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Schmelzende Polkappen Dünnes Eis in Arktis und Antarktis

Das "Ewige Eis" unserer Polkappen schmilzt: Nord- und Südpol leiden unter dem Klimawandel. Besonders die Arktis erwärmt sich schneller als der Rest der Welt. Könnte sie bald im Sommer eisfrei sein?

Stand: 10.09.2021

Eisberge in der Nähe von Grönland. Der Klimawandel beeinflusst besonders die Arktis um den Nordpol herum. Schmilzt dort nun das ewige Eis? | Bild: picture alliance / NurPhoto | Ulrik Pedersen

Unsere Erde befindet sich derzeit in einem Eiszeitalter: Mindestens eine Polarregion ist vergletschert oder von dicken Eisschilden entdeckt. Das ewige Eis der Antarktis auf der südlichen Halbkugel sowie der Arktis rund um den Nordpol herum ist zwar nicht ewig - aber es besteht dort in beiden Fällen seit Millionen von Jahren. Doch der Klimawandel verändert unsere Polkappen. Die globale Erderwärmung macht besonders den Polregionen zu schaffen: Schmilzt nun das scheinbar ewige Eis?

Warum ist es an den Polkappen überhaupt so kalt?

Die Polregion rund um den Nordpol: die Arktis.

In der Arktis (rund um den Nordpol) und in der Antarktis (rund um den Südpol) ist es so kalt, weil beide Polarregionen kaum direkte Sonnenstrahlung abbekommen. Selbst mitten im Sommer steht dort die Sonne niedrig am Horizont. Nun ist aber die Antarktis sehr viel kälter als die Arktis. Immerhin wurde dort im Jahr 1983 an der Wostok-Station in der Ostantarktis die bislang tiefeste Lufttemperatur auf der Erde gemessen: minus 89,2 Grad Celsius. Das liegt auch an den geographischen Gegebenheiten: Bei den arktischen Polarregionen handelt es sich um einen Ozean, der von Land umgeben ist. Die Antarktis hingegen ist ein Landmasse, die von einem Ozean umgeben ist. Dort ist es extrem trocken - und hoch. Die Antarktis liegt durchschnittlich 2.500 Meter über dem Meeresspiegel.

Die Arktis erwärmt sich schneller als Rest der Welt

Die Arktis erwärmt sich schneller als der Rest der Welt

Die Region rund um die nördliche Polkappe erwärmt sich schneller als der Rest der Welt: Von 1971 bis 2019 ist die globale Durchschnittstemperatur der Arktis um 3,1 Grad Celsius gestiegen. Dies berichtete das "Arctic Monitoring and Assessment Programme" (AMAP) im Jahr 2021.

Zum Vergleich: Laut dem neuesten Weltklimabericht hat sich der Planet als Ganzes aufgrund des Klimawandels um 1,1 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter erwärmt. Die Erwärmung in der Arktis fällt aber größer aus. Laut Klimaforscherinnen und Klimaforschern werden die durchschnittlichen Temperaturen in den arktischen Regionen auch weiterhin mindestens zweimal so schnell ansteigen wie die globale Durchschnittstemperatur. Darüber hinaus sagen Klimamodelle voraus, dass die Arktis weltweit den größten Temperaturansteig an ihren kältesten Tagen verzeichnen wird. Davon geht der erste Teil des sechsten Weltklimaberichts aus dem Jahr 2021 mit ziemlicher Sicherheit aus.

"Die Arktis erwärmt sich noch viel schneller als der Rest der Welt. Sie ist sozusagen das Epizentrum der globalen Erwärmung, mit Erwärmungsraten, die mindestens beim Doppelten des globalen Erwärmungswerts liegen."

Markus Rex, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

Das Eis rund um den Nordpol schmilzt

Kleiner Steckbrief der Polkappen: Arktis

  • Als "Arktis" bezeichnet man die Erdregion um den Nordpol.
  • Die nördliche Polarregion wird unter anderem von Eisbären bewohnt.
  • Die Arktis ist die Region nördlich des Nordpolarkreises. Jenseits des Nordpolarkreises geht die Sonne zu den Sonnenwenden gerade nicht mehr auf, beziehungsweise unter. Von Oktober bis März herrscht am Nordpol völlige Dunkelheit.
  • Im Zentrum der Arktis, am Nordpol, liegt ein ganzjährig zugefrorenes Meer: der Arktische Ozean. Er ist von Land umgeben.
  • In der Arktis ist es zwar kalt, aber nie ganz so kalt wie an ihrem Gegenstück am Südpol, der Antarktis. Der Ozean unter dem arktischen Eis ist nämlich nie kälter als minus zwei Grad Celsius.
  • Im Sommer beträgt die Durchschnittstemperatur am Nordpol rund null Grad Celsius, im Winter minus 40 Grad Celsius.

