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Dem Tod begegnen Trauern ist ein Zeichen von Liebe

Wer einen geliebten Menschen verliert, für den bricht die Welt zusammen. Damit umzugehen, fällt vielen schwer. Lange Zeit wollte man der Trauer mit Phasenmodellen begegnen. Doch mittlerweile gelten sie als überholt.

Von: Yvonne Maier

Stand: 21.06.2016 | Archiv

Abschiede gehören zum Leben - Trauer | Bild: BR | Angela Smets

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist von einem Moment auf den anderen alles anders. Das eigene Leben bleibt plötzlich stehen, ist aus den Fugen gehoben. Und wenige wissen wirklich, wie sie mit der Trauer umgehen sollen.

Viele Jahre lang waren Phasenmodelle die Standardantwort auf diese Frage. Das bekannteste Modell kommt von der Schweizer Psychotherapeutin Elisabeth Kübler-Ross. Demnach durchlaufe ein trauernder Mensch fünf Phasen, wenn auch nicht in genau dieser Reihenfolge: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und schließlich Akzeptanz.

Solche Phasenmodelle versprechen einen Anfang und vor allem ein klares Ende von Trauer. Doch viele Experten sagen heute: Sie stimmen nicht und sind auch nicht hilfreich in der Begleitung eines Trauerfalls. Patrick O'Malley gehört zu dieser Gruppe Psychotherapeuten. Er selbst hat seinen Sohn, der als Frühchen zur Welt kam, einige Monate nach der Geburt verloren.

"Die Leute fragen mich oft: Wie lang werde ich trauern? Sie kritisieren sich selbst oder fühlen sich beschämt von anderen, weil sie angeblich zu stark oder zu lang trauern. Meine Antwort auf die Frage 'Wie lange wird es dauern?' ist: Wie groß war deine Liebe? Denn genau darin liegt die Antwort."

Patrick O'Malley, Psychotherapeut und verwaister Vater, Texas

Trauer ist genau die passende Emotion bei Verlust

Die Psychotherapeutin und Buchautorin Megan Devine ärgert es, dass Trauernden oft unterstellt wird, sie trauerten zu lang oder zu intensiv. Sie selbst hat ihren langjährigen Partner nach einem Unfall verloren und beschäftigt sich seitdem intensiv mit dem Thema Trauer. Ihre wichtigste Erkenntnis: Manches kann man nicht lösen. Man kann es nur gemeinsam tragen. Sie sagt: Trauer ist genau das passende Gefühl, wenn man einen schweren Verlust erlebt. Die einzige Aufgabe, die jemand dann hat, ist: Trauern. Je größer der Verlust, desto größer wird auch die Trauer sein.

"Der Schmerz in der Trauer ist eine natürliche Antwort darauf, dass man jemanden oder etwas verloren hat, das man liebt. Das ist unangenehm. Das ist schmerzhaft, aber man macht nichts falsch. Was wir tun müssen ist, das Trauern wahrzunehmen und es zu unterstützen."

Megan Devine, Psychotherapeutin und Buchautorin

Menschen in der Trauer zu begleiten bedeute dann, so Megan Devine, bei ihnen zu sein, ihnen die Möglichkeit zu geben, zu trauern. Sie nicht mit Plattitüden aufzumuntern oder ihre Trauer klein zu reden. Trauer hat demnach auch kein Ablaufdatum und seine ganz eigene Zeit. Die Psychotherapeutin sagt: "Der Krater, der sich in einem Leben auftut, wird nie verschwinden. Er wird auch nicht kleiner werden. Aber es wird sich ein anderes Leben rund um den Krater ansiedeln, wenn getrauert werden darf." Doch eines sei klar: Der Verlust eines geliebten Menschen bleibe bestehen.

