Depressionen Wege aus dem seelischen Tief

Stand: 24.11.2021

Freudlosigkeit, Antriebsmangel, Traurigkeit, Schlafstörungen, Erschöpfung, Schmerzen - all das können Symptome einer Depression sein. Viele Menschen sind von dieser schweren Erkrankung betroffen, trotzdem wird nur wenig darüber gesprochen. Hier finden Sie Infos und Anlaufstellen.

Depressionen gehören zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Jeder fünfte Bürger erkrankt ein Mal im Leben an einer Depression. | Bild: BR/Julia Müller

Depressionen können den Alltag unerträglich machen, Beziehungen ruinieren und sozial isolieren. Sie sind mittlerweile die Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit oder Frührente. Eine Depression ist eine ernstzunehmende Krankheit und die wichtigste Krankheitsursache überhaupt, wenn man den Verlust von gesunden Lebensjahren durch gesundheitliche Einschränkungen beschreibt (nach dem internationalen Indikator YLD - "years lost due to disability").

Depressionen: Nicht immer leicht zu diagnostizieren

Depressionen gehören zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Jeder fünfte Bürger erkrankt ein Mal im Leben an einer Depression. | Bild: BR/Julia Müller

Eine Depression zu diagnostizieren, ist nicht immer einfach, denn die Krankheit ist "ein Chamäleon unter den Erkrankungen", so das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Denn mitunter sind zum Beispiel die körperlichen Symptome so dominant, dass der Rückschluss auf eine Depression erschwert wird.

Symptome: Welche Krankheitszeichen begleiten eine Depression?

  • gedrückte Stimmung
  • Interesse- und Freudlosigkeit
  • Antriebslosigkeit, bleierne Müdigkeit
  • Ängste, innere Unruhe
  • geringes Selbstwertgefühl, vermehrte Selbstkritik
  • Konzentrationsprobleme, Grübelneigung, Entschlussunfähigkeit
  • Schuldgefühle
  • Zukunftsangst
  • Schlafstörungen oder erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Gefühl "alles wird zu viel"
  • "Gefühl der Gefühllosigkeit", innere Leere
  • Appetitlosigkeit
  • tiefe Verzweiflung, Todesgedanken
  • körperliche Symptome, für die es keine Erklärung gibt (Infos der Deutschen Depressionsliga)


In dem Film "Wie fühlen sich Depressionen an?" sprechen drei Betroffene über ihre Depressionen.

Zitat: Wann spricht man von einer Depression?

"Eine Depression ist eine häufige und schwere Erkrankung. Man spricht - rein formal - von einer Depression, wenn mehrere Krankheitszeichen für mindestens 14 Tage vorliegen."

Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Depressionshilfe

Betroffene: Kurt Krömer und Torsten Sträter

Die Komiker Kurt Krömer und Torsten Sträter sprechen über ihre Erkrankung. Beide leiden an Depressionen. Torsten Sträter ist auch Schirmherr der Deutschen Depressionsliga.

Zitat: Torsten Sträter und die Depressionen

"Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen aufstehen und sagen 'ich auch', denn es macht dich ja nicht zum schlechteren Menschen." Torsten Sträter in der Sendung "Hirschhausens Sprechstunde"

Zitat: Depressionen - Stigmatisierung und Vorurteile

Mai Thi Nguyen-Kim und der Schriftzug "Depression" | Bild: Funk

"Auch wenn immer häufiger über psychische Gesundheit gesprochen wird, leidet das Thema Depressionen immer noch unter viel Stigmatisierung oder falschen Vorurteilen. Depressionen werden häufig gar nicht als Krankheit ernst genommen." Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim in ihrem Video "Antidepressiva - ja oder nein?"

Selbsttest: Sind Sie von einer Depression betroffen?

Jeder ist mal "mies drauf" oder schlechter Stimmung. Gründe dafür gibt es genug: Ärger im Beruf, Streit mit dem Partner oder der Partnerin, Stress oder nur das schlechte Wetter. Auch wenn das nur normale und vorübergehende Stimmungstiefs sind, spricht man häufig davon, "deprimiert" zu sein. Mit einer Depression im medizinischen Sinn hat das aber nichts zu tun. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet zur ersten Einordnung einen Selbsttest an.

