Corona-Knuddel-Krise Was (Nicht-)Berühren mit uns macht

Author: Ortrun Huber

Published at: 19-1-2022 10:57 AM

Lockdowns, Homeoffice und Maskenpflicht haben uns zu Einzelgängern gemacht. Viele Corona-Regeln zielen darauf, uns auf Abstand zu halten. Das trifft uns hart, denn es widerspricht einem Grundbedürfnis des Menschen: Nähe! Warum das so ist und wie ihr der Corona-Kuschel-Krise entkommt.

Junge Frau hält ihr Kissen fest im Arm | Bild: picture alliance / Zoonar | ulrike schanz

Drück mich! Warum wir uns umarmen wollen

Zwei glückliche Paare in einem Park. | Bild: picture alliance / Zoonar | Erik Reis - IKOstudio

Umarmungen geben uns Sicherheit. Ohne körperlicher Nähe kann sich der Mensch nicht gesund entwickeln.

Wir sind Säugetiere. Als solche leben wir schon immer in sozialen Gruppen. Im Laufe der Evolution entwickelte der Homo Sapiens für das Miteinander in seiner Horde soziale Kommunikationsstrategien. Und dabei spielen gegenseitige Berührungen eine wesentliche Rolle. Ohne körperliche Nähe kann sich der Mensch nicht gesund entwickeln. Sie ist grundlegend um Beziehungen aufzubauen, um in Familie und Gesellschaft miteinander auszukommen. Nicht umsonst können Umarmungen zwischenmenschliche Konflikte abmildern, wie unter anderem eine US-Studie zeigt.

"Unsere Spezies gehört zur Klasse der nesthockenden Säugetiere", sagt der Psychologe Martin Grunwald. Er leitet das Haptik-Labor am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung an der Universität Leipzig. "Die ersten Lebensphasen für unsere Spezies können nur dann gut für uns sein, wenn es einen ausreichenden Körperkontakt, eine ausreichende Körperstimulation gibt. Kein Säugling kann sich gut entwickeln, wenn er nicht auch hinreichend körperlich stimuliert wird. Die Berührungsreize führen zu neuronalem und zu körperlichem Wachstum."

Drücken, Umarmen und Streicheln - das ist je nach Intensität tatsächlich eine Art der Kommunikation. Das konnte der Psychologe Matthew Hertenstein 2009 in einer Studie nachweisen. Seine Untersuchung zeigte, dass wir Gefühle wie Angst, Wut, Liebe und Dankbarkeit gut durch Berührungen vermitteln können. Eine Gruppe von 248 Menschen wurde mit verbundenen Augen für jeweils fünf Sekunden berührt oder liebkost. Dreiviertel der Teilnehmenden konnten die Gefühle identifizieren, die ihr Versuchspartner darzustellen versuchte. Liebe und Mitgefühl erkannten sie dabei am leichtesten.

Der Stoff, der uns kuscheln lässt: Oxytocin

Das Hormon Oxytocin wird im Gehirnbereich des Hypothalamus gebildet.  | Bild: picture alliance / BSIP | AMANDINE WANERT

Oxytocin wird in der etwa kirschgroßen Hirnanhangsdrüse in der Mitte des Gehirns produziert.

Es ist ein wahrer Wunderstoff, der da in unserer Hirnanhangsdrüse gebildet wird: das Hormon Oxytocin. Je nach Einsatzgebiet etikettiert als "Kuschel"-, "Bindungs"-, "Gebär"- oder "Lust"-Hormon entfaltet es entweder eine beruhigende Wirkung, hilft beim Stressabbau oder stärkt zwischenmenschliche Bindungen.

Durch Streicheln, Umarmen und Küssen steigt der Oxytocinspiegel im Blut. Dass das Peptid bei der Geburt eine wichtige Role spielt, weiß man schon länger. Es sorgt dafür, dass es zu Wehen kommt und die Plazenta abgestoßen wird und es stimuliert die Milchproduktion. Doch Oxytocin kann noch viel mehr. Wird die Ausschüttung des Hormons durch körperliche Nähe stimuliert, vermindert dies den Blutdruck und das Stresshormon Cortisol und regt das Belohnungszentrum des Gehirns an.

Wo Oxytocin mit im Spiel ist, kommen wir uns also nahe, einfach weil es sich so gut anfühlt. Das Saugen an der Brust stärkt die Mutter-Kind-Bindung. Eine Umarmung stärkt das Vertrauen zwischen Menschen. Der Orgasmus stärkt die Vertrautheit zwischen Sexualpartnern - und zwar dauerhaft. Denn Oxytocin ist auch das Elixier der Treue, wie eine Studie der Universitätklinik Bonn zeigt.

Verabreicht man Männern Oxytocin und zeigt ihnen Bilder ihrer Partnerin, stimuliert das Hormon das Belohnungszentrum im Gehirn, erhöht die Attraktivität der Partnerin und stärkt die Monogamie. Aus evolutionsbiologischer Sicht durchaus ein Vorteil. Denn wenn Oxytocin die Paarbindung stärkt, "wächst dadurch die Stabilität der Ernährer und damit die Überlebenschance des Nachwuchses", so Prof. Dr. René Hurlemann, Leitender Oberarzt am Universitätsklinikum Bonn.

