Kind ja unter seinem Fehler selbst bereits leidet", warnt Johanna Graf, Mitgründerin des Nürnberger Instituts zur Stärkung der Erziehungskompetenz e. V.. Letztlich untergrabe das Schimpfen das Selbstwertgefühl des Kindes, erklärt die Psychologin. "Es wird Angst entwickeln, Fehler zu machen."

Fehler von Kindern: Das sollten Eltern ihren Kindern dann vermitteln

Anstatt zu schimpfen, sollten Eltern laut der Psychologin Johanna Graf ihren Kindern bei gemachten Fehlern oder einem Scheitern Folgendes mit auf den Weg geben:

  • Ich bin für dich da, egal was passiert. Du kannst dich darauf verlassen, dass ich auf deiner Seite stehe.
  • Jeder Fehler bietet die Chance, etwas für die Zukunft zu lernen.
  • Nicht aufgeben, sondern analysieren, wie es zu dem Fehler kam und was konkret man beim nächsten Mal beachten, ausprobieren oder anders machen möchte.


  • Das Kind dafür wertschätzen, dass es sich mitgeteilt hat.
  • Bei Fehlern bei Hausaufgaben oder Kritik beim Klavierspielen beispielsweise: Darauf achten, alles zu würdigen, was gut ist. Die positiven Anmerkungen sollten bei Kritik deutlich überwiegen. So hat das Kind ein gutes Selbstwertgefühl und kann gemachte Fehler leichter wegstecken.