Dramatische Eisschmelze in der Arktis und in Grönland

Die steigenden Temperaturen in der Arktis bleiben nicht ohne Folgen: Das "ewige" Eis rund um den Nordpol schmilzt. Zwischen 2011 und 2020 war die jährliche durchschnittliche durch Eis bedeckte Fläche im arktischen Meer so gering wie seit mindestens 1850 nicht mehr. Und im Spätsommer - ein Zeitpunkt, zu dem das arktische Eis sein jährliches Minimum erreicht - war das von Eis bedeckte Gebiet so klein wie seit mindestens tausend Jahren nicht mehr.

Auch Grönland ist von einem Eisschild mit rund 1,8 Millionen Quadratkilometern Fläche bedeckt. Dieser schmilzt ebenfalls - und zwar rasant. Etwa die Hälfte des Eisverlustes in Grönland kommt dadurch zustande, dass Eis an der Oberfläche abschmilzt und abfließt. Die andere Hälfte des Eisverlustes entsteht durch die zunehmende Fließgeschwindigkeit der Gletscher und dem sogenannten Kalben am Meer. Das heißt, dass Eis in großen Stücken von einem Gletscher abbricht und ins Meer fällt. Laut dem sechsten Weltklimabericht hat Grönland in den Jahren von 1992 bis 2020 rund 4.890 Milliarden Tonnen an Eis verloren. Dieses Eis trägt zum Meeresspiegelanstieg bei: Allein das geschmolzene Eis Grönlands hat den globalen Meeresspiegel schon um rund 13,5 Millimeter ansteigen lassen.

Der Permafrost in der Arktis taut auf und bringt weitere Probleme

Ein Sechstel der gesamten Erdoberfläche gilt als Permafrostgebiet. Permafrostböden gibt es in den Hochgebirgen und in kalten Klimazonen der hohen Breitengrade, also auch in den arktischen Zonen: Man findet ihn in Alaska, Skandinavien, Russland, Kanada, China und Grönland, aber auch in Deutschland: auf der Zugspitze. Seit Tausenden von Jahren ist der Boden dort gefroren. Manche Permafrostschichten sind mehrere hundert Meter dick. Doch aufgrund des Klimawandels schmelzen nicht nur Meereis und Gletscher, auch der Permafrostboden taut auf.

Wird die Arktis bald im Sommer eisfrei sein?

Der erste Teil des sechsten Sachstandberichts des UN-Weltklimarates warnt, dass die Arktis bald eisfrei sein wird - zumindest im Sommer. Dieser Weltklimabericht erstellt Zukunftsprognosen für fünf verschiedene Klimaszenarien: Von einem Szenario, in wir es schaffen, die Emissionen an Treibhausgasen zu verringern, bis hin zu Szenarien, in denen die menschengemachte Erderwärmung quasi ungebremst fortschreitet. Der Klimareport kommt zu einem eindeutigen - und ernüchterndem - Ergebnis:

"Die Polarregionen als Frühwarnsystem unseres Planeten schlagen eindeutig Alarm: Schon vor 2050 werden wir in der Arktis aller Voraussicht nach zum ersten Mal einen Sommer erleben, in dem das Nordpolarmeer weitestgehend frei von Meereis sein wird – und zwar in allen untersuchten Zukunftsszenarien."

Dirk Notz, Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem, Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg

Am anderen Ende der Welt: Eisschmelze auch in der Antarktis

"Blaue Murmel" mit weißem Fleck an der südlichen Polkappe

Am 6. Februar 2020 wurden im Norden der Antarktis nie dagewesene Rekordtemperaturen gemessen. An diesem Tag war es dort genauso warm wie in Los Angeles: 18,3 Grad Celsius. Der Südpol leidet unter dem Klimawandel genauso wie der Nordpol. Dabei ist eine Hitzewelle wie die aus dem Jahr 2020 per se nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist aber, dass die Häufigkeit und Intenstität derartiger Hitzewellen aufgrund des Klimawandels zunehmen. Das Eis der Antarktis schmilzt - und es schmilzt immer schneller, derzeit etwa sechsmal so schnell wie in den 1980er-Jahren.

