Lebensmittelverschwendung Essen für die Tonne

Von: Alexander Loos

Stand: 23.11.2021

Niemand macht es gerne, trotzdem tun es die meisten von uns: Mülleimer auf, Augen zu, Essen rein, schnell an was anderes denken. Fast 60 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder von uns jährlich weg. So könnt ihr die Menge verringern.

Fast 60 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Müll. Noch genießbare Lebensmittel aus der Tonne eines Supermarkts zu fischen ("Containern") ist nicht legal. Es gibt andere Möglichkeiten, Essen vor der Tonne zu retten. | Bild: BR/Julia Müller

Mit eurem schlechten Gewissen seid ihr nicht alleine: In einer Untersuchung des Marktforschungsinstituts GfK vom September 2021 gaben 86 Prozent der befragten Haushalte an, dass sie Nahrungsmittel wegwerfen, die eigentlich noch genießbar gewesen wären.

Fakten: Lebensmittelverschwendung in Zahlen

Vermeidbare Lebensmittelabfälle | Bild: GfK

Diese Lebensmittel werfen wir am häufigsten weg. Sie zählen zum "vermeidbaren Lebensmittelabfall", man hätte sie nur rechtzeitig essen müssen.

Jedes Jahr werden in Deutschland rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeschmissen. Etwa die Hälfte davon landet in unseren privaten Mülltonnen. Im Schnitt rund 56 Kilogramm pro Kopf, wie das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft 2021 mitteilt. Eine Studie des Thünen-Instituts ermittelte 2019 sogar eine Menge von 75 Kilogramm pro Person und Jahr. Dabei fällt in Einpersonenhaushalten mehr Lebensmittelmüll an als in Haushalten mit mehreren Bewohnern. Je älter eine Person ist, umso weniger Essen schmeißt sie weg. Am häufigsten wird Obst und Gemüse weggeworfen. Sie machen rund 35 Prozent der vermeidbaren Lebensmittelabfälle aus. Vermeidbar bedeutet: Die Lebensmittel waren prinzipiell zum Verzehren geeignet und kein Ausschuss wie Schalen, Knochen, Gräten oder Kaffeesatz. Besonders bei leichtverderblichen Waren wie Obst, Gemüse und Gebäck solltet ihr deshalb darauf achten, nicht mehr zu kaufen, als ihr tatsächlich benötigt.

Definition: Vermeidbarer Lebensmittelabfall

"Diese Lebensmittel wären bei rechtzeitigem Verzehr genießbar gewesen."

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Volle Mülltonnen: Hier werden die meisten Lebensmittel weggeworfen

Wo entstehen Lebensmittelabfälle? | Bild: bmel

Mit Abstand die meisten Lebensmittel werfen die Verbraucher zuhause weg. Also: wir.

Auf dem Weg vom Anbau bis zum Teller - wo fällt in Deutschland der meiste Lebensmittelabfall an? Dieser Frage ist das Johann Heinrich von Thünen-Institut zusammen mit der Universität Stuttgart im Auftrag des Bundesernährungsministeriums nachgegangen. Im September 2019 stellten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse vor: Wir Verbraucher tragen den größten Teil zur Lebensmittelverschwendung bei. Doch auch die Industrie und der Handel sind dafür verantwortlich, dass große Mengen wertvoller Nahrungsmittel im Müll landen.

Folgen: So leidet die Umwelt unter der Verschwendung

Konventionelle Nahrungsmittelproduktion bedeutet immer eine Belastung für die Umwelt: In der Landwirtschaft werden Böden beansprucht und mit Pflanzenschutzmitteln sowie Düngern belastet. Besonders bei Fleischprodukten, bei deren Produktion viel Wasser verbraucht und CO2 erzeugt wird, ist der Schaden für die Umwelt groß. Jedes Jahr entstehen durch weggeworfenes Essen weltweit 38 Millionen Tonnen Treibhausgase. Werden Lebensmittel weggeschmissen, war der Einsatz von Ressourcen, Energie und Arbeit umsonst. Hinter jeder weggeworfenen Packung Wurst steckt ein Tier, das dafür sein Leben völlig umsonst gelassen hat. Lebensmittelverschwendung ist auch ein soziales Problem: Während ca. 800.000 Menschen an Hunger leiden, wird rund ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittel für den Müll produziert.

