Biodiversität Fünf Gründe für das Artensterben - und was ihr dagegen tun könnt

Stand: 18.05.2022

Meerestieren, Vögeln und Insekten droht das Massensterben. Aber warum genau sterben immer mehr Tier- und Pflanzenarten aus? Was bedeutet das für die Umwelt? Es wird bereits einiges unternommen, um das Artensterben aufzuhalten. Ihr könnt auch etwas tun.

Der Weltbiodiversitätsrat hat fünf Triebkräfte beschrieben, die für das Artensterben verantwortlich sind. | Bild: colourbox.com

Artensterben: Diese fünf Triebkräfte stecken dahinter

Stirbt eine Art aus, kann ein gesamtes Ökosystem ins Wanken kommen - mit fatalen Folgen. Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) der Vereinten Nationen schätzt die Lage dramatisch ein: Weltweit könnte in naher Zukunft eine Million Arten aussterben. Die Experten nennen fünf "direkte Triebkräfte", die das Artensterben weltweit verursachen und sich wechselseitig verstärken - auch bei uns in Deutschland. Der Haupttreiber ist, wie wir Land und Ozean seit Jahrzehnten nutzen. Weitere Ursachen sind die Ausbeutung der Natur, der Klimawandel, Umweltverschmutzung und invasive Arten.

Die gute Nachricht ist: Wir können das Artensterben eindämmen. Die Wissenschaftler haben Empfehlungen ausgesprochen, was wir als Gesellschaft ändern müssen, um das Aussterben ganzer Tier- und Pflanzenarten aufzuhalten. Aber auch in eurem Alltag könnt ihr euch für Biodiversität und Artenschutz einsetzen.

Gefährdete Arten: in Deutschland und weltweit

Artensterben in Deutschland:

Arten werden auf "Roten Listen" kategorisiert, die Auskunft darüber geben, welche Arten besonders gefährdet sind.

Rote Liste 2021: 33 Prozent der Wirbeltiere, 34 Prozent der wirbellosen Tiere, 31 Prozent der Pflanzen, 20 Prozent der Pilze sind bestandsgefährdet, darunter: der Feldhamster, Gartenschläfer und der Iltis.

Rote Liste der Säugetiere 2020: 41 Prozent sind bestandsgefährdet oder ausgestorben, 9,0 Prozent extrem selten, 10,0 Prozent auf der Vorwarnliste, 33 Prozent ungefährdet.

● Laut einer Langzeitstudie von 2017: Um bis zu 82 Prozent hat die Biomasse an Insekten innerhalb von 27 Jahren abgenommen.

● Laut Bundesamt für Naturschutz: Im März 2022 waren 26,2 Prozent der Insekten in ihrem Bestand gefährdet, darunter: Wildbienen und einige Käfergruppen.

Artensterben weltweit:

Nach Schätzungen des Weltbiodiversitätsrates (IPBES):

● Etwa eine Million Arten ist kurz vorm Aussterben.

● Etwa 25 Prozent der Tier- und Pflanzenarten sind gefährdet:

- 40 Prozent der Amphibien

- ein Drittel der Korallen

- 10 Prozent der Insekten

Das Artensterben geht bis zu einhundertmal schneller voran als in den letzten zehn Millionen Jahren.

In den vergangenen 40 Jahren starben in Europa über 600 Millionen Singvögel aus.

1. Unser Umgang mit Land und Wasser: Wir nutzen die Natur zu intensiv

Wenn wir unsere Flächen zu intensiv nutzen und dauerhaft nur eine Sorte von Nutzpflanzen anbauen, trocknet der Boden immer stärker aus. Das verstärkt das Artensterben und senkt die Biodiversität. | Bild: colourbox.com

Wenn wir unsere Flächen zu intensiv nutzen, trocknet der Boden immer stärker aus, die Biodiversität sinkt und Pflanzen und Tiere sterben.

Stärkerer Fischfang im Meer und mehr als ein Drittel aller Flächen weltweit für Felder und Viehzucht: Die Menschheit nutzt die Erde seit Langem zu exzessiv - die Hauptursache für das Artensterben, sagen die Experten des Weltbiodiversitätsrates (IPBES). Die Zahlen sind alarmierend: 85 Prozent der Feuchtgebiete sind bereits verlorengegangen, 75 Prozent der Landfläche und 66 Prozent der Meere hat der Mensch bereits verändert. In Deutschland nutzen wir etwa die Hälfte der Fläche für die Landwirtschaft. Bei nur rund 10 Prozent davon handelt es sich laut Bundesumweltamt um biologische Landwirtschaft. Um kurzzeitig höhere Erträge zu erzielen, werden stattdessen häufig nur Monokulturen - also nur eine Sorte von Nutzpflanzen wie beispielsweise Mais oder Weizen - über Jahre hinweg auf einem Feld angebaut. Darunter leiden Schmetterlinge, Wildbienen, Käfer und Co.: Besonders Insekten, die Blüten bestäuben, brauchen verschiedene Pflanzen und Blüten, um zu überleben. Dadurch werden auch Vögel bedroht, die sich von Insekten ernähren.

