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Desertifikation - Wüstenbildung weltweit Globale Verwüstung: Die Wüste wächst

Rund ein Drittel der weltweiten Landoberfläche sind Wüstengebiete - und jedes Jahr kommt ein Gebiet von der Größe Bayerns hinzu. Diese sogenannte Desertifikation hat weniger natürliche als menschengemachte Ursachen.

Stand: 24.12.2021

Wird immer mehr zur Wüste, im Fachjargon Desertifikation genannt: Minqin in China | Bild: picture-alliance/dpa

Wüsten der Erde: Unter dieser Überschrift assoziiert man gewöhnlich alle möglichen Kontinente, nur nicht Europa. Doch langsam, aber stetig verwandeln sich ganze Landstriche im Süden dieses Erdteils in Trockengebiete - vor allem in Spanien, wo 40 Prozent der Fläche betroffen sind. Weltweit gesehen wachsen Wüsten und Steppen, unter anderem weil das Klima wärmer wird.

Die Wüste wächst

Vor 25 Jahren: Die Wüstenkonvention tritt in Kraft

Am 26. Dezember 1996 trat die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung in Kraft. Der vollständige Name lautet: "Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung in den von Dürre und/oder Wüstenbildung schwer betroffenen Ländern, insbesondere in Afrika" - kurz "Wüstenkonvention". Doch obwohl fast alle Länder der Welt diese Konvention ratifiziert haben, schreitet die Desertifikation weiter voran. Inzwischen wird die Rolle des Klimawandels vor allen bei Dürren immer deutlicher.


Das Phänomen hat einen Namen: Desertifikation bzw. fortschreitende Wüstenbildung. Weltweit kommen jedes Jahr 70.000 Quadratkilometer dazu - das entspricht der Größe Bayerns. Es finden sich noch weit höhere Zahlen, wenn von degradiertem Land die Rede ist: Land, dessen Fruchtbarkeit durch Verwüstung, Erosion oder Übernutzung abgenommen hat.

Und auch die Prognosen stimmen nicht optimistisch: Ein Drittel der globalen Landfläche könnte bald verwüstet sein. Betroffen sind vor allem die Sahelzone, Südafrika, Zentral- und Südasien, Australien, Nord- und Südamerika, aber auch Südeuropa.

Desertifikation: Ursachen und Folgen

Die Ursachen

Als "man made deserts" bezeichnet man die neuen Trockengebiete, weil in der Regel Eingriffe der Menschen ihre Ausweitung forcieren.

Überweidung von Flächen
Zu viel Vieh frisst zu viele Pflanzen, der Boden verliert seine schützende Vegetationsschicht, wird lockerer und erodiert.

Übernutzung von Böden
Kürzere Brachezeiten und falsche Ackerbautechnik entziehen den Böden Nährstoffe und verringern den Pflanzenbewuchs. Auch das fördert Erosion.

Vernichtung von Wäldern
Zur Gewinnung von Brenn- bzw. Bauholz, Ackerland oder Flächen für Industrie oder Wohnimmobilien wird der Baumbestand drastisch verringert. Diese Regionen veröden.

Verbrauch/Verschwendung von Wasser
Für wachsende Bevölkerung, landwirtschaftliche Bewässerung und Tourismus entzieht man der Natur immense Wasserressourcen.

Klimawandel
Auch die vom Menschen ausgelöste globale Erwärmung trägt zum Wachstum der Wüsten bei.

Die Folgen

Diese Faktoren führen dazu, dass die entsprechenden Regionen nicht mehr in der Lage sind, sich auf natürliche Weise zu regenerieren - eine Gefährdung für das gesamte Ökosystem:

- Der Wasserhaushalt ist gestört.
- Die Fruchtbarkeit des Bodens lässt nach.
- Mehr vegetationsfreie Flächen entstehen.
- Dadurch steigt die Verdunstung, der Boden trocknet aus.
- Die Artenvielfalt nimmt ab.

Der Mensch treibt die Ausbreitung der Wüste voran

Bauspekulanten, die Wälder abbrennen lassen, sind nur ein Teil des Problems. In vielen Ländern trägt die Bevölkerungsexplosion zu den oben genannten Ursachen bei. Manche Drittwelt-Staaten weisen eine jährliche Wachstumsrate von drei Prozent auf. Bis zum Jahr 2050 könnte die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen angewachsen sein. Weltweit leben inzwischen rund eine Milliarde Menschen in Trockengebieten - zumeist in Armut. Brennholz und Ackerflächen sind für sie eine Frage des Überlebens. Daher können sie selbst kaum das Problem lösen. Dafür wären langfristige staatliche Programme und viel Geld nötig.