Weniger Abfall: Was könnt ihr gegen Lebensmittelverschwendung tun?

1. Mit Plan einkaufen:
Wer nur so viel einkauft, wie er wirklich benötigt, schmeißt auch weniger weg. Lasst euch von euren Vorräten inspirieren und überlegt euch, was ihr in den kommenden Tagen essen möchtet. Macht dementsprechend eine Einkaufsliste. Ein ausgeklügelter Wochenplan spart Geld und auch Zeit: Ihr müsst eure Liste dann nur noch in einem schnellen Großeinkauf abarbeiten und nicht mehr jeden Tag zum Supermarkt.

2. Anschauen, riechen, schmecken:
Das Mindesthaltbarkeitsdatum gibt nicht an, ab wann ein Lebensmittel ungenießbar ist. Das Produkt selbst kennt dieses Datum auch nicht und kippt am Tag x nicht plötzlich um. Viele Produkte, wie etwa Joghurts, kann man auch noch viele Tage danach problemlos essen. Vertraut deshalb euren Sinnen: Seht euch das Lebensmittel genau an, riecht daran und probiert es. Vorsicht aber bei leicht verderblichen Lebensmitteln wie etwa Hackfleisch. Hier gilt ein Verbrauchsdatum, das nicht überschritten werden sollte.

3. Lebensmittel richtig lagern:
Nutzt euren Kühlschrank richtig und achtet auf die verschiedenen Temperaturzonen. Fleisch und Fisch etwa sind leicht verderblich und sollten deshalb weiter unten im Kühlschrank gelagert werden, weil es dort am kältesten ist. Noch verschlossene Lebensmittel sind weniger anfällig und brauchen es deshalb nicht ganz so kalt. Für Getränke reicht die Kühlschranktür.

4. Angebrochene Lebensmittel kennzeichnen:
Aus dem Auge, aus dem Sinn - das passiert bei schon geöffneten Verpackungen im Kühlschrank-Sammelsurium oft. Kennzeichnet angebrochene Verpackungen. Oder gewöhnt euch an, sie in den einzelnen Kühlschrankebenen immer auf eine bestimmte Seite zu stellen oder zu legen - immer ganz nach links zum Beispiel. Dann seht ihr auf einen Blick, was als nächstes weg muss - und zwar in den Magen, nicht in den Müll.

Supermärkte: Auch der Handel verschwendet Lebensmittel

Etwa vier Prozent der jährlich weggeworfenen zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel fallen im Handel an. Hier landen Nahrungsmittel im Müll, die oft noch problemlos verzehrt werden könnten. Warum macht der Handel das?
Auf Anfrage erklärt eine große Supermarktkette, es läge unter anderem an Kunden, die gekühlte Ware aus dem Kühlregal nehmen und woanders wieder ablegen. Sobald die Kühlkette unterbrochen ist, müsse man das Produkt wegwerfen. Dass das der Hauptgrund für die jährlich 0,5 Millionen Tonnen entsorgter Lebensmittel im Handel ist, daran hat Raphael Fellmer seine Zweifel. Er ist Gründer von Sirplus, einer Plattform, die Nahrungsmittel, die in Supermärkten weggeworfen worden wären, rettet und wieder in den Verkauf bringt. Fellmer kennt die Mechanismen in der Lebensmittelbranche und sagt, Hauptgrund sei die ständige Verfügbarkeit, die wir als Kunden erwarten.