"Ich habe noch nie gesehen, dass sich in der Antarktis so schnell Schmelzwasserseen bilden. Man sieht solche Ereignisse in Alaska und Grönland, üblicherweise jedoch nicht in der Antarktis."

Mauri Pelto, Glaziologe, Nichols College

Kleiner Steckbrief der Polkappen: Antarktis

  • Als "Antarktis" bezeichnet man die Erdregion um den Südpol. Antarktis bedeutet: "der Arktis gegenüber".
  • Die Antarktis wird unter anderem von Pinguinen bewohnt. Pinguine kommen nur auf der südlichen Halbkugel vor.
  • Genau wie am Nordpol geht auch am Südpol die Sonne nur einmal im Jahr auf und wieder unter - allerdings genau umgekehrt. Scheint die Sonne am Südpol, herrscht am Nordpol Dunkelheit.
  • Die Antarktis umfasst den Südlichen Ozean - aber vor allem einen ganzen Kontinent namens Antarktika. Fast der gesamte Kontinent ist vom einem Eisschild bedeckt, der an seiner mächtigsten Stelle fast 4.900 Meter dick ist.
  • Damit ist die Antarktis im Grunde genommen Land, das von Ozean umgeben ist. Der Kontinent Antarktika ist sehr trocken - und sehr hoch gelegen: Möchte man den geografischen Südpol erreichen, liegt dieser rund 2.800 Meter hoch auf dem Eispanzer über dem antarktischen Kontinent.
  • Im Sommer beträgt die Durchschnittstemperatur am Südpol rund minus dreißig Grad Celsius, im Winter rund minus sechzig Grad Celsius.

Antarktis: Die Eisschmelze an der südlichen Polkappe

Es ist klar, dass die Erderwärmung die südliche Polkappe genauso trifft wie die nördliche Polkappe. Allerdings unterscheidet sich die Datenlage - und damit die Prognose - in der Antarktis stark nach Region. Vor allem in der Westantarktis gingen große Mengen Eismasse verloren. Der erste Teil des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats aus dem Jahr 2021 hält fest, dass der antarktische Eisschild in den Jahren von 1992 bis 2020 rund 2.670 Milliarden Tonnen an Eis verloren hat. Damit hat er rund 7,4 Millimeter zum Anstieg des globalen Meeresspiegels beigetragen. Die größten Eisverluste hat dabei die Westantarktis zu verzeichnen. In der Ostantarktis ist die Lage weniger eindeutig. Aber auch dort gehen Klimaforscherinnen und Klimaforscher davon aus, dass der ostantarktische Eisschild seit 1979 an Masse verloren hat.

Die Zukunft der Antarktis ist unsicher

All das Eis der Antarktis

Stellt sich die Frage: Was wäre eigentlich, wenn das ganze Eis in der Antarktis verschwindet? Dies hätte wohl einen Anstieg des globalen Meeresspiegels um 58 Meter zur Folge.

Gemessen wird in der Antarktis der Zuwachs durch Schnee, der Verlust durch Schmelzen, das Kalben der Gletscher und der Abfluss des Eises. Der Zuwachs durch Schnee kann allerdings die Eisschmelze nicht kompensieren. Die Wissenschafterlinnen und Wissenschaftler sind sich zwar ziemlich sicher, dass sich dieser Trend im 21. Jahrhundert fortsetzen wird. Aber wie sich der antarktische Eisschild als Ganzes entwickeln wird, wenn aufgrund der Erderwärmung immer mehr Eis immer schneller schmilzt, können sie derzeit nicht mit Sicherheit sagen.

"Einige der Veränderungen, mit denen die Antarktis konfrontiert ist, sind bereits irreversibel, wie der Verlust einiger Schelfeisgebiete. Aber es gibt vieles, was wir verhindern oder rückgängig machen können."

Martin Siegert, Imperial College London


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