Beispiele für Desertifikation

Spanien: Wüste wächst in Europa

Bald nur noch Wüste? Desertifikation in der spanischen Provinz Huelva

In Spanien ist nach dem Bauboom früherer Jahre, dem vor allem in den Touristengebieten mehr als eine Million Hektar Wald weichen mussten, heute der hoch industrialisierte Gemüseanbau der wesentlichste Grund für die zunehmende Desertifikation. Salat und Paprika wachsen in riesigen Monokulturen, wo vorher genügsame Früchte wie Wein oder Oliven angebaut wurden. Das geht aber nur, wenn in großem Stile künstlich bewässert wird.

Die Provinz Murcia ist schon fast komplett in ein Trockengebiet verwandelt: 90 Prozent der Fläche sind von Verwüstung bedroht, die Wasserreservoirs nur noch zu einem Fünftel gefüllt. Auch Valencia, Kastilien oder Katalonien weisen inzwischen eine hohe Desertifikationsrate auf. Die EU-Kommission warnte Ende 2018, dass 75 Prozent Spaniens von Verwüstung bedroht seien. Steigende Temperaturen und häufigere Dürreperioden durch den Klimawandel verschärfen die Situation. Europas einstiger Obstkorb droht, sich in einen Sandsack zu verwandeln.

Aralsee: Wüste statt Wasser

Der Aralsee in den Jahren 2000 und 2018

1960 war der Aralsee noch das viertgrößte Binnengewässer der Erde. Vor allem von den Flüssen Amudarja und Syrdarja wird er gespeist - besser gesagt: wurde. Denn seit den Sowjetzeiten zapft man diesen Lebensadern viel Flüssigkeit zur Bewässerung der kasachischen und usbekischen Baumwollfelder ab.

Die Folge: In den 2000er-Jahren war Aralsee auf nur mehr 10 Prozent seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Obwohl seit 2005 versucht wird, den See zu retten, gibt es nur noch einen kleinen Seerest - inmitten der jüngsten Wüste der Welt, Aralkum genannt. Allein am westlichen Teil zieht sich das Wasser jährlich um 500 Meter zurück, wie Studien zeigen. 2017 zeigte sich auch UN-Generalsekretär António Guterres schockiert bei einem Besuch: "Das ist wahrscheinlich die größte ökologische Katastrophe unserer Zeit."

Chinas Grüne Mauer

Pflanzen gegen die Verwüstung: Arbeiter beim Wiederaufforsten in der chinesischen Wüste

Im ohnehin bevölkerungsreichen China, vor allem im Norden, muss der karge Boden immer mehr Menschen ernähren. Durch Abholzung, Überweidung und Übernutzung von Böden breitet sich die Wüste dort stark aus: Jedes Jahr kommen etwa 2.500 Quadratkilometer hinzu. Rund 2,5 Millionen Quadratkilometer sind von Desertifikation betroffen.

Doch seit über 40 Jahren kämpft China sehr aktiv gegen die Verwüstung an - mit massiven Aufforstungen. 1978 wurde das Projekt "Grüne Mauer" gestartet: Bis 2050 soll eine Fläche von der Größe Deutschlands (etwa 350.000 Quadratkilometer) bepflanzt werden. Mit Erfolg: das größte Aufforstungsprojekt, dass es je gab, hat den Waldanteil an der Fläche Chinas in vier Jahrzehnten von 5 Prozent auf 14 Prozent angehoben.

Salzsee Tuz Gölü

Der Tuz Gölü galt als Vogelparadies - bis 2021 ein Großteil der Flamingopopulation im ausgetrockneten See verendete

Der Salzsee Tuz Gölü ist der zweitgrößte See der Türkei, einer der salzhaltigsten Seen der Welt - und eigentlich ein Vogelparadies. Unter anderem Rosaflamingos nisten dort. Doch 2021 verendete der Großteil der Population dieser Flamingos: Während einer Dürre waren die für den See vorgesehenen Wasserleitungen zugunsten landwirtschaftlicher Nutzung umgeleitet worden. Kadaver von Küken und Elternvögeln bedeckten das ausgetrocknete Seebett.

Der Wasserstand des Tuz Gölu ist in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Forscherinnen und Forschern zufolge steht er kurz vor dem vollständigen Austrocknen. Die Gründe dafür seien die Agrarpolitik sowie der Klimawandel: Seit Jahren gehen die Niederschläge in der Türkei zurück.

Welttag für die Bekämpfung der Wüstenbildung

Seit 1994 ist der 17. Juni ist alljährlich der Welttag für die Bekämpfung der Wüstenbildung, ausgerufen von den Vereinten Nationen.

Weltatlas zur Wüstenausbreitung

2018 veröffentlichte die gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission eine Neuauflage des Weltatlas zur Wüstenausbreitung: den World Atlas of Desertification. In den 20 Jahren seit der vorausgehenden Ausgabe verschwanden viele landwirtschaftlich genutzte Flächen und wurden zu Wüsten. Laut Atlas büßten 75 Prozent der Böden weltweit an Qualität ein, am stärksten in Afrika und Asien.


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