Kampf gegen Elektroschrott Das Recht auf Reparatur

Von: Alexander Loos, Sylvaine von Liebe

Stand: 14.10.2022

Jedes Jahr kommen in Deutschland mehr Elektrogeräte in Umlauf. Das belastet die Umwelt und den Verbraucher. Was muss sich ändern, damit wir Geräte länger nutzen können?

Verschiedene elektronische Geräte in einem Mülleimer | Bild: colourbox.com/poring

Ob Handys, Haarföhn oder Toaster - die Industrie produziert mehr und mehr Geräte. Laut Umweltbundesamt waren es 2020 fast 3 Millionen Tonnen - Produkte, die früher oder später im Müll landen. Laut WEE-Forum (WEE für "waste electrical and electronic equipment") schätzen Experten, dass allein 2022 etwa 5,3 Milliarden der 16 Milliarden weltweit vorhandenen Handys zu Elektroschrott werden. EU-weit ist Elektroschrott der Abfallstrom, der am stärksten zunimmt. Das belastet die Umwelt und den Geldbeutel der Verbraucher, denn oft halten technische Geräte weniger lang als erwartet. Ist das von der Industrie gewollt? Und was muss sich ändern, damit wir Geräte länger nutzen können?

Elektroschrott: Darum sind Sammeln und Recyceln wichtig

In defekten Elektrogeräten stecken viele wertvolle Rohstoffe. Ein Smartphone etwa enthält Metalle wie Kupfer, Gold und Kobalt, deren Abbau viel Energie und Arbeitskraft kosten. Deshalb ist es wichtig, dass die Rohstoffe irgendwann wieder in Produktionskreislauf zurückgeführt werden. Die EU gibt daher klare Regeln vor: 65 Prozent der in Umlauf gebrachten Geräte sollen wieder eingesammelt werden, damit sie richtig recycelt werden können. Davon ist Deutschland noch weit entfernt: Wie das Umweltbundesamt errechnet hat, betrug die Sammelquote im Jahr 2020 nur 44,1 Prozent. Das bedeutet: Ein großer Teil der Rohstoffe geht verloren.

Fakten: Diese Geräte werfen wir am meisten weg

Grafik zeigt Anteil der Geräte, die wir am häufigsten wegschmeissen. Davon machen Haushaltsgeräte mehr als die Hälfte aus. | Bild: Eurostat 2020

Von allen gesammelten Altgeräten in der EU machen große Haushaltsgeräte, wie Waschmaschinen und Kühlschränke, den größten Teil aus.

Geplante Obsoleszenz: Betrügt uns die Industrie?

Serienproduktion von Waschmaschinen in einer Fabrikhalle | Bild: dpa-Bildfunk / Ralf Hirschberger

Stimmt das? Baut die Industrie minderwertige Teile in Geräte, damit sie nicht so lange halten?

Immer wieder hört man von einem angeblichen Trick der Elektronikindustrie: Unternehmen bauen minderwertige Teile in ihre Geräte ein, um deren Lebensdauer absichtlich zu verkürzen und die Verbraucher zum Neukauf zu zwingen. Ein berühmter Fall dieser sogenannten geplanten Obsoleszenz ist das Phoebuskartell: In den 1920er-Jahren vereinbarten die führenden Hersteller von Glühbirnen, die Brenndauer ihrer Produkte künstlich zu verringern, um den Absatz anzukurbeln. Doch ist das heute immer noch gängige Praxis der Technikkonzerne?

Fakt ist: Die Lebensdauer mancher Produkte ist in den letzten Jahren zurückgegangen. Das hat eine Studie des Öko-Institut e.V und der Universität Bonn aus dem Jahr 2016 herausgefunden. Dass Hersteller absichtlich manipuliert haben, dafür haben die Forscher keine konkreten Hinweise gefunden. Trotzdem betonen sie, dass die Firmen durchaus die Lebensdauer in ihre Produktkalkulationen miteinbeziehen. Soll heißen: Viele Geräte halten nur genau so lange, wie sie müssen. Das prangern viele Kritiker an, die längere Lebensdauern und eine bessere Reparierbarkeit fordern.