Auch unter der Erde sind Veränderungen spürbar: Regenwürmer lockern normalerweise die Erde auf. Der Einsatz von zu viel Pestiziden, Herbiziden und Gülle schadet ihnen: Mehrere Regenwurmarten stehen bereits auf der Roten Liste in Deutschland und sind gefährdet oder sehr selten. Ohne Regenwürmer steigt auch das Risiko für Überschwemmungen, da der Boden nicht mehr so gut Wasser aufnimmt. Auch mehr als 50 Prozent der Moore in Deutschland werden für die Landwirtschaft genutzt. Die wichtigen Kohlenstoffspeicher trocknen dadurch aus und können die Veränderungen des Klimas weniger regulieren. Der Weltbiodiversitätsrat fordert deshalb geschützte Gebiete für Insekten und einen Ausbau der biologischen Landwirtschaft.

Regenwürmer: Deshalb sind sie für die Biodiversität wichtig

Landwirtschaft: Strategien für mehr Artenvielfalt

Die Experten des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) fordern:

● Felder mit Rückzugsgebieten für Insekten.

● Fruchtwechsel und Kulturpflanzenvielfalt etablieren, die ökologische Landwirtschaft ausbauen und Massentierhaltung reduzieren.

● Artenreiche Lebensräume wie Heuwiesen erhalten und schaffen.

Das plant die EU mit dem "Green Deal":

● Mit dem "Green Deal" der EU sollen über die Hälfte der Emissionen bis 2030 reduzieren werden. Im Mai 2020 stellte die EU-Kommission als Teil des "Green Deals" auch die EU-Biodiversitätsstrategie bis zum Jahr 2030 vor.

● 50 Prozent der Pestizide sollen reduziert werden und jeweils 30 Prozent des Wassers und Landes sollen zu Schutzgebieten werden. Drei Milliarden Bäume sollen gepflanzt werden.

Bis 2030 soll die biologische Landwirtschaft einen Anteil von 25 Prozent ausmachen (bisher 8,5 Prozent).

2. Ressourcenabbau: Wir beuten die Natur aus

Werden Holz, Kohle und andere Ressourcen abgebaut, sterben Wälder und Pflanzen. Auch Vögel verlieren ihren Lebensraum. Die Biodiversität schwindet und das Artensterben steigt an. | Bild: picture-alliance/dpa

Wir erbeuten nicht nur Rohstoffe, sondern auch den Lebensraum vieler Tiere - zum Beispiel von Vögeln.

In Deutschland war der Earth Overshoot Day für das Jahr 2022 bereits am 4. Mai erreicht. Die Menschheit nutzt seit Jahrzehnten mehr Ressourcen der Erde als sie sollte - darunter Kohle, Erdöl, Lithium - aber auch Holz aus den Wäldern. Das zeigt sich auch am Holzabbau in Deutschland, der 2021 nochmals einen Rekordwert erreichte.

Dem Statistischem Bundesamt zufolge hat sich seit 2015 der Export von Rohholz um mehr als 238 Prozent erhöht und damit verdreifacht. Deutschland plant zwar den Kohleausstieg, laut einer Statistik war Kohle 2021 jedoch immer noch der wichtigste Energieträger zur Stromerzeugung. Bauen wir Ressourcen ab, hat das Folgen für Tiere und Pflanzen: Wir zerstören Lebensräume von Vögeln und anderer Tiere. Gehen wir sparsamer mit den Ressourcen der Erde um, kommt das also auch dem Artenschutz entgegen.

3. Klimawandel: Tiere und Pflanzen verlieren ihren Lebensraum

Der Klimawandel bedroht den Lebensraum von vielen Lebewesen und verstärkt das Artensterben. Das bedroht auch die Biodiversitat. Auch Pinguine in der Antarktis sind von der Erderwärmung betroffen. | Bild: dpa-Bildfunk

Pinguine in der Antarktis: Die globale Erwärmung lässt nicht nur das Eis, sondern damit auch ihre Heimat schwinden.

