Ein Virus - zwei Krankheiten Windpocken und Gürtelrose

Stand: 15.12.2021

Windpocken ist eine - meist harmlose - Kinderkrankheit. Doch wer glaubt, danach immun zu sein, irrt. Das Virus hält eine Art Dornröschenschlaf. Aufgewacht kann es sich im Erwachsenenalter in einer schmerzhaften Gürtelrose bemerkbar machen. Infos zu Ansteckung, Symptomen, Behandlung und Impfung.

Kind mit Windpocken | Bild: picture alliance / empics | Dave Thompson

Nach einer überstandenen Windpocken-Erkrankung ist das Virus nicht verschwunden. Es verschanzt sich in den Nervensträngen und wartet dort lebenslang auf die Chance eines weiteren Auftritts. Das Immunsystem versucht, das Virus in Schach zu halten. Wenn die Immunabwehr abnimmt, kann das Virus auch nach Jahrzehnten wieder aktiv werden und wandert entlang von Nerven nach außen an die Haut. Das zweite Krankheitsbild entsteht - eine äußerst schmerzhafte Gürtelrose (Herpes zoster). Rund 30 Prozent derjenigen, die als Kind die Windpocken hatten, bekommen später auch eine Gürtelrose.

Grafik: Viren lauern auf einen Ausbruch

So ensteht eine Gürtelrose | Bild: BR

Name: Warum heißt die Krankheit Windpocken?

Windpocken sind eine hochansteckende Krankheit. Diesem Umstand hat die Krankheit auch ihren Namen zu verdanken. Die Viren vom Typ Varicella-Zoster verbreiten sich sozusagen mit dem "Wind": Die Ansteckung erfolgt über die Luft in Form von Tröpfchen oder über die virushaltige Flüssigkeit der Bläschen.

Häufigkeit: Weit verbreitete Infektionskrankheit

Anzahl der Windpockenfälle seit  | Bild: RKI | Bearbeitung BR

Die Windpocken gehören zu den weltweit häufigsten Infektionskrankheiten. In Deutschland hat sich durch die Einführung einer allgemeinen Impfempfehlung durch die Ständige Impfkommission (STIKO) im Jahr 2004 die Anzahl der Erkrankungen deutlich reduziert. Die Impfung gegen Windpocken steht regulär bei kleinen Kindern an.

Bevor geimpft wurde, kam es zu rund 750.000 Erkrankungen jährlich in Deutschland. Im Jahr 2020 waren es zum Beispiel "nur" noch 11.321 Windpocken-Erkrankungen, so das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem jährlichen Bulletin ab Seite 200.

Verlauf: Wie sieht eine Windpocken-Erkrankung aus?

Zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung beginnt die Krankheit mit Fieber, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Krankheitsgefühl. Es erscheinen hellrote Fleckchen vom Kopf beginnend überall auf dem Körper, die sich zu den charakteristischen wassergefüllten Bläschen auswachsen. Auch die Schleimhäute (Mund, Nase, Genitalien) können befallen sein. Nach einigen Tagen platzen die Bläschen auf und trocknen aus.

Bläschenbildung: Kind mit Windpocken

Kind mit Windpocken | Bild: picture alliance / Zoonar | ALEXTIHONOV.COM

Probleme: Zu welchen Komplikationen kann es kommen?

Für jüngere Kinder sind die Windpocken meist harmlos. Schwerer verläuft die Krankheit bei Erwachsenen. Bei älteren Menschen und Personen mit einem geschwächten Immunsystem kann es zu Komplikationen wie Mittelohr-, Leber-, Herzmuskel-, Gelenks- und Lungenentzündungen kommen.

Risiko: Für wen können Windpocken gefährlich werden?

Gefährlich sind die Windpocken während einer Schwangerschaft: Zwischen der 12. und 20. Schwangerschaftswoche kann es zu Schädigungen des Kindes kommen. Möglich sind Hirnschäden, Missbildungen, Augenschäden oder Tod im Mutterleib. Riskant sind Windpocken vier Tage vor bis zwei Tage nach der Entbindung. Steckt sich das Kind in dieser Zeit an, ist ein schwerer Windpockenverlauf möglich.