Gesagt: "Man kann Geräte besser herstellen."

Portrait Tom Hansing, vom Verein Runder Tisch Reparatur e.V. | Bild: Tom Hansing

"Die Debatte um geplante Obsoleszenz führt ein bisschen weg vom eigentlichen Thema. Denn es geht nicht darum, ob wir betrogen werden von der herstellenden Industrie. Sondern: Es geht besser. Man kann besser konstruieren, man kann Geräte besser herstellen, man kann nachhaltiger konzipieren. Deswegen muss man sich gar nicht so lange aufhalten mit diesem Nachweis, ob man via vorzeitiger Sollbruchstellen dazu genötigt wird, neu zu kaufen."

Tom Hansing, Runder Tisch Reparatur e.V.

Right to Repair: Mehr Rechte für Verbraucher

Alte Handys türmen sich auf auf einem Schreibtisch. | Bild: stock.adobe.com/FreeProd

Viele Handys könnten noch lange funktionieren, wenn sich beispielsweise die Akkus ausbauen ließen.

Festverbaute Handy-Akkus, Spezialschrauben im Druckergehäuse, verklebte Abdeckungen am Mixer: Jeder, der schon mal versucht hat, ein defektes Gerät selbst zu reparieren, weiß, wie schnell man als Laie an seine Grenzen stößt. Deshalb landen viele Geräte auf dem Müll, die eigentlich mit wenigen Handgriffen zu reparieren wären - wenn man es den Verbrauchern denn ermöglichen würde.

Genau das verlangen Aktivisten, die sich für ein Recht auf Reparatur einsetzen. Sie fordern unter anderem, dass jeder Verbraucher Zugang zu Ersatzteilen und Reparaturanleitungen bekommt und dass sich technische Geräte leichter öffnen lassen, ohne zu riskieren, dass sie dadurch zerstört werden. In Deutschland setzt sich z.B. der "Runder Tisch Reparatur e.V." für diese Ziele ein. Der Verein ist Teil der europaweiten "Right to Repair"-Kampagne.

EU-Ökodesign-Richtlinie: Politischer Vorstoß mit Beigeschmack

Inzwischen tut sich etwas auf politischer Ebene: Seit März 2021 gelten in der EU neue Regeln für die Reparierbarkeit von Elektrogeräten. In der neuen EU-Ökodesign-Richtlinie wird unter anderem festgelegt, dass bestimmte Produkte einfacher zu reparieren sein müssen. Für Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernseher etwa sollen sieben bis zehn Jahre lang Ersatzteile angeboten werden, damit sie von Fachleuten wieder in Gang gebracht werden können. Dazu soll das Innenleben einfacher erreichbar sein. Auch den Verbrauchern soll es ermöglicht werden, bestimmte Teile zu ersetzen.

Doch hier setzt die Kritik der "Right to repair"-Community an. Der "Runder Tisch Reparatur e.V." bemängelt unter anderem, dass Verbraucher auch nach der neuen Richtlinie auf Fachpersonal angewiesen sind und die Reparaturen nicht selbst durchführen können. Außerdem gelte die Richtlinie nur für bestimmte Produktgruppen. Geräte wie Smartphones und Laptops seien davon noch nicht abgedeckt. Die Ökodesign-Richtlinie ist ein wichtiger Schritt nach vorn, so der Verein. Jedoch sei man von einem allgemeinen Recht auf Reparatur noch weit entfernt.

Immerhin hat das Europäische Parlament Anfang Oktober 2022 beschlossen, dass bis spätestens Ende 2024 alle mobilen Geräte wie Mobiltelefone, Tablets und Kameras, die in der EU verkauft werden, einen sogenannten USB-C-Ladeanschluss haben müssen. Ab Frühjahr 2026 gilt das einheitliche Ladekabel dann auch für Laptops. Durch entsorgte Ladegeräte entstehen in der EU jährlich 11.000 Tonnen Elektroschrott.