Fortgeführte Beziehungen - continuing bonds

Robert Neimeyer beschreibt diesen Zugang zum Trauern mit dem Fachbegriff "continuing bonds", fortgeführte Beziehungen. Er ist Professor für Klinische Psychotherapie an der Universität von Memphis in den USA. Seit dem Jahr 1996 taucht dieser Begriff in der wissenschaftlichen Literatur auf, doch erst langsam setzt er sich in der Öffentlichkeit durch. Demnach gehört es zum Trauern nicht dazu, den verlorenen gegangenen Menschen "loszulassen" und mit dem Verlust abzuschließen, wie Phasenmodelle das vorschlagen. Sondern trauernde Menschen finden weiterhin einen Platz für die Toten in ihrem Leben und ihren Gemeinschaften.

"Ich will immer noch den Namen meines Kindes aussprechen können. Ich will immer noch die Geschichten von meiner Mutter, meinem Vater oder meinem verstorbenen Partner, meines Bruders oder meiner Schwester erzählen dürfen. Sie sind nicht einfach verschwunden. Sie haben einen Platz. Und der Platz ist in meinem Herzen und in meinem sozialen Umfeld, in meiner Familie. Ihre Fotos hängen immer noch an der Wand. Und das aus gutem Grund."

Robert Neimeyer, Psychiotherapeut, Uni Memphis

Ursprünge der Phasenmodelle liegen in der Geschichte und bei Sigmund Freud

Die Annahme, dass ein Trauernder mit dem Verlust abschließen und sich auf "das Leben" ausrichten muss, hängt mit den Kriegserfahrungen in Europa des Ersten Weltkriegs zusammen, sagt Robert Neimeyer. Vorher trauerten die Menschen anders, es war Platz für die Erinnerung an die Toten mitten im Leben. Aber im Winter 1914/15, so der Psychotherapeut, begann der brutale Stellungskrieg in Frankreich. Jeden Tag starben 6.000 Soldaten auf beiden Seiten. Doppelt so viele Menschen, wie in den USA am 11. September gestorben sind, sagt Robert Neimeyer, und das monatelang.

"Man konnte in solchen Zeiten und unter solchen Umständen einfach keine starken und sentimentalen Bindungen an die Verstorbenen beibehalten. Man nahm also Haltung an, und kapselte Emotionen ein. Man konnte die Toten auch nicht nach Hause bringen, das wäre Eisenbahn-Waggon nach Eisenbahn-Waggon gewesen, 6.000 Menschen jeden Tag, auf beiden Seiten."

Robert Neimeyer, Psychiotherapeut, Uni Memphis

Er beschreibt die Reaktion, die sich daraus ergibt als "posttraumatischen Zustand des Vermeidens", aber nicht als Trauer. Und in diese Zeit hinein kommt der Erfinder der Psychoanalyse Sigmund Freud mit seiner Einschätzung von Trauer im Jahr 1917: Er verfasst seinen heute klassischen Text über Trauer und Melancholie. Darin schreibt er, Trauernde sollten ihre psychische Energie vom Toten zurückziehen und sie in jemanden Anderen neu investieren. Also: den Verstorbenen loslassen. Das bleibt die nächsten 100 Jahre mehr oder weniger das vorherrschende Modell des Trauerns im industrialisierten Westen.

Die Sorge, beim Trauern etwas falsch zu machen

Auch Patrick O’Malley versuchte mit seinem Verlust abzuschließen, mit kleinen und großen Ritualen, schrieb Briefe an seinen verstorbenen kleinen Sohn, sprach in der Therapie mit einem leeren Stuhl, der für seinen Sohn stand, und ließ ihn symbolisch los. Alles, um endlich den Verlust annehmen und weiter machen zu können. Doch loslassen, das ging einfach nicht. Immer noch, über Monate hinweg, dachte er täglich an sein Kind. Er war traurig, konnte es nicht fassen, dass sein Sohn gestorben war, dass er ihm kein Vater mehr sein konnte.

Zusätzlich zu diesem Schmerz hatte er auch noch das Gefühl, irgendetwas  falsch zu machen beim Trauern. Weil er ja gelernt hatte, dass man beim Trauern, nachdem man die verschiedenen Phasen durchlaufen habe, irgendwann durch sein müsste mit all den heftigen Emotionen.  

Trauer bezeugen und die Trauernden begleiten

Trauern ist individuell und lässt sich nicht in Phasenmodelle einsortieren. Patrick O’Malley lässt die Menschen, die heute zu ihm in die Praxis kommen, ihre Geschichte erzählen. Es gibt drei wesentliche Teile in der Geschichte: das Davor, den Moment des Verlusts und das Danach. Wenn ein alter Mensch stirbt, dann gibt es ein langes "Davor". Wenn ein junger Mensch stirbt, vor allem viele Momente "Danach", ein ganzes Leben, das man nicht mehr miteinander teilt, so der Psychotherapeut. Beides sei schmerzhaft. 

"Für die Trauernden ist es wichtig, dass ihre Geschichte gehört wird. Dass sie unterstützt werden und nicht beurteilt. Dass sie nicht Klischees anhören müssen, wie sie zu fühlen haben. Die unterstützende Person muss wirklich im Moment sein, zuhören lernen, lernen, was der Freund oder das Familienmitglied braucht und ihm nichts aufdrängen. Das Ziel ist nicht, dass es den Trauernden besser geht. Es geht darum, bei ihnen genau da zu sein, dort wo sie gerade sind."

Patrick O'Malley, Psychotherapeut und verwaister Vater, Texas

Doch das fällt vielen schwer, sagt Megan Devine. Wir wollen gerne, dass es ihnen bald wieder besser geht. Dass sie wieder lachen und so sind, wie wir sie von früher kennen. Doch für trauernde Menschen ist es nicht mehr so wie vorher und wird es nie wieder sein. Da ist eine Lücke in ihrem Leben, die nicht wieder gefüllt werden kann. Viele Menschen sind nach Wochen oder Monaten zwar äußerlich "wie vorher", doch innerlich ist die Trauer weiterhin da. Sie zeigen sie nur nicht mehr, weil wir in einer Welt leben, die vor Trauer Angst hat, betont Megan Devine.

Trauer kann erschrecken

Viele Menschen haben Angst vor Trauer. Sie kann überwältigend sein und wir haben nicht gelernt, mit ihr umzugehen. Und es gibt ein Phänomen, dass viele Trauernde erleben: dass der Schmerz zu verschiedenen Momenten im Leben wieder hochkommt. Manchmal Jahre nach einem Tod, und überraschend heftig. Viele erschreckt das.

"Ich kenne Menschen, die sind viele Jahre nach ihrem Verlust zu mir in die Therapie gekommen. Die haben zu mir gesagt: Ich habe etwas gerochen und der Geruch hat mich direkt zurück katapultiert zu dem, was damals passiert ist. Und dann haben sie das Gefühl, verrückt zu werden. Aber das ist nicht verrückt, sondern ganz normal."

Patrick O'Malley, Psychotherapeut und verwaister Vater, Texas

Diese Reaktion bedeutet vor allem nicht, dass man etwas falsch gemacht hat. Im Gegenteil, sie zeigt, wie wichtig einem die Person gewesen ist, die man verloren hat. Dass ein Geruch oder ein Musikstück uns an den Menschen erinnert, dass wir bedauern, dass er nicht mehr da ist und diesen Moment mit uns teilen kann. Diesen Moment wahrzunehmen, inne zu halten und zu betrauern, das ist etwas, das wir tun können, sagt der Psychotherapeut.

Sigmund Freud hat auch sein Leben lang getrauert

Übrigens hat auch Sigmund Freud am Ende seines Lebens so gefühlt. Eine seiner Töchter, Sophie, starb im Jahr 1920 überraschend, mit nicht einmal 27 Jahren. Fast zehn Jahre später schrieb Sigmund Freud in einem Brief an einen Freund: "Man weiß, dass die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, und wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art die Liebe fortzusetzen, die man ja nicht aufgeben will."


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