Gesellschaftsspiele Wie wir mit Spielen fürs Leben lernen

Author: Delia Friess

Published at: 22-5-2024

Wusstet ihr, dass Gesellschaftsspiele wie "Mensch ärgere dich nicht", Mühle und Schach jahrhundertealt sind? Vordergründig geht es ums Gewinnen, aber unbewusst lernen wir beim Spielen auch die Welt besser zu verstehen.

Freunde spielen gemeinsam ein Turmspiel. Viele Brettspiele wie Schach, "Mensch ärgere dich nicht" und Mühle sind mehrere jahrhundertealt. | Bild: colourbox.com

Gesellschaftsspiele veralten nicht, sie werden sogar immer beliebter: In den vergangenen Jahren und vor allem während der Corona-Pandemie ist der Umsatz der Spieleindustrie stark angestiegen. Jedes Jahr kommen zahlreiche Varianten und neue Brett-, Würfel- und Kartenspiele auf den Markt. Auch Detektivspiele, Geschicklichkeitsspiele oder Spiele, die das Gedächtnis trainieren, erfreuen sich großer Beliebtheit. Nach wie vor werden aber auch klassische Gesellschaftsspiele wie Schach, Backgammon oder Mikado immer noch gerne gespielt. Gehört ihr zu denjenigen, die regelmäßig mit Freunden oder Familie Gesellschaftsspiele spielen? Wenn ja, erfahrt ihr hier, warum ihr überhaupt gerne spielt.

Video: Der Hype um Brettspiele - Warum wir Spiele lieben

(K)ein Kinderspiel: Warum Menschen Gesellschaftsspiele spielen

Illustration: "Mensch ärgere dich nicht" mit Menschen als Figuren. Gesellschaftsspiele wie "Mensch ärgere dich nicht", Schach oder Halma können die Konzentrationsfähigkeit und Flexibilität fördern sowie beim Lernen helfen. Klassische Brettspiele wurden bereits vor Jahrhunderten gespielt. | Bild: picture-alliance/dpa

Brettspiele wie "Mensch ärgere dich nicht" oder Schach bilden Gesellschaften und Konfliktsituationen ab.

Nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene spielen Gesellschaftsspiele. Viele Spiele wie Schach oder Mühle sind sogar für Erwachsene bestimmt. Die Spielregeln sind dann meist komplizierter und die Spielsituationen komplexer. Aber warum spielen Menschen überhaupt? "Durch Spiele treten wir in den Dialog mit der Welt", sagt Professor Jens Junge, Spielforscher am Institut für Ludologie an der Berlin University of Applied Sciences. Ludologie bedeutet Spielforschung und untersucht Gesellschaftsspiele, analoge und digitale Spiele unter wissenschaftlichen Aspekten.

Zum Spielen kommen wir in Gruppen zusammen, setzen uns an einen Tisch und kommunizieren miteinander - im besten Fall bereitet das Spiel Freude und wir haben Spaß. Aber es gibt noch weitere positive Aspekte von Gesellschaftsspielen: Wir erschaffen Spielregeln und versuchen in einer künstlichen Situation, Herausforderungen spielerisch zu meistern. Ehrlichkeit und Fairness sind die Basis vieler Gesellschaftsspiele. Indem wir künstliche Regeln nachspielen, trainieren wir, uns anzupassen und in Konfliktsituationen flexibel zu reagieren. Das Spiel nimmt diesen Situationen aber auch ihren Ernst.

Gleichzeitig bilden Spiele auch Machtsituationen ab: Beispielsweise ist auf dem Schachbrett eine Ständegesellschaft mit Bauern und Adel vertreten. "Gesellschaftsspiele können deshalb auch als Abbilder oder Modelle von Gesellschaften verstanden werden", erklärt Spieleexperte Junge.

Spiele-Erfinder: Wie neue Gesellschaftsspiele entstehen

Gesellschaftsspiele: Mehr Flexibilität durch Spielen

Mehrere Schachfiguren stehen auf einem Schachbrett. Klassische Gesellschaftsspiele wie "Mensch ärgere dich nicht", Mühle und Schach wurden bereits vor Jahrhunderten gespielt. | Bild: picture-alliance/dpa

"Durch das Spielen von Gesellschaftsspielen trainieren wir, in Konfliktsituationen flexibel zu reagieren. Die verschiedenen Spieler schaffen immer wieder neue, komplexe Spielsituationen. Das erklärt, warum teilweise jahrhundertealte Brettspiele noch immer so beliebt sind. Bei Spielen wie 'Mensch ärgere dich nicht' spielt auch der Zufall eine Rolle für den Spielverlauf. Durch neue Spielsituationen wird das Spiel nicht langweilig."

Jens Junge, Spielforscher, Institut für Ludologie, Berlin University of Applied Sciences

Brettspiele: Seit wann spielen wir Mühle, Schach und "Mensch ärgere dich nicht"?

Neben einem alten Mühle-Spiel stehen zwei Krüge. Klassische Gesellschaftsspiele und Brettspiele wie Mühle, Schach und "Mensch ärgere dich nicht" wurden bereits vor Jahrhunderten gespielt. | Bild: picture-alliance/dpa

Das Mühlespiel gehört zu den ältesten, bekannten Spielen und wurde vermutlich bereits vor 2000 Jahren gespielt.

Schon im Alten Ägypten spielten die Menschen Brettspiele. Darauf deuten Wandmalereien und Funde in Grabkammern hin. Auch unsere klassischen Gesellschaftsspiele gibt es teilweise schon seit Jahrhunderten: Wusstet ihr, dass das Spiel "Mensch ärgere dich nicht" ursprünglich aus Indien stammt? Es wurde aus dem indischen Spiel Pachisi (auch: Parcheesi oder Parchisi) entwickelt und vermutlich während der Kolonialzeit von den Engländern aus Indien mitgebracht. 1910 erschien "Mensch ärgere dich nicht" erstmals in seiner jetzigen Form in Deutschland.

In den alten Spielen spiegeln sich oft die Konflikte ihrer Zeit wider: Im Spiel Pachisi hatte das Scheitern und Gewinnen der Figuren einen religiösen Charakter und symbolisierte Sterben und Wiedergeburt im Hinduismus. Auch Motive wie das Erobern, Verteidigen und gesellschaftliche Unterschiede finden sich in Gesellschaftsspielen, beispielsweise im Schachspiel. Schach wird bereits seit dem 5. Jahrhundert nach Christus gespielt und geht vermutlich ebenfalls auf ein Spiel aus Indien zurück.

Einige Gesellschaftsspiele stehen in der Kritik kolonialistisch zu sein, Propaganda zu verbreiten oder politisch instrumentalisiert werden zu können. Auch das Brettspiel Monopoly wird häufig kritisiert: Es sei kapitalistisch und wettbewerbsorientiert, weil es zum Ziel hat, den Gegner in die Insolvenz zu treiben. Das Spiel wurde 1904 von Elizabeth Magie erfunden und hatte zunächst einen Kapitalismus kritischen Ansatz. Mitspielern sollte kein Geld abgeknöpft werden, sondern jeder zahlte für seine Felder Abgaben und sollte dadurch lernen, mit anderen zu kooperieren. Zwanzig Jahre später wurde es von den Parker Brothers neu verlegt und der Fokus lag von da an stärker auf dem finanziellen Wettbewerb.

Funktion von Brettspielen: Spiele als Kulturgut - was sie politisch leisten können

In Schulen und Unternehmen: Wie Spiele beim Lernen helfen

Mehrere Kinder legen ihre Hände auf zwei Würfel. Klassische Gesellschaftsspiele wie "Mensch ärgere dich nicht", Mühle und Schach wurden bereits vor Jahrhunderten gespielt. | Bild: picture-alliance/dpa

Kinder lernen beim Spielen Impulskontrolle und schulen ihre sozialen Kompetenzen.

Untersuchungen an Schimpansen, unseren nächsten Verwandten, zeigten, dass Spiele notwendig für das spätere Sozialverhalten und Überleben der Tiere sind. Nicht nur im Tierreich, sondern auch für Menschen ist Spielen enorm wichtig: Dr. Steward Brown, Gründer von "The National Institute for Play" in den USA, fand heraus, dass Kinder, die ohne Vorgaben frei spielen, später resilienter und leistungsfähiger sind. Durch das Spielen lernen Kinder ihre Stärken und Grenzen kennen: Sie werden auf die Welt vorbereitet. Selbst Sprechen lernen Kinder meistens spielerisch. Laut Brown seien auch Erwachsene, die spielen, weniger anfällig für Stress, optimistischer und gesünder. Auch das Gedächtnis, Wortschatz und Schrift lassen sich im Erwachsenenalter noch spielerisch trainieren: Zum Beispiel durch klassische Kreuzworträtsel und Anagramme. Anagramme sind Wörter, die dadurch gebildet werden, dass die Buchstaben eines anderen Wortes verstellt werden. Für das neue Wort sollen keine Buchstaben ergänzt oder weggelassen werden.

"Spiele machen uns gesund, glücklich und schlau", ergänzt Spieleexperte Junge. Spiele fördern außerdem unseren Optimismus: Wir können uns in Wettbewerbssituationen spielerisch profilieren und Erfolge sammeln. Es geht beim Spielen von Gesellschaftsspielen aber nicht nur ums Gewinnen und Selbstoptimierung. Auch wenn wir verlieren und scheitern, können wir etwas daraus lernen. "Mensch ärgere dich nicht" sei ein gutes Beispiel dafür, dass Spiele einen indirekten Lerneffekt haben können, erklärt Spielforscher Junge. Das Brettspiel trainiere, vor allem bei jungen Menschen, den Umgang mit Frustration. Kinder können durch Spiele auch lernen, ihre Impulse wie Wut zu kontrollieren.

Junge forscht darüber, wie unsere Spieledymaniken andere Themengebiete wie Softwareentwicklung oder die Gestaltung von Workshops und Weiterbildungen durch Gamification positiv beeinflussen können. Dennoch haben Gesellschaftsspiele auch ihre Grenzen: Digitale Spiele sind komplexer und multimedialer, sagt der Wissenschaftler. Jedoch fehlt häufig die Gesellschaft mit Menschen. Videospiele können außerdem süchtig machen.

Habt ihr Lust bekommen, eure alten Brettspiele herauszuholen oder neue Gesellschaftsspiele auszuprobieren? Dann ran ans Board und habt viel Spaß mit Freunden und Familie.

Weltspieltag: Am 28. Mai dreht sich weltweit alles ums gemeinsame Spielen

1999 wurde der Weltspieltag auf der International Toy Library Association ins Leben gerufen. Mit Beteiligung von UNO und Unesco findet der World Play Day jedes Jahr weltweit am 28. Mai statt. Am internationalen Aktionstag werden in vielen Ländern verschiedenste Veranstaltungen, auf denen nach Lust und Laune zusammen gespielt werden kann, durchgeführt. In Deutschland koordiniert die Aktionen zum Weltspieltag das Deutsche Kinderhilfswerk e.V. gemeinsam mit dem Bündnis "Recht auf Spiel", einer Initiative des Deutschen Kinderhilfswerks.

Der World Play Day soll dazu beitragen, dass Kinder und Erwachsene jeden Alters und aus allen sozialen Schichten zusammenfinden. Vor allem Kinder sollen Spaß am Spielen und Kreativsein entwickeln, respektiert und gefördert werden. Spielen ist nicht nur ein Grundbedürfnis von Kindern, sondern auch ein Recht: Laut Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf Spiel und Erholung, auf Ruhe und Freizeit, auf die Teilnahme am kulturellen und künstlerischen Leben. Weil das Spielen so wichtig für die Entwicklung und Entfaltung von Kindern ist, beteiligen sich am Weltspieltag am 28. Mai jedes Jahr deutschlandweit viele Kommunen, Vereine, Bildungseinrichtungen und Initiativen mit kostenlosen spielerischen und kreativen Angeboten.

Spielforschung und Spiele: Quellen und Sendungen