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Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen Pflanzen als Antibiotika-Alternative

Auch Pflanzen können eine antibiotische Wirkung entfalten. Sie wirken gegen multiresistente Erreger wie gegen Viren oder Pilze. Zumindest für leichte Infekte könnte das ein Weg im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen sein.

Stand: 21.04.2021

Auch Pflanzen können eine antibiotische Wirkung entfalten. Multiresistente Erreger können sie damit genauso bekämpfen wie Viren oder Pilze. Zumindest für leichte Infekte könnte das ein Weg aus dem Resistenz-Dilemma sein. Im Bild: Symbolbild für Alternativmedizin: Pillen, kleine Pillenflasche und grüne Blätter. | Bild: picture-alliance/dpa

Auch Pflanzen müssen sich gegen Angriffe aus der Natur wehren. Schließlich lauern dort nicht nur tierische Fressfeinde, sondern auch Viren, Pilze und Bakterien, die ihnen gefährlich werden können. Pflanzen schützen sich vor diesen Angriffen gleich mit einer Vielzahl von Abwehrstoffen. Genau dieser vielschichtige Abwehrmechanismus könnte dem Menschen speziell im Kampf gegen multirestente Bakterien zu Gute kommen. Im Gegensatz zu Antibiotika, die nur aus einer einzigen Substanz bestehen, können Pflanzen mit ihren sogenannten Vielstoffgemischen Bakterien nämlich gleich an mehreren Stellen angreifen. Für die Keime ist es so viel schwieriger, den Angriff zu überleben, eine Resistenzbildung – wie bei herkömmlichen Antibiotika – schier unmöglich. Ein weiterer Vorteil der hat der aus Pflanzen bestehende Antibiotika-Ersatz: Sie haben keine oder kaum Nebenwirkungen und greifen auch bei langfristiger Einnahme die Darmflora nicht an.

Antibiotika-Ersatz: Welche pflanzlichen Wirkstoffe sind erfolgversprechend?


  • Ätherische Öle tun bei Erkältungen nicht nur gut, sie wirken auch  entzündungshemmend und – das haben diverse Studien ergeben – manche wirken sogar gegen multiresistente Bakterienstämme. Pflanzen mit ätherischen Ölen sind zum Beispiel: Kamille, Salbei, Eukalyptus, Australischer Teebaum sowie die Küchenkräuter Thymian und Oregano. Einziger Nachteil: Die meisten Untersuchungen fanden bisher nur im Labor und nicht am Patienten statt.
  • Kreuzblütler wie Meerrettich und Kapuzinerkresse sowie fast alle Liliengewächse, zum Beispiel Knoblauch, wirken ebenfalls antibiotisch.
  • In Pflanzen enthaltene Senföle können nicht nur bakterielle Infekte hemmen, sondern auch Influenzaviren. Auch sie sind zum Beispiel im Meerrettich und in der Kapuzinerkresse enthalten.
  • Extrakte der Kapland-Pelargonienwurzel tragen bei einer Atemwegsinfektion zu einer schnelleren Gesundung bei, weil sie das Immunsystem stärken.
  • Der Wirkstoff Artemisinin, der natürlich im Beifuß vorkommt, wird bereits weltweit gegen Malaria eingesetzt.
  • Der Rote Sonnenhut hat eine Immunsystem-anregende Wirkung.
  • Hopfen wirkt ebenfalls antibakteriell.

Stand der Forschung zu antiseptisch wirkenden Pflanzen als Antibiotika-Ersatz

Die antibiotische Wirkung pflanzlicher Stoffe ist zum Teil schon seit Jahrtausenden bekannt, ihr Einsatz in der Medizin jedoch bisher begrenzt.

Das erste Antibiotikum


Auch das gemeinhin als erstes Antibiotikum bekannte Penicillin stammt aus der Natur: Alexander Fleming, schottischer Mediziner und Bakteriologe, hatte 1928 eine Bakterienkultur im Labor vergessen. Die rundherum entstandenen Schimmelpilze (Penecellinum notatum) töteten Keime ab. Diese neue Erkenntnis brachte die Antibiotikaforschung in Gang. Es sollte noch bis 1941 dauern, bis das Medikament erstmals in Deutschland eingesetzt wurde.

Ein Grund dafür ist, dass die als Antibiotika-Ersatz eingesetzten pflanzlichen Präparate wegen möglicher allergischer Reaktionen – im Gegensatz zu herkömmlichen Antibiotika – nicht in hohen Dosen intravenös verabreicht werden können. Möglich ist nur eine orale Einnahme. Die Anwendung von pflanzlichen Wirkstoffen ist so für den Patienten meist nicht praktikabel. Zu große Mengen des pflanzlichen Stoffs müssten in zu kurzen Zeitabständen eingenommen werden, um den gewünschten antibiotischen Effekt zu erzielen. Außerdem bleiben die pflanzlichen Inhaltsstoffe oft nicht lange genug im Körper, um richtig wirken zu können. Sie werden zu schnell wieder abgebaut.

Antibiotikum auf pflanzlicher Basis – keine Utopie

Heilstoffe aus der Natur: Besonders in der Kapuzinerkresse sehen Forscher entsprechendes Potential.

Aber für leichtere Infekte können pflanzliche Mittel als Antibiotika-Ersatz durchaus sinnvoll sein. So empfiehlt eine Leitlinie der Gesellschaft für Urologie bei einer häufig wiederkehrenden sogenannten "Zystitis der Frau", einer Harnblasenentzündung, die oft bei Frauen auftritt, Phytotherapeutika anstelle von Antibiotika - zum Beispiel Präparate aus Bärentraubenblättern, Kapuzinerkressekraut und Meerrettichwurzel.

Senföle sind als Antibiotika-Ersatz besonders erfolgversprechend

Es sind vor allem die in zahlreichen Pflanzen – darunter auch in der Kapuzinerkresse – enthaltenen Senföle, die im Hinblick auf einen Antibiotika-Ersatz so vielversprechend sind. Der natürliche Stoff wirkt nicht nur antibiotisch, sondern hemmt sogar die sogenannten Biofilme der Bakterien. Das sind jene Abwehrmechanismen der Keime, die sie vor herkömmlichen (chemischen) Antibiotika schützen. Besonders für Patienten mit Blasenkatheter ist das von Vorteil, hat die "Arbeitsgruppe Naturstoffbasierte Arzneimittelentwicklung" der Uniklinik Freiburg unter der Leitung von Professor Uwe Frank bei ihren Forschungen beobachtet. Denn gerade auf Plastikoberflächen wie Schläuchen bilden Bakterien solche Biofilme. Außerdem haben die Wissenschaftler festgestellt, dass sich nach dem Einsatz eines Antibiotika-Ersatzes auf pflanzlicher Basis dort weniger Bakterien erneut ansammeln, was bei den chemischen Alternativen hingegen sehr häufig vorkommt. Das macht Senföle im Kampf gegen multiresistente Keime schon fast unschlagbar.

Pflanzliche Antibiotika nur bei leichten Infekten

Einen Nachteil haben die antiseptisch wirksamen Pflanzen aber doch: Sie können nicht bei schwersten Infektionen eingesetzt werden, weil die pflanzlichen Inhaltsstoffe nicht in der dafür nötigen Dosis verabreicht werden können. Sie helfen nur bei leichteren Atemwegserkrankungen und Harnwegsinfekten.


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