Repair Cafés: Hilfe zur Selbsthilfe

In einer Werkstatt repariert ein Mann einen Computer. | Bild: dpa-Bildfunk/Bodo Schackow

Im Repair Café bekommt der Laie Hilfe vom Handwerker oder Bastler. Ein Obolus für die Spendendose gehört zum guten Ton.

Wem das nötige Know-How fehlt und wer den Gang zur teuren Fachwerkstatt scheut, für den gibt es eine gute Alternative: Repair Cafés. Darunter versteht man regelmäßige Veranstaltungen, bei denen Verbraucher ihre defekten Geräte mitbringen und sich von ehrenamtlichen Fachleuten beraten lassen können. Die Handwerker und Bastler sehen sich die Geräte an, suchen nach dem Fehler und versuchen ihn dann zusammen mit dem Besitzer zu beheben. Es handelt sich also nicht um eine reine Dienstleistung, sondern um Hilfe zur Selbsthilfe. Als Besucher hat man deshalb auch keine Garantie, dass ein Defekt sofort behoben wird.

Manchmal müssen bis zum nächsten Repair-Café-Termin Ersatzteile besorgt werden. Das macht der Besitzer selbst und trägt auch die Kosten für die Teile. Dafür kostet die Hilfe der Fachleute nichts. Ein Obolus für die Spendendose gehört im Repair Café aber zum guten Ton - und ist auch angemessen. Schließlich bewahren die Ehrenamtlichen ihre Besucher oft vor teuren Neuanschaffungen. Und die Natur bewahren sie vor neuem Müll auf den immer größer werdenden Schrottbergen.

Repair Cafés gibt es in allen größeren Städten. Auf den Websites verschiedener Initiativen  findet ihr auch eines in eurer Nähe. Immer und überall verfügbar sind Reparaturhilfen im Internet. Die Plattform "ifixit" ist Mitglied der "Right to Repair" Kampagne und bietet kostenlos umfassende Reparaturanleitungen und -videos für etliche Geräte an. Und manchmal genügt eine einfache Internetsuche, um auf Erklärvideos oder Diskussionsforen zu stoßen, die euch weiterhelfen können.

Wenn nichts mehr zu retten ist: Wie entsorge ich ein defektes Gerät richtig?

Elektrogeräte müssen in bestimmte Deponien entsorgt werden, wie hier auf dem Sperrmüll.  | Bild: dpa-Bildfunk/Jens Büttner

Sperrige Elektrogeräte landen meist auf dem Sperrmüll. Über diesen Weg können Schadstoffe adäquat entsorgt werden.

Sollte ein Gerät, trotz Reparaturversuchen, doch reif für den Müll sein, ist es wichtig, dass es richtig entsorgt wird. An einem Ort hat Elektroschrott ganz sicher nichts verloren: im Hausmüll. Landet er dort, können Schadstoffe wie Schwermetalle zum Risiko für die Umwelt werden. Wertvolle Rohstoffe können nicht zurückgewonnen und wiederverwertet werden, wenn sie auf der Mülldeponie landen. Um das zu vermeiden, gibt es mehrere Wege, Elektroschrott richtig zu entsorgen.

Wo das möglich ist, regelt in Deutschland das Elektro- und Elektronikgerätegesetz (ElektroG). Sammelstellen für kaputte Geräte gibt es bei den öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgern, also den kommunalen Wertstoff- oder Recyclinghöfen. Doch auch die Händler werden in die Pflicht genommen, denn sie tragen laut ElektroG die sogenannte Produktverantwortung. Demnach müssen Händler mit einer Verkaufsfläche für Elektrogeräte von mindestens 400 Quadratmetern kleine Altgeräte mit einer Kantenlänge von bis zu 25 Zentimetern zurücknehmen. Größere Geräte müssen sie annehmen, wenn ein Kunde ein ähnliches Neugerät bei ihnen kauft. Seit 2022 müssen auch Lebensmittelhändler defekte Geräte zurücknehmen, wenn sie über mehr als 800 Quadratmeter Verkaufsfläche verfügen und mehrmals im Jahr Elektrogeräte anbieten.