Flüssiggas Brückenenergie oder Klima-Killer?

Von: Constanze Alvarez

Stand: 04.08.2022

Europa will so schnell wie möglich unabhängig werden von russischem Erdgas. Deswegen importiert es neuerdings im großen Stil Flüssiggas (LNG) aus den USA, Katar und Australien. Doch wie wirkt sich das auf die Umwelt aus?

Ein Tankschiff liegt im Gashafen von Ras Laffan bei Doha in Katar und wird befüllt. | Bild: picture-alliance/ dpa | Tim Brakemeier

Flüssiggas: Was ist LNG?

LNG steht für Liquefied Natural Gas und bezeichnet verflüssigtes Erdgas, nicht zu verwechseln mit LPG (Liquefied Petroleum Gas). Die Herstellung von Flüssigerdgas ist enorm aufwendig und kostet eine Menge Energie. LNG besteht aus bereinigtem Methan, das durch extreme Kühlung flüssiggemacht wird. Das Gas wird in mehreren Stufen bis auf minus 162 Grad heruntergekühlt. Dadurch wird es auf ein Sechshundertstel seines ursprünglichen Volumens zusammengepresst, es verändert sein Aggregatszustand und wird flüssig. Im ungünstigsten Fall verbraucht allein die Verflüssigung so viel Energie, wie in einem Viertel der gesamten Gasmenge steckt.

Flüssiges Methan: Wie wird es transportiert?

Flüssiggas kann in Lagertanks gespeichert oder in spezielle Tankschiffe gepumpt werden. Die Behälter müssen besonders gut isoliert sein und während des gesamten Transports gekühlt werden, also teilweise über tausende Kilometer. Am Zielort werden Terminals benötigt, um das LNG wieder in Gas zurückzuverwandeln. Auch für den Transport muss also eine Menge Energie aufgebracht werden. Je nachdem, welche Kompressionstechnik angewendet wird, könne man davon ausgehen, dass der Gastransport durch Pipelines weniger klimaschädlich ist als der Flüssiggastransport per Tanker, erklärt Johannes Betz vom Öko-Institut e. V. "Vorausgesetzt, die Entfernung beträgt nicht mehr als 6.000 Kilometer."

Import: Woher bezieht Deutschland sein Erdgas?

Im LNG-Terminal wird Flüssiggas wieder erwärmt und zu Gas zurück verwandelt. | Bild: picture alliance/dpa/BELGA | Kurt Desplenter

In Deutschland werden erst seit Mai 2022 eigene schwimmende LNG-Anlagen gebaut. Wilhemshaven und Brunsbüttel werden die ersten Stationen sein.

In Deutschland wird der überwiegende Anteil des Erdgases über Pipelines aus Russland, Norwegen und den Niederlanden importiert. Russland ist für Deutschland der wichtigste Energielieferant: Vor dem Krieg bezog Deutschland laut Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums mehr als 50 Prozent seiner Erdgasimporte von dort. Im Laufe des Frühjahrs sei der Anteil auf 40 Prozent gesunken, so das Ministerium.

Im Mai, respektive Juni, stiegen die zwei deutschen Konzerne INEOS und RWE in den LNG-Markt ein. Beide Unternehmen schlossen Verträge mit dem LNG-Unternehmen Sempra Infrastructure aus den USA. Teilweise sind die Liefervereinbarungen jedoch noch vorläufig, da die Anlagen in den USA noch ausgebaut werden müssen. Obwohl Deutschland im EU-Vergleich den höchsten Erdgasverbrauch hat, verfügte es bisher über kein eigenes LNG-Terminal. Seit Mai 2022 wird in Wilhelmshaven am ersten deutschen schwimmenden LNG-Terminal gebaut. Zwei weitere feste Stationen sollen folgen: in Brunsbüttel und Stade. Bisher müssen deutsche Energieversorger, die LNG nutzen wollen, das Flüssiggas in Terminals in Zeebrügge (Belgien), Dünkirchen (Frankreich) und Gate (Niederlanden) anliefern und erwärmen lassen.

Infrastruktur: Braucht Deutschland eigene LNG-Terminals?

Seit Jahren gibt es Pläne, LNG-Terminals auch in Deutschland zu bauen. Nun wurde erstaunlich schnell Nägel mit Köpfen gemacht und vier schwimmende LNG-Anlagen bestellt. Die ersten sollen sogar schon Ende des Jahres fertig werden, zwei weitere im Mai 2023 folgen. Aufgrund fehlender politischer Regelungen und der langen Bauzeit hatte die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftswissenschaften den Bau von LNG-Terminals in Deutschland bisher abgeraten: "Ein deutsches Terminal wäre wieder einmal ein stranded Investment, eine gestrandete Investition, wie Nord Stream 2."

Um eine Energiekrise abzuwenden hat die Politik jedoch mit dem LNG-Beschleunigungsgesetz reagiert, das den Bau von Pipelines erlaubt, bevor das dazugehörige Planfeststellungsverfahren abgeschlossen ist. Eigentlich dauert Planung und Bau eines LNG-Terminals sechs bis acht Jahre. In einer Art Blitzverfahren wurden die Bauarbeiten in Wilhelmshaven genehmigt. Im Mai haben die Bauarbeiter die Bagger angeworfen, bereits am 21. Dezember soll LNG durch die Rohre fließen. Die Umweltschutzorganisationen NABU und BUND hatten das beschleunigte Verfahren kritisiert. 14 Einwände gibt es gegen die Pipeline im laufenden Planfeststellungsverfahren. Auch vor dem Hintergrund einer drohenden Notlage bei der Gasversorgung dürften die Ziele der Energiewende nicht aufgegeben werden, forderten die beiden niedersächsischen Landesverbände. Die Energieversorgung dürfe nicht zulasten geschützter Lebensräume und Arten gesichert werden.

Flüssiggas aus den USA: Hauptsächlich durch Fracking gewonnen

Erdgas-Bohrung in Midland, Texas. | Bild: picture alliance/AP Images | Steve Gonzales

Beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und chemischen Substanzen in den Boden gepumpt.

Der ökologische Fußabdruck von Flüssigerdgas hängt jedoch nicht nur vom Transport ab, sondern auch von dessen Herkunft. In den USA wurden 2021 mehr als drei Viertel der gesamten Erdgasproduktion durch Fracking gewonnen. Das geht aus einer Statistik der Energy Information Administration hervor, der öffentlichen Statistikbehörde der USA. "Das Problem in den USA ist, dass die `Low hanging Fruits, die einfachen Vorkommen zum größten Teil mittlerweile erschöpft sind und die Firmen teilweise alte, teilweise auch neu entdeckte Ölquellen durch Fracking weiter ausschöpfen," erklärt Wissenschaftler Johannes Betz.

Beim Fracking wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und chemischen Substanzen per Hochdruck in den Boden gepumpt. Dadurch entstehen Risse im Gestein, durch die das Erdgas herausgeschwemmt wird. Ein höchst umstrittenes Verfahren. Anders als bei konventionellen Bohrungen versiegen die Quellen beim Fracking schneller, weshalb öfter gebohrt werden muss. Dabei besteht die Gefahr, dass Fracking-Wasser durch die Risse in das Grundwasser sickert und es verschmutzt. Außerdem besteht der Verdacht, dass dieses Verfahren Beben auslöst. Natürlich seien in den USA Regulierungen vorhanden, die das verhindern sollen, dennoch kommt es immer wieder vor, " dass Haushalte plötzlich nach Gas riechendes Leitungswasser haben," sagt Johannes Betz.

Problematisch ist auch, dass beim Fracking Methan in die Atmosphäre entweicht. Methan hat eine starke Treibhausgaswirkung. Sobald 3,2 Prozent des geförderten Erdgases als Leckage in die Atmosphäre gelangt, ist es ähnlich klimaschädlich wie Kohle. Wie groß und wie häufig diese Leckagen sind, ist schwer zu erfassen. Ein Forscherteam um Lydia Plante und James Browning, die u. a. Daten für den Global Energy Monitor zusammentragen, konnten jedoch zeigen, dass die US-Erdgas-Industrie weit mehr Methan ausstößt, als sie in ihren offiziellen Messungen angibt.

Da die Nachfrage nach Flüssigerdgas durch den Krieg in der Ukraine weltweit sprunghaft angestiegen ist, werden die USA dessen Förderung um ein Vielfaches ausbauen. Allein die Flüssiggas-Lieferungen in die EU sollen dieses Jahr um 15 Milliarden Kubikmeter aufgestockt werden. Dafür verpflichtet sich Brüssel dazu, auch in den nächsten acht Jahren mehr zu importieren: 50 Milliarden Kubikmeter zusätzlich.

Statt LNG-Terminal: Erneuerbare Energien ausbauen

Wie kann man die Abhängigkeit von Russland schnellstens beenden und noch dazu möglichst klimafreundlich? Dafür gibt es keine einfach Lösung. Energieökonomin Claudia Kemfert fordert den sofortigen Ausbau der erneuerbaren Energien und die Einführung energiesparender Maßnahmen durch ein "staatliches Booster-Programm". Dazu gehöre die energetische Sanierung von Gebäuden, der Ausbau von Wärmepumpen, eine Schulung für Handwerker, schnellere Genehmigungsverfahren und einen Abbau bürokratischer Barrieren.

Gesagt: "Wir müssen jetzt sehr schnell werden."

"Seit über zehn Jahren sagen wir, der Ausbau der erneuerbaren Energien dauert lange. Wenn wir ihn einfach nur machen würden, hätten wir heute das Problem nicht. Und so kann man auch sehr schnell werden. Aber die Ausreden sind nach wie vor da um möglichst lange immer noch fossile Geschäftsmodelle aufrechtzuerhalten. Das kann nicht mehr die Antwort sein."

Claudia Kemfert, Energieökonomin, Deutsches Institut für Wirtschaftswissenschaften