Ernährung Wie werden wir in Zukunft alle satt?

Von: Constanze Álvarez

Stand: 15.11.2021

Wie kann sich die wachsende Weltbevölkerung auf Dauer gesund ernähren ohne die Umwelt dabei zu belasten? Ansätze gibt es viele - vom Algengericht über frittierte Heuschrecken bis zum Fleisch aus dem Labor. Aber schmeckt das auch?

Die konverntionelle Landwirtschaft schadet dem Klima. Insekten könnten als Proteinquelle eine alternative zur aufwendigen Rindfleischproduktion werden.  | Bild: dpa-Bildfunk

Der Klimawandel und die wachsende Erdbevölkerung zwingen uns dazu, unsere Essgewohnheiten zu überdenken. 2050 werden schätzungsweise zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben. Wie sollen sie alle satt werden? Nur durch einen grundlegenden Umbau unseres Ernährungssystems, da sind sich die Experten einig. Denn das jetzige System beutet die Umwelt aus und produziert zu einem großen Teil ungesunde Nahrungsmittel.  

Zu viel Fett, zu viel Salz, zu viel Zucker, zu viel rotes Fleisch, zu wenig Obst und Gemüse - mittlerweile leiden über zwei Milliarden Menschen weltweit an Übergewicht. Auch Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten hängen mit einer ungesunden Ernährung zusammen. Demgegenüber stehen mehr als 800 Millionen Menschen, die Hunger leiden. Gleichzeitig stößt unser Ernährungssystem mehr als ein Drittel aller globalen Treibhausgase aus. Die Landwirtschaft nimmt mehr als ein Drittel aller Landflächen ein, verbraucht mehr als zwei Drittel allen Frischwassers und belastet Flüsse und Meere durch Überdüngung.

Experten raten:  Fleischkonsum halbieren

Die Forscher der EAT-Lancet-Kommission raten dazu den Zucker- und Fleischkonsum zu halbieren, Obst, Gemüse und Nüsse dafür in doppelter Menge zu verzehren, siehe Tabelle. | Bild: EAT-Lancet-Commission

Alle zwei Wochen ein kleines Steak, ein bis zwei Eier in der Woche, ansonten viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Nüsse, das raten die Experten.

Kann sich die Erdbevölkerung gesund ernähren, ohne dabei die Umwelt zu schädigen? Eine Experten-Kommission der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet hat 2019 einen Plan dazu entworfen, wie das gelingen kann (s. Tabelle). Auf den Alltag übertragen lassen sich die Empfehlungen folgendermaßen zusammenfassen: Alle zwei Wochen ist ein Steak erlaubt, ansonsten ein bis zwei Eier die Woche. Dafür reichlich Gemüse, Hülsenfrüche, Nüsse und Obst - wobei ein Apfel genügt, um das Tagespensum zu erfüllen. Und: wenig Zucker.

Der Speiseplan umfasst ca. 2.500 Kalorien, für körperlich Arbeitende etwas wenig, bemängeln Kritiker. Sogenannten "Flexitariern", die sich nur ab und zu ein bisschen Fleisch gönnen, dürfte der Plan entgegenkommen. Die Forscher der EAT-Lancet-Kommission schätzen, dass die "Planetary Health Diet" ungefähr elf Millionen vorzeitige Todesfälle durch ernährungsbedingte Erkrankungen verhindern könnte.

Insekten: Hochwertige Eiweißlieferanten

Heuschrecken sind um ein vielfaches anspruchsloser was Futter und Wasser angeht als Rinder. Dabei ist sowohl ihr essbarer Anteil als auch ihr Proteingehalt größer. Die Heuschreckenzucht ist also um einiges umweltfreundlicher und effizienter als die Rinderzucht.  | Bild: Fleischatlas 2018, FAO

Insekten sind anspruchsloser was Futter, Wasser und Raum angeht als Rinder. Dafür liefern sie vergleichsweise viel hochwertiges Protein.

Gegrillte Heuschrecken, Burger aus Mehlwürmern - das mag eklig klingen, könnte aber in Zukunft häufiger auf unseren Tellern landen. Denn Insekten sind im Vergleich zu Rindern, Schafen oder Hühnern um ein Vielfaches anspruchsloser was Futter, Lebensraum und Wasserverbrauch angeht. Während Rinder rund acht Kilogramm Futter benötigen, um ein Kilogramm Fleisch aufzubauen, reichen den Insekten dafür durchschnittlich zwei Kilogramm. Auch der Wasserverbrauch, der bei der traditionellen Viehzucht sehr hoch ist, fällt bei der Insektenzucht gering aus. Dabei liefern sie wertvolle Proteine in vergleichweise hohen Mengen (s. Grafik).

In tropischen Regionen ist das Verspeisen von Insekten nichts außergewöhnliches. Knusprige Heuschrecken-Snacks gehören dort zur kulinarischen Tradition. Es gibt rund 2.000 essbare Insektenarten, wie z.B. Käfer, Raupen, Bienen, Wespen, Ameisen, Heuschrecken, Grillen, Buffalo- und Mehlwürmer.

In Europa werden essbare Insekten in professionellen Anlagen gezüchtet, etwa in den Niederlanden oder Frankreich. Doch auch in Deutschland versuchen diverse Start-Ups, ins Geschäft mit den Krabeltieren einzusteigen. In der Nähe von Rostock ensteht eine Produktionshalle für die Verarbeitung von Insekten zu Mehl. Und auf dem Zukunftsforum der deutschen Geflügelwirtschaft 2021 haben sich Branchenvertreter für die Zulassung von tierischem Eiweiß wie Insektenprotein als Futtermitel stark gemacht. "Insektenmehl ist ein Futtermittel, das dem natürlichen Ernährungsverhalten der Tiere entspricht. Damit erhalten wir eine hochwertige Proteinquelle und können den Sojaanteil bei der Fütterung reduzieren," erklärte Bettina Gräfin von Spee, Präsidiumsmitglied des ZDG und Vorsitzende des Verbands Deutscher Putenerzeuger (VDP).

Wie nachhaltig und umweltfreundlich die Aufzucht von Insekten wirklich ist, ist noch nicht wissenschaftlich erwiesen, dazu fehlen noch neutrale Kontrollergebnisse.

Quallen, Algen und Grundeln: Auch im Wasser finden sich Alternativen

Die wachsende Bevölkerung und der Klimwandel zwingen uns dazu, unsere Essgewohnheiten zu überdenken. So könnte die Grundel in Zukunft auch auf den Speiseplan kommen, so Experten aus Skandinavien.  | Bild: picture alliance / Andreas Gillner | Andreas Gillner

Anders als Aal, Rotauge oder Wels wird die Grundel bisher nicht in der Gastromonie genutzt. Das könnte sich in Zukunft ändern.

Neben Insekten könnten auch kleine Fische wie Sandaale, Sprotten oder die Schwarzmund-Grundel als Proteinquelle verwendet werden, so eine Studie der Universität Kopenhagen aus dem Jahr 2020. Fische, die normalerweise als Beifang im Netz landen und von den Fischern weggeworfen werden. Diese Tierarten würden viel weniger CO2 ausstoßen als Rinder, Schweine oder Hühner, so die Wissenschaftler um Ole G. Mouritsen. Auch Quallen, Oktopusse oder Algen kämen in Betracht. Aktuell würden nur 30 von rund 800 Oktopusarten gefangen. Unter den Algen sei die Vielfalt noch viel größer: Von 10.000 Algenarten würden nur 500 geerntet und als Nahrungsmittel betrachtet.

Um dem Menschen Gerichte aus diesen ungewöhnlichen Zutaten schmackhafter zu machen, könnten neue Technologien eingesetzt werden. Man könnte sie süßer machen oder herzhafter, sodass sie dem Umami-Geschmack von gewöhnlichen Fleisch oder Fisch annehmen, erklären die skandinavischen Wissenschaftler. In der japanischen Küche wird dieser Geschmack traditionellerweise mit Miso-Paste oder fermentierten Pilzen erzeugt. "Es ist essentiell, dass wir über diese Möglichkeiten nachhaltiger Ernährung sprechen, nur so werden wir in der Lage sein, Schritt für Schritt unsere Essgewohnheiten und Traditionen zu ändern", sagt Ernährungswissenschaftler Ole G. Mouritsen.

Fleisch künstlich erzeugen: Wie sinnvoll ist das?

Die massive Produktion von Rindfleisch schadet der Umwelt. Weltweit experimentieren Wissenschaftler damit, Fleisch künstlich zu erzeugen, unter dem label "Cultured Meat" gibt es das mitunter im Supermarkt zu kaufen.  | Bild: picture alliance / Zoonar | Firn

Nicht jeder verträgt Hülsenfrüchte, die meisten ekeln sich vor Insekten, ist Fleisch aus dem Labor die Lösung?

In hippen Restaurants in Barcelona werden sie schon serviert: Steaks aus dem 3D-Drucker. Dabei handelt es sich um ein pflanzliches Fleischimitat aus Zutaten wie Proteinpulver, Erbsenpulver, Seetang und dem Saft von roter Beete zum Färben. Die Masse wird vom Drucker zu feinen Fäden gepresst, die dann von einer feinen Kanüle zu einem fleischartigen Gewebe modelliert werden. Auch wenn es optisch einem Stück Fleisch sehr ähnlich ist: Geschmack und Beißgefühl sind bei richtigem Fleisch doch anders.

Anders verhält es sich mit künstlichem Fleisch, das aus Stammzellen gewonnen wird, sogenanntes Cultured Meat. Zum ersten Mal wurde es im Dezember 2021 in einem Restaurant in Singapur serviert. Das Fleisch stammte von einem Start-Up in den USA: Chicken Nuggets aus dem Labor. Auch in Deutschland wird intensiv an Laborfleisch geforscht. Echter Fleischgeschmack auf dem Teller, dabei mehr Tierwohl und Klimaschutz, so lautet das Versprechen der Wissenschaft. Doch ganz ohne Nachteile ist auch dieser Weg nicht. So wird für die Produktion von Laborfleisch fetales Kälberserum verwendet, Serum aus dem Blutkreislauf des ungeborenen Kalbs, das ist Hauptbestandteil des Nährmediums. Um es zu bekommen, müssen Muttertier und Kalb getötet werden.

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