Sex & Orgasmus Der Höhepunkt der Lust

Author: Susi Weichselbaumer

Published at: 5-7-2022

Sex gipfelt irgendwann im Orgasmus. Den Höhepunkt erlebt aber nicht jeder, manchmal wird er vorgetäuscht, selten kommen beide gleichzeitig. Wenn das mit dem Orgasmus so kompliziert ist - warum gibt es ihn dann überhaupt?

Männer kommen beim Sex leichter zum Höhepunkt als Frauen. Frauen haben den körperlichen Nachteil, dass Klitoris und Vagina weit auseinander liegen und die Klitoris beim Sex häufig nicht mitstimuliert wird. | Bild: colourbox.com

Nervenkitzel: Was beim Sex im Hirn passiert

Bei einer Frau dauert der Orgasmus laut Studien zwischen 13 und 51 Sekunden. Bei einem Mann dauert der Höhepunkt durchschnittlich 12,2 Sekunden. Während bei beiden die Sicherungen durchbrennen: Was passiert dabei eigentlich im Körper?

In der Erregungsphase sind bei Mann und Frau noch unterschiedliche Gehirnbereiche aktiv. Aber beim Orgasmus ticken beide gleich, erklärt Mihaela Pavlicev, Professorin für Theoretische Evolutionsbiologie an der Universität Wien. "Es kommt zu einer Stimulation, die dann durch Nerven übertragen wird, sowohl durch das Rückenmark wie durch einen granialen Nerv direkt ins Gehirn." Im Gehirn werden dann verschiedene Regionen aktiviert.

Der Orgasmus: Ein Feuerwerk der Hormone

Areale der Großhirnrinde fahren herunter, die für moralisches Empfinden zuständig sind. Dahinterliegende Strukturen in Kleinhirn und Hirnstamm übernehmen. Die Hypophyse - die Hirnanhangsdrüse - zündet ein Feuerwerk der Hormone: Das Glückshormon Dopamin treibt die Lust an, Vasopressin und Oxytocin stärken das Vertrauen in Sexualpartnerin und Partner und machen Mut - für verwegene Stellungen zum Beispiel. Schließlich lösen Endorphine den Belohnungsmechanismus aus. Prolaktin erzeugt Befriedigung, im Idealfall bei beiden Partnern.

Flaute im Bett: Stress stört den Sex

Ein Ehepaar liegt im Bett, sowohl der Mann als auch die Frau schauen gelangweilt in ihr jeweiliges Handy. | Bild: colourbox.com

Erste Hürde dabei, warnt die Gynäkologin Maria Franz vom Hormon- und Kinderwunschzentrum der LMU München: Beide Partner müssen den Kopf frei haben. "Hier spielen auch Stress, fehlende Kommunikation mit dem Partner oder andere Probleme in der Partnerschaft eine weitaus größere Rolle als die Hormone." Doch auch, wenn Stressfaktoren ausgeschaltet sind, bleibt es kompliziert.

Reinhören: Wenn alle Sicherungen fliegen

Orgasm Gap: Nicht alle Frauen haben einen Orgasmus mit ihrem Partner

2017 befragten amerikanische Forscher über 50.000 Frauen und Männer zwischen 18 und 65 Jahren. Ein Drittel der Frauen gab an, mit dem männlichen Partner gar nicht zum Höhepunkt zu kommen. 95 Prozent der Männer erlebten ihren Höhepunkt jedoch sehr wohl mit ihr. Die Wissenschaft spricht in Anlehnung an den Gender Pay Gap (Frauen verdienen weniger als Männer) von einem Orgasm Gap.

Die Klitoris, auch Kitzler genannt, gilt als das Zentrum weiblicher Lust. Sie besteht unter anderem aus Muskeln, Schwellkörpern und Nerven. Mit rund 8.000 Nervenenden besitzt sie fast doppelt so viele wie ein Penis. Einen Unterschied macht hier die Anatomie: Bei Frauen liegt das eigentliche Zentrum der Lust, die Klitoris, größtenteils außerhalb des Körpers und etwas von der Vagina entfernt. Zwar sind beide über Nervenfasern miteinander verbunden, doch wenn die Klitoris beim Sex mit dem Partner nicht mitstimuliert wird, kommen viele Frauen nicht zum Orgasmus. Wenn sie sich selbst befriedigen dagegen schon.

Wissenschaftler sagen, die Anatomie der Frau sei ein Phänomen der Evolution: Bei den meisten Säugetierweibchen liegen die erregbaren Körperteile an der Stelle, an der auch der Penis eindringt. Sie werden also automatisch getriggert - bei vielen Tieren, Kaninchen, Katzen und Frettchen zum Beispiel, löst das den Eisprung aus. Im Embryo entwickeln sich Penis oder Klitoris aus dem anatomisch gleichen Gewebe. Das könnte erklären, warum die Klitoris so weit weg von der Vagina ist.

Überbleibsel der Evolution? Warum es den Orgasmus gibt

Bei Männern dient der Orgasmus der Ejakulation, also dem Verteilen der Spermien. Und bei Frauen? Die Wiener Evolutionsbiologin Mihaela Pavlicev sagt, dass der weibliche Höhepunkt keinen Einfluss auf die Befruchtung hat. Sie untersucht gerade, ob der Orgasmus der Frau stattdessen das Immunsystem beeinflusst. Fest steht: Selbst, wenn der weibliche Orgasmus keinen direkten Nutzen haben sollte - dann wäre er immerhin eines der schönsten Überbleibsel der Evolution.