Ein weiterer Treiber des Artensterbens ist der Klimawandel. Mit dem Pariser Klimaabkommen 2015 hatte sich die Weltgemeinschaft darauf geeinigt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Laut den IPCC-Berichten von August 2021 und Februar 2022 sowie April 2022 werden wir dieses Ziel wohl verfehlen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Selbst wenn die globale Erwärmung auf zwei Grad beschränkt bleibt, wird der mögliche Lebensraum vieler Tiere dramatisch schrumpfen, so die Prognose des Weltbiodiversitätsrates. Der Anteil der Arten, die durch den Klimawandel aussterben, betrage dann weltweit fünf Prozent. Wird es mehr als vier Grad wärmer, sterben sogar mehr als 16 Prozent aller Arten alleine durch den Klimawandel komplett aus. Viele Tiere und Pflanzen können sich nämlich nicht so schnell an die Veränderungen des Klimas anpassen. Insekten wie der "Große Eisvogel" sind deshalb in Deutschland seltener geworden. Dabei kann die Natur die Folgen des Klimawandels wie Extremwetterereignisse abmindern. Um das Artensterben aufzuhalten, müsste die Erwärmung deutlich unter zwei Grad begrenzt werden.

4. Umweltverschmutzung: Tiere sterben an unserem Müll

Die Vermüllung der Ozeane ist ein Grund für das Artensterben. Viele Tiere wie Meeresschildkröten, Fische und Seevögel schlucken Plastikteile und Mikroplastik und verenden qualvoll daran.  | Bild: picture-alliance/dpa

Müll im Ozean: Meeresschildkröten, Fische und Seevögel schlucken Plastik und verenden qualvoll.

Die Ozeane sind durch Plastik und Industrieabfälle wie Schwermetalle und Lösungsmittel immer stärker verschmutzt. Einer Studie des Alfred-Wegener-Institutes (AWI) und des WWF von Januar 2022 zufolge befindet sich Plastik im Magen jedes dritten Meeresvogels. Bis 2040 wird sich den Experten zufolge die Produktion von Kunststoff sogar noch verdoppeln. Der Müll im Meer könnte sich bis dahin verdreifachen. Bereits jetzt kann unser Müll an einigen Stellen im Ozean schon bald einen kritischen Kipppunkt erreichen, so die Forschenden. Mikroplastik dringt bereits heute durch Tiere in unsere Nahrungskette ein - die Folgen für unsere Gesundheit sind dabei noch kaum erforscht. Um die Umwelt zu schützen, müssen wir unseren Plastikverbrauch deutlich reduzieren und andere Formen des Müllmanagements wie Recycling noch stärker etablieren. Die Vereinten Nationen wollen durch internationale Abkommen dem Plastikmüll im Meer künftig Einhalt gebieten und damit Meerestiere schützen.

5. Invasive Arten: Heimische Tiere und Pflanzen werden verdrängt

Breiten sich invasive Arten aus, gefährdet das die Biodiversität und befördert das Artensterben. So werden heimische Tiere und Pflanzen in Deutschland und weltweit verdrängt.  | Bild: picture-alliance/dpa

Neu einwandernde Arten könnten heimische Tiere und Pflanzen verdrängen.

Tiere und Pflanzen, die auf Wanderschaft sind und in anderen Gebieten der Welt heimisch werden, wird es künftig wohl häufiger geben - auch davon gehen die Forschenden des Weltbiodiversitätsrates aus. Das hat Folgen: Invasive Arten können andere Arten oder Artgenossen komplett ausrotten. Auch in der Pflanzenwelt gibt es invasive Arten: Das Ackerfuchsschwanzgras setzt sich durch Monokulturen in der Landwirtschaft mittlerweile auch in Deutschland durch. Die als Unkraut geltende Pflanze ist teilweise gegen Herbizide resistent und kann Ernteeinbußen verursachen. Die Treiber des Artensterbens verstärken sich aber auch gegenseitig: Wird es wärmer, breiten sich auch Stechmücken besser aus. Das erhöht auch das Risiko für Pandemien. Es gibt Versuche, invasive Arten auszurotten oder mittels Gentechnik ihre Verbreitung zu begrenzen. Um die Entwicklung aufzuhalten, empfehlen Experten jedoch auch die Ursachen zu bekämpfen, indem wir die Klimaerwärmung begrenzen und für eine Vielfalt an Tieren und Pflanzen sorgen.