Nobelpreiswürdig: Warum wir unsere Umgebung spüren

Gänsehaut | Bild: picture alliance / Prisma Archivo | Prisma Archivo

Feine Nervenenden in unserer Haut fungieren als Temperatursensoren. Wenn sie Kälte registeren, reagieren wir mit Gänsehaut.

Wir können uns nur dann mit unserer Umwelt austauschen, wenn wir sie mit unseren Sinnen wahrnehmen. Der Gebrauch unserer Sinnesorgane, das Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und auch das Spüren, nehmen wir als selbstverständlich wahr. Aber die Frage, WIE wir empfinden, ob die Luft um uns herum kalt oder warm ist, ob ein Pullover juckt oder angenehm weich ist und ob wir gestreichelt oder geschlagen werden, blieb lange ungeklärt. Dabei ist es für uns Menschen überlebenswichtig, Wärme, Kälte und Berührungen zu spüren - als wichtige Basis für unsere Interaktion mit der Außenwelt und nicht zuletzt dafür, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen.

Gelöst wurde das Rätsel um den Spür-Sinn von David Julius und Ardem Patapoutian, zwei US-amerikanischen Forschern. Sie fanden in den 1990er-Jahren heraus, wo in der Haut die Sinneszellen für Temperatur und Druck zu finden sind. David Julius, ein US-amerikanischer Sinnesphysiologe, nutzte dafür Capsaicin. Das Alkaloid, das zu den schärfsten Substanzen zählt, wird aus Chilischoten gewonnen. Mithilfe dieser chemischen Verbindung konnte der Wissenschaftler einen Sensor in den Nervenenden der Haut identifizieren, der auf Hitze reagiert. Ardem Patapoutian, ein libanesisch-amerikanischer Molekularbiologe und Neurowissenschaftler, verwendete druckempfindliche Zellen, um eine neue Klasse von Sinneszellen zu entdecken. Diese reagieren auf mechanische Reize in der Haut und in den inneren Organen. Für diese Entdeckungen erhielten die beiden Wissenschaftler im Jahr 2021 den Nobelpreis für Medizin.

Alles auf Abstand - Was macht Corona mit uns? 

Ein Mann umarmt die Kühlerhaube eines Autos | Bild: picture alliance / photononstop | Eric Audras

"Keine Umarmung, weniger Berührungen - seit Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich unser soziales Leben stark verändert. Was macht das mit unserer Psyche?"

Merle Fairhurst, Professorin für biologische Psychologie an der Universität der Bundeswehr München

Körperkontaktstörung: Wenn Berührung stresst

Schreiende Frau | Bild: picture alliance / PhotoAlto | F. Cirou

Zu enger Körperkontakt wird manchen Menschen rasch zu viel.

Wie viel Nähe und Körperkontakt ein Mensch braucht, ist individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt. Schon bei Kindern ist das "Kuschelbedürfnis" sehr verschieden. Doch bei manchen Menschen entwickelt sich das Unbehagen gegenüber Berührungen zur schieren Qual. Rund zehn Prozent aller Menschen in Deutschland mögen es nicht, berührt zu werden oder längeren Augenkontakt aufzunehmen, sagt die Münchner Psychotherapeutin Uta Streit. Doch wer Nähe meidet, dem mangelt es unter Umständen an Oxytocin, so die Psychotherapeutin: "Wir brauchen das Hormon Oxytocin für jede Form der echten Kommunikation, für das sogenannte soziale Sehen und Hören, um Veränderungen in der Mimik oder Tonlage anderer Menschen wahrzunehmen und zu deuten." Wird die körperliche Interaktion allerdings dauerhaft vermieden, kann es zu Körperkontaktstörungen kommen.

Auch unsere individualisierte Lebensweise tut ein Übriges, dass wir uns voneinander - nicht nur in Corona-Zeiten - isolieren. Kinder schlafen früh im eigenen Zimmer und nicht mehr bei den Eltern. Wir kommunizieren immer häufiger über Bildschirme statt mit einem echten Gegenüber. Fernbeziehungen, zunehmende Mobilität und ein Anteil der Singlehaushalte von über 40 Prozent lassen die tägliche Kuscheleinheit fast schon exotisch erscheinen.  "Sein Kind oder seinen Lebenspartner instinktiv immer wieder mal mit Nähe und Körperwärme zu umhüllen, ist bei Menschen mit einer Körperkontaktstörung nur schwer möglich – oder sogar unmöglich", sagt Uta Streit. Die Grundlagen für eine solche Störung, so die Psychologin, werde allerdings oft bereits in den ersten Lebensjahren gelegt. Frühgeborene, die nach der Geburt im Inkubator weniger Körperkontakt erleben, sind ebenso gefährdet, wie Kinder, die aufgrund sozialer Isolation, etwa in Heimen, keine Nähe aufbauen können. Ebenso denkbar sind physiologische Einschränkungen, etwa eine Überempfindlichkeit oder Einschränkung des Tast-, Hör-oder Gleichgewichtssinns.