Gesagt: "Lebensmittelabfall ist kalkuliert"

Raphael Fellmer, Gründer der Plattform Sirplus | Bild: Hassaan Hakim

"Die Supermärkte versuchen ihren Profit zu maximieren. Und dazu gilt es, den Kunden immer alles anzubieten. Dass am Ende des Tages Lebensmittel in die Tonne wandern, ist Teil des wirtschaftlichen Konzepts. Wenn die Supermärkte nicht immer alles am Start haben, gibt es viele Millionen Menschen in Deutschland, die dann in einen anderen Supermarkt gehen, wo es eben immer alles gibt. Für die Supermärkte ist es insgesamt in der ökonomischen Rechnung günstiger, einfach ein bisschen was wegzuschmeißen."

Raphael Fellmer, Gründer Sirplus

Recht: Was darf der Supermarkt noch verkaufen?

Fast 60 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Müll. Wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, muss das Essen nicht gleich weggeworfen werden. | Bild: picture-alliance/dpa/dpa Themendienst/Christin Klose

Ist das Mindesthaltbarkeitsdatum eines Produkts abgelaufen, kann man als Verbraucher entscheiden, ob man es noch essen möchte oder besser nicht.

Viele Supermärkte verkaufen Lebensmittel, bei denen das Mindesthaltbarkeitsdatum kurz bevorsteht, zum günstigeren Preis. Hat ein Produkt sein Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten, wird es aus dem Verkauf genommen. Während man als Konsument zu Hause probieren und abwägen kann, ob man es noch essen möchte, ist es für den Handel nicht ganz so einfach. Zwar gibt es kein Verbot, Waren nach Ablauf des MDH noch zu verkaufen. Sollte dann jedoch ein Produkt ungenießbar sein, haftet nicht mehr der Hersteller, sondern der Händler. Dieses Risiko wollen die Supermärkte meist nicht eingehen.

Legal oder illegal: Wem gehört das Essen im Müll?

Eine Frau fischt Lebensmittel aus einer Mülltonne eines Supermarkts. Fast 60 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche pro Jahr in den Müll. Noch genießbare Lebensmittel aus der Tonne eines Supermarkts zu fischen ("Containern") ist nicht legal. Es gibt andere Möglichkeiten, Essen vor der Tonne zu retten. | Bild: BR/Julia Müller

Wenn Supermärkte Essen wegwerfen, darf man es sich dann einfach aus der Tonne rausnehmen? Intuitiv würden viele von uns antworten: Ja, schließlich handelt es sich um Müll. Doch so einfach ist es nicht. Nahrungsmittel, die im Müllcontainer liegen, gehören immer noch den Supermärkten. Hierzu hat das Bundesverfassungsgericht 2020 festgestellt, dass auch das Eigentum an eigentlich wertlosen Sachen strafrechtlich geschützt ist. Anlass war der Fall zweier Studentinnen aus dem bayerischen Olching, die beim "Containern" erwischt wurden und Lebensmittel aus einer Supermarktmülltonne geholt haben.

Podcast "Grünphase" hören: Containern - eine Woche Essen aus dem Müll

Lebensmittel retten: So könnt ihr Essen vor dem Mülleimer bewahren

Wer gekaufte Lebensmittel nicht selbst verbrauchen kann, kann sie teilen oder spenden. | Bild: BR/Julia Müller

Es gibt viele legale Möglichkeiten, wie ihr Lebensmittel vor der Tonne retten könnt. In der App "Too good to go" zum Beispiel stellen Lebensmittelhändler, Bäckereien und Restaurants übriggebliebenes Essen ein. Ihr könnt es reservieren und für einen geringeren Preis als normal abholen. Nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert das Portal "Foodsharing". Hier können auch Privatleute Lebensmittel inserieren oder zu Tauschstationen bringen. "Die Tafel" trägt dazu bei, dass übriggebliebene Lebensmittel zu den Menschen kommen, die sie dringend benötigen. Hier kann man auch als Privatperson Lebensmittel spenden. Ansprechpartner sind die Tafeln vor Ort oder die jeweiligen Landesverbände.

Mehr Wissen: Quellen und Infos:

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