Zahlen: Wie viele Menschen sind von Depressionen betroffen?

Absolute Zahlenangaben zu den Betroffenen schwanken - je nach Quelle: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leben weltweit etwa 350 Millionen Menschen, die an Depressionen leiden (vor der Corona-Pandemie). Aber nur jeder vierte Betroffene würde adäquat behandelt. Die Gefahr, im Laufe des Lebens eine behandlungsbedürftige Depression zu entwickeln, liegt bei 16 bis 20 Prozent, meint die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Dabei sind Frauen häufiger betroffen als Männer, ältere Menschen häufiger als junge.

Auswirkungen: Depressionen - typisch weiblich? Typisch männlich?

Männer sind hart im Nehmen, tapfer und willensstark, Frauen sanft und empfindsam - so die Stereotypen, die in der Gesellschaft zum Teil noch vorherrschen. Das könnte ein Grund dafür sein, dass Männer sich bei psychischen Problemen seltener Hilfe holen oder nicht darüber sprechen können. Laut einer Studie erleben Männer Depressionen anders: Sie können gereizt sein, zu Aggressionen neigen, zu Alkohol oder Drogen greifen. Auch ist die Zahl der Suizide, Hauptrisikofaktor dafür sind Depressionen, bei ihnen höher als bei Frauen.

Aktuelle Studie: Depressionen bei Beschäftigten

Bei jedem fünften Beschäftigten in Deutschland wurde schon einmal eine Depression diagnostiziert. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Untersuchung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, bei der 5.283 Personen im September 2021 befragt wurden.

Grafik: Wer fühlt sich von Depressionen betroffen?

Illustration und Fakten zu Depression in Unternehmen: Deutschland Barometer Depression: Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, gefördert von der deutschen Bahn Stiftung (5.283 befragte Personen) | Bild: Deutschland Barometer Depression: Simple Line / stock.adobe.com

Hilfsangebote: Die Arbeitgebenden sind gefragt

Für Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Depressionshilfe, sind beim Thema "Depressionen und Job" die Arbeitgebenden gefragt: Ein offener Umgang mit der Erkrankung, Anlaufstellen im Betrieb, Schulungen für Personalverantwortliche und Informationen für alle Mitarbeitenden könnten dazu beitragen, dass Betroffene rasch professionelle Hilfe bekämen.

Fehleinschätzung: Die Rolle der Arbeit

Die Rolle der Arbeit bei der Entstehung einer depressiven Erkrankung wird bei den Befragten überschätzt. Häufig werde Überforderung "als Ursache und nicht als Folge der Depression angesehen", so Hegerl.

Grafik: Ursachen von Depressionen

Illustration und Fakten zu Depression in Unternehmen: Deutschland Barometer Depression: Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, gefördert von der deutschen Bahn Stiftung (5.283 befragte Personen) | Bild: Deutschland Barometer Depression: Simple Line / stock.adobe.com

Ursachen: Wie kann es zu einer Depression kommen?

Experten haben verschiedene Theorien, wie eine Depression entstehen kann. Man vermutet, dass mehrere Faktoren zusammen eine Depression auslösen können. Zu den Faktoren zählen laut der Stiftung Gesundheitswesen:

  • erbliche (genetische) Veranlagungen
  • ein Mangel oder ein Ungleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn
  • hormonelle Einflüsse 
  • psychische Faktoren, z. B. anhaltender Stress, Einsamkeit oder Überforderung
  • belastende (traumatische) Erlebnisse, z. B. häusliche Gewalt oder Missbrauch
  • Persönlichkeitsfaktoren, z. B. mangelndes Selbstvertrauen 

Corona-Pandemie: Zahl der Depressionen stark gestiegen

Die Fälle von Depressionen und Panikattacken sind im ersten Jahr der Corona-Pandemie weltweit um mehr als ein Viertel angestiegen. Eine in der medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" veröffentlichte Studie vom August 2021 schätzt, dass im Jahr 2020 weltweit 52 Millionen Menschen mehr an einer schweren depressiven Störung litten als es ohne Pandemie der Fall gewesen wäre. Wäre die Pandemie nicht aufgetreten, hätten die Forscher weltweit mit 193 Millionen Fällen von Depression gerechnet. Tatsächlich wurden im vergangenes Jahr 246 Millionen Fälle beobachtet. 

Corona-Pandemie: Psyche von Kindern ist besonders betroffen

Als besondere Verlierer der Pandemie gelten vor allem Kinder und Jugendliche. Ihre Lebensqualität und psychische Gesundheit hat sich in Deutschland im Verlauf der Corona-Pandemie verschlechtert. Dabei sind die Auswirkungen von Schulschließungen in der Corona-Pandemie auf die psychische Gesundheit von Jugendlichen in Deutschland einer neuen Studie zufolge gravierender als bisher angenommen. So würden unter den 16- bis 19-Jährigen fast 500.000 Jugendliche mehr depressive Symptome zeigen als vor der Pandemie, meint Martin Bujard vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). Das sei eine "erhebliche Größenordnung", auch wenn es sich um Selbsteinschätzungen handele und nicht alle Betroffenen auch "krank geworden" seien.

Erfahrungsberichte: Junge Menschen erzählen von ihren seelischen Nöten

Therapie: Depressionen lassen sich behandeln

Mit Depressionen muss man sich nicht abfinden. Die Krankheit hat gute Heilungschancen. Eine gezielte und individuelle Behandlung hilft den Betroffenen in sehr vielen Fällen. Wichtig zu wissen: Depressionen verschwinden nicht von alleine. Suchen Sie Hilfe und beginnen Sie schnellstmöglich mit einer Behandlung. Gegen Depressionen gibt es zwar kein Allheilmittel, doch kann man sie mit einer Therapie und/oder Medikamenten in den meisten Fällen gut in den Griff bekommen. Das Mittel der Wahl sind in der Regel Antidepressiva. Sie verändern - entgegen der landläufigen Meinung - weder die Persönlichkeit, noch machen sie abhängig. Oft müssen Betroffenen allerdings verschiedene Antidepressiva ausprobieren, bevor ggf. eine lindernde Wirkung eintritt. Aber auch psychoaktive Substanzen werden inzwischen zur Therapie eingesetzt.

Studienlage: Antidepressiva - wirksam oder nicht?

Zu der Frage, ob, inwieweit und in welchen Fällen Antidepressiva helfen, gibt es zahlreiche Studien und Metastudien. Eine klare Antwort gibt es darauf allerdings nicht, wie Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim in ihrem Video "Antidepressiva - ja oder nein?" erklärt.

Zitat: "Antidepressiva sind keine Wundermittel"

"Wenn das so wäre, hätten wir eine klarere Datenlage. Das heißt aber gleichzeitig, dass man nicht grundsätzlich vor Antidepressiva Angst haben muss oder das man sie definitiv als wirkungslos abstempeln kann. Letztendlich muss man alles auch im Kontext der Schwere der Krankheit sehen." Mai Thi Nguyen-Kim

Angebote: Hilfe für Menschen mit Depressionen

  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe - Das bundesweite Info-Telefon Depression soll Betroffenen und Angehörigen den Weg zu Anlaufstellen im Versorgungssystem weisen: 0800 - 334 45 33 (Mo, Di, Do: 13 - 17 Uhr - Mi, Fr: 8.30 - 12.30 Uhr). Infos, wo Sie Hilfe finden, ist hier zusammengefasst.
  • Telefon-Seelsorge in Deutschland: 0800 - 111 01 11 / 0800 - 111 02 22 (täglich rund um die Uhr). Weitere Infos finden Sie hier: telefonseelsorge.de
  • Krisendienste Bayern: 0800 - 655 30 00 (kostenfrei, rund um die Uhr). Infos unter: krisendienste.bayern
  • ApK - Aktionsgemeinschaft der Angehörigen psychisch Kranker e.V.: 089 - 502 46 73 (Mo, Mi, Do: 8.30 - 12.30 Uhr | Di: 12.00 - 18.00 Uhr | Fr: 10.00 - 12.00 Uhr). mehr Infos unter: apk-muenchen.de
  • Deutsche Depressionsliga: Eine umfassende Sammlung von Hilfsangeboten und Adressen gibt es auf der Seite der Deutschen Depressionsliga. Zudem bietet sie eine Mailberatung an.

Frage Neugierig geworden? Sollten wir zu diesem Thema öfter berichten?