Eine frühe Behandlung ist wichtig, denn physische Nähe wird zunehmend gemieden, wenn sie als unangenehm empfunden wird. Betroffene isolieren sich dann bewusst. Denn durch eine geringere Anzahl körperlichen Kontakte werden Berührungen zunehmend als abstoßend empfunden. Ein Teufelskreis beginnt, aus dem betroffene Menschen nur mit therapeutischer Hilfe ausbrechen können. Eine "Körperbezogene Interaktionstherapie" kann hier helfen, Hemmungen gegenüber Körper- und Blickkontakt zu anderen Menschen zu überwinden.

„Good and bad touch“: Was bedeutet Berührung für uns?

Literarische Umarmung: Wenn Worte berühren

",Schau, hier bist du einzigartig', sagte seine Mutter. 'Und ich bin auch einzigartig, aber wenn ich dich jetzt umarme, bist du nicht mehr allein, und ich auch nicht.' 'Dann umarme mich', sagte Ben und schmiegte sich an seine Mutter. Seine Mutter hielt ihn fest umarmt. (...) 'Jetzt bin ich nicht mehr allein', dachte er, während sie sich umarmten (...). 'Siehst du', flüsterte seine Mutter. 'Genau dafür wurde die Umarmung erfunden.'"

aus: David Grossman, Die Umarmung, München 2012.

Sch... auf Corona: So kuschelst du dich sicher durch die Pandemie!

Abstand, Hygiene und Alltagsmasken – während der Corona-Pandemie gilt "Social Distancing" als Nonplusultra. Doch wenn wir uns nicht mehr begegnen, uns nicht mehr umarmen und berühren dürfen, fehlt uns etwas. Was also ist zu tun? Alternativen für sicheres Kuscheln müssen her!

1. Bäume umarmen

Jemanden im Arm zu halten, fühlt sich gut an.  Das dieser "Jemand" auch ein Baum sein kann, darauf weist der Bremer Neurologe Sebastian von Berg hin. Denn auch beim Umarmen eines Baumes werden die Berührungsrezeptoren auf der Haut aktiviert und das Glückshormon freigesetzt. "Das klingt jetzt witzig, aber wenn man das mal gemacht hat, dann merkt man: Das macht ein gutes Gefühl, das fühlt sich groß und stark an", sagte der Mediziner in einem Interview gegenüber Radio Bremen. 

Und auch die isländische Forstverwaltung ermutigt Menschen, denen wegen der strengen Corona-Maßnahmen körperliche Nähe fehlt, im Wald Trost zu suchen. Bäume könnten ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln, so die Isländer. Im Hallormsstaður-Nationalwald im Osten Islands haben Förster im Corona-Frühjahr 2020 dafür sogar die noch schneebedeckten Wege geräumt. "Wenn man einen Baum umarmt, spürt man ihn zuerst in den Zehen, dann in den Beinen, dann in der Brust und schließlich im Kopf", schwärmen die isländischen Förster. Also: Waldbaden gegen den Corona-Blues!

2. Tiere umarmen
Wem Bäume zu hart und kratzig sind, der kann auch einen Vierbeiner als Knuddelpartner in Betracht ziehen. Die Eignung von Hund und Katz‘ als Kuscheltier haben schwedische Wissenschaftler bereits 2015 erforscht. Demnach wird das "Glückshormon" Oxytocin nicht nur bei der Interaktion von Menschen freigesetzt, sondern auch, wenn wir Tiere, insbesondere Hunde, berühren oder umarmen.

3. Mit Kuschelvorhang umarmen
Isolation und Einsamkeit treffen viele Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, aber auch Patienten in Klinken während der Pandemie. Immer wieder herrschen Besuchsverbote, auch engsten Familienmitglieder durften ihre Angehörigen nicht sehen. Abhilfe kann hier ein Kuschelvorhang schaffen, der aus einer große, durchsichtige Plastikfolie besteht und verhindert, dass potenzielle Krankheitserreger übertragen werden. Wer in die Plastikärmel hineinschlüpft, ist zwar von Kopf bis Fuß durch die Folie von seinem Liebsten getrennt, kann diesen aber trotzdem sehen und vor allem - umarmen.

4. Professionelles Umarmen
Körperkontakt hilft gegen Stress und Einsamkeit. Aber nicht alle Menschen haben jemanden zum Knuddeln. Dafür gibt es professionelle Kuschler, die gegen ein Honorar körperliche Nähe anbieten. Sexuelle Berührungen sind dabei tabu. Kuschler und Klient halten sich an den Händen oder sitzen oder liegen nahe beieinander. Schulter, Arme oder der Kopf werden gestreichelt. Der Gekuschelte wird umarmt, gedrückt oder festgehalten - so, wie er oder sie am besten entspannen kann.  

Mädchen umarmt lächelnd einen Baum
| Bild: picture alliance / imageBROKER | uwe umstätter

Einen Baum zu umarmen kann heilsam sein - nicht nur in Zeiten der Pandemie.