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Covid-19-Infektion mit Spätfolgen

Von: Veronika Bräse/Yvonne Maier/BR Wissen

Stand: 22.09.2022

Die meisten Covid-19-Erkrankten überstehen die Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 ohne weitere Probleme. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sind das rund 80 Prozent der Patienten. Doch bei etlichen Covid-19-Erkrankten zeigen sich auch Monate nach der akuten Infektion noch Symptome - oder treten gar erst dann auf: Post Covid- oder Long Covid-Symptome. In Europa sind - so die WHO - etwa 16 Prozent der Infizierten von Spätfolgen betroffen.

Was ist Post-Covid / Long Covid?

Deutsche Leitlinien

Die erste Leitlinie zu Post-/Long Covid finden Sie hier. Seit dem 8. Oktober 2021 ist dort auch die Patientenleitlinie zu finden.

Gesundheitsprobleme, die im Rahmen einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-COV-2 auftreten und andauern, werden als Post-Covid oder als Long Covid bezeichnet. Meist werden die beiden Begriffe synonym verwendet, oft auch mit dem Zusatz "Erkrankung" oder "Syndrom". Manchmal wird aber auch genauer unterschieden: Geht man davon aus, dass eine akute Covid-19-Infektion bis zu vier Wochen dauert, dann bezeichnet Long Covid Symptome, die ab vier Wochen nach einer Corona-Erkrankung auftreten oder noch vorhanden sind. Post-Covid werden dann anhaltende Beschwerden genannt, die länger als zwölf Wochen nach einer Covid-19-Infektion bestehen. Im vorliegenden Dossier werden beide Begrifflichkeiten synonym benutzt.

WHO-Definition von Post-Covid

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im Oktober 2021 eine Definition von Post-Covid veröffentlicht. Demnach handelt es sich dabei um eine Erkrankung mit mindestens einem Symptom, die in der Regel innerhalb von drei Monaten nach dem Beginn einer bestätigten oder vermuteten Corona-Infektion auftritt. Sie muss mindestens zwei Monate lang anhalten und kann nicht durch eine andere Diagnose erklärt werden. Die Symptome können bereits während der Infektion oder auch erst danach auftauchen, wenn sich der Patient von einer akuten Erkrankung bereits erholt hat. Zu den häufigsten Spätfolgen gehören Müdigkeit, Atemnot und kognitive Störungen. Auch Brustschmerzen, Geruchs- oder Geschmacksverlust, Muskelschwäche und Herzklopfen werden als häufige Symptome genannt. Die Beschwerden können im Laufe der Zeit zu- und abnehmen.

In schweren Fällen können Lunge, Niere, Herz, Gehirn oder Nervenzellen nach einer SARS-CoV-2-Infektion für längere Zeit geschädigt sein. Eine große Anzahl berichtet auch über eine ausgeprägte Erschöpfung (Fatigue, Malaise), die an das ME/CFS-Syndrom erinnert, und nach Infektionskrankheiten auftreten kann.

Nach einer Covid-19-Erkrankung: Wer bekommt Long Covid?

Es gibt drei Gruppen von Covid-19-Genesenen: Die erste Gruppe von Patienten erholt sich ohne langfristige gesundheitliche Folgen. Die zweite Gruppe sind Patienten, die einen schweren Krankheitsverlauf hatten und intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Die dritte Gruppe von Patienten scheint nach einem leichten bis mittelschweren Verlauf von Covid-19 genesen zu sein, bekommt aber entweder nach einer Latenzzeit von ein bis vier Monaten plötzlich wieder Krankheitssymptome oder wird einfach gar nicht mehr richtig gesund. Nur die letzten beiden Gruppen können Long Covid bekommen.

Die genaue Zahl der von Post-Covid oder Long Covid betroffenen Personen ist nicht bekannt und schwankt je nach Schwere der Erkrankung und Studienlage. Auch von einer hohen Dunkelziffer ist auszugehen.

Datenlage zu Post-Covid / Long Covid

Studie aus Deutschland

Am 20. Dezember 2021 wurden die Ergebnisse der sogenannten "Gutenberg COVID-19 Studie", einer der größten bevölkerungsrepräsentativen Studien zur Thematik in Deutschland, veröffentlicht. 10.250 Personen wurden hierfür von der Universitätsmedizin Mainz untersucht.
Die Ergebnisse:

  • Von den 10.250 untersuchten Personen im Alter von 25 bis 88 Jahren wurde bei etwa fünf Prozent mittels PCR- und Antikörpertestungen eine im Zeitraum von Oktober 2020 bis Juni 2021 wissentlich oder unwissentlich durchgemachte SARS-CoV-2-Infektion nachgewiesen.
  • Etwa jeweils 41 Prozent der wissentlich und unwissentlich mit SARS-CoV-2 infizierten Personen gaben Symptome an, die mit Long Covid in Verbindung gebracht werden und über mindestens sechs Monate andauerten. Die Symptome waren laut Pressemitteilung zur Studie "vielfältig, ohne klares, klinisches Muster"
  • Davon betroffen waren nicht nur Personen mit schweren Covid-19-Verläufen. Die weitaus größere Zahl wies einen milden oder asymptomatischen Verlauf auf. Etwa 91 Prozent der Infizierten waren nicht in medizinischer Behandlung, etwas mehr als drei Prozent waren in ambulanter, rund sechs Prozent in stationärer Behandlung.
  • "Eindrücklich ist auch die Erkenntnis, dass 35 Prozent der Teilnehmenden, die eine Infektion durchgemacht hatten, sich bis dahin dessen nicht bewusst waren. Das bedeutet einerseits, dass es sehr milde Verläufe gibt, aber andererseits auch, dass man unbemerkt viele andere Menschen anstecken könnte", erläutert Dr. Norbert Pfeiffer, Vorstandsvorsitzender und Medizinischer Vorstand der Universitätsmedizin Mainz.
  • Etwa ein Drittel der Personen mit wissentlicher Infektion sagte aus, seit der Infektion nachhaltig in der Leistungsfähigkeit eingeschränkt zu sein.
  • Bei den Infizierten, die von ihrer Infektion wussten, waren die fünf am häufigsten genannten Symptome: Abgeschlagenheit und Müdigkeit (ca. 13 %), Geruchs- und Geschmacksstörungen (ca. 12 %), Gedächtnisstörungen (ca. 9 %), Atemnot und Kurzatmigkeit (ca. 8 %) und Schlafstörungen (8 %).
  • Bei den Infizierten, die nichts von ihrer Infektion wussten, waren es: Schlafstörungen (ca. 11 %), Abgeschlagenheit und Müdigkeit (ca. 9 %), Gelenkschmerzen oder -schwellungen (ca. 7 %), Atemnot und Kurzatmigkeit (ca. 7 %) und Stimmungsschwankungen (6 %).
  • Frauen waren mit rund 46 Prozent häufiger von den Spätfolgen der SARS-CoV-2-Infektion betroffen als Männer mit rund 35 Prozent.
  • Das Alter spielte in dieser Studie für das Auftreten von Long Covid- und Post-Covid-Symptomen kaum eine Rolle: Rund 40 Prozent der 25- bis 44-Jährigen, rund 38 Prozent der 45- bis 64-Jährigen und rund 45 Prozent der 65- bis 88-Jährigen waren betroffen.
  • Als positives Ergebnis konnte die Studie zeigen, dass die Beschwerden nach der SARS-CoV-2-Infektion mit zunehmender Zeitdauer wieder abnahmen.

Internationale Studie

In der Fachzeitschrift The Lancet wurde am 15. Juli 2021 die bisher größte internationale Studie zu Long Covid veröffentlicht. Insgesamt wurden in einer Online-Umfrage 3.762 Menschen im Zeitraum vom 6. September bis 25. November 2020 befragt. 1.020 Personen hatten ein bestätigtes Post-Covid-Syndrom, bei 2.742 bestand der Verdacht. Die Befragten stammten aus 56 Ländern und waren mehr als 28 Tage erkrankt.
Die Ergebnisse der Online-Befragung:

  • Die häufigsten Post-Covid-Symptome bei den 2.454 Patienten, die mehr als sechs Monate krank waren, bestanden aus einer Kombination aus systemischen und neurologischen Störungen wie Fatigue (80 Prozent), Krankheitsgefühl nach körperlicher oder geistiger Tätigkeit (73,3 Prozent), kognitive Dysfunktionen (oft zusammengefasst unter Brain Fog, 58,4), sensomotorische Störungen (55,7 Prozent), Kopfschmerzen (53,6 Prozent) und Gedächtnisstörungen (51 Prozent).
  • Insgesamt zeigten die Patienten 203 Symptome in 10 Organsystemen.
  • 66 Symptome wurden über sieben Monate verfolgt.
  • Patienten, die sich in weniger als 90 Tagen erholten, hatte in der zweiten Woche die meisten Symptome (11,4). Patienten, die mehr als 90 Tagen brauchten, um sich zu erholen, hatte im zweiten Monat die meisten Symptome (17,2). Patienten, die mehr als sechs Monate Symptome hatten, zeigten im Schnitt 13,8 Symptome im siebten Monat.
  • Patienten, die bei einer Covid-19-Infektion mehr als fünf Krankheitssymptome hatten, hatten ein erhöhtes Risiko ein Post-Covid-Syndrom zu bekommen.
  • 2.454 (65,2 Prozent) von 3.762 Patienten litten mindestens sechs Monate unter Symptomen. Von den restlichen 1.308 Befragten erholten sich 233. Der Rest nahm an der Befragung teil, bevor Monat sechs der Erkrankung erreicht war.
  • Frauen waren mit 78,9 Prozent überdurchschnittlich oft betroffen. Die meisten waren zwischen 30 und 60 Jahre alt (33,7 Prozent).
  • Die meisten Befragten lebten in den USA.
  • Nur 27,3 Prozent der Befragten arbeitete nach der Post-Covid-Erkrankung genauso viel wie vorher. 45,2 Prozent mussten ihr Arbeitspensum reduzieren. 23,3 Prozent arbeiteten aufgrund der Erkrankung nicht mehr. Die Gründe waren vielfältig: Krankschreibung, Invalidität, Entlassung, Kündigung oder auf Jobsuche.

Post-Covid bei Kindern

Auch bei Kindern, die meist nur leicht erkranken, können Langzeitfolgen auftreten. Das Haunersche Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität und das Chronische Fatigue Centrum für junge Menschen der Technischen Universität München bieten bayernweit die erste Spezialambulanz für Kinder und Jugendliche an, die an Long Covid leiden.

Covid-19-Spätfolgen nach Aufenthalt auf Intensivstation

Wer mit einem schweren Verlauf von Covid-19 auf der Intensivstation war, kann langfristig unter den Folgen leiden. Das zeigt sich auch bei schweren Verläufen anderer Krankheiten. Untersuchungen vom Herbst 2020 gehen davon aus, dass mehr als zehn Prozent der Erkrankten betroffen sein könnten. Das Bundesgesundheitsministerium vermutet, dass "bei dem relativ hohen Anteil von intensivpflichtigen und beatmungsbedürftigen Patienten auch mit Spätfolgen im Sinne von langen Rehabilitationszeiten und möglicherweise bleibenden Beeinträchtigungen zu rechnen ist".

Um mehr über das Post-Covid-Syndrom zu erfahren, führen derzeit auch die Universitäten Würzburg, Kiel und Berlin eine großangelegte Bevölkerungsstudie zu Post-Covid durch, die COVIDOM-Studie.

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