Empfehlung: Wer sollte sich gegen Windpocken impfen lassen?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Grundimmunisierung im Kleinkindalter. Außerdem sollten sich Frauen mit Kinderwunsch impfen lassen, die keine Antikörper gegen das Windpocken-Virus besitzen. Desweiteren rät die STIKO allen Menschen zur Impfung, die ein geschwächtes Immunsystem haben und die Windpocken noch nicht hatten. Auch Personal im Gesundheitsbereich, das mit gefährdeten Menschen zu tun hat, sollte sich impfen lassen.

Zwei Krankheiten: Windpocken-Viren können Gürtelrose auslösen

Windpocken-Viren können Jahrzehnte später eine Gürtelrose auslösen. Mit den Windpocken steckt man sich meistens als Kind an. Aber auch wenn diese Erkrankung überstanden ist - abtöten kann das körpereigene Abwehrsystem die Viren nicht. Sie verstecken sich in bestimmten Nervenknoten und fallen in eine Art Schlummerschlaf (Latenz) - jedenfalls so lange, wie entsprechend geprägte Zellen des Immunsystems sie daran hindern, wieder aufzuwachen.

Risiken: Windpocken- und Gürtelrose-Erkrankung

Auslöser: Im Alter nehmen Erkrankungen zu

Stress, Krankheiten, Schicksalsschläge oder auch das fortschreitende Alter, das alles kann zum Nachlassen des Immunsystems und damit zum Ausbruch der Gürtelrose führen. Es gibt kaum einen Menschen über achtzig Jahre, der nicht irgendwann in seinem Leben einen "Herpes zoster" durchgemacht hat.

Eine Häufung im Alter hat ihren Grund, denn eine wesentliche Rolle spielt bei dieser Erkrankung das Immunsystem - und dessen Stärke lässt im Laufe der Jahre nach. Die körpereigene Abwehrkraft sinkt und die Windpocken-Viren erwachen aus ihrer Latenz und beginnen, sich wieder zu vermehren. Typisch ist, dass diese Reaktivierung nur in einzelnen, meist sogar nur in einem einzigen Nervenknoten erfolgt. Danach breiten sich die Erreger aus - entlang der Nervenzellen, die aus dem entsprechenden Knoten "entspringen". Das verursacht schmerzhafte Bläschen im Hautgebiet, das von den betroffenen Nerven versorgt wird.

Symptome: So macht sich eine Gürtelrose bemerkbar

Eine Gürtelrose kann extrem qualvoll sein. Sie kündigt sich bei den meisten Betroffenen einige Tage vor Auftreten der sichtbaren Symptome durch heftige, brennende Schmerzen an bestimmten Hautarealen an. Weitere Symptome können leichtes Fieber, Abgeschlagenheit und Müdigkeit sein, bevor es dann zu Rötungen, Knötchen und letztendlich den typischen Bläschen in einem bestimmten Hautbereich kommt. Die Bläschen platzen nach einigen Tagen und verkrusten. Mitunter hinterlassen sie Narben oder Pigmentierungsstörungen.

Auftreten: Eine typische Gürtelrose

Gürtelrose | Bild: picture alliance / imageBROKER | Martin Dr. Baumgärtner

Ihren Namen hat die Gürtelrose aufgrund ihrer klassischen Verbreitung in der Gürtelregion. Allerdings kann sie auch an anderen Stellen auftreten - zum Beispiel an Armen, Beinen oder Kopf.

Besonderheit: Keine Hauterscheinungen bei der Gürtelrose

In Einzelfällen bleibt bei einer Gürtelrose-Erkrankung das klassische Merkmal der Hauterscheinungen aus. Die Patienten leiden unter einem sogenannten "Zoster sine herpete" - also unter Schmerzen ohne Rötungen und Bläschen. Das erschwert die Diagnostik, denn die Schmerzen könnten auch Symptom für andere Erkrankungen wie ein Magengeschwür, einen Bandscheibenvorfall oder gar einen Herzinfarkt sein. All diese Möglichkeiten müssen durch Untersuchungen erst ausgeschlossen werden.

Ansteckung: Ist eine Gürtelrose ansteckend?

Windpocken sind deutlich ansteckender, aber auch Betroffene mit einer Gürtelrose können das Virus übertragen - durch eine Schmierinfektion mit der Flüssigkeit aus den Bläschen.

Nach der Erkrankung: Welche Langzeitbeschwerden drohen?

Etwa 12 bis 20 Prozent der Gürtelrose-Patienten entwickeln chronische Nervenschmerzen, die noch Monate oder Jahre bestehen bleiben können - so die Impf-Experten von Stiftung Warentest. Außerdem droht bei Patienten mit ausgeprägter Immunschwäche eine weitgestreute Infektion.

Wichtig: Schnell und richtig behandeln

Die Form der Erkrankung Gürtelrose erinnert an die lästigen Lippenbläschen, an Herpes (labialis). Auch dieser quält viele Menschen, wenn ihr Immunsystem (kurzfristig) geschwächt ist - durch Stress oder beispielsweise durch eine Erkältung. Und in der Tat gehört der Erreger von Windpocken und damit der Gürtelrose zur Gruppe der Herpes-Viren. Und gegen die gibt es wirksame Medikamente, sogenannte Virustatika.

Wichtig ist, so früh wie möglich nach Beginn der Erkrankung zu behandeln. Das verkürzt den Krankheitsverlauf, mildert die Symptome und verhindert Komplikationen und Spätfolgen. Bei den ersten Anzeichen - etwa brennenden Schmerzen oder Bläschen auf der Haut - sollte man zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Bei einer unkomplizierten Gürtelrose hilft eine gezielte Schmerzbehandlung und eine anti-virale Therapie. Handelt es sich um einen schweren Verlauf oder bei einer Gürtelrose im Gesicht, kann ein stationärer Aufenthalt im Krankenhaus angezeigt sein, denn in solchen Fällen kann es zu schweren Komplikationen wie zum Beispiel Gesichtslähmungen oder bleibenden Sehstörungen kommen.

Vorbeugung: Impfung als Schutz vor Gürtelrose

Eine Impfung gegen die Gürtelrose gibt es noch nicht so lange. Sie ist - im Gegensatz zur Windpockenimpfung - eher für ältere Menschen gedacht. Sie nimmt an Bedeutung zu, da die Gürtelrose immer häufiger auftritt - auch begründet durch die steigende Lebenserwartung.

Neben einem Lebendimpfstoff, der einmalig unter die Haut verimpft wird, gibt es den Totimpfstoff "Shingrix", der seit 2018 auf dem Markt ist. Dieser Impfstoff wird im Abstand von zwei bis sechs Monaten in den Muskel gespritzt und soll laut Studien effektiv vor Gürtelrose und damit vor gefürchteten Folgen wie chronischen Schmerzen schützen. Außerdem hat er den Vorteil, dass er auch Menschen mit einem geschwächten Immunsystem verabreicht werden kann.

STIKO: Wem wird eine Gürtelrose-Impfung empfohlen?

Die ständige Impfkomission (STIKO) empfiehlt die Impfung für Menschen ab dem 60. Lebensjahr. Liegen allerdings schwere Grunderkrankungen oder eine Immunschwäche vor, liegt die Empfehlung ab einem Alter von 50 Jahren vor.

Frage: Schützt eine Windpocken-Impfung vor Gürtelrose?

Noch ist nicht geklärt, ob eine Windpocken-Impfung in jungen Jahren auch vor einer Gürtelrose schützt. Um diese Daten zu erheben, gibt es die Windpockenimpfung noch nicht lange genug, so das Gesundheitsgespräch in Bayern 2.

Zitat: Noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse

"Wir wissen nicht, ob bei einem Geimpften sich das Virus trotzdem im Ganglion einnisten kann, z.B. weil das Kind mit einem Windpocken-Patienten in Kontakt war. Möglicherweise ist der Geimpfte aber auch durch die Impfung geschützt und trägt gar keine Viren in sich."

Prof. Dr. med. Tilo Biedermann, Klinik für Dermatologie und Allergologie 'am Biederstein' des Klinikums rechts der Isar der TU München