SO GEHT'S: Das könnt ihr im Alltag für mehr Biodiversität tun

1. Überdenkt eure Ernährungsweise: Um die Biodiversität zu fördern, könnt ihr euren Konsum von Fleisch und tierischen Produkten reduzieren. Wie sich eure Ernährung und der daraus resultierende Flächenbedarf für Felder und Viehzucht auf die Biodiversität auswirken, wurde in einer im Mai 2022 erschienenen Studie des WWF untersucht. Daraus wurde der "Fußabdruck Biodiversität" berechnet. Dieser sinkt, je weniger ihr euch von tierischen Produkten ernährt. In Deutschland reduzierte sich demnach der "Fußabdruck Biodiversität" bei einer flexitarischen Ernährungsweise um 25 Prozent. Bei einer vegetarischen Ernährung sank er um 59 Prozent und bei einer veganen Ernährungsweise sogar um 63 Prozent. In Brasilien ließe sich durch unsere Ernährung in Deutschland der "Fußabdruck Biodiversität" sogar um bis zu 92 Prozent reduzieren. Der Grund dafür ist, dass die Tiere in Deutschland häufig mit exportiertem Soja aus Monokulturfeldern gefüttert werden, für die auch Regenwaldflächen genutzt werden. Die Tierhaltung verursacht außerdem Treibhausgase. Esst ihr weniger Fleisch, kommt das auch dem Tierwohl zugute. Probiert auch häufiger mal regionale und saisonale Gemüsesorten und/oder aus biologischem Anbau.

2. Reduziert Lebensmittel mit hohem Wasserverbrauch: Sauberes Wasser wird als Ressource immer knapper. Spart virtuelles Wasser, indem ihr häufiger auf Lebensmittel verzichtet, die bei ihrem Anbau viel Wasser benötigen. Dazu zählen Avocados oder Mandeln. Durch den hohen Wasserverbrauch trocknet der Boden häufig aus. In einigen Ländern wird zur Bewässerung der Felder tiefes Grundwasser genutzt, was dem Boden zusätzlich schadet. Indem ihr euren virtuellen Wasserverbrauch reduziert, tragt ihr also auch zum Artenschutz bei.

3. Achtet auf euren Energieverbrauch: Wenn ihr auf euren Energie- und Wasserverbrauch achtet, könnt ihr nicht nur Geld, sondern auch Ressourcen sparen: Schaltet und steckt Elektronikgeräte aus, wenn ihr sie nicht nutzt. Macht die Dusche aus, wenn ihr euch gerade einseift oder eure Haare shamponiert. Indem ihr richtig lüftet und heizt, könnt ihr auch euren Verbrauch senken. Erneuerbare Energien bieten zudem eine Alternative zu fossilen Brennstoffen. Ressourcen lassen sich auch einsparen, indem ihr euren Konsum von Alltagsprodukten wie Kleidung überdenkt. Der Grund: Bei der Herstellung vieler Produkte werden Chemikalien genutzt und Strom aus fossilen Brennstoffen verbraucht. Achtet daher auf Kleidung aus einer nachhaltigen Produktion.

4. Reduziert euren Müll und Plastikverbrauch: Plastikmüll lässt sich auch im Alltag reduzieren. Zum Beispiel, indem ihr Obst und Gemüse ohne Verpackung kauft und Stofftaschen für den Einkauf verwendet. Diese könnt ihr waschen und wiederverwenden. Lebensmittel könnt ihr in Unverpackt-Stationen auch ohne Plastikverpackungen kaufen. Wenn ihr Trinkflaschen und Essens-Boxen dabeihabt, könnt ihr auf Plastikflaschen und "To-Go"-Produkte verzichten. Um Plastikflaschen einzusparen, trinkt öfter mal Leitungswasser. Achtet außerdem auf das richtige Recyceln von Müll.

5. Nutzt häufiger klimafreundliche Verkehrsmittel: Fernreisen verursachen Treibhausgase, die Einfluss auf das Artensterben haben. In der Pandemie zeigte sich erneut, dass Deutschland auch viele schöne Urlaubsorte zu bieten hat. Mit dem Zug sind auch viele Reiseziele in den europäischen Nachbarländern zu erreichen. In eurem Alltag könnt ihr CO2-Emissionen einsparen, indem ihr häufiger euer Fahrrad, die Bahn oder die U-Bahn nutzt.

Reinhören: Podcast-Reihe "Das Tier und Wir" bei SWR2 Wissen

Illustration zur Podcast-Reihe "Das Tier und Wir", SWR2 Wissen: Spezial | Bild: SWR / Britta Wagner

Ohne Tiere geht es nicht: Wir zähmen, züchten, bewundern sie oder ekeln uns vor ihnen, haben sie zum Fressen gern oder schätzen sie als Familienmitglied. Ein 10-teiliger Schwerpunkt von SWR2 Wissen Spezial beleuchtet verschiedene Aspekte dieser komplexen Beziehung. Ob Tierwohl, Jagd oder Artenschutz: Vom 21. Mai 2022 bis 23. Juli 2022 